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EWIGKEIT.

DIE EWIGKEIT
es ist die zeit die uns vergessen lässt…gedächtniszellen tötet.
erinnerung ist abhängig von der sicht des betrachters im raum,
ein traum,
ein surreales gemälde, ein „ich glaub es kaum…“

was also bleibt in ort und zeit?
für immer die sekunde
in denen sich deine lunge mit luft füllt und schreit?
der moment der verzweiflung überlebt die entleibung?

der moment eines lächelns in deinem gesicht
das fletschen deiner zähne wenn dein kopf mit einer tonnenschweren wand aus stahlbeton kollidiert und sie sprengt, durchdringt?

der moment des anspannens deiner muskeln,
der moment der größe, wenn du mehr kraft und energie entwickelst als es deinem körper eigentlich physikalisch möglich ist?

die worte die töne der tanz das bewegen
das leben ist unendlich denn meßbare zeit bleibt stehen und sie erzählen

dennoch daß es möglich sei, alles zu berechnen,
liebe haß und jedes weinen und lächeln
unsere existenz ein witz,ein bedeutungsloses erbrechen?

sie wollen uns die größe absprechen,
sie behaupten es wäre ein klacks, lediglich standart,
all die kämpfe die wir führen,
all das ringen mit uns selbst,
all der unglaubliche schmerz der uns verzweifelt schreien und weinen lässt…
all die unglaubliche freude, die uns lachen und lieben lässt mit einem universum in unseren herzen und mit einer unermeßlichen bedingungslosigkeit und hingabe…

all die energie, die uns welten bewegen lässt, die aus uns helle lichter in einer welt aus dunkelheit und schmerz macht?
alles nur standart?
alles nur pure chemie?
alles reproduzierbar wie man will?

ALLES BEDEUTUNGSLOS?

ich denke nicht.
und die leute welche dies behaupten werden merken wie sie irren.

am ende eines lebens,
so kurz es auch gewesen sei,
so qualvoll der kampf gewesen sei,

sollten wir und bewusst sein,
daß jeder von uns etwas großes geleistet hat.

und was auch immer kommen mag, im linearen zeitgeschehen.
was auch immer uns nach dieser schwelle erwartet –
eigentlich können wir nicht sterben.
zeit kann stehenbleiben.

und dies bleibt zwischen den zeilen:

habt keine angst.

denn was auch immer passiert….nichts kann uns letztendlich brechen so sehr wir auch leiden:

denn wir haben die ewigkeit auf unserer seite.

Die Scheiß Bäume!

„Ich kriege dich, du Scheißding!“
Die kleine Motte flattert aufgeregt in der Küche rum.
„Fang mich doch! Fang mich! Kriegst mich eh nicht!“

Ich klatsche dreimal in die Hände, beim dritten Mal erwische ich sie.
„Schachmatt, du MOTTE!“

Ich öffne die Hände in Erwartung des Anblicks eines zermatschten Mottenleichnams.
Da flattert sie wieder los. Sie hat den Angriff überlebt! Ich versuche nachzulegen, verfehle sie jedoch.

Ich will nicht wissen, was die Nachbarn von mir denken. Es ist dunkel, meine Küche hell erleuchtet. Und ich habe die Vorhänge nicht zugezogen. Die „Vorhänge“, klar. Ich meine: Ich habe das uralte versiffte Betttuch, das normalerweise an zwei in die Wand geschlagenen Nägeln vor dem Fenster hängt, nicht wieder aufgehängt, nachdem ich es abgemacht hatte, als ich Licht zum Onanieren brauchte. Nein, ich meine natürlich: Licht zum Kochen. Klar, zum „Kochen“. Sagen wir: Licht um die Müslipackung im vollgestellten Regal zu finden.

Und jetzt sieht man mich wahrscheinlich von jeder Wohnung auf der gegenüberliegenden Seite der Höhenstrasse aus in meiner „Küche“ (dem Raum, wo die Waschmaschine steht und der Kühlschrank und die beiden Kochplatten auf den gestapelten Winterreifen) rumhampeln in meiner Zuhause-Trainingshose, die auch noch rutscht, weil sie mir am Arsch ein wenig zu klein ist.

Und jetzt ist die Motte weg! Verdammt!

Ich stoße mit der Schulter ans Küchenregal. Das Küchenregal ist das billigste Kellerregal, das ich im Baumarkt bekommen habe. Ich hatte nach dem Einzug, als ich es aufgebaut hatte, gerade keinen Schraubenschlüssel zur Hand, also habe ich die Muttern mit den Hand festgedreht, sie sind alle locker. Das macht das Küchenregal zu einer etwas wackligen Angelegenheit. Damit es nicht irgendwann umfällt, habe ich Nägel in die Wand geschlagen und Drähte darum gewickelt, die in den Streben des Regals verankert sind. Durch meinen Stoß wackelt es sehr stark und die drei Motten, die in den diversen Haferflockenpackungen geschlafen haben, werden wach und flattern um meinen Kopf rum.

„Fang uns doch! Fang uns doch! Kriegst uns eh nicht!“

Und ich hüpfe klatschend und kochend vor Wut in meiner Küche umher, in meiner Bauarbeiterdekollete-Trainingshose.

„Sterbt! Sterbt! Sterbt!“

Ich kriege eine einzige. Die anderen sind plötzlich verschwunden. Wieder in Deckung gegangen.

Wo also sollte ich Rat suchen? Klar, das Internet weiß alles! Ich setze mich an den Rechner und google nach Strategien aus vergangenen Kriegen. Nach Möglichkeiten, einen verschanzten Feind aus der Reserve zu locken und kleinzukriegen.

Da stoße ich auf einen Eintrag über den zweiten Weltkrieg. Über die Schlacht von Stalingrad. Und dann weiß ich es!

Ich hungere die Motten-Wehrmacht aus! Sie werden im Eis einbrechen! Die rote Armee wird siegen! Alle Lebensmittel kommen in Tüten und in den Kühlschrank. Die Haferflocken kommen ins Tiefkühlfach.

Zwei Wochen später sind alle Motten tot. SCHACHMATT!

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Halb neun Uhr morgens. Ich geh zum Türken um die Ecke, Gemüse kaufen. Halt! Zum Kurden, um genau zu sein. Ich glaube, denen ist das wichtig.

Der Laden wird geführt von einem sehr freundlichen Typen um die vierzig, der akzentfreies Deutsch spricht, manchmal kassiert auch seine sehr hübsche Frau. Ich bin neidisch.

Manchmal sind beide aber morgens nicht im Laden, nur ihr Angestellter, ein eher kleiner Typ mit Vollbart und einem etwas schielenden Blick.

Ich komme rein, den Bass auf dem Rücken.

„Ah! Boskop. Die Besten Äpfel! Ey, machst du Musik?“
„Jap.“
„Was für Musik machst du?“
„Äh…so Heavy Metal.“
(„Sludgecore mit starkem Punkeinschlag und Death-Growls“ „Häh was?!“ „Wie Heavy Metal. Man versteh kein Wort.“)
„Ah! Ich mag die Heavy Metal-Leute! Die Heavy Metal-Leute sind gegen die Regierung!“
„Äh…ja, schon so.“
„Ich sag dir was, ich hasse die alle! Ganz egal wen. Die scheiß Merkel, den scheiß Erdogan, den scheiß Obama!“
„Öh….ja.“ (Alter es ist halb neun Uhr morgens, ein bißchen früh für Revolutionspläne…)
„Das sind alles Arschlöcher!“
„Äh…ja, stimmt.“
„Ich sag dir was, eines Tages…“ er ballt die Faust, „eines Tages wird der Sozialismus kommen und diese ganzen Wichser werden umgebracht!“
„Kann ich ne Tüte haben?“

Ein andere Morgen. Gleiche Uhrzeit. Ich stehe vor dem Laden und packe Äpfel in die Tüte. Der gleiche Kerl steht neben mir, sortiert Birnen ein und grummelt irgendwas in seinen Bart.

„Mh? Haben Sie mit mir gesprochen?“
„Ich hab gesagt: Die scheiß Bäume!“
„Äh was?“
„Die scheiß Bäume Mann!“
„Was ist mit den Bäumen?“
„Pass auf…da wo ich herkomme, da gibts keine Bäume.“
„Wo kommst du her?“
„Kurdistan! Keine Bäume!“
„Ja und?“
„Hier gibts total viele Bäume!“
„Achso“
„Als ich Kurdistan gelebt habe, habe ich nie einen Arzt gesehen! Und hier bin ich ständig krank! Allergie und dieser ganze Scheiße, Alter!“
„Ja?“
„Ja, und das liegt alles an diesen scheiß Bäumen! Die pflanzen die auch noch ständig!“

bäume

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Morgens ist der Serotoninspiegel im Atomschutzbunkerkeller. Der Griff nach der Citaloprampackung ist Routine. Sechzig Milligramm FTW. Und so kommen wir gerade so durch den Tag. Die postindustrielle Gesellschaft erzeugt psychische Krankheiten, aber immerhin liefert sie auch das Gegengift in Tablettenform.

Das Problem mit der Depression ist, daß sie unabhängig von den äußeren Umständen auftritt. Die äußeren Umstände in der Vergangenheit waren vielleicht maßgeblich an der Entstehung beteiligt. Doch die jetzigen Umstände sind ganz gut. Eine feste Arbeitsstelle, Existenz gesichert, Wohnung, Freunde, Dach über dem Kopf, genug zu essen…. Und trotzdem sitze ich morgens in der U-Bahn und bin nahe dran den Verstand zu verlieren und möchte auf der Stelle losflennen.

citalopram

Ohne die abmildernde Wirkung des Citaloprams beginne ich zu hassen. Mich selbst und alle um mich herum. Ich verspüre den Drang, grundlegende Dinge zu ändern und schieße dabei übers Ziel hinaus. Ich kündige Arbeitsstellen, steige aus Bands aus, höre auf zu essen um endlich weniger als 80Kg zu wiegen. Und es endet immer mit einer mittelschweren Krise.

Es ist dieses plötzliche Gefühl der Minderwertigkeit, das über mich kommt. Die Gewissheit, daß mich niemand vermissen würde, wenn ich morgen tot wäre. Das Gefühl, vollkommen wertlos zu sein, weil mein Name eben nicht in den Geschichtsbüchern stehen wird. Und weil die Frauen nicht Schlange stehen.

Überhaupt, die Frauen. Ich bin ein perverser Idiot. Und dazu kein Alphamännchen. Ein depressiver Jammerlappen. Liebe Frauen, ich verstehe das. Ich hätte auch keinen Bock auf Typen wie mich.

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Durch die getönten Fenster des ICEs wirken die Wälder und Wiesen um Frankfurt herum, als würden sie geradezu leuchten. Ein tiefes, saftiges Dunkelgrün, gemischt mit einigen Gelbtönen auf den Feldern. Das wird wahrscheinlich von der tiefstehenden Sonne verursacht, die gerade untergeht und ihr warmes Abendlicht auf die Erde wirft.

Ich kann es mir gerade so leisten, ab und zu ICE zu fahren, wenn es wirklich wichtig ist. Gespräch mit Sarah letztens:
„Ich frage mich sowieso, wofür du vollzeit arbeitest.“

Ich habe eine volle Stelle, damit ich mal eben für eine Nacht mit dem ICE nach der Arbeit nach Augsburg fahren kann. Die Alternative wäre der Nahverkehr (dauert deutlich länger) oder die Mitfahrzentrale. Für Beides habe ich weder Zeit noch Nerven. Hätte ich vielleicht, wenn ich keinen Vollzeitjob hätte. Aber den habe ich, um ICE fahren zu können. ICE fahre ich, weil ich einen Vollzeitjob habe. Einen Vollzeitjob habe ich, um ICE….

Ich denke mal, mit sehr wenig Geld auszukommen, ist ein ebenso anstrengender Job wie zur Arbeit zu gehen. Da mach ich lieber letzteres, da ist alles halbwegs geregelt und die gesellschaftliche Anerkennung als vollwertiges Mitglied derselben nehme ich auch noch mit.

Und hey, wir reden hier nicht von superhohen Summen, ich bin Heilerziehungspfleger. Dafür darf ich mir den Bart wachsen lassen.

Abgesehen davon…wenn ich wie heute die Familie besuche, drückt mir früher oder später irgendein Mitglied der vor mir geborenen Generation Kohle für die Zugfahrt in die Hand. Beamtenfamilie. Mittelstand. Ich nehme es. Immerhin bin ich nicht mehr darauf angewiesen. Daß dieser materielle Wohlstand alles andere als selbstverständlich ist, sollte man nicht vergessen. Daß er viele Probleme nicht lösen kann, auch nicht.

ice

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Jamal trinkt alles, was so rumsteht. Es gibt Tage, da ist er entspannter, was das angeht, und Tage, da greift er nach jeder Flüssigkeit. Auch Farbe und WC-Reiniger.

Weil ich grade nicht auf ihn aufpassen kann, setze ich ihn vor der Holzwerkstatt auf eine Matte im Garten. Jamal kann alleine aufstehen, wenn irgendwas in der Nähe ist, woran er sich hochziehen kann (Stühle, Kommoden usw…), aber oft bleibt er dann auch ganz gechillt sitzen.

Das ist nicht eben nett, aber auch der durchschnittliche Behindertenwohnheimhaushalt ist nicht gemacht für einen Menschen, der nichts mehr hört, weil er sich durch Autoaggressionen beidseitig das Gehör weggeprügelt hat und der nach jedem länglichen und/oder schweren Gegenstand (Steine, Bücher, Werkzeuge, Rasseln, Kerzen….) greift, um sich damit in aller Ruhe die Fresse zu polieren. Und der schon Gegenstand zahlreicher Konsultationen des Giftnotrufs war.

Bevor Jamal in eine Einrichtung für ganz krasse Fälle kommt, wo alles immer abgeschlossen ist, und ihn andere total durchgeknallte Klienten verkloppen, setze ich ihn doch lieber ab und zu auf den Boden, wenn ich mich fünf Minuten und jemand anders kümmere.

Diesmal habe ich einfach nicht gemerkt, daß ich Jamal neben zwei Einmachgläser gesetzt habe, die vor der Werkstatt stehen. Da sind Lappen drin, die lackgetränkt sind, und die nicht einfach so im Haus gelagert werden sollen, da sie sich bei hohen Temperaturen entzünden können (wenn Luft drankommt – deshalb die Einmachgläser). In einer der beiden Gläser ist auch Wasser drin. Also mittlerweile eine Wasser-Lack-Klebstoff-Brühe, die nur sehr sehr bedingt genießbar ist.

Als ich wiederkomme, sehe ich, daß Jamal auf seiner Matte sitzt und sich beide Gläser gegriffen hat. Und das eine sogar aufbekommen hat. Dieses kalte Gefühl, wenn man merkt, daß man grade richtig Scheiße gebaut hat. Bis ich merke, daß Jamal DAS der beiden Gläser aufgemacht hat, in dem keine Flüssigkeit war, Und daß er dann das Interesse verloren und die Lappen nicht mal rausgeholt hat. Und dann auch kein Interesse mehr am anderen Glas gehabt hat. Mehr Glück als Verstand, der Herr Giesemann. Und Jamal auch.

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Auf meinem MP3-Player befindet sich derzeit das zweite Album von Manowar. „Into Glory Ride“ – DER RITT IN DEN RUHM! Oder so. Manowar gelten ja nun nicht als die unlächerlichsten Vertreter des Heavy-Metal-Genres, aber dieses Album von 1984 ist super. Ich höre es, und verspüre den Drang, „Conan – Der Zerstörer“ zu sehen. Oder mit einer möglichst brutalen, archaischen Waffe halbnackt von einem Hügel auf ein feindliches Heer zuzurennen.

Manchmal wünsche ich mir, im nächsten Leben ein Wikinger zu sein. Nein, ich hab nie so LARP-Kram gemacht. NIE! Nein, ich spiele auch nicht World Of Warcraft. Oder sonstige Schwert-Monster-Games. Ich lese auch keine Fantasy-Romane.

Aber ein Leben, in dem es keine Angst gibt (Wikinger haben keine Angst), man durch Stürme in Booten mit lustigen Drachenköpfen rudert, Klöster ausplündert, Nonnen vergewaltigt und das Blut unschuldiger Dorfbewohner (inklusive dem vom Frauen und Kindern) trinkt – wäre das nix? Und dann coole lange Haare und einen langen Bart haben, einen geilen Helm mit Hörnern und wenn es mal schiefgeht, kommt man nach Walhalla und darf dort irgendwelche Walküren bumsen. Wer würde das nicht wollen?!

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Opa hat uns irgendwann im Keller Flugzeugcockpits gebaut. Aus Stühlen, Decken und langen Holzlatten wurden im Hobbyraum zwei Flugzeugrümpfe nachgebildet. In diesen Konstruktionen saßen mein Bruder und ich dann und waren zwei Piloten, die im Nachtflug wichtige Aufträge zu erledigen hatten. Opa schaltet das Licht aus und dann waren seine zwei Stabtaschenlampen die Scheinwerfer und Positionslichter der Maschinen.

Als meine Mutter und mein ein Jahr jüngerer Bruder geboren wurden, waren meine Großeltern noch in den frühen Zwanzigern. Und auch meine Mutter war erst dreiundzwanzig, als ich das Irrlicht der Welt erblickte. Das bedeutet: Mein Opa war noch in der Blüte seiner Jahre, als ich aufwuchs. Er war ein sehr pflichtbewusster Polizeibeamter, der es dann zum Dienststellenleiter brachte. Ja, in unserer kleinen linksorientierten Szene gibt es Berufsgruppen, die höhere Sympathiewerte erzielen, als Polizeibeamte. Zum Teil nicht grundlos. Aber für mich war mein Opa immer nur mein Opa und es war COOL, einen Polizeichef als Opa zu haben, im Streifenwagen mitfahren zu können und zum spielen im Haus Polizeimützen aufsetzen zu können.

opa

Die andere Seite meines Großvaters war seine schwere Kindheit. Die deutsche Minderheit in Galizien feierte, als ihre Heimat von der Wehrmacht überrannt und sie scheinbar befreit wurden. Als die Wehrmacht abzog und die rote Armee kam, war die Party vorbei und Opa verbrachte eine Weile als halbwüchsiger Junge in einem polnischen Dorf, als einziger Deutscher. Die Polen waren damals nicht so richtig gut auf Angehörige einer Nation zu sprechen, die in ihrer Heimat nur Leichen und Asche hinterlassen hatte.

Opas Mutter starb während der Flucht nach Westen.

Und daraus resultierte die manchmal erschreckend reaktionäre politische Haltung meiner Großeltern, wenn es um den zweiten Weltkrieg ging. Doch erst als mein Opa pensioniert war hatten seine traumatischen Kindheitserinnerungen Raum, um wieder in sein Bewusstsein zu dringen. Da kamen dann Sachen wie „Die Deutschen haben auch nicht alles schlecht gemacht im zweiten Weltkrieg“ oder „diesen Chaplin-Film („Der große Diktator“) an Weihnachten in Deutschland zu zeigen ist eine Unverschämtheit!“.

Opa war kein Rassist. Nichtmal ansatzweise. Nicht einmal ein bißchen. Ich bin absolut sicher. Er hat niemals schlecht über andere Kulturkreise gesprochen. Oh ja, er hielt die sogenannten deutschen Werte nach oben: Fleiß, Sauberkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit. Aber er war kein Heuchler. Opa hat das so gelebt. Und er hatte eine Fähigkeit zur Selbstironie.
„Treudeutscher Blick, dann geht das!“, pflegte er grinsend zu sagen.

Aber er litt unter seiner Vergangenheit, und dann, als er schon alt wurde, kamen solche Dinge wie oben aus ihm heraus. Im Haus meiner Großeltern steht im Gästezimmer die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki neben dem Liederbuch der Hitlerjugend.

Und wie soll man anders aufwachsen, in einer zerstörten Land ohne Psychotherapeuten und ohne irgendein Wissen über posttraumatische Belastungsstörungen. Eine ganze Nation hätte damals Therapie benötigt.

Mein Großvater ist im Juni gestorben.

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Die Kapelle auf dem Friedhofsgelände ist voll. Alle Sitzplätze belegt. Dahinter steht eine Menschentraube. Viele alte Männer mit ernsten Gesichtszügen, ein großer Teil davon in Uniform. Auf dem Parkplatz stehen ein halbes Dutzend Polizeiautos.

Ich weiß, dies sind nur Äußerlichkeiten und sie sollten in meiner Liebe zu meinem Großvater keine Rolle spielen. Trotzdem bin ich stolz. Wahrscheinlich wird es keiner in dieser Familie mehr so weit bringen. Ich jedenfalls nicht. Ja, der Typ mit dem Rauschebart, der da in der zweiten Reihe sitzt, ist sein Enkel.

Und dann kommt mein Großvater, der immer stolz auf seine deutsche Pünktlichkeit war, zu spät zu seiner Beerdigung. Das Auto, das den Sarg transportiert, hat eine Panne. Er hat sich wohl gedacht, das könne er sich jetzt doch mal leisten.

Der Pfarrer ist furchtbar und spricht in einer so salbungsvollen Art, daß ich kurz den Gedanken habe, er erlaube sich einen schlechten Scherz. Aber was solls. Selbst wenn Opa von oben herabschaut, dürfte er das mit Humor sehen und ich komme auch klar.

Was habe ich erwartet? Salutschüsse? Der Sarg bedeckt mit der bayerischen Fahne?

Ich stehe mit meinen Geschwistern vor dem Sarg und wir können es nicht fassen.

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Schon zwei Monate vorher haben wir alle Opa im Krankenhaus besucht. Die gesamte Familie. Vor einer Herzoperation, bei der nicht klar war, ob er sie überleben würde.

Das schlimmste daran war, meinen Großvater, der immer der starke Kerl war, den nichts aus der Ruhe brachte, so zu sehen. Verwirrt von den Medikamenten, abgemagert, fast jämmerlich und voller Angst. Dies ist natürlich ein sehr sehr selbstsüchtiger Gedanke. Man sollte jedem Menschen in solch einer Situation zugestehen, ein nervliches Wrack zu sein und Angst zu haben. Irgendwie hatte ich wohl gehofft, das Bild von meinem Grovater als einer Art Übermensch aufrechtzuerhalten. Als der Typ, der als junger Polizist entflohene Straftäter über Augsburgs Dächer verfolgt hat. Als der Typ der furchtlos dem Tod ins Gesicht blickt. Aber da lag er im Bett und brauchte unseren Trost und unsere Kraft. Ein Teil von mir fühlte sich dem absolut nicht gewachsen.

Und dann verlief die Operation doch gut und Opa wurde nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und in die Reha überwiesen. Auch dort ging es scheinbar bergauf. Und dann brach er plötzlich dort zusammen und starb einige Wochen später.

Ich bin kein Familienmensch. Und wenn Opa meine Wohnung sehen könnte, würde er sich im Grab umdrehen. Ich hoffe daß ein Teil meines Lebens dennoch seinem Beispiel nacheifert.

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mohammed christus.

NIGHT ON MARS-Buch online veröffentlicht. Oder nennt es einfach „PDF zum runterladen“.

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Ich habe mich entschieden, die Texte dieses Blogs zusammengefasst in einem PDF online zu stellen. Das heisst, ihr könnt es euch runterziehen und in der Bahn auf dem Handy lesen oder auf einem E-Book-Reader. Natürlich dürft ihr es euch auch ausdrucken. Höhö.

Hier nun der Link:
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tot winter tot. TOURBERICHT.

Prolog:

An diesem Dienstagmorgen wache ich gegen zehn Uhr auf. Es ist die Woche vor Weihnachten. Draußen schneit es, und es hat sich schon eine Schneedecke auf der Straße gebildet. Ich bin erkältet. Zum Glück habe ich überstundenfrei und gehe heute erst um zwei Uhr nachmittags zur Arbeit.

schneeee

Neben mir – auf der Matratze neben mir – auf der Matratze neben meiner Matratze (mit ca. einem Meter Abstand dazwischen, hört auf solchen Schweinkram zu denken!) wird Lena wach, die für drei Tage bei mir wohnt. Ihre eigenes WG-Zimmer hat sie vor einem Monat gekündigt und ist nach Neu-Ulm gezogen, um dort auf einem gar mittelalterlichen Weihnachtsmarkt zu arbeiten und mit vielen anderen Freaks in einer Ein-Raum-Hütte zu wohnen. Jetzt ist sie hier, um ihre Führerscheinprüfung zu machen.

Ich bin immer sehr gut informiert über Lenas Menstruation. Sie berichtet stets sehr detailliert über deren Verlauf, Anomalien und Schwankungen im Zyklus. Auch bei diesem Besuch schneidet sie dieses Thema mehrmals an, was ich mit „Ah ja.“ kommentiere.

Weihnachten hängt wie eine Art Damoklesschwert über mir. Meine Familie erwartet mich. Ich habe nichts gegen meine Familie, doch die Aussicht, drei Tage lang von Menschen umgeben zu sein, belastet mich in diesem Moment sehr. Also rufe ich meine Mutter an, um ihr zu sagen, daß ich nicht kommen werde. Sie ist ziemlich verletzt. Kurz darauf ruft sie mich weinend zurück und es tut mir leid, ich ändere meinen Entschluß jedoch nicht.

Als ich gerade beim Kaffee sitze, kommt eine SMS von meiner Kollegin.
„Kannst du doch schon früher kommen?“
Na toll, die Hütte brennt mal wieder. Aber was solls, auf gehts. Und so fahre ich durch den Schnee mit dem schlechten Gewissen, meiner Mutter das Herz gebrochen zu haben.

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Am Mittwoch fällt die Bandprobe aus und ich komme schon früher nach Hause als geplant. Eigentlich hätte ich Lena nicht mehr angetroffen, sie will irgendwann im Laufe des Abends in den Zug steigen.

So aber wird sie Zeugin, wie meine Mutter nochmal anruft und wir, wegen Weihnachten, ziemlich arg streiten.

Danach sitze ich kurz am PC um meine Mails zu checken, als Lena plötzlich anfängt, mir über den Kopf zu streicheln.

„Äh. Is was Bestimmtes…?“
„…Nein, ich bin nur ein bißchen liebesbedürftig.“
Na toll, und das nachdem in den drei Tagen, an denen sie hier ist, nichts passiert ist, und sie in einer halben Stunde oder so in den Zug steigen muß.

Wir verlagern uns auf das Sofa und machen einige unbeholfene Gesten körperlicher Annäherung, worüber Lena irgendwann kichert.

Und dann wird mir plötzlich klar, daß ich das gerade nicht brauche. Es ist, als ob ich etwas ziemlich Wertvolles grade in einer bedeutungslosen Situation verschwende – und falls sich Bedeutung entwickelt, werde ich nur wieder einer Person nachtrauern, die alles andere im Sinn hat, als ein geregeltes Leben in meiner Nähe zu führen.

„Wir sollten das nicht tun…“
„Ich muß eh gleich zu Zug.“

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Fucking Weihnachten. An Heiligabend sitzen wir im Proberaum und nehmen auf. Als erstes das Schlagzeug. Ulla, unsere Schlagzeugerin, ist gegen Golf und mich die totale Anfängerin. Nichtsdestotrotz knüppelt sie die vier Songs ohne Playback oder Ghosttrack beim ersten Mal ziemlich korrekt ohne nennenswerte Geschwindigkeitsschwankungen ein.

xmas

Im Gegensatz zu Golf und mir, die wir einige Versuche brauchen, unsere Parts korrekt einzuspielen.

Es geht recht gut vorwärts, bis wir verpeilen, die Geschwindigkeit der Schlagzeugspuren wieder anzugleichen, nachdem wir sie verändert haben und dann alle Bass- und Gitarrenspuren in der falschen Geschwindigkeit aufnehmen blablabla Musikernerdgelaber blablabla. Aber wir haben ja noch zwei Weihnachtsfeiertage Zeit.

Mit meiner Mutter versöhne ich mich an dem Tag auch noch am Telefon und dann bin ich bei Golf und Ulla zum Essen eingeladen und Weihnachten geht relativ entspannt über die Bühne, vor allem dank Ullas krasser Mozarella-Mango-Curry-Vorspeise. Und ich sitze am Ende des Tages im Bus und blicke durch das Fenster auf das stille, weihnachtliche Frankfurt mit den Lichtern in den Fenstern und fühle mich recht zufrieden.

Währenddessen steckt sich meine gesamte Familie im Haus meiner Großeltern, wo sie feiern und alle übernachten, an Brechdurchfall an und fangen alle in derselben Nacht an, rumzukotzen. Das Beste verpasse ich also.

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Die Woche zwischen Weihnachten und Silvester verläuft wie jedes Jahr völlig öde und unspektakulär. An jedem einzelnen Tag ist der Himmel grau und verursacht eine Art der Müdigkeit, die einen den ganzen Tag pennen lassen will. Leidlich spannend wird erst wieder der Silvesterabend, an dem ich bei Scüm-Gitarrist Basti und seiner Freundin Michi eingeladen bin. Die bewohnen eine chaotische Punker-Wohnung im fünften Stock des Nordend-Hauses, in dem auch Fee und Julle und zudem noch „Blutgericht in Ginnheim“-Regisseur Kutte wohnen. Jaja, wir sind so krasse Szene-Bohemiens. Basti, der auch anwesende Pogos Projekt-Bassist Toto und ich haben sehr viel Spaß mit zwei E-Gitarren und einem Elektro-Drumpad – zum Leidwesen aller anderen Anwesenden werden sämtlich albernen Gitarrenschüler-Metal-Riffs runtergeknüppelt – egal ob wir sie sauber spielen können oder nicht.

Der Hauskater GG (benannt nach GG Allin) verzieht sich dann auch ins Schlafzimmer unters Bett. Michi und Basti wollten ursprünglich das Haus an Silvester nicht verlassen, damit dieser nicht allein ist, wenn es draußen so laut ist und keine Angst bekommt – Mission fehlgeschlagen. Unser Krach ist sehr viel traumatisierender für das arme Tier, als es jeder Silvesterböller sein könnte.

Und so endet Silvester diesmal nicht als deprimierender Abend zwischen lauter komatös besoffenen latent aggressiven Menschenmengen in einem vollen Club mit schlechter Musik, sondern als echt netter Abend unter Freunden, selbst wenn zwei Pärchen dabei sind.

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Renates Mutter ist vor etwa drei Jahren gestorben. Und seitdem kümmert sich deren ehemaliger Lebensgefährte um Renate. Und zwar schlecht. Denn der ist auch schon über siebzig Jahre alt, und Renate ist mehrfachbehindert. Sie sitzt im Rollstuhl und hat eine beinahe den ganze Körper einschließende spastische Tetraparese. Das ist eine Lähmung, die mit einem muskulösem Hypertonus einhergeht. Renate kann nur sehr schwer mit einer Hand Dinge greifen.

Renate ist auch geistig behindert, doch sie bekommt alles mit. Sie liebt es, Kaffee zu trinken. Trinken in dem Sinne kann sie auch nicht, sie hat eine Schluckstörung. Der Kaffee muß ihr mit einem Esslöffel eingeflösst werden. Viel Milch und Zucker, bitte. Wenn man Renate als „alte Kaffeetante“ bezeichnet, lacht sie und bespuckt das Betreuungspersonal durch eine Zahnlücke mit Kaffee.

Beim musikpädagogischen Nachmittag spielt Renate Keyboard. Sie kann mit einer Hand auf die Tasten drücken, wenn man das Keyboard auf den Tisch ihres Rollstuhls legt. Sie kann nur nicht selbst wieder loslassen. Wenn alle aufhören zu spielen, hört man immer noch den grellen Ton, den sie verursacht, indem sie mit einer Hand irgendwelche Tasten drückt.

„Renate! Ruhe jetzt!“ schreien wir dann und Renate grinst.

Der Lebensgefährte ihrer toten Mutter, Herbert, will sie nicht in ein Wohnheim abgeben, obwohl er nicht mehr wirklich damit klarkommt, sie zu pflegen. Renate kommt oft ungewaschen in die Tagesstätte, so daß die Kollegin sie dann in die Badewanne setzt, obwohl das nicht unsere Aufgabe ist.

Wie viele Menschen, die sich aufgrund von Lähmungen nicht wirklich bewegen, hat auch Renate Probleme mit der Verdauung, also Obstipation, Verstopfung. Herbert löst das auf die Art, daß er Renate Rizinusöl zu trinken gibt, worauf sie immer zwei Tage lang Durchfall hat. Das dies eine, ja, Scheißlösung ist, will er nicht einsehen. Flüssigkeitsverlusst, Wundwerden des Gesäßes mit darauffolgende Dekubitusgefahr – wir können uns den Mund fusselig reden.

Irgendwann fragt dann eine Kollegin Renate, ob sie nicht ausziehen wolle. Das Problem ist, daß Renate sich nicht richtig äußern kann, nur wer sie gut kennt, kann einschätzen, ob sie nickt, mit dem Kopf schüttelt oder einfach nur tremorbedingt zuckt. Und das ist das Problem. Die Richterin, die der soziale Dienst hinzuzieht, erkennt keine klare Willenserklärung. Und gegenüber ihr beteuert Herbert, wie sehr es Renate bei ihm gefalle.

Eines Tages kommt Renate nicht in die Tagesstätte. Das geschieht öfters. Doch diesmal ruft Herbert bei uns an, Renate habe wohl Schmerzen und würde schwer atmen, was er tun solle.

„Die 112, Rettungswagen und ab ins Krankenhaus. Oder zumindest den ärztlich Notdienst holen.“ meint die Kollegin zu ihm. Herbert wiegelt ab, es sei nicht so schlimm.

Herbert bekommt natürlich auch einen Haufen Pflegegeld von der Kasse für Renate. Zuviel dafür, daß er es so scheiße macht, finden wir.

Die Richterin kommt ein zweites Mal, spricht mit den Kollegen und mit dem sozialen Dienst. Aber es passiert nichts. In Deutschland gibt es nicht einfach plötzlich freie Heimplätze. Es gibt lange Wartelisten. Und Gerichte entscheiden auch nicht von heute auf morgen.

Eines Morgens ist Renate dann tot. Die Ursachen sind völlig ungeklärt, jetzt werde etwas passieren, versichert uns unsere Chefin.

Nichts passiert. Wir gehen zur Beerdigung, wünschen Herbert viel Beileid. Die Pfarrerin redet darüber, welch ein erfülltes Leben Renate gehabt habe, mit Herbert, seinem Hund undsoweiter.

Am Tag der Beerdigung haben Basti und ich beide einen sehr anstrengenden, nervösen Reizhusten. Wir husten ständig während der Beerdigung.

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frau

Der Januar beginnt mit dem tagsüber-arbeiten-abends-proben-Rythmus. Ich falle abends gegen halb zwölf ins Bett und am nächsten Morgen quäle ich mich gegen halb sechs aus demselben. Ich brauche laaaaange morgens um wachzuwerden, dafür erledige ich dann auch schon Dinge wie Wäsche waschen, Bass üben (Hallo Nachbarn!), meinen MP3-Player bestücken oder eben wachwerden. Nach dem zweiten Kaffee geht es meistens irgendwie.

Das spannendste ist Musiknerd-Zeug, wie z.B. daß wir in der Band Gitarre und Bass jeweils aufs tiefe A runterstimmen, wodurch ich gezwungen bin, einen Fünfsaitersatz auf meinen Viersaiter aufzuziehen, was sich aber einfach nur geil anfühlt. Bei Bassisten wie mir gilt: Saitendicke = Schwanzdicke. Zusätzlich werden wir die tiefste Band der Stadt, die NICHT Djent spielt.

Dazwischen hängen wir auf Golfs Arbeit in der Werkstadt ab, um Speaker in seine 70er-Jahre Marshall-Box einzubauen. Jetzt spielt er bei jeder Probe mit zwei 100-Watt-Röhrenamps und zwei 4/12er Boxen. Ich brauch eine zweite Bassbox…

night

An einem Samstag Anfang Januar klingelt mich der Freund von Frau Att gegen elf Uhr vormittags aus dem Bett und reicht mich weiter an einen von den Freaks von Occupy Frankfurt. Ja, die Verrückten, die schon den ganzen Winter über am Willy-Brandt-Platz ZELTEN. Sie machen in einer Woche ein Open Air, und ob ich da spielen wollen. Ja, will ich.

Der 15. Januar ist traditionell ein eher ungünstiges Datum für Open Air-Konzerte. Das Wetter an besagtem Tag ist zwar super, aber es ist echt scheißekalt. Die Homies von Scüm spielen auch. Am Tag vorher frühstücke ich bei Fee und Basti von Scüm ist auch anwesend. Und so gehen wir danach erstmal zu den Occupy-Leuten um die Lage zu checken und finden eine ziemlich coole Bühne mit wirklich okayer Anlage vor.

Danach geht es ins Bahnhofsviertel zu CREAM-Music, zum Saitenkaufen. Vorbei an all den Junkies.

„Ey, weisste, ich hab gesehen, mit was für Leuten du abhängst, das geht echt garnicht ey….“ redet ein abgemagerter Typ mit fettigen langen Haaren, absurdem Ledermantel und bizarrem Ring- und Halsketten-Schmuck auf einen anderen Typen ein, der etwa genauso aussieht. Willkommen in der Taunusstrasse.

Gegenüber von CREAM gibt es einen Import/Export-Laden, in dem Basti und ich ein Spielzeug-Maschinengewehr finden, das Geräusche macht und leuchtet! Boooaaaaah! Es kostet zehn Euro und meine Vernunft hat es schwer, mich zu überzeugen, daß es inadäquat ist, soviel für so einen Schwachsinn auszugeben. Ich bereue es Wochen danach immer noch, dieses Ding NICHT gekauft zu haben….

Und wir entdecken, daß es an jedem Kiosk im Bahnhofsviertel diese kleinen Pfeifen gibt, mit denen man Crack raucht. Naja, jeder Unternehmer muß sich seiner Kundschaft anpassen…

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Am nächsten Tag ist trotz eisiger Winterkälte das Wetter schön. Immerhin. Basti und ich fahren nach Oberursel und holen das Scüm-Zeug da ab.

Als wir am Willy-Brandt-Platz ankommen, fahren wir erstmal unter den Augen von mehreren Polizisten über den Fußweg ins Camp rein. Ich wollte immer schon mal mit dem Auto durch irgendeinen Park fahren. Stirb-Langsam-Style!

wbp

Von den Verantwortlichen ist keiner da, die sind noch auf der Demo, nur ein Haufen Klugscheisser hängt rum.
„Das Auto muß da weg.“
„Das Auto kann da ruhig stehenbleiben.“
Es wird deutlich, daß hier jeder einen Plan hat, nur jeder einen anderen. Und daß die Occupy-Sache zur einen Hälfte aus sehr engagierten, klugen Leuten besteht und zur anderen aus nervigen Wichtigtuern.

Die netten Leute mit Plan überwiegen zum Glück und haben die Sache auch einigermaßen in der Hand. Die Auftrittsbedingungen sind abgesehen von der Außentemperatur ziemlich super. Es ist ÜBERALL kalt. Der „Backstage-Bereich“ ist eine abgetrennte Ecke in einem Zelt. Da steht eine Gasheizung, die im Ein-Meter Umkreis auch halbwegs wärmt. Das Band-Catering ist am Abend davor von irgendwelchen Leuten aufgegessen worden.

Der Blues-Bones-Basti (derselbe, der Gitarren aus Zigarrenkisten baut, siehe www.blues-bones.de) hat versprochen, mir eine gigantische nuklearbetriebene Elektroheizung für meinen Gig zu konstruieren. Sofern ich ihm das erforderliche Plutonium besorge. Leider komme ich so kurzfristig nicht an soviel Zeug ran und so wird das nix.

Aber hey, wir spielen mitten in Frankfurt, am Willy-Brandt-Platz. Direkt im Schatten der ganzen Mordor-Türme darf ich durch eine Anlage fordern, bei der nächsten Revolution kurzen Prozess mit all der Arschgeigen zu machen! YEAH!

occupy

Und so wird der Auftritt auch echt der Beste meine bisherigen Solo-“Karriere“ (haha). Ich habe ca. 30 Leute Publikum, die trotz Kälte BLEIBEN. YEAH!

Ansonsten ist die ganze Sache ziemlich hippiesk, während meines Gigs trommeln Leute auf irgendwelchen Bongos mit und hinter mir hängt das Atomkraft-Nein-Danke-Banner, während auf meiner Gitarre der ATOMKRIEG – JA BITTE!-Sticker klebt. Und ich habe einen Wollpulli an. Punkrock geht anders, aber hey, es war soooo KALT!

Nach mir spielt eine Coverband, die wirklich SEHR schlecht ist. Ganz viele Leute filmen mit ihren Handys, weil die Band SO SCHLECHT ist, daß sie diesen Moment der öffentlichen Demütigung aller Beteiligten unbedingt festhalten wollen. Einer der Veranstalter meint dann auch „Ja, wir sind stilistisch heute sehr breit aufgestellt. Bei uns dürfen auch schlechte Bands spielen.“.

Danach spielen SCÜM. „Jungs, sonst spielt ihr doch auch mit nacktem Oberkörper…“ kommen hämische Rufe aus den Publikum, während die Band in dicken Jacken den Soundcheck macht.

SCÜM, die härteste Hardcoreband Frankfurts, haben zwei Heizlüfter auf der Bühne und killen damit schon beim Soundcheck die Sicherungen des ganzen Camps. Das wird sich während des Gigs dreimal wiederholen, bis jemand auf die Idee kommt, zu bemerken, daß eines von diesen kleinen Dingern ganze 2000 Watt zieht und man sie deshalb lieber ausmachen sollte.

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„Ich weiß auch nicht, jetzt hat es fast acht Wochen gedauert und plötzlich blute ich wieder. Das liegt bestimmt daran, daß ich wieder anfange, mir meiner Weiblichkeit bewusst zu werden….“
„Äh….ahja….“

Lena ist wieder für drei Tage bei mir, um zum zweiten Mal die praktische Prüfung für ihre Fotographenausbildung hier in Frankfurt zu absolvieren. Die letzten drei Wochen hat sie in Darmstadt im Wohnzimmer einer WG auf dem Sofa gelebt und dort bei einem bekannten Fotographen gearbeitet. Dann will sie für ein paar Tage zu ihrem Vater und dann nach Polen.

Ich wünsch ihr am Montag morgen viel Glück und Erfolg, als ich die Wohnung Richtung Arbeit verlasse. Als ich gegen drei Uhr nachmittags nichts von ihr gehört habe, schicke ich ihr ein „und?“ und bekomme eine nur aus zwei Worten bestehende SMS zurück: „nicht bestanden“.

Nichtsdestotrotz ist sie einigermaßen gefasst, als ich abends nach Hause komme. Sie sitzt vor meinem PC und skypet mit einem Typen, mit dem sie irgendwas laufen hat. Er ist mir prompt richtig unsympathisch.

Dann sitzen wir einige Minuten gemeinsam vor Google Earth, unsere Hände berühren sich….und als wir dann schlafen gehen, jeder in seinem eigenen Bett, gehe ich rüber zu ihr, nähere mich ihr und bekomme eine freundliche aber bestimmte Abfuhr. Rache für letztes Mal, oder so.

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„Sie hat gesagt, er muß an die Dialyse. Bauchfelldialyse. Seine Nierenwerte sind in den letzten Monaten rapide schlechter geworden. Die rechte Niere arbeitet nur noch mit zwanzig Prozent, die linke ist garnicht mehr zu erkennen auf dem CT. Die Dialyse muß mehrmals täglich gemacht werden, von speziell geschultem Personal. Und man kann das nicht ewig machen. Kuckt mal an, wie schon die normale Dialyse den Enrico fertigmacht. Und der Antonio wiegt gerade mal vierzig Kilo. Er bräuchte eine Spenderniere, aber er ist so schwach, daß er die OP nicht überstehen würde. Die Nephrologin sagt, daß er noch etwa ein, zwei Jahre hat. Wenn man jetzt aber bedenkt, daß er ursprünglich eine Lebenserwartung von VIER Jahren hatte und es jetzt bis DREIUNDZWANZIG geschafft hat, dann ist das ziemlich gut. Und schaut euch den Typen an. Der kommt jeden Tag grinsend hier rein, macht den ganzen Tag Quatsch und lacht sich die ganze Zeit halb tot. Der ist der Sonnenschein der Einrichtung. Bei keinem unserer Klienten denke ich weniger an Tod, wenn ich ihn sehe. HEY ANTONIO! HÖRST DU MAL BITTE AUF BETTINAS FRÜHSTÜCK ZU KLAUEN!!!!! UND HÖR AUF SO ZU LACHEN! DAS IST NICHT WITZIG. Naja, ein bißchen schon, hihi. Verdammt ich hab gelacht. Wieder die Pädagogik verkackt.“

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Gig in Miltenberg. Mein Homie MAPEC (http://www.youtube.com/user/mapecCLIPS) hat den organisiert. KBF Revolte, die Band seines Sohnes, spielen auch. Fee kommt mit, was ziemlich großartig von ihr ist, denn allein auf Gigs zu fahren ist immer so eine Sache, da kommt man sich leicht verloren vor, nachts bei der Rückfahrt oder in einem leeren Laden mit ein paar anderen Bands, die alle dieses Muckertumgelaber ausleben.

Die Veranstaltung ist vom Cafe der Caritas ins nahegelegene Jugendzentrum verlegt worden, weil keiner mit irgendwelchen Gästen rechnet, obwohl (oder weil?) niemand irgendwelchen Eintritt verlangt.

Im größten Raum der Jugendzentrums haben KBF Revolte schon ihr Zeug aufgebaut. Auf den Sofas sitzen vier Leute, die sie mitgebracht haben und eine Handvoll Jugendlicher, die hier wohl immer rumhängen.

Das Ganze hat deutliches Klassenpartyflair, aber was solls. KBF Revolte, in Persona MC HEIZKESSEL und MC MÖRDERBEAT und ihre Handvoll Leute beginnen mit ihrem Antifa-Elektropunk und haben Spaß. Die bräuchten mehr Publikum, dann würde das abgehen. Im Jugendzentrum ist Alkoholverbot und KBF Revolte trinken Apfelsaftschorle, die irgendwie mehr schäumt als Apfelsaftschorle sonst. Fee nippt halb verstohlen an ihrem Bier, aber so richtig kümmert das hier keinen.

Irgendwann bin ich dann dran. Es ist ein guter Abend, trotz des fehlenden Publikums. Ich habe das ja schonmal geschrieben, aber ich finde, daß meine Musik mit wenig Publikum irgendwie besser funktioniert. Vor allem die leisen und langsamen Songs. Da labert dann keiner rein oder so.

Da ich HEADLINER (WOOOHOOO!) bin und eh fast keiner da ist, wird auf jegliche Publikumserwartung geschissen und nach dem Set mit den lustigen Songs (bei denen die KBF-Jungs zum Teil textsicher mitsingen und tanzen – yeah!) schiebe ich noch eine halbe Stunde lang die leisen hinterher. Da hören dann nur noch Martin und Fee zu.

Der Abend endet, indem ich beim Abbau eine der bunten Neonröhren von KBF Revolte zertrete (die lag halt so dekorativ am Boden rum). Das ist denen aber erstmal egal (meldet euch mal, wie ich euch ne neue zukommen lassen kann!) und dann hängen wir noch eine Weile gangmäßig auf Miltenbergs Hauptstrasse ab, die anderen trinken Bier und MC HEIZKESSEL freestylet rum. Fee entschuldigt sich auf der Rückfahrt ein dutzend Mal, daß sie so betrunken ist und kotzt am Bunker, als ich das Equipment in den Proberaum bringe, auf den Gehsteig. Wir hatten Spaß, danke Miltenberg!

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cold

Eine Woche später ist es noch kälter. An einem sonnigen, aber umso eisigeren Samstagvormittag in Januar steige ich ins Auto, das ich mit mir mit Frau Att teile (der sagenumwobene Att-Yohazid-Panzer, ein uralter feuerroter Ford Sierra Kombi mit einem tiefdröhnendem Motorgeräusch, das ihm den Titel „Panzer“ eingebracht hat), und lade einmal mehr mein ganzes Equipment ein.

Ziel ist das Juli Kapelle-Hauptquartier in Bockenem bei Hildesheim. AS von der Juli Kapelle ist ein alter Bekannter, ein Homie sozusagen. Seine Freundin, die HERZSCHWESTER. macht Fotos. Kunst! Doppelte Belichtung und so. Und sie stellt ihre Bilder an diesem Samstag in einem Plattenladen in Braunschweig aus, der abends eine Kneipe ist. Das Wort, das ich eigentlich nicht schreiben will, weil es mich in Verbindung mit KULTUR bringt ist „Vernissage“. An diesem Abend ist die Eröffnung ihrer Ausstellung. Juli Kapelle spielen, Kühl&Sauer (das Projekt von AS und VB Kühl) ebenso, und die Künstlerin hat mich gefragt, ob ich auch auftreten will.

AS von Juli Kapelle, bürgerlich Achim, lernte ich vor mehr als zehn Jahren kennen. Damals lebte ich in Augsburg und produzierte in meinem Jugendzimmer in der Wohnung meiner Mutter verrauschtes Hiphop-Zeug. Das schickte ich ihm, er betreibt nämlich ein Unter-Untergrund-Indielabel, T&TT (http://www.tundtt.de/). Ein Song von mir erschien dann auf einem Labelsampler. Nachdem ich nach Frankfurt übergesiedelt war, planten wir eine Zusammenarbeit.

Achim lebt dort in Bockenem. Das ist ein Kaff an der A7 im norddeutschen Niemandsland und hat nicht mal einen Bahnhof.

Sein Vater betrieb dort lange einen Autohof und ein Hotel, und als Achim 15 Jahre oder so alt war, zog er von Aschaffenburg dorthin und schaffte jahrelang im väterlichen Betrieb. Und tat sonst nichts, verdiente dabei aber ganz gut Geld und baute schließlich dort im Niemandsland ein Haus und das 7V-Studio.

Der Autohof wurde irgendwann verkauft und nun lebt Achim dort und betreibt Hotel und Studio, in dem ich im Februar 2002 mein erstes „Album“ aufgenommen und dann bei seinem Label veröffentlich habe, „Front: Europa“, Auflage ca. 100 Stück, jedes einzelne Exemplar selbst gebrannt, jedes Cover selbst ausgeschnippelt. Die ganze Sache ist mir heute ein bißchen peinlich, da das Album Jugendsünden wie „Vagina Song“ enthält. Ich war jung und brauchte die Aufmerksamkeit.

Die Fahrt Richtung Norden hat es in sich. Der Panzer hat keine Heizung mehr, und die Außentemperatur liegt an diesem Wochenende deutlich im Minusbereich. Ich trage also lange Unterhosen und drei Paar Socken sowie zwei Mützen übereinander, trotzdem spüre ich nach etwa einer halben Stunde Fahrt meine Füße nicht mehr. Die Sprinkleranlage ist natürlich auch eingefroren. Trotzdem komme ich erstmal gut voran, es ist trocken und die Sonne scheint.

Erst bei Kassel beginnt es zu schneien. Und wie genau bei meinem Gig in Siegen, über den ich vor ca. einem Jahr an dieser Stelle berichtet habe, hat der Panzer immer noch keine Winterreifen. Also, er hat auf den Hinterrädern schon Winterreifen drauf, nur sind die seit Jahren permanent aufgezogen, also entsprechend abgefahren. Und dazu Heckantrieb, auch nicht soooo super bei Glätte.

Der Plan ist, es einfach bis nach Bockenem zu schaffen, und ab da mit den anderen in Achims Bus die letzten 60 Kilometer nach Braunschweig zu fahren.

Im dichten Schneetreiben erreiche ich also halb fahrend, halb rutschend das 7V-Studio.

Achims Haus ist vollgestopft mit Gitarren, Bässen, Verstärkern und anderen Saiteninstrumenten. Dazwischen stehen ein paar Schlagzeuge rum und Tonnen an irgendwelchen Synthies und Effektgeräten. Das Erdgeschoß beherbergt das 7V-Studio, daran schließt direkt eine große Küche an.

Als ich ankomme, hängen eben dort gerade die Herzschwester und VB Kühl ab, vor einem Tisch auf dem leckere Dinge zu essen liegen, hauptsächlich Brot und verschiedene Wurstwaren. Achim selbst ist irgendwo im Obergeschoß zugange, da ist der Wohnbereich und das Atelier der Herzschwester.

Also gibt es erstmal zu Essen und Kaffee. Dann begeben wir uns alle nach oben, wo VB und Achim mit der Herzschwester den Beginn des Gigs proben. Unterm Dach ist ein großer Raum, in dem auch ein Schlagzeug und diveres Musikequipment stehen, sowie ein DJ-Pult und hunderte Platten.

Leider ist Achims Bus ausgebucht und es wird klar, daß ich den Weg nach Braunschweig im eigenen SCHLITTEN (hat jemand diesen Wortwitz gerafft? Ich bin sehr stolz drauf!) zurücklegen muß. Was solls. Irgendwann stirbt jeder mal.

Noch dazu habe ich kein Navi und keine Wegbeschreibung. Und ich war noch nie in Braunschweig. Und mittlerweile ist noch mehr Schnee gefallen.

Wir brechen auf, als es schon dunkel ist. Ich befreie den Panzer von Schnee und dann heisst es aufsitzen. Ich rutsche über die Landstraße zur Autobahn, stetig versuchend, den Anschluß an Achims Bus nicht zu verlieren. Es gibt ein paar Momente, in denen ich echt Angst bekomme. Die Lösung liegt nahe: Ich habe das letzte Darkthrone-Album auf dem MP3-Player und drehe das laut. Das macht alles viel besser, denn mit Darkthrone im Schnee zu sterben ist doch ein ganz cooler Tod, oder?

darkthrone

Wir erreichen Braunschweig lebend, suchen Parkplätze, laden aus und bauen unser Zeug auf. Dann ist da dieser einsame Moment vor dem Beginn der Veranstaltung, wenn alle anderen mit irgendwas beschäftigt sind oder sich unterhalten und man selbst rumhängt, nichts zu tun hat und sich ein bißchen verloren fühlt, hunderte Kilometer weg von zuhause in einer fremden Stadt, umgeben von mehr oder weniger fremden Leuten. Und man sich fragt WIESO man das alles auf sich nimmt, nur um eine halbe Stunde lang seine Musik zu spielen. Meistens hört ja noch nichtmal jemand wirklich zu.

„Kann ich eine Cola haben?“
„Klaro, du hast einen Bart, also gehörst du zur Band, oder? Einfache Regel, stimmt immer.“

Die Veranstaltung beginnt mit der Eröffnung der Vernissage und musikalischen Grußworten der Herzschwester, begleitet von Kühl&Sauer.

„Auf irgendeinem Auge ist jeder von uns blind. Ich will euch blinzeln sehn.“

ksh

Danach läuft der Kühl&Sauer-Gig. Das Publikum ist noch ziemlich reserviert. Während des Gigs wird versucht, eines der Bilder zu versteigern, doch das anwesende bierselige Kneipen-Plattenladen-Publikum gehört nicht zu den zahlungsfreudigen Kunstliebhabern und bietet Beträge wie „50 Cent!“.

Dann wird umgebaut für die Juli Kapelle und da die Veranstalung verspätet begonnen hat, bittet uns der Besitzer des Ladens, die Sache abzukürzen, denn der DJ soll pünktlich anfangen. Ja, genau, wir brüsten uns gerne damit, Livemusik in unserem Laden zu haben, solange unser DJ pünktlich anfangen und Musik spielen kann, die die Leute zum Alk konsumieren bringt.

In meinem Kopf läuft ein Wutanfall ab, den ich tatsächlich verberge und beschließe, einfach nicht kürzer zu spielen. Ich bin nicht 300 Kilometer in einem eiskalten Panzer angereist, um nur eine Viertelstunde zu spielen, damit irgendein Seinemutterindenenddarmficker-DJ pünktlich anfangen kann.

Dafür sind Juli Kapelle kompromissbereit und spielen nur vier Songs. Fickt Euch, Braunschweig.

Um die Umbaupause zu verkürzen bietet mir Achim an, einfach mit seiner Gitarre weiterzumachen. Das ist ein gutes Angebot, denn die ist ungefähr zehnmal soviel wert wie meine und klingt zusammen mit seinem Amp ziemlich großartig. Pulli ausgezogen, Slayer-Shirt drunter.

„Hallo Braunschweig. Ich bin Yohazid aus Frankfurt.“
„Halt die Fresse und spiel!“
„Ahja. Endlich kommt was von euch. Das finde ich gut. Da geht noch was, Braunschweig!“

Ich beginne mit einem offenen D-Akkord. Achims Gitarre gibt eine warme Schallwelle von sich und die Röhren im Verstärker hinter mir verzerren den Klang zu einer dunklen Wolke. Ich lege den Kopf nach hinten und bade in der Flut aus Krach. Jetzt bekommt ihr es, ihr norddeutschen Arschgesichter.

brownshwyig

Die Leute bleiben und es wird ein richtig guter Gig. Mission accomplished.

Die Rückfahrt wird wieder abenteuerlich. Dieses eklige Gefühl, THAT AWKWARD MOMENT, wenn man spürt, wie das Auto fährend der Fahrt plötzlich zehn Zentimeter zur Seite rutscht.

Bei Salzgitter schließlich bietet sich mir der imposante Anblick der leuchtenden Industrieanlagen, die riesige Wolken aus Wasserdampf in den klaren Winterhimmer blasen. Plötzlich durchfahre ich selbst einige dieser Wolken und die Sicht verringert sich auf wenige Meter, es ist als würde ich durch die Zone in Strugatzkis STALKER fahren.

Und einmal mehr erreiche ich das Ziel unverletzt.

Die Nacht klingt lange aus mit einer Plattenhör-Musikmach-Session im 7V-Studio, in bester Gesellschaft der Juli Kapelle-Jungs samt Anhang sowie der Herzschwester und Herrn Kühls.

Und dann penne ich bei Achim, was bedeutet, daß er mir einfach den Schlüssel für ein Zimmer in seinem Hotel in die Hand drückt.

„Erster Stock, gleich links, da steht die Nummer drauf.“

Am nächsten Morgen öffnet mir ein gähnender VB Kühl die Tür zum Haus.

„Die anderen pennen noch. Ich komm auch gleich runter.“ „Gleich“ = drei Stunden später.

Die nächsten vier Stunden hänge ich noch in der Küche ab, süffele Kaffee, unterhalte mich mit den Resten des Juli Kapelle/VB Kühl/Herzschwester-Partyvolks, die alle so nach und nach aufwachen. Und dann, gegen drei Uhr Nachmittags mache ich mich auch wieder auf den Weg.

Vier Paar Socken (gut daß ich immer zu große Schuhe anhabe), lange Unterhose, drei Kapus, Winterjacke…Herzschwester drückt mir noch 50 Euro Benzingeld in die Hand und dann geht es wieder raus in die Eiswüste.

Die Autobahn ist trocken, aber es ist NOCH kälter geworden. Schon bei Göttingen spüre ich meine Füße nicht mehr. Ich muß zweimal anhalten, um die Windschutzscheibe zu reinigen. Da die Sprinkleranlage nicht mehr funktioniert, schütte ich Mineralwasser drauf und muß dieses SCHNELL abwischen, da es sofort gefriert und die Scheibe vereist.

Auf der Höhe von Marburg bin ich gezwungen, eine Raststätte aufzusuchen und mich aufzuwärmen, da ich es nicht mehr aushalten. BATTLES AGAINST THE NORTH!!!!

north

I survived Winter in Germany 2012.

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Eine weitere Woche vergeht und dann ist LAPPENPACK III im Faites Vorte Jeus in Frankfurt. Die Konzertreihe, die von den Homies von SCÜM organisiert wird. Der Laden ist ein linkes Kulturzentrum im ehemaligen Polizeigefängnis an der Konstablerwache und wird deshalb nur „Knast“ genannt.

Der Bau hat eine einschläge Geschichte, die bis weit in die Zeit des dritten Reichs zurückreicht. Das Betreiberkollektiv versucht deshalb, möglichst pietätvoll mit den Räumlichkeiten umzugehen. Das klappt nicht immer, was Schilder wie „Bitte kein Geschlechtsverkehr in den Zellen!“ oder „Bitte keine Tags in den Zellen!“ beweisen. Trotzdem ist es ziemlich lobenswert, daß dieses Zeichen der dunkler Vergangenheit erhalten wird und für etwas positives genutzt wird, nämlich als Raum für Veranstaltungen, die sonst niemals Platz in der Frankfurter Innenstadt fänden. Die Stadt will den ganzen Bau natürlich am liebsten abreißen und kommerzialisieren, also eine weitere Gewerbefläche daraus machen -Renate! Ruhe jetzt!http://www.bilder-hochladen.net/files/big/4mgf-7k-e569.jpghttp://www.bilder-hochladen.net/files/big/4mgf-7k-e569.jpg was meiner Meinung nach sehr viel pietätsloser ist, als Sex in den Gefängniszellen zu haben, die darüber hinaus noch als Dauerausstellung über die Verbrechen des dritten Reichs dienen.

Heute spielen SCÜM, ABC ALERT, POGOS PROJEKT, AGONY AND SCREAM und SCHEISSE MINELLI. Um den Gig von SCHEISSE MINELLI hat es im Vorfeld noch Diskussionen gegeben, denn irgendwann einmal hat ein ehemaliger Gitarrist der Band wohl während eines Gigs die Konföderiertenflagge aufgehängt um damit seine Verbundenheit zum Südstaatenrock zu demonstrieren – leider fassen das einige politisch SEHR korrekte Zeitgenossen als eine Relativierung der Sklaverei….Blablabla. SCHEISSE MINELLI spielen trotdem.

Leider sind am Tag der Veranstaltung alle Toiletten im Ganzen Gebäude zugefroren.

„Typisch, diese Weltverbesserer haben bestimmt immer die Heizungen abgedreht.“ lautet das Zitat eines Mitglieds einer der spielenden Bands hierzu.

Also wird wohl noch eine neue Toilette GEBAUT, mit einem Gummischlauch als Ablußrohr. Die meisten Anwesenden und auch ich pinkeln, Pietät hin oder her, im Hof.

Im ganzen Gebäude ist es etwa so kalt wie draußen, und so werden überall Heizlüfter angeworfen, die bei der ersten Band, ABC ALERT, für SECHS !!! Stromausfälle sorgen, da sie die alten Sicherungen des Ladens völlig überfordern. Mit mehreren Verlängerungskabeln werden die Stromquellen also auf mehrere Sicherungen verteilt, und danach halten sich auch die Stromausfälle in Grenzen – aber es bleibt eisig kalt. Trotzdem ist die Stimmung gut, ABC ALERT rocken ein solides Crust-Brett runter, ohne Ansagen zwischen den Songs, da der Gitarrist einfach immer seine Gitarre offenlässt und für ein konstantes ohrenbetäubendes Feedback in den Pausen sorgt.

krok

Danach gibt es Streetcore mit den Homies von POGOS PROJEKT und schließlich beginnen die Gastgeber von SCÜM mit ihrem Oldschool-Geschrei und die Leute fangen an zu moshen und zu circlepitten. Bassist Paul trägt ein Krokodilskostüm. Ich bekomme wieder zwei Minuten Ruhm, indem ich beim Song „Kleinigkeit“ mitbrüllen darf und dann kommt es auch noch zu einer Beinahe-Schlägerei, als jemand es NICHT lustig findet, daß der sehr alkoholisierte Mitbewohner von SCÜM-Sänger Richie mitten im Raum die Hose runterlässt. Leider verpasse ich diesen spannenden Moment, da ich gerade im Hof pinkeln bin und davon traumatisiert werden, daß ich, als ich um die Ecke laufe, direkt vor einer weiblichen Konzertbesucherin stehe, die auch pinkelt.
„Ääääh….Entschuldigung.“
„Kein Ding, ist Platz genug. Du darfst hier gern auch hinpinkeln.“
„Ääääh….“
„Hab ich dich jetzt traumatisiert oder was?“

schrei

Schließlich springt noch jemand beim pogen dem Paul in den Bass, worauf der sensible Künstler wütend die Bühne verlässt, was ihm am restlichen Abend Hohn und Spott einbringt.

Ich verlasse schließlich mit meiner Nachbarin Lina den Laden in Richtung Bornheim, was für mehrere saublöde Bemerkungen in den nächsten Tagen sorgt, sogar von Leuten die gar nicht da waren.

„Ich hab gehört du bist mit Lina gegangen?!“
„Die WOHNT bei mir in der Nähe, wir sind ZUSAMMEN UBAHN GEFAHREN!!!“
„Jajajaja. Klar.“

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„Gestern hab ich wieder geblutet!“

FRAGEN AN GOTT.

Die Frage ob Gott existiert, ist sehr eng verknüpft mit der Frage nach dem Ursprung der Welt.

Die Wissenschaftler sagen, die Welt sei beim Urknall entstanden. Da sind sich die meisten von ihnen einig, und das nährt in mir den Glauben daran, daß es wahrscheinlich sei, daß ich mich dieser Haltung anschließen würde, hätte ich denn Zeit und Energie, Physik zu studieren und die wissenschaftlichen Indizien für jene Theorien selbst zu überprüfen.

gott

Aber hat irgendjemand Zeit und Energie hierfür? Wenn ich im Labor entsprechende Experimente mache und sich so für mich die Urknall-Theorie bestätigt…müsste ich dann nicht auch noch genau die Funktionsweise jedes einzelnen Bauteiles jedes einzelnen technischen Gerätes, welche ich zur Durchführung der Experimente benutzt habe, studieren, um sicherzustellen, daß diese mir die richtigen Daten liefern?

Das ist unmöglich und übersteigt die Fähigkeit jedes Menschen.

Dawkins, der „Papst der Atheisten“ sagt, Wissenschaft sei eben kein GLAUBEN sondern WISSEN. Aber wenn ich selbst, wie ich oben angeführt habe, auf ganz viele andere Menschen vertrauen muss (die die Geräte herstellen und andere wissenschaftliche Teilbereiche erforschen), ihnen also GLAUBEN muss, macht dieser Umstand das WISSEN von dem Dawkins spricht, nicht auch zu einem GLAUBEN?

Wissenschaft bedeutet, daß man die Erkenntnisse, die sie hervorbringt, jederzeit selbst überprüfen und bestimmte Experimente, die Theorien belegen und beweisen, selbst wiederholen kann und somit zum gleichen Ergebnis kommen kann.

Doch das kann man nur theoretisch. Denn jeder Wissensbereich stützt sich auf einen anderen Wissensbereich. Eine Erkenntnis in der einen wissenschaftlichen Disziplin stützt sich auf viele Erkenntnisse aus andere Disziplinen. Es ist ein Turm aus Wissen. Und wirklich zu WISSEN, würde bedeuten, die Konstruktionsweise des Turms von ganz unten her nachzuvollziehen und ihn nochmal aufzubauen um zu beweisen, daß er wirklich stabil steht.

Ich kann nicht tausende Jahre menschlicher Entwicklung wiederholen, und das macht Wissenschaft für mich persönlich auch zu einer Art GLAUBEN. Und das macht die Möglichkeit, daß Gott die Welt in sechs bzw. sieben Tagen geschaffen hat, genauso wahrscheinlich wie die Urknalltheorie.

Mal abgesehen davon, daß, sich zwischen den beiden Theorien entscheiden zu müssen, totaler Quatsch ist. Wenn Gott allmächtig ist, kommt sein Universum auch mit einem Paradoxon klar und beide Möglichkeiten können wahr sein. Vielleicht ist die Schöpfungsgeschichte auch nur eine Art poetischer Gruß von Gott, und keinesfalls wörtlich gemeint. Vielleicht hat er die Menschen, welche sie aufgeschrieben haben, so gemacht, daß sie diese Metaphern genau so weitergeben. Vielleicht vielleicht vielleicht.

Und dann gibt es da noch ein anderes Problem: Die Milliarden Angehöriger anderer Religionen.

Also. Gott schafft doch nicht 7 Milliarden Menschen, und dann macht er nur 2,3 Milliarden so, daß sie die richtige Religion haben. Und alle anderen liegen falsch und kommen am Ende in die Hölle oder was auch immer? Dann wäre Gott ja ein ziemlich großes Arschloch und das ist er ja laut der Bibel eben nicht.

Also müssen diese Religionen auch richtig sein. Vielleicht hat Gott jeden Menschen genau so geschaffen, wie er nunmal sein soll. Auch die Bösen? Jaaaa, das ist das Problem mit der Theodizee. Das erläutern wir hier nicht, weil dann sitze ich morgen noch hier.

Ich bin mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, daß, wenn Gott existiert (was, wie ich oben beschrieben habe, auch nicht mehr oder weniger wahrscheinlich als seine Nichtexistenz ist), er mich so will, wie ich bin. Das ich die Bibel so lese, und so interpretiere wie ich es tue, und daß er mir schon die richtigen Zeichen und Menschen schickt, die mich so beeinflussen, wie es eben geschehen soll.

Moment man, alles ist also vorbestimmt….und was ist mit dem freien Willen?!

Äh…..

SHIT HAPPENS.

„WER ist dafür verantwortlich?!“
Der Chef hat seinen bösen Blick und alle ducken sich. Der Chef ist eigentlich ein sehr sanftmütiger Mensch. Aber in dem Moment, in dem er erfährt, daß man etwas verkackt hat, ist man am besten weit, weit weg.
„Mh. Äh ja. Ich hatte an dem Tag Dienst.“ druckse ich herum.
„Herr Giesemann! Das kommt nicht mehr vor, ist das klar?!“ Er starrt mich wütend an. „Das ist SCHEISSE wenn sowas passiert!“
„Äh okay.“ murmelt Herr Giesemann in seinen Bart.
„Na gut.“
Der Chef blickt in die Runde, die um den großen Tisch im Besprechungsraum versammelt ist und atmet laut aus.
„Okay, was gibts sonst so zu besprechen?“
Ich denke nach und meine Augen fallen auf den Dienstplan, der an der Wand hängt.
„Moment mal, am Dienstag war ich gar nicht da!“
„Oh….“ platzt es aus meinem Kollegen Holger raus. DER war zuständig gewesen.
Der Chef verdreht die Augen.
„Na ist ja egal jetzt. Wir müssen weiterkommen.“

Nach dieser Dienstbesprechung beschließen die Kollegen und ich, daß wir, wenn jemand Scheiße baut, erstmal den vorschicken, der garnicht wirklich schuld war und den wirklichen Depp erst dann dem Chef vorführen, wenn der nicht mehr wütend ist.

Der Chef ist super. In sozialen Einrichtungen wird ja gern alles ausdiskutiert. Das dauert immer Stunden, man hält sich ewig an Kleinigkeiten auf und bekommt GAR NICHTS gebacken. Jeder ist darauf aus, daß seine eigene Meinung zu jedem Furz gehört und beachtet wird. Das macht Teamsitzungen zur Hölle.

Bei uns nicht. Nach einigen Minuten sagt der Chef „Okay. Wir müssen weiter kommen. Wir machen das jetzt so und so NICHT.“
Dann sagt immer noch jemand „Ja aber…“ und der Chef sagt „Thema ist durch. Ich bin der Chef, ich entscheide und wir machen das jetzt so. Nächster Punkt?“. Das ist sehr beruhigend.

Die Kollegen sind nicht so pflegeleicht wie der Chef. Da ist zum Beispiel der, der ALLES verpeilt. Das ist nicht mehr witzig, wenn es ums Medikamenteverteilen geht. Oder um irgendwelche Injektionen, die aufgezogen zwei Tage lang im Kühlschrank rumliegen, weil keiner weiß, daß das Zeug dann hochgiftig wird.

Er ist schwul und hat mir schon am Anfang erzählt, daß er ein sehr wildes Partyleben hatte und jede Droge ausprobiert hat, die es gibt. Das hat Spuren hinterlassen. Die Drogen, nicht das Schwulsein. Das erwähne ich nur, damit man den folgenden Absatz versteht:

Abwechselnd hat jeder von uns jeweils eine Woche Rufbereitschaft und muß dazu das Diensthandy ständig bei sich führen um im Zweifelsfall innerhalb einer halben Stunde in der Einrichtung sein zu können. Als der oben angesprochene nach seiner Woche Bereitschaftsdienst das Diensthandy an die Kollegin weitergibt, findet diese im SMS-Speicher eine Nachricht, die da lautet: „Habe Interesse. Schwanzlänge?“

Die Kollegin, die besagte SMS findet und mir grinsend zeigt, ist auch nicht ganz ohne. Sie ist nicht so verpeilt, aber sie arbeitet prinzipiell eher wenig. Andere Kollegen bezeichnen sie als faul. Ich nicht. Denn in der Zeit, wo wir Sachen erledigen, sitzt sie mit Bewohnern im Raucherzimmer und beschäftigt sich wirklich mit denen. Sie ist Altenpflegerin und hat einer sehr, sehr direkte und pädagogisch kaum reflektierte Art. Das provoziert Konflikte und mit ihr zu arbeiten ist nicht unanstrengend, aber die Bewohner mögen sie. Irgendwann erzählt sie, daß sie ihren Führerschein verloren hat. Das hält sie nicht davon ab, am ersten Weihnachtsfeiertag mit dem Dienstauto zur Tanke zu fahren und Tabak fürs gesamte Wohnheim zu kaufen. Als das rauskommt, gibt es nichtmal schlimmer Ärger, weil es jeder eigentlich ziemlich cool von ihr findet, zwei Vorschriften zu verletzen (ohne Führerschein mit dem Dienstwagen fahren und das Wohnheim zu verlassen wenn kein anderer Mitarbeiter im Dienst ist) um Tabak für die Bewohner zu holen.

Manchmal wird sie von ihrer Mutter, die um die Ecke wohnt, mitsamt Hund bei der Arbeit besucht. Das geht EIGENTLICH garnicht. Persönliche Familienbesuche bei der Arbeit in einem Wohnheim für psychisch Kranke. Aber die beiden haben eine ähnliche Sozialisation wie viele Bewohner und so lesen die gemeinsam die Bildzeitung oder schauen sich im Raucherzimmer irgendwelches Hartz4-Fernsehen an. Tatsächlich beschwert sich keiner der Bewohner jemals über die Anwesenheit der Mutter der Kollegin – und die Bewohner beschweren sich zu dieser Zeit ständig über ALLES.

„Herr Giesemann, da sind Flecken auf dem Geschirr!!!!“
„Das sind Wasserflecken. Vom Spülen. Das bedeutet, daß das Geschirr sauber ist.“
„Scheißladen hier!“
„Hallo?! Jetzt kommense mal runter! Das ist ein Wohnheim für psychisch Kranke, kein HOTEL!!!“

Solche Gespräche führe ich oft mit einigen Bewohnern, die das Bewusstsein über ihr leider wirklich schlimm schiefgegangenes Leben durch Beschwerden kompensieren.

Der verpeilte Kollege bekam seinen Vertrag übrigens nicht verlängert. Eines Tages treffe ich ihn in der U-Bahn, da erzählt er mir, daß er schon seit Ewigkeiten einen Bandscheibenvorfall hat und starke Schmerzen und deswegen bei der Arbeit immer auf Tilidin und deshalb so verpeilt war.

Der Fairness halber sei erwähnt, daß auch ich selbst ab und zu Scheiße gebaut habe. Das Best of:

- Arztbericht der Uniklinik nicht richtig gelesen, und dadurch einem Bezugsklienten über Monate hinweg ein Herzmedikament NICHT gegeben.
- Nochmal Arztbericht einer anderen Bezugsklientin nicht richtig gelesen und dadurch nötige Nachsorgeuntersuchungen (Speiseröhrenverengung) nicht eingeleitet – das hat RICHTIG Ärger gegeben.
- Medikamente falsch gestellt, Medikamente falsch ausgegeben – passiert jedem immer mal wieder, ist trotzdem der Klassiker der Beschissenheit.
- und tausend andere Kleinigkeiten. Shit happens.

TOT WINTER TOT. Tourbericht.

Prolog:

An diesem Dienstagmorgen wache ich gegen zehn Uhr auf. Es ist die Woche vor Weihnachten. Draußen schneit es, und es hat sich schon eine Schneedecke auf der Straße gebildet. Ich bin erkältet. Zum Glück habe ich überstundenfrei und gehe heute erst um zwei Uhr nachmittags zur Arbeit.

schneeee

Neben mir – auf der Matratze neben mir – auf der Matratze neben meiner Matratze (mit ca. einem Meter Abstand dazwischen, hört auf solchen Schweinkram zu denken!) wird Lena wach, die für drei Tage bei mir wohnt. Ihre eigenes WG-Zimmer hat sie vor einem Monat gekündigt und ist nach Neu-Ulm gezogen, um dort auf einem gar mittelalterlichen Weihnachtsmarkt zu arbeiten und mit vielen anderen Freaks in einer Ein-Raum-Hütte zu wohnen. Jetzt ist sie hier, um ihre Führerscheinprüfung zu machen.

Ich bin immer sehr gut informiert über Lenas Menstruation. Sie berichtet stets sehr detailliert über deren Verlauf, Anomalien und Schwankungen im Zyklus. Auch bei diesem Besuch schneidet sie dieses Thema mehrmals an, was ich mit „Ah ja.“ kommentiere.

Weihnachten hängt wie eine Art Damoklesschwert über mir. Meine Familie erwartet mich. Ich habe nichts gegen meine Familie, doch die Aussicht, drei Tage lang von Menschen umgeben zu sein, belastet mich in diesem Moment sehr. Also rufe ich meine Mutter an, um ihr zu sagen, daß ich nicht kommen werde. Sie ist ziemlich verletzt. Kurz darauf ruft sie mich weinend zurück und es tut mir leid, ich ändere meinen Entschluß jedoch nicht.

Als ich gerade beim Kaffee sitze, kommt eine SMS von meiner Kollegin.
„Kannst du doch schon früher kommen?“
Na toll, die Hütte brennt mal wieder. Aber was solls, auf gehts. Und so fahre ich durch den Schnee mit dem schlechten Gewissen, meiner Mutter das Herz gebrochen zu haben.

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Am Mittwoch fällt die Bandprobe aus und ich komme schon früher nach Hause als geplant. Eigentlich hätte ich Lena nicht mehr angetroffen, sie will irgendwann im Laufe des Abends in den Zug steigen.

So aber wird sie Zeugin, wie meine Mutter nochmal anruft und wir, wegen Weihnachten, ziemlich arg streiten.

Danach sitze ich kurz am PC um meine Mails zu checken, als Lena plötzlich anfängt, mir über den Kopf zu streicheln.

„Äh. Is was Bestimmtes…?“
„…Nein, ich bin nur ein bißchen liebesbedürftig.“
Na toll, und das nachdem in den drei Tagen, an denen sie hier ist, nichts passiert ist, und sie in einer halben Stunde oder so in den Zug steigen muß.

Wir verlagern uns auf das Sofa und machen einige unbeholfene Gesten körperlicher Annäherung, worüber Lena irgendwann kichert.

Und dann wird mir plötzlich klar, daß ich das gerade nicht brauche. Es ist, als ob ich etwas ziemlich Wertvolles grade in einer bedeutungslosen Situation verschwende – und falls sich Bedeutung entwickelt, werde ich nur wieder einer Person nachtrauern, die alles andere im Sinn hat, als ein geregeltes Leben in meiner Nähe zu führen.

„Wir sollten das nicht tun…“
„Ich muß eh gleich zu Zug.“

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Fucking Weihnachten. An Heiligabend sitzen wir im Proberaum und nehmen auf. Als erstes das Schlagzeug. Ulla, unsere Schlagzeugerin, ist gegen Golf und mich die totale Anfängerin. Nichtsdestotrotz knüppelt sie die vier Songs ohne Playback oder Ghosttrack beim ersten Mal ziemlich korrekt ohne nennenswerte Geschwindigkeitsschwankungen ein.

xmas

Im Gegensatz zu Golf und mir, die wir einige Versuche brauchen, unsere Parts korrekt einzuspielen.

Es geht recht gut vorwärts, bis wir verpeilen, die Geschwindigkeit der Schlagzeugspuren wieder anzugleichen, nachdem wir sie verändert haben und dann alle Bass- und Gitarrenspuren in der falschen Geschwindigkeit aufnehmen blablabla Musikernerdgelaber blablabla. Aber wir haben ja noch zwei Weihnachtsfeiertage Zeit.

Mit meiner Mutter versöhne ich mich an dem Tag auch noch am Telefon und dann bin ich bei Golf und Ulla zum Essen eingeladen und Weihnachten geht relativ entspannt über die Bühne, vor allem dank Ullas krasser Mozarella-Mango-Curry-Vorspeise. Und ich sitze am Ende des Tages im Bus und blicke durch das Fenster auf das stille, weihnachtliche Frankfurt mit den Lichtern in den Fenstern und fühle mich recht zufrieden.

Währenddessen steckt sich meine gesamte Familie im Haus meiner Großeltern, wo sie feiern und alle übernachten, an Brechdurchfall an und fangen alle in derselben Nacht an, rumzukotzen. Das Beste verpasse ich also.

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Die Woche zwischen Weihnachten und Silvester verläuft wie jedes Jahr völlig öde und unspektakulär. An jedem einzelnen Tag ist der Himmel grau und verursacht eine Art der Müdigkeit, die einen den ganzen Tag pennen lassen will. Leidlich spannend wird erst wieder der Silvesterabend, an dem ich bei Scüm-Gitarrist Basti und seiner Freundin Michi eingeladen bin. Die bewohnen eine chaotische Punker-Wohnung im fünften Stock des Nordend-Hauses, in dem auch Fee und Julle und zudem noch „Blutgericht in Ginnheim“-Regisseur Kutte wohnen. Jaja, wir sind so krasse Szene-Bohemiens. Basti, der auch anwesende Pogos Projekt-Bassist Toto und ich haben sehr viel Spaß mit zwei E-Gitarren und einem Elektro-Drumpad – zum Leidwesen aller anderen Anwesenden werden sämtlich albernen Gitarrenschüler-Metal-Riffs runtergeknüppelt – egal ob wir sie sauber spielen können oder nicht.

Der Hauskater GG (benannt nach GG Allin) verzieht sich dann auch ins Schlafzimmer unters Bett. Michi und Basti wollten ursprünglich das Haus an Silvester nicht verlassen, damit dieser nicht allein ist, wenn es draußen so laut ist und keine Angst bekommt – Mission fehlgeschlagen. Unser Krach ist sehr viel traumatisierender für das arme Tier, als es jeder Silvesterböller sein könnte.

Und so endet Silvester diesmal nicht als deprimierender Abend zwischen lauter komatös besoffenen latent aggressiven Menschenmengen in einem vollen Club mit schlechter Musik, sondern als echt netter Abend unter Freunden, selbst wenn zwei Pärchen dabei sind.

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Renates Mutter ist vor etwa drei Jahren gestorben. Und seitdem kümmert sich deren ehemaliger Lebensgefährte um Renate. Und zwar schlecht. Denn der ist auch schon über siebzig Jahre alt, und Renate ist mehrfachbehindert. Sie sitzt im Rollstuhl und hat eine beinahe den ganze Körper einschließende spastische Tetraparese. Das ist eine Lähmung, die mit einem muskulösem Hypertonus einhergeht. Renate kann nur sehr schwer mit einer Hand Dinge greifen.

Renate ist auch geistig behindert, doch sie bekommt alles mit. Sie liebt es, Kaffee zu trinken. Trinken in dem Sinne kann sie auch nicht, sie hat eine Schluckstörung. Der Kaffee muß ihr mit einem Esslöffel eingeflösst werden. Viel Milch und Zucker, bitte. Wenn man Renate als „alte Kaffeetante“ bezeichnet, lacht sie und bespuckt das Betreuungspersonal durch eine Zahnlücke mit Kaffee.

Beim musikpädagogischen Nachmittag spielt Renate Keyboard. Sie kann mit einer Hand auf die Tasten drücken, wenn man das Keyboard auf den Tisch ihres Rollstuhls legt. Sie kann nur nicht selbst wieder loslassen. Wenn alle aufhören zu spielen, hört man immer noch den grellen Ton, den sie verursacht, indem sie mit einer Hand irgendwelche Tasten drückt.

„Renate! Ruhe jetzt!“ schreien wir dann und Renate grinst.

Der Lebensgefährte ihrer toten Mutter, Herbert, will sie nicht in ein Wohnheim abgeben, obwohl er nicht mehr wirklich damit klarkommt, sie zu pflegen. Renate kommt oft ungewaschen in die Tagesstätte, so daß die Kollegin sie dann in die Badewanne setzt, obwohl das nicht unsere Aufgabe ist.

Wie viele Menschen, die sich aufgrund von Lähmungen nicht wirklich bewegen, hat auch Renate Probleme mit der Verdauung, also Obstipation, Verstopfung. Herbert löst das auf die Art, daß er Renate Rizinusöl zu trinken gibt, worauf sie immer zwei Tage lang Durchfall hat. Das dies eine, ja, Scheißlösung ist, will er nicht einsehen. Flüssigkeitsverlusst, Wundwerden des Gesäßes mit darauffolgende Dekubitusgefahr – wir können uns den Mund fusselig reden.

Irgendwann fragt dann eine Kollegin Renate, ob sie nicht ausziehen wolle. Das Problem ist, daß Renate sich nicht richtig äußern kann, nur wer sie gut kennt, kann einschätzen, ob sie nickt, mit dem Kopf schüttelt oder einfach nur tremorbedingt zuckt. Und das ist das Problem. Die Richterin, die der soziale Dienst hinzuzieht, erkennt keine klare Willenserklärung. Und gegenüber ihr beteuert Herbert, wie sehr es Renate bei ihm gefalle.

Eines Tages kommt Renate nicht in die Tagesstätte. Das geschieht öfters. Doch diesmal ruft Herbert bei uns an, Renate habe wohl Schmerzen und würde schwer atmen, was er tun solle.

„Die 112, Rettungswagen und ab ins Krankenhaus. Oder zumindest den ärztlich Notdienst holen.“ meint die Kollegin zu ihm. Herbert wiegelt ab, es sei nicht so schlimm.

Herbert bekommt natürlich auch einen Haufen Pflegegeld von der Kasse für Renate. Zuviel dafür, daß er es so scheiße macht, finden wir.

Die Richterin kommt ein zweites Mal, spricht mit den Kollegen und mit dem sozialen Dienst. Aber es passiert nichts. In Deutschland gibt es nicht einfach plötzlich freie Heimplätze. Es gibt lange Wartelisten. Und Gerichte entscheiden auch nicht von heute auf morgen.

Eines Morgens ist Renate dann tot. Die Ursachen sind völlig ungeklärt, jetzt werde etwas passieren, versichert uns unsere Chefin.

Nichts passiert. Wir gehen zur Beerdigung, wünschen Herbert viel Beileid. Die Pfarrerin redet darüber, welch ein erfülltes Leben Renate gehabt habe, mit Herbert, seinem Hund undsoweiter.

Am Tag der Beerdigung haben Basti und ich beide einen sehr anstrengenden, nervösen Reizhusten. Wir husten ständig während der Beerdigung.

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frau

Der Januar beginnt mit dem tagsüber-arbeiten-abends-proben-Rythmus. Ich falle abends gegen halb zwölf ins Bett und am nächsten Morgen quäle ich mich gegen halb sechs aus demselben. Ich brauche laaaaange morgens um wachzuwerden, dafür erledige ich dann auch schon Dinge wie Wäsche waschen, Bass üben (Hallo Nachbarn!), meinen MP3-Player bestücken oder eben wachwerden. Nach dem zweiten Kaffee geht es meistens irgendwie.

Das spannendste ist Musiknerd-Zeug, wie z.B. daß wir in der Band Gitarre und Bass jeweils aufs tiefe A runterstimmen, wodurch ich gezwungen bin, einen Fünfsaitersatz auf meinen Viersaiter aufzuziehen, was sich aber einfach nur geil anfühlt. Bei Bassisten wie mir gilt: Saitendicke = Schwanzdicke. Zusätzlich werden wir die tiefste Band der Stadt, die NICHT Djent spielt.

Dazwischen hängen wir auf Golfs Arbeit in der Werkstadt ab, um Speaker in seine 70er-Jahre Marshall-Box einzubauen. Jetzt spielt er bei jeder Probe mit zwei 100-Watt-Röhrenamps und zwei 4/12er Boxen. Ich brauch eine zweite Bassbox…

night

An einem Samstag Anfang Januar klingelt mich der Freund von Frau Att gegen elf Uhr vormittags aus dem Bett und reicht mich weiter an einen von den Freaks von Occupy Frankfurt. Ja, die Verrückten, die schon den ganzen Winter über am Willy-Brandt-Platz ZELTEN. Sie machen in einer Woche ein Open Air, und ob ich da spielen wollen. Ja, will ich.

Der 15. Januar ist traditionell ein eher ungünstiges Datum für Open Air-Konzerte. Das Wetter an besagtem Tag ist zwar super, aber es ist echt scheißekalt. Die Homies von Scüm spielen auch. Am Tag vorher frühstücke ich bei Fee und Basti von Scüm ist auch anwesend. Und so gehen wir danach erstmal zu den Occupy-Leuten um die Lage zu checken und finden eine ziemlich coole Bühne mit wirklich okayer Anlage vor.

Danach geht es ins Bahnhofsviertel zu CREAM-Music, zum Saitenkaufen. Vorbei an all den Junkies.

„Ey, weisste, ich hab gesehen, mit was für Leuten du abhängst, das geht echt garnicht ey….“ redet ein abgemagerter Typ mit fettigen langen Haaren, absurdem Ledermantel und bizarrem Ring- und Halsketten-Schmuck auf einen anderen Typen ein, der etwa genauso aussieht. Willkommen in der Taunusstrasse.

Gegenüber von CREAM gibt es einen Import/Export-Laden, in dem Basti und ich ein Spielzeug-Maschinengewehr finden, das Geräusche macht und leuchtet! Boooaaaaah! Es kostet zehn Euro und meine Vernunft hat es schwer, mich zu überzeugen, daß es inadäquat ist, soviel für so einen Schwachsinn auszugeben. Ich bereue es Wochen danach immer noch, dieses Ding NICHT gekauft zu haben….

Und wir entdecken, daß es an jedem Kiosk im Bahnhofsviertel diese kleinen Pfeifen gibt, mit denen man Crack raucht. Naja, jeder Unternehmer muß sich seiner Kundschaft anpassen…

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Am nächsten Tag ist trotz eisiger Winterkälte das Wetter schön. Immerhin. Basti und ich fahren nach Oberursel und holen das Scüm-Zeug da ab.

Als wir am Willy-Brandt-Platz ankommen, fahren wir erstmal unter den Augen von mehreren Polizisten über den Fußweg ins Camp rein. Ich wollte immer schon mal mit dem Auto durch irgendeinen Park fahren. Stirb-Langsam-Style!

wbp

Von den Verantwortlichen ist keiner da, die sind noch auf der Demo, nur ein Haufen Klugscheisser hängt rum.
„Das Auto muß da weg.“
„Das Auto kann da ruhig stehenbleiben.“
Es wird deutlich, daß hier jeder einen Plan hat, nur jeder einen anderen. Und daß die Occupy-Sache zur einen Hälfte aus sehr engagierten, klugen Leuten besteht und zur anderen aus nervigen Wichtigtuern.

Die netten Leute mit Plan überwiegen zum Glück und haben die Sache auch einigermaßen in der Hand. Die Auftrittsbedingungen sind abgesehen von der Außentemperatur ziemlich super. Es ist ÜBERALL kalt. Der „Backstage-Bereich“ ist eine abgetrennte Ecke in einem Zelt. Da steht eine Gasheizung, die im Ein-Meter Umkreis auch halbwegs wärmt. Das Band-Catering ist am Abend davor von irgendwelchen Leuten aufgegessen worden.

Der Blues-Bones-Basti (derselbe, der Gitarren aus Zigarrenkisten baut, siehe www.blues-bones.de) hat versprochen, mir eine gigantische nuklearbetriebene Elektroheizung für meinen Gig zu konstruieren. Sofern ich ihm das erforderliche Plutonium besorge. Leider komme ich so kurzfristig nicht an soviel Zeug ran und so wird das nix.

Aber hey, wir spielen mitten in Frankfurt, am Willy-Brandt-Platz. Direkt im Schatten der ganzen Mordor-Türme darf ich durch eine Anlage fordern, bei der nächsten Revolution kurzen Prozess mit all der Arschgeigen zu machen! YEAH!

occupy

Und so wird der Auftritt auch echt der Beste meine bisherigen Solo-“Karriere“ (haha). Ich habe ca. 30 Leute Publikum, die trotz Kälte BLEIBEN. YEAH!

Ansonsten ist die ganze Sache ziemlich hippiesk, während meines Gigs trommeln Leute auf irgendwelchen Bongos mit und hinter mir hängt das Atomkraft-Nein-Danke-Banner, während auf meiner Gitarre der ATOMKRIEG – JA BITTE!-Sticker klebt. Und ich habe einen Wollpulli an. Punkrock geht anders, aber hey, es war soooo KALT!

Nach mir spielt eine Coverband, die wirklich SEHR schlecht ist. Ganz viele Leute filmen mit ihren Handys, weil die Band SO SCHLECHT ist, daß sie diesen Moment der öffentlichen Demütigung aller Beteiligten unbedingt festhalten wollen. Einer der Veranstalter meint dann auch „Ja, wir sind stilistisch heute sehr breit aufgestellt. Bei uns dürfen auch schlechte Bands spielen.“.

Danach spielen SCÜM. „Jungs, sonst spielt ihr doch auch mit nacktem Oberkörper…“ kommen hämische Rufe aus den Publikum, während die Band in dicken Jacken den Soundcheck macht.

SCÜM, die härteste Hardcoreband Frankfurts, haben zwei Heizlüfter auf der Bühne und killen damit schon beim Soundcheck die Sicherungen des ganzen Camps. Das wird sich während des Gigs dreimal wiederholen, bis jemand auf die Idee kommt, zu bemerken, daß eines von diesen kleinen Dingern ganze 2000 Watt zieht und man sie deshalb lieber ausmachen sollte.

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„Ich weiß auch nicht, jetzt hat es fast acht Wochen gedauert und plötzlich blute ich wieder. Das liegt bestimmt daran, daß ich wieder anfange, mir meiner Weiblichkeit bewusst zu werden….“
„Äh….ahja….“

Lena ist wieder für drei Tage bei mir, um zum zweiten Mal die praktische Prüfung für ihre Fotographenausbildung hier in Frankfurt zu absolvieren. Die letzten drei Wochen hat sie in Darmstadt im Wohnzimmer einer WG auf dem Sofa gelebt und dort bei einem bekannten Fotographen gearbeitet. Dann will sie für ein paar Tage zu ihrem Vater und dann nach Polen.

Ich wünsch ihr am Montag morgen viel Glück und Erfolg, als ich die Wohnung Richtung Arbeit verlasse. Als ich gegen drei Uhr nachmittags nichts von ihr gehört habe, schicke ich ihr ein „und?“ und bekomme eine nur aus zwei Worten bestehende SMS zurück: „nicht bestanden“.

Nichtsdestotrotz ist sie einigermaßen gefasst, als ich abends nach Hause komme. Sie sitzt vor meinem PC und skypet mit einem Typen, mit dem sie irgendwas laufen hat. Er ist mir prompt richtig unsympathisch.

Dann sitzen wir einige Minuten gemeinsam vor Google Earth, unsere Hände berühren sich….und als wir dann schlafen gehen, jeder in seinem eigenen Bett, gehe ich rüber zu ihr, nähere mich ihr und bekomme eine freundliche aber bestimmte Abfuhr. Rache für letztes Mal, oder so.

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„Sie hat gesagt, er muß an die Dialyse. Bauchfelldialyse. Seine Nierenwerte sind in den letzten Monaten rapide schlechter geworden. Die rechte Niere arbeitet nur noch mit zwanzig Prozent, die linke ist garnicht mehr zu erkennen auf dem CT. Die Dialyse muß mehrmals täglich gemacht werden, von speziell geschultem Personal. Und man kann das nicht ewig machen. Kuckt mal an, wie schon die normale Dialyse den Enrico fertigmacht. Und der Antonio wiegt gerade mal vierzig Kilo. Er bräuchte eine Spenderniere, aber er ist so schwach, daß er die OP nicht überstehen würde. Die Nephrologin sagt, daß er noch etwa ein, zwei Jahre hat. Wenn man jetzt aber bedenkt, daß er ursprünglich eine Lebenserwartung von VIER Jahren hatte und es jetzt bis DREIUNDZWANZIG geschafft hat, dann ist das ziemlich gut. Und schaut euch den Typen an. Der kommt jeden Tag grinsend hier rein, macht den ganzen Tag Quatsch und lacht sich die ganze Zeit halb tot. Der ist der Sonnenschein der Einrichtung. Bei keinem unserer Klienten denke ich weniger an Tod, wenn ich ihn sehe. HEY ANTONIO! HÖRST DU MAL BITTE AUF BETTINAS FRÜHSTÜCK ZU KLAUEN!!!!! UND HÖR AUF SO ZU LACHEN! DAS IST NICHT WITZIG. Naja, ein bißchen schon, hihi. Verdammt ich hab gelacht. Wieder die Pädagogik verkackt.“

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Gig in Miltenberg. Mein Homie MAPEC (http://www.youtube.com/user/mapecCLIPS) hat den organisiert. KBF Revolte, die Band seines Sohnes, spielen auch. Fee kommt mit, was ziemlich großartig von ihr ist, denn allein auf Gigs zu fahren ist immer so eine Sache, da kommt man sich leicht verloren vor, nachts bei der Rückfahrt oder in einem leeren Laden mit ein paar anderen Bands, die alle dieses Muckertumgelaber ausleben.

Die Veranstaltung ist vom Cafe der Caritas ins nahegelegene Jugendzentrum verlegt worden, weil keiner mit irgendwelchen Gästen rechnet, obwohl (oder weil?) niemand irgendwelchen Eintritt verlangt.

Im größten Raum der Jugendzentrums haben KBF Revolte schon ihr Zeug aufgebaut. Auf den Sofas sitzen vier Leute, die sie mitgebracht haben und eine Handvoll Jugendlicher, die hier wohl immer rumhängen.

Das Ganze hat deutliches Klassenpartyflair, aber was solls. KBF Revolte, in Persona MC HEIZKESSEL und MC MÖRDERBEAT und ihre Handvoll Leute beginnen mit ihrem Antifa-Elektropunk und haben Spaß. Die bräuchten mehr Publikum, dann würde das abgehen. Im Jugendzentrum ist Alkoholverbot und KBF Revolte trinken Apfelsaftschorle, die irgendwie mehr schäumt als Apfelsaftschorle sonst. Fee nippt halb verstohlen an ihrem Bier, aber so richtig kümmert das hier keinen.

Irgendwann bin ich dann dran. Es ist ein guter Abend, trotz des fehlenden Publikums. Ich habe das ja schonmal geschrieben, aber ich finde, daß meine Musik mit wenig Publikum irgendwie besser funktioniert. Vor allem die leisen und langsamen Songs. Da labert dann keiner rein oder so.

Da ich HEADLINER (WOOOHOOO!) bin und eh fast keiner da ist, wird auf jegliche Publikumserwartung geschissen und nach dem Set mit den lustigen Songs (bei denen die KBF-Jungs zum Teil textsicher mitsingen und tanzen – yeah!) schiebe ich noch eine halbe Stunde lang die leisen hinterher. Da hören dann nur noch Martin und Fee zu.

Der Abend endet, indem ich beim Abbau eine der bunten Neonröhren von KBF Revolte zertrete (die lag halt so dekorativ am Boden rum). Das ist denen aber erstmal egal (meldet euch mal, wie ich euch ne neue zukommen lassen kann!) und dann hängen wir noch eine Weile gangmäßig auf Miltenbergs Hauptstrasse ab, die anderen trinken Bier und MC HEIZKESSEL freestylet rum. Fee entschuldigt sich auf der Rückfahrt ein dutzend Mal, daß sie so betrunken ist und kotzt am Bunker, als ich das Equipment in den Proberaum bringe, auf den Gehsteig. Wir hatten Spaß, danke Miltenberg!

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cold

Eine Woche später ist es noch kälter. An einem sonnigen, aber umso eisigeren Samstagvormittag in Januar steige ich ins Auto, das ich mit mir mit Frau Att teile (der sagenumwobene Att-Yohazid-Panzer, ein uralter feuerroter Ford Sierra Kombi mit einem tiefdröhnendem Motorgeräusch, das ihm den Titel „Panzer“ eingebracht hat), und lade einmal mehr mein ganzes Equipment ein.

Ziel ist das Juli Kapelle-Hauptquartier in Bockenem bei Hildesheim. AS von der Juli Kapelle ist ein alter Bekannter, ein Homie sozusagen. Seine Freundin, die HERZSCHWESTER. macht Fotos. Kunst! Doppelte Belichtung und so. Und sie stellt ihre Bilder an diesem Samstag in einem Plattenladen in Braunschweig aus, der abends eine Kneipe ist. Das Wort, das ich eigentlich nicht schreiben will, weil es mich in Verbindung mit KULTUR bringt ist „Vernissage“. An diesem Abend ist die Eröffnung ihrer Ausstellung. Juli Kapelle spielen, Kühl&Sauer (das Projekt von AS und VB Kühl) ebenso, und die Künstlerin hat mich gefragt, ob ich auch auftreten will.

AS von Juli Kapelle, bürgerlich Achim, lernte ich vor mehr als zehn Jahren kennen. Damals lebte ich in Augsburg und produzierte in meinem Jugendzimmer in der Wohnung meiner Mutter verrauschtes Hiphop-Zeug. Das schickte ich ihm, er betreibt nämlich ein Unter-Untergrund-Indielabel, T&TT (http://www.tundtt.de/). Ein Song von mir erschien dann auf einem Labelsampler. Nachdem ich nach Frankfurt übergesiedelt war, planten wir eine Zusammenarbeit.

Achim lebt dort in Bockenem. Das ist ein Kaff an der A7 im norddeutschen Niemandsland und hat nicht mal einen Bahnhof.

Sein Vater betrieb dort lange einen Autohof und ein Hotel, und als Achim 15 Jahre oder so alt war, zog er von Aschaffenburg dorthin und schaffte jahrelang im väterlichen Betrieb. Und tat sonst nichts, verdiente dabei aber ganz gut Geld und baute schließlich dort im Niemandsland ein Haus und das 7V-Studio.

Der Autohof wurde irgendwann verkauft und nun lebt Achim dort und betreibt Hotel und Studio, in dem ich im Februar 2002 mein erstes „Album“ aufgenommen und dann bei seinem Label veröffentlich habe, „Front: Europa“, Auflage ca. 100 Stück, jedes einzelne Exemplar selbst gebrannt, jedes Cover selbst ausgeschnippelt. Die ganze Sache ist mir heute ein bißchen peinlich, da das Album Jugendsünden wie „Vagina Song“ enthält. Ich war jung und brauchte die Aufmerksamkeit.

Die Fahrt Richtung Norden hat es in sich. Der Panzer hat keine Heizung mehr, und die Außentemperatur liegt an diesem Wochenende deutlich im Minusbereich. Ich trage also lange Unterhosen und drei Paar Socken sowie zwei Mützen übereinander, trotzdem spüre ich nach etwa einer halben Stunde Fahrt meine Füße nicht mehr. Die Sprinkleranlage ist natürlich auch eingefroren. Trotzdem komme ich erstmal gut voran, es ist trocken und die Sonne scheint.

Erst bei Kassel beginnt es zu schneien. Und wie genau bei meinem Gig in Siegen, über den ich vor ca. einem Jahr an dieser Stelle berichtet habe, hat der Panzer immer noch keine Winterreifen. Also, er hat auf den Hinterrädern schon Winterreifen drauf, nur sind die seit Jahren permanent aufgezogen, also entsprechend abgefahren. Und dazu Heckantrieb, auch nicht soooo super bei Glätte.

Der Plan ist, es einfach bis nach Bockenem zu schaffen, und ab da mit den anderen in Achims Bus die letzten 60 Kilometer nach Braunschweig zu fahren.

Im dichten Schneetreiben erreiche ich also halb fahrend, halb rutschend das 7V-Studio.

Achims Haus ist vollgestopft mit Gitarren, Bässen, Verstärkern und anderen Saiteninstrumenten. Dazwischen stehen ein paar Schlagzeuge rum und Tonnen an irgendwelchen Synthies und Effektgeräten. Das Erdgeschoß beherbergt das 7V-Studio, daran schließt direkt eine große Küche an.

Als ich ankomme, hängen eben dort gerade die Herzschwester und VB Kühl ab, vor einem Tisch auf dem leckere Dinge zu essen liegen, hauptsächlich Brot und verschiedene Wurstwaren. Achim selbst ist irgendwo im Obergeschoß zugange, da ist der Wohnbereich und das Atelier der Herzschwester.

Also gibt es erstmal zu Essen und Kaffee. Dann begeben wir uns alle nach oben, wo VB und Achim mit der Herzschwester den Beginn des Gigs proben. Unterm Dach ist ein großer Raum, in dem auch ein Schlagzeug und diveres Musikequipment stehen, sowie ein DJ-Pult und hunderte Platten.

Leider ist Achims Bus ausgebucht und es wird klar, daß ich den Weg nach Braunschweig im eigenen SCHLITTEN (hat jemand diesen Wortwitz gerafft? Ich bin sehr stolz drauf!) zurücklegen muß. Was solls. Irgendwann stirbt jeder mal.

Noch dazu habe ich kein Navi und keine Wegbeschreibung. Und ich war noch nie in Braunschweig. Und mittlerweile ist noch mehr Schnee gefallen.

Wir brechen auf, als es schon dunkel ist. Ich befreie den Panzer von Schnee und dann heisst es aufsitzen. Ich rutsche über die Landstraße zur Autobahn, stetig versuchend, den Anschluß an Achims Bus nicht zu verlieren. Es gibt ein paar Momente, in denen ich echt Angst bekomme. Die Lösung liegt nahe: Ich habe das letzte Darkthrone-Album auf dem MP3-Player und drehe das laut. Das macht alles viel besser, denn mit Darkthrone im Schnee zu sterben ist doch ein ganz cooler Tod, oder?

darkthrone

Wir erreichen Braunschweig lebend, suchen Parkplätze, laden aus und bauen unser Zeug auf. Dann ist da dieser einsame Moment vor dem Beginn der Veranstaltung, wenn alle anderen mit irgendwas beschäftigt sind oder sich unterhalten und man selbst rumhängt, nichts zu tun hat und sich ein bißchen verloren fühlt, hunderte Kilometer weg von zuhause in einer fremden Stadt, umgeben von mehr oder weniger fremden Leuten. Und man sich fragt WIESO man das alles auf sich nimmt, nur um eine halbe Stunde lang seine Musik zu spielen. Meistens hört ja noch nichtmal jemand wirklich zu.

„Kann ich eine Cola haben?“
„Klaro, du hast einen Bart, also gehörst du zur Band, oder? Einfache Regel, stimmt immer.“

Die Veranstaltung beginnt mit der Eröffnung der Vernissage und musikalischen Grußworten der Herzschwester, begleitet von Kühl&Sauer.

„Auf irgendeinem Auge ist jeder von uns blind. Ich will euch blinzeln sehn.“

ksh

Danach läuft der Kühl&Sauer-Gig. Das Publikum ist noch ziemlich reserviert. Während des Gigs wird versucht, eines der Bilder zu versteigern, doch das anwesende bierselige Kneipen-Plattenladen-Publikum gehört nicht zu den zahlungsfreudigen Kunstliebhabern und bietet Beträge wie „50 Cent!“.

Dann wird umgebaut für die Juli Kapelle und da die Veranstalung verspätet begonnen hat, bittet uns der Besitzer des Ladens, die Sache abzukürzen, denn der DJ soll pünktlich anfangen. Ja, genau, wir brüsten uns gerne damit, Livemusik in unserem Laden zu haben, solange unser DJ pünktlich anfangen und Musik spielen kann, die die Leute zum Alk konsumieren bringt.

In meinem Kopf läuft ein Wutanfall ab, den ich tatsächlich verberge und beschließe, einfach nicht kürzer zu spielen. Ich bin nicht 300 Kilometer in einem eiskalten Panzer angereist, um nur eine Viertelstunde zu spielen, damit irgendein Seinemutterindenenddarmficker-DJ pünktlich anfangen kann.

Dafür sind Juli Kapelle kompromissbereit und spielen nur vier Songs. Fickt Euch, Braunschweig.

Um die Umbaupause zu verkürzen bietet mir Achim an, einfach mit seiner Gitarre weiterzumachen. Das ist ein gutes Angebot, denn die ist ungefähr zehnmal soviel wert wie meine und klingt zusammen mit seinem Amp ziemlich großartig. Pulli ausgezogen, Slayer-Shirt drunter.

„Hallo Braunschweig. Ich bin Yohazid aus Frankfurt.“
„Halt die Fresse und spiel!“
„Ahja. Endlich kommt was von euch. Das finde ich gut. Da geht noch was, Braunschweig!“

Ich beginne mit einem offenen D-Akkord. Achims Gitarre gibt eine warme Schallwelle von sich und die Röhren im Verstärker hinter mir verzerren den Klang zu einer dunklen Wolke. Ich lege den Kopf nach hinten und bade in der Flut aus Krach. Jetzt bekommt ihr es, ihr norddeutschen Arschgesichter.

brownshwyig

Die Leute bleiben und es wird ein richtig guter Gig. Mission accomplished.

Die Rückfahrt wird wieder abenteuerlich. Dieses eklige Gefühl, THAT AWKWARD MOMENT, wenn man spürt, wie das Auto fährend der Fahrt plötzlich zehn Zentimeter zur Seite rutscht.

Bei Salzgitter schließlich bietet sich mir der imposante Anblick der leuchtenden Industrieanlagen, die riesige Wolken aus Wasserdampf in den klaren Winterhimmer blasen. Plötzlich durchfahre ich selbst einige dieser Wolken und die Sicht verringert sich auf wenige Meter, es ist als würde ich durch die Zone in Strugatzkis STALKER fahren.

Und einmal mehr erreiche ich das Ziel unverletzt.

Die Nacht klingt lange aus mit einer Plattenhör-Musikmach-Session im 7V-Studio, in bester Gesellschaft der Juli Kapelle-Jungs samt Anhang sowie der Herzschwester und Herrn Kühls.

Und dann penne ich bei Achim, was bedeutet, daß er mir einfach den Schlüssel für ein Zimmer in seinem Hotel in die Hand drückt.

„Erster Stock, gleich links, da steht die Nummer drauf.“

Am nächsten Morgen öffnet mir ein gähnender VB Kühl die Tür zum Haus.

„Die anderen pennen noch. Ich komm auch gleich runter.“ „Gleich“ = drei Stunden später.

Die nächsten vier Stunden hänge ich noch in der Küche ab, süffele Kaffee, unterhalte mich mit den Resten des Juli Kapelle/VB Kühl/Herzschwester-Partyvolks, die alle so nach und nach aufwachen. Und dann, gegen drei Uhr Nachmittags mache ich mich auch wieder auf den Weg.

Vier Paar Socken (gut daß ich immer zu große Schuhe anhabe), lange Unterhose, drei Kapus, Winterjacke…Herzschwester drückt mir noch 50 Euro Benzingeld in die Hand und dann geht es wieder raus in die Eiswüste.

Die Autobahn ist trocken, aber es ist NOCH kälter geworden. Schon bei Göttingen spüre ich meine Füße nicht mehr. Ich muß zweimal anhalten, um die Windschutzscheibe zu reinigen. Da die Sprinkleranlage nicht mehr funktioniert, schütte ich Mineralwasser drauf und muß dieses SCHNELL abwischen, da es sofort gefriert und die Scheibe vereist.

Auf der Höhe von Marburg bin ich gezwungen, eine Raststätte aufzusuchen und mich aufzuwärmen, da ich es nicht mehr aushalten. BATTLES AGAINST THE NORTH!!!!

north

I survived Winter in Germany 2012.

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Eine weitere Woche vergeht und dann ist LAPPENPACK III im Faites Vorte Jeus in Frankfurt. Die Konzertreihe, die von den Homies von SCÜM organisiert wird. Der Laden ist ein linkes Kulturzentrum im ehemaligen Polizeigefängnis an der Konstablerwache und wird deshalb nur „Knast“ genannt.

Der Bau hat eine einschläge Geschichte, die bis weit in die Zeit des dritten Reichs zurückreicht. Das Betreiberkollektiv versucht deshalb, möglichst pietätvoll mit den Räumlichkeiten umzugehen. Das klappt nicht immer, was Schilder wie „Bitte kein Geschlechtsverkehr in den Zellen!“ oder „Bitte keine Tags in den Zellen!“ beweisen. Trotzdem ist es ziemlich lobenswert, daß dieses Zeichen der dunkler Vergangenheit erhalten wird und für etwas positives genutzt wird, nämlich als Raum für Veranstaltungen, die sonst niemals Platz in der Frankfurter Innenstadt fänden. Die Stadt will den ganzen Bau natürlich am liebsten abreißen und kommerzialisieren, also eine weitere Gewerbefläche daraus machen -Renate! Ruhe jetzt!http://www.bilder-hochladen.net/files/big/4mgf-7k-e569.jpg was meiner Meinung nach sehr viel pietätsloser ist, als Sex in den Gefängniszellen zu haben, die darüber hinaus noch als Dauerausstellung über die Verbrechen des dritten Reichs dienen.

Heute spielen SCÜM, ABC ALERT, POGOS PROJEKT, AGONY AND SCREAM und SCHEISSE MINELLI. Um den Gig von SCHEISSE MINELLI hat es im Vorfeld noch Diskussionen gegeben, denn irgendwann einmal hat ein ehemaliger Gitarrist der Band wohl während eines Gigs die Konföderiertenflagge aufgehängt um damit seine Verbundenheit zum Südstaatenrock zu demonstrieren – leider fassen das einige politisch SEHR korrekte Zeitgenossen als eine Relativierung der Sklaverei….Blablabla. SCHEISSE MINELLI spielen trotdem.

Leider sind am Tag der Veranstaltung alle Toiletten im Ganzen Gebäude zugefroren.

„Typisch, diese Weltverbesserer haben bestimmt immer die Heizungen abgedreht.“ lautet das Zitat eines Mitglieds einer der spielenden Bands hierzu.

Also wird wohl noch eine neue Toilette GEBAUT, mit einem Gummischlauch als Ablußrohr. Die meisten Anwesenden und auch ich pinkeln, Pietät hin oder her, im Hof.

Im ganzen Gebäude ist es etwa so kalt wie draußen, und so werden überall Heizlüfter angeworfen, die bei der ersten Band, ABC ALERT, für SECHS !!! Stromausfälle sorgen, da sie die alten Sicherungen des Ladens völlig überfordern. Mit mehreren Verlängerungskabeln werden die Stromquellen also auf mehrere Sicherungen verteilt, und danach halten sich auch die Stromausfälle in Grenzen – aber es bleibt eisig kalt. Trotzdem ist die Stimmung gut, ABC ALERT rocken ein solides Crust-Brett runter, ohne Ansagen zwischen den Songs, da der Gitarrist einfach immer seine Gitarre offenlässt und für ein konstantes ohrenbetäubendes Feedback in den Pausen sorgt.

krok

Danach gibt es Streetcore mit den Homies von POGOS PROJEKT und schließlich beginnen die Gastgeber von SCÜM mit ihrem Oldschool-Geschrei und die Leute fangen an zu moshen und zu circlepitten. Bassist Paul trägt ein Krokodilskostüm. Ich bekomme wieder zwei Minuten Ruhm, indem ich beim Song „Kleinigkeit“ mitbrüllen darf und dann kommt es auch noch zu einer Beinahe-Schlägerei, als jemand es NICHT lustig findet, daß der sehr alkoholisierte Mitbewohner von SCÜM-Sänger Richie mitten im Raum die Hose runterlässt. Leider verpasse ich diesen spannenden Moment, da ich gerade im Hof pinkeln bin und davon traumatisiert werden, daß ich, als ich um die Ecke laufe, direkt vor einer weiblichen Konzertbesucherin stehe, die auch pinkelt.
„Ääääh….Entschuldigung.“
„Kein Ding, ist Platz genug. Du darfst hier gern auch hinpinkeln.“
„Ääääh….“
„Hab ich dich jetzt traumatisiert oder was?“

schrei

Schließlich springt noch jemand beim pogen dem Paul in den Bass, worauf der sensible Künstler wütend die Bühne verlässt, was ihm am restlichen Abend Hohn und Spott einbringt.

Ich verlasse schließlich mit meiner Nachbarin Lina den Laden in Richtung Bornheim, was für mehrere saublöde Bemerkungen in den nächsten Tagen sorgt, sogar von Leuten die gar nicht da waren.

„Ich hab gehört du bist mit Lina gegangen?!“
„Die WOHNT bei mir in der Nähe, wir sind ZUSAMMEN UBAHN GEFAHREN!!!“
„Jajajaja. Klar.“

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„Gestern hab ich wieder geblutet!“

Ein großer Verlust für die Landesverteidigung.

„Guten Morgen.“
„Der Fernseher ist weg!“
„Äh. Was?!“
„Der Fernseher ist weg!!“
„Welcher Fernseher?“
„Der im Raucherraum.“
„?!?!?!“
„Der war gestern noch da als ich die letzte Runde gemacht hab. Dann habe ich mich hingelegt, niemand hat nachts geläutet oder geklopft und heute morgen komme ich hier hoch, sitzt da der Herr Nuß und fragt wo der Fernseher hin ist.“
„Wow. Warte mal, ich zieh erstmal die Jacke aus, ja?“
Ich laufe ins Stationszimmer und hänge meine Jacke an die Garderobe.

„Hr. Giesemann der Fernseher im Raucherraum ist geklaut!“
Die Fr. Boldt steht in Morgenmantel und Pantoffeln in der Tür.
„Morgen erstmal…“
„Morgen….wer hat denn den Fernseher weggetan?!“

Ja, wer hat den Fernseher nachts aus dem Wohnheim getragen? Nachts in einem Wohnheim mit anwesender Nachtbereitschaft und voll belegt mit zwanzig schlafenden Bewohnern…wer ist stark genug, das Ding die Treppe runter zu kriegen? Die weiblichen Bewohnerinnen scheiden schonmal komplett aus. Die meisten männlichen Bewohner sind gebrechlich, wiegen kaum mehr als sechzig Kilo, zwei können nur mit Rollator laufen und der Herr Nuß, der hundertzehn Kilo wiegt, nimmt nicht ohne Grund schwere Herzmedikamente. Mal abgesehen davon, daß der den Großteil des Tages antriebslos mit angezogenen Schuhen auf seinem Bett liegt und nur schwer dazu zu bewegen ist, überhaupt einmal die Woche die Hose zu wechseln. So jemand trägt nicht nachts einen Fernseher weg und organisiert sich Leute, die vor der Tür mit dem Auto warten um das Ding irgendwie wegzubringen, mitten in der Nacht. Und der Herr Setzer, der das körperlich schaffen würde, hat sich über Jahrzehnte das halbe Hirn weggesoffen. Der hat zwar die Gaunermentalität für so ein Ding aber er kriegt das rein kognitiv garnicht hin, sowas zu planen und durchzuführen. Und der Hr. Enzo läuft die ganze Zeit stimmenhörend den Ganz auf und hab, setzt sich ab und zu auf die Treppe und lässt verzweifelt den Kopf zwischen die Knie sinken.

Fazit: Keiner von den Bewohnern klaute diesen Fernseher. Und ja, es ist ein Ghettostadtteil, aber es bricht doch keiner – ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen – nachts in ein vollbelegtes Wohnheim für psychisch Kranke ein und klaut völlig unbemerkt einen großen Fernseher. Oder?

Das Rätsel wurde nie gelöst.

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ffmr

Ich friere. Es ist ein kalter Februarabend, aber eigentlich nicht sooo kalt. Daß ich so zittere, könnte daran liegen, daß ich seit drei Tagen nichts mehr zu mir genommen habe außer schwarzem Kaffee und Wasser. Das klappt soweit eigentlich erstaunlich gut. Vor vier Tagen war der zehnte Tag, an dem ich mir immer zugestehe, soviel zu essen wie ich will – und was ich will. Ich ging mit mörderischen Bauchschmerzen ins Bett und wachte am Morgen danach mit der größten Melancholie seit…ja seit dem letzten Fressanfall auf.

Heute spielen die Real McKenzies in der Au. Sauf-Punk, ein Großteil meines sozialen Umfeldes ist da anwesend. Ich habe eigentlich keine Lust, hinzugehen, aber Julia holt mich zuhause ab, damit wir da gemeinsam hingehen. Julia zeigt ein gewisses Interesse an meiner Person, aber das merke ich nicht, denn ich denke nur ans Essen und daran, wie kalt mir ist.

Im Dezember verbrachten wir schon einmal einen gemeinsamen Abend bei mir zuhause, bei dem wir uns ein freundschaftliches Gerangel lieferten. Schon da wurde deutlich, daß sie über mehr Körperkraft verfügt als ich. Kein Wunder. Ich habe in den letzten zehn Monaten 55 Kilo abgenommen und nehme nur noch Obst, Süßstoff, Cola Light und Gemüse zu mir. Ganz wenige Kohlenhydrate, keine Fette, außer an meinen Fress-Tagen. Und ich werde langsam wahnhaft, was das angeht. Mit knapp 80 Kilo bei einer Körpergröße von 183 cm bin ich zwar noch lange nicht untergewichtig, aber ich wirke wie ein Junkie. Und ich hätte schon gern noch fünf Kilo weniger. Mein ursprüngliches Ziel war es gewesen, mein Körpergewicht von 135 Kilo auf hundert zu reduzieren. Und so ging es eben immer weiter.

Nun sitze ich neben Julia in der S-Bahn Richtung Rödelheim und in mir baut sich Gier nach Essen auf, was nicht unlogisch scheint, nachdem ich drei Tage gehungert habe. Ich ignoriere ihre Annäherungsversuche und denke nur an Essen Essen Essen und merke, wie ich die Kontrolle verliere und werde darüber unglaublich depressiv. Ich weiß, daß ich mich gleich mit Essen vollstopfen werde und spüre nur ein bleiernes Gefühl des Versagens. Ich werde also wieder fett werden.

Ich rede nicht mit ihr, starre apathisch aus dem Fenster. In Rödelheim beschließe ich, umzukehren, nach Hause zu fahren und zu fressen – während sie auf das Konzert geht.

Zwei Monate vorher habe ich beschlossen, die Stimmungsaufheller, die ich seit Jahren einnehme, wieder abzusetzen, damit ich weiter abnehmen kann. Denn bekanntlich machen die Dinger fett. Einen Monat später bin ich bei Scüm ausgestiegen, weil ich nur noch friere im Proberaum und weil ich emotional so mit dem Hungern beschäftigt bin, daß ich die Zusammenarbeit mit den anderen Bandmitgliedern nicht mehr ertrage.

Als ich an diesem Abend nach Hause komme, esse ich flennend Unmengen von ekligem Zeug. Am nächsten Morgen mache ich damit weiter. Dann gehe ich zum Arzt und lasse mich zu einem Seelenklempner überweisen.

In den nächsten acht Wochen kehrt sich mein Essverhalten ins Gegenteil um. Ich esse nur noch Fett und Zucker und mein Körper scheint alle Nahrungsmittel so aufzunehmen, daß ich genau das zuzunehmem scheine, was das Essen WIEGT. Innerhalb von ZWEI Monaten nehme ich FÜNFUNDZWANZIG!!!!! Kilo wieder zu und bekomme die Kurve erst, als ich einen Therapieplatz habe.

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Zwei Tage später sitze ich mit Fee in meiner Wohnung. Die macht einen auf Seelentröster, während ich mich in meiner Essstörungs-Depression zwei Tage lang krankgemeldet habe. Ich koche für uns. Reis mit Gemüse und ich mache es sehr scharf. Ich esse zu dieser Zeit noch viel schärfer als sonst, um die fehlenden Nährstoffe durch einen möglichst hohen Grad an Geschmack auszugleichen. Aber selbst nach diesem Standart wird das Essen viel zu scharf. Fee hat mich extra darum gebeten, NICHT so scharf zu kochen wie sonst, und da mache ich es aus lauter Übermut noch VIEL krasser. Ich selbst kann das Gericht nur in einer 1:1-Mischung mit Joghurt essen. Fee probiert einen Löffel und hat sichtlich Schmerzen. Sie wird RICHTIG böse und es dauert ein paar Stunden, bis sie mir vergibt.

chili

Ein paar Wochen vorher war meine Schwester zu Besuch gewesen und ich hatte dasselbe Gericht gekocht. Auf meine Ankündigung, es könne etwas schärfer werden, reagiert sie cool mit „Ist okay, ich mags scharf.“.
Als das Essen fertig war, aß sie drei Löffel, legte den Teller weg und fragte „Du, kann ich mir vielleicht doch ein Brot machen?“.

Wiederum ein paar Wochen später steckt mir meine Mum am Telefon, meine Schwester hätte in der Familienrunde von ihrem Besuch bei mir berichtet und zwar mit den Worten:
„Oh Gott, Mama, du musst Johannes unbedingt ein bißchen kochen beibringen!“

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Ende Juni 2001 sitze ich im ICE von Augsburg nach Frankfurt. Im Mai bin ich nach Frankfurt gezogen, mit zweitausend Mark auf dem Konto.

Schon nach einer Woche stellt sich heraus, daß das Zimmer, das mir Timo, ein ziemlich fertiger Kiffer mit Bandscheibenvorfall, in seiner Wohnung vermietet hat, eigentlich von jemand anders bewohnt wird und er gar keine Verfügungsgewalt über dieses hat. Ich schlafe drei Wochen bei ihm im Wohnzimmer, dann setzt er mich vor die Tür. Ich finde keine neue Bleibe, bitte eine Studentin, die einen Zwischenmieter für ihre Wohnung sucht, während sie ein Auslandssemester macht, in ihrer von der Wohnung abgetrennten Rumpelkammer (ohne WC oder irgendwas) pennen zu dürfen. Ich überlege schon ernsthaft, wieder zu meiner Mutter zurückzuziehen, was eine große persönliche Katastrophe wäre.

Der Mann einer Freundin meiner Freundin, ein Palästinenser, der irgendwelche Import/Export-Geschäfte von einem Büro im Bahnhofsviertel aus macht, sucht eine Bleibe für einen Verwandten, einen Typ in meinem Alter, der direkt aus dem Gazastreifen auf Familienbesuch ist. Sein Onkel zweiten Grades (oder so), der Mann der Freundin meiner Freundin, hat ihm einen schwarzen Job auf dem Bau verschafft, es ist klar, daß der Familienbesuch länger dauern wird als die sein Besuchervisum gültig ist.

neeeed

Für den jungen Immigranten (der kein Wort Deutsch oder Englisch spricht) ist auch eine Wohnung gemietet worden, da suchen sie noch einen, der sich die Wohnung mit ihm teilt. Wir fahren hin. Da ist ein Appartement in einer trostlosen Gegend in Frankfurt-Nied mit zwei Betten, die in einem Raum nebeneinanderstehen.
„So, und wo ist mein Zimmer?“
Der Junge zeigt grinsend auf das zweite Bett. Es gibt nur einen Raum, und meine westeuropäische Dekadenz hält mich davon ab, diesen angebotenen Wohnraum anzunehmen.

Ich habe Glück. Die Nichte des Freundes der Schwester meiner Freundin sucht einen Untermieter für ein Zimmer in ihrer Wohnung. Hier werde ich für sechs Monate unterkommen.

Ab dem siebten Juli kann ich dieses Zimmer beziehen, Kiffer-Timo jedoch verlangt, daß ich meine Habseligkeiten schon am dreissigsten Juni aus seiner Wohnung entferne. Ich muß also eine Woche überbrücken. Ich stelle meine Sache in einem Kellerraum am Osthafen unter. Ein weiterer Freund meiner Freundin (ohne deren Kontakte ich zur damaligen Zeit einfach nur sterben würde) betreibt dort in einem Industriegebäude ein Büro, von dem aus er Internetdienstleistungen anbietet. Zu diesem Büro gehört der Kellerraum. Mir bleibt eine Kiste mit Anziehsachen, die ich im Kofferraum des Autos meiner Freundin lagere.

Dann fahre ich erstmal nach Augsburg zurück. Denn da ich dort noch meinen Hauptwohnsitz habe, muß ich dort zum Kreiswehrersatzamt, um mich mustern zu lassen.

Dort sitze ich im Wartezimmer, und schaue zu, wie ein offensichtlich sehr motivierter, sehr sportlich aussehender Kerl in meinem Alter einen Prospekt durchblättert, der ihm erklärt, welche Chancen ihm die Bundeswehr bieten könnte.

Nachdem ich schriftlich erklärt habe, die Kriegsdienst verweigern zu wollen, sparen die sich da das volle Programm und machen nur ein paar Untersuchungen.

Es wird ziemlich schnell deutlich, daß sie mich nicht wollen. Der Arzt betrachtet die Narben an meinem linken Unterarm und stellt die unvermeidlichen Fragen. Psychische Krankheiten in der Familie? Drogenkonsum? „Habense selber gemacht, mit der Rasierklinge, näch?“…

Dann kommen Dinge wie „Mhm, aber…ihr Rücken, da haben Sie doch Probleme, oder? Den würd ich nochmal röntgen lassen an Ihrer Stelle.“ Alter, was geht denn hier, das ist MEIN Text!? Unsere Landesverteidigung will mich nicht.

army

Nach dem Termin geht es zurück nach Frankfurt. Im ICE trinke ich einen Kaffee und gehe aufs Klo, um zu kacken. Ich sitze kaum fünf Minuten auf der Toilette, da klopft es mehrmal an der Tür. Das Klopfen wiederholt sich und wird immer ungeduldiger. Als ich schließlich die Toilette verlasse, steht da eine alte Dame und motzt mich an, wie ich nur so lange die Toilette blockieren könne.

eis

Ich komme gegen ein Uhr mittags in Frankfurt an und habe keine Wohnung. Ich setze mich in den Park, bis meine Freundin gegen fünf Uhr Feierabend hat. Zum Glück ist es warm und regnet nicht. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie lebt in einer kleinen Kammer im Haus ihrer Schwester und wir geben uns nachts Mühe, keine Geräusche zu produzieren, die durch die dünnen Wände dringen könnten.

Am nächsten Tag fahre ich gegen Abend mit dem Zug zu Britta und Micha. Die wohnen hinter Darmstadt auf dem Land in einer Wohnung mit Garten und ich werde dort drei Nächte lang auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen, und von dort zu meinem neuen Job fahren.

Ich fahre von dort aus mit der S-Bahn nach Langen, wo meine neue Stelle liegt. Nach Feierabend fahre ich nach Frankfurt rein, um einige Besichtigungstermine von WG-Zimmern wahrzunehmen. Ich habe keine Chance irgendein Zimmer in einer coolen Studenten-WG zu kriegen. Mein Hass auf Studenten, die in Frankfurt mit dem Geld ihrer Eltern den billigen Wohnraum besetzen, steigt ins Unermeßliche. Apropos Geld der Eltern: Meine Mum borgt mir nochmal tausend Mark, da mein Gehalt erst Ende des Monats kommt und ich pleite bin. Sie will die Kohle nie zurückhaben.

Nach diesen enttäuschenden Terminen treffe ich mich mit Susanne, hole mir eine neue Unterhose aus dem Kofferraum ihres Autos und fahre mit der Regionalbahn zurück zu Micha und Britta.

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Gegen halb ein Uhr nachts mache ich mich dann auf den Heimweg. Morgen habe ich Urlaub. Ich nehme meinen Bass und laufe die fünf Stockwerke nach unten. Olga und Rolf wohnen im Bahnhofsviertel. Ich öffne die Tür und will auf die Straße treten doch da sitzen eine Frau und ein Mann im Hauseingang. „Hi.“ sage ich trocken, während ich die Spritze und die kleine Pfeife bemerke, die zwischen ihnen liegt und meinen Weg blockiert. Sie sind so zuvorkommend, beides wegzunehmen und freundlich „Gehts?“ zu fragen. Willkommen im Bahnhofsviertel.

goldst

Davor haben wir drei Verstärker-Topteile in Goldstein abgeholt, die Rolf dort zur Reparatur gebracht hat. Zum „Amp-Papst“. Der Amp-Papst wohnt in einem unscheinbaren Reihenhaus in Goldstein, mit ziemlich heruntergekommenen Lichterketten an dem kahlen kleinen Strauch im Vorgarten. Ich weiß nicht, was wir erwartet haben, als wir vor dem Haus standen und dort klingelten. Aber von einem Typen, der in der Musiker-Szene als „Amp-Papst“ angepriesen wird, erwartet man halt zumindest nicht, daß er ein deutlich über sechzigjähriges kleines, etwas dickes Männchen mit Glatze in Strickjacke und Pantoffeln ist. Der Amp-Papst hat die drei Topteile, die alle dreissig Jahre oder mehr auf dem Buckel haben, innerhalb einer Woche repariert und wohl weit weniger Geld genommen, als es im Fachhandel gekostet hätte. Wahrscheinlich sind solche Leute weit wichtiger für Punkrock als doofe Amateure wie wir, die wir unsere Zeit damit verbringen, in WG-Küchen rumzuhängen und uns möglichst alberne Namen für unsere Bands auszudenken.

jcm

Destroy Everything. Zerstörung von Alltagsgegenständen.

Jetzt kann ichs ja sagen. Mama, das Kassettendeck in deinem alten Auto ist ja kaputtgegangen, als ich das Auto für meinen Umzug nach Frankfurt benutzt habe. Damals, im April 2001. Und nein, ich bin nicht mit einer Latte vom Bettrahmen dagegengestoßen. Das Ding wollte mein extra aufgenommenes Mixtape nicht spielen und so trat ich mit dem Fuß dagegen.

Zerstörung von Alltagsgegenständen durch plötzlich auftretende Jähzornsanfälle hat in meinem Leben eine lange Tradition. Zugegeben, es gibt stolzere Traditionen. Aber hey, ich habe schon sehr lange nichts mehr kaputtgemacht. Zumindest nicht absichtlich. Das wirft die Frage auf, ob Zerstörung durch Verlust der Impulskontrolle der Kategorie „absichtlich“ überhaupt zugeordnet werden kann…

tscher

Als Kind habe ich schon manchmal gegen die Schranktür des Kinderzimmers getreten, welches ich mit meinem kleinen Bruder teilte. Das war aber nicht sooo schlimm, denn spätestens als ich so ca. elf Jahre alt war, wurden sämtliche Einrichtungsteile zum Gegenstand wohnungsinterner Graffiti-Schmiererein. Da wurden Totenköpfe draufgemalt oder der Text von Sepulturas „Refuse/Resist“ verewigt.

Als es so richtig losging mit der Pubertät, ließen sich meine Eltern zum Glück scheiden und wir entkamen dem Typen, der mich gezeugt hat. Meine Mutter zog mit uns Kindern aus, als er Spätschicht hatte. Das war angesichts des Umstands, daß er bisweilen recht cholerische Anfälle hatte (im Gegensatz zu mir, der ich das wohl von ihm geerbt habe, aber auch durchaus auf Familienmitglieder losging), wohl das Klügste. Beim Auszug half der Bruder meiner Mutter.

Unsere Punkersozialisation mag von der Polizei halten was sie will, aber damals war es ziemlich praktisch und hilfreich, daß er Polizeibeamter war/ist.

Daraufhin zogen wir bei den Eltern meiner Mum ein. Ein pubertierender zwölfjähriger, der gerade anfängt, mit saufenden Punkern am Hauptbahnhof rumzuhängen und sein Großvater, der vierzig Jahre lang bei der bayerischen Polizei war – das MUSS Streit geben. Das erste Opfer der vielen Konflikte war eine lange Holzlatte am Treppengeländer im Einfamilienhaus meiner Großeltern, die ich mit meinem rechte Knie traktierte. Opa ist aber cool geblieben und hat es mit mir zusammen repariert.

Dann in der Wohnung, die Mum mit meinen Geschwistern und mir bewohnte… Ich erinnere mich an ein Loch in der Regipswand meines Zimmers, das ich da mal aus Frust reingetreten habe, mehrere TV-Fernbedienungen, die ich aus Ärger an die Wand geworfen habe – ansonsten hielt sich das damals noch in Grenzen.

Richtig los mit der Zerstörung ging es, als ich ausgezogen war. Fernbedienung für den Fernseher – nach kurzer Zeit defekt durch äußere Einwirkung, bedingt durch Trägheit der Masse der Fernbedienung auf dieselbe, als die Bewegungsenergie, die sie durch eine Armbewegung Richtung Wand bekommen hatte, an derselben in kinetische Energie umgewandelt wurde und die strukturelle Integrität des Geräts überforderte. Videorekorderfernbedienung – siehe oben. CD-Player-Fernbedienung auch.

Handys! Hahaha. Guter Punkt. Ich habe in meinem Leben ZAHLLOSE Handys zerstört. Aus Lebensfrust, Überforderung oder beim Streit mit meiner Ex-Lebengefährtin und Spezialfreundin.

Unsere Streits sind legendär. Wir können innerhalb KÜRZESTER Zeit vom liebevollen Ton zu hysterischem Anbrüllen kommen – wir waren nicht nur einmal SEHR kurz davor, aufeinander loszugehen – nur um uns dann fünf Minuten später wieder in den Armen zu liegen und einander zu versichern, wie lieb wir uns haben.

Verlierer dabei sind Leute die mit uns unterwegs sind („Hört mal…ihr macht mir grade ein bißchen Angst“….“Äh. Mir reichts jetzt. Ich hab heute keinen Bock mehr mit euch auszugehen. Fahrt mich bitte nach Hause. JETZT.“) und meine Mobiltelefone.

Einmal stritten wir uns wegen irgendeiner Nichtigkeit. Ich war gerade mit dem Auto nach der Spätschicht unterwegs in die Au, zum Wolfbrigade-Konzert. Auf der Rückbank Fee, Michi und Basti. Die Spezialfreundin rief an, um einen schönen Abend zu wünschen – dann gab es irgendein Mißverständnis und ZACK brüllten wir uns an.

Dann legte ich irgendwann einfach so auf. Dann rief sie wieder an, was das denn solle. Dann legte sie einfach so auf. Dann rief ich wieder an, was das denn für eine Unverschämtheit sei…und so ging das weiter.

Mittlerweile hatte ich das Auto in einem Hauseingang in Sachsenhausen geparkt und war ausgestiegen. Irgendwann knallte ich mein Handy auf den Bürgersteig. Es zersprang in mehrere Teile. Ich las sie auf, legte die Überreste der Tastatur auf die Platine – und es funktionierte noch! Das Display war gesprungen, aber ich konnte den Anruf der Spezialfreundin noch entgegennehmen und mit ihr weiterstreiten. Bis sich auf einem Balkon über dem Hauseingang Anwohner zeigten, die verlangten, ich solle mich hier verpissen. Ich lief einige Meter die Straße runter und stritt mit der Spezialfreundin weiter, bis Michi kam und mir berichtete, die Anwohner seien drauf und dran die Polizei zu rufen, wenn wir uns nicht samt unserem Auto und diesem rumschreienden besoffenen Psycho aus ihrer Einfahrt wegmachen würden.

handy

Ein anderes Mal waren ich und die Spezialfreundin spätabends auf dem Weg zu einer Party, einem „illegalen“ Rave, der „irgendwo im Ostpark“ sein sollte. Also stolperten wir im Dunkeln durch den Ostpark (der ist nachts ohne Beleuchtung größer als man denkt) und fanden den Rave NICHT. Dafür fingen wir an zu streiten. Und schließlich war ich so wütend, daß ich mein Handy gegen einen Baumstamm schleuderte. Die Entfernung zum anvisierten Objekt betrug etwa drei Meter. Ich warf daneben und schleuderte mein Handy irgendwo in den dunklen Park.

Menschen mögen schlimmere Dinge aus Jähzorn getan haben in der Geschichte, nicht aber dümmeres (dieser Satz ist abgewandelt geklaut aus „Die Letzten Ihrer Art“ von Douglas Adams, aber er passt so gut).

Eines dieser Mobiltelefone wurde Anfang zweitausendacht vernichtet. Es war ein Januarmontag. Ich arbeitete damals als Integrationshelfer für einen Frankfurter Sozialhilfeträger.

Das heißt, ich arbeitete an Schulen mit Kindern, die aufgrund ihrer schweren Behinderung eine Einzelbetreuung bewilligt bekommen hatten. Leider musste ich als Springer arbeiten – ich ging jeden Tag an eine andere Schule im Frankfurter Stadtgebiet, wo ein anderer Integrationshelfer krank war.

Eine lustige Anekdote aus dieser Zeit will ich euch nicht vorenthalten. Ich war zwei Tage lang in einer Klasse einer großen Frankfurter Gesamtschule eingesetzt. Dieser Einsatz begann damit, daß ich auf dem riesigen Gelände der wirklich sehr großen Schule herumirrte und das fragliche Klassenzimmer einfach nicht fand. Ich fand schließlich das Sekretariat, dort schickte man mich in eines von zwei Lehrerzimmern – und dort konnte man mir auch nicht weiterhelfen.

Irgendwie schaffte ich es dann trotzdem zur richtigen Klasse, wo ich einen etwas autistischen Zwölfjährigen mit einer leichten geistigen Behinderung, Daniel, betreute. Der war etwa einen Meter und vierzig groß, trug eine runde Brille und wirkte wie ein kleiner, etwas dicker Harry Potter-Verschnitt.

Daniel hatte die Aufgabe, im Zuge des Hauswirtschaftsunterrichts jeden Donnerstag Waffeln für die Klasse zu backen und seinen Mitschülern zu verkaufen. Dies machte er mit seinem Integrationshelfer, der diesmal ICH war. Mein erkrankter Kollege hatte uns ein Rezept für Waffelteig hinterlassen. Das stellte sich jedoch als völlig wertlos heraus, denn der Teig war VIEL zu dünn. Was aus dem Waffeleisen kam, war entweder völlig verbrannt oder noch flüssig. Ich versuchte, verzweifelt, der ganzen Sache durch das Hinzufügen von Mehl mehr Konsistenz zu geben – ohne Erfolg.

Wir hatten eine Art improvisierten Verkaufsstand im Klassenraum aufgestellt, wo wir die Waffeln backen und losschlagen wollten. Nun waren die verbrannten Teiggebilde, die da entstanden waren, nicht soooo der Renner. Daniels Mitschüler kicherten über die Komik der Situation („Hmm kuckt mal wie lecker das aussieht, wie…..Kotze“) und auch ich konnte nicht ganz ernst bleiben.

Schließlich erbarmten sich einige von Daniels Mitschülern und kauften ihm grinsend die Waffeln ab. Ich sagte noch Dinge wie „Hey, paß auf. Dafür kannst du eigentlich kein Geld von deinen Mitschülern nehmen, oder wir müssen die billiger verkaufen…“ – keine Chance. Gemäß dem kapitalistischen Grundsatz, daß man seine Ware nur stolz genug anpreisen muß, auch wenn sie schlecht ist, verlangte er von JEDEM den vollen Preis und war diesbezüglich nicht umzustimmen.

Damals war ich generell sehr, sehr frustriert vom ganzen Leben. Ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu irgendwelchen weiblichen Wesen gehabt. Da ich mich zu schwach für eine volle Stelle fühlte, arbeitete ich halbtags – und hatte daher auch große Geldprobleme.

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Und in dieser Situation hielt ich es für sinnvoll, auch das Antidepressivum, das ich seit Jahren nahm, abzusetzen. Jeden Tag saß ich in der S-Bahn und empfand die ganze Welt als unglaublich trostlos und einfach nur schwarz. Kein positiver Gedanke schaffte mehr den Weg in mein Bewusstsein. Und als ich an diesem Morgen auf dem Weg zu einer Schule war, an der ich arbeiten sollte und diese nicht fand, knallte ich mein Handy auf den Boden, so daß es sich sofort in wirklich viele Teile auflöste. Dann ging ich zur Telefonzelle, rief meinen Vorgesetzten an und erzählte ihm, ich würde NIE WIEDER kommen und ging nach Hause.

Dann wären da noch unzählige PC-Tastaturen. So eine PC-Tastatur geht ziemlich schnell kaputt, wenn ein PC langsam ist und der Benutzer ungeduldig. Ich besaß eine Weile lang einen Schreibtisch, der aus zwei Glasplatten bestand. Und ich pflegte, mit der Faust draufzuhauen, wenn sich mein PC aufhängte. Bis eines Tages dabei BEIDE Glasplatten nachgaben und in der Mitte durchbrachen. Die Hälften der oberen Glasplatte hielten sich noch gegenseitig fest, ansonsten aber war mein WG-Zimmer, das damals sowieso schon SEHR unordentlich war, plötzlich zusätzlich mit unzähligen Glassplittern übersäht. Es dauerte eine Stunde oder so, bis ich mich der Mammutaufgabe gewachsen sah, aufzuräumen – und dafür brauchte ich dann auch ewig. Verletzt habe ich mich zum Glück nicht.

In derselben WG trat ich einmal eine Delle in die Zimmertür und verbog durch einen gezielten Tritt das Rohr der Zentralheizung so, daß es zu tropfen begann und ich ab da immer einen Topf unter die Heizung stellen musste, um das Wasser aufzufangen.

Als meine verrückte afghanische Künstler-Mitbewohnerin mal spätabends laut Musik hörte, hatte ich einen plötzlichen Impuls, griff das Glas Instantkaffee auf dem Fensterbrett und schleuderte dies an die gegenüberliegende Wand. Auch das verursachte ziemlich umfangreiche Aufräumarbeiten und mein Zimmer roch wochenlang nach Kaffee.

Ein Opfer meines Jähzorns, das ich wirklich bedauere, ist eine Gitarre geworden, die aus Wut und Frust gegen die Wand geworfen und dabei ziemlich beschädigt habe.

Da kann man jetzt fragen „Wieso machst du so eine Scheiße?!“

GUTE Frage. Es macht einfach KLICK und dann passiert es. Und da hilft es auch nicht, in ein Kissen zu boxen oder so. Mein Gehirn MUSS dann etwas kaputt machen, und ein Kissen geht ja nicht kaputt. Mein Gehirn weiß das.

Der Jähzorn richtete sich damals allerdings nicht nur nach außen. Bis vor wenigen Jahren habe ich mir regelmäßig, wenn ich frustriert oder überfordert vom Leben war, selbst gegen den Kopf geschlagen. Das hilft zwar nicht wirklich, macht aber so schön BUMM im Gehirn.

Der ruhmreiche Höhepunkt war ein spektakulärer Bluterguss an der Schläfe, der auf meiner damaligen Arbeit sämtliche Kollegen zur Überzeugung brachte, ich hätte mich wirklich schlimm mit irgendwelchen Leute geprügelt und mir ein Gespräch mit meiner Chefin einbrachte.

„Herr Giesemann, ich schätze Ihre Arbeit sehr, aber ich glaube Sie haben Probleme.“

Ziemlich dumm war auch, als ich zweitausendvier mit der Hand gegen die Wand boxte. Ein Glück war nichts gebrochen, aber die Hand war tagelang blau angelaufen und geschwollen.

Das ist eine Bilanz, die mich auf gewisse Weise stolz macht. Hey, immerhin bin ich am Leben. Ein bißchen Verlust ist immer. Und ich bin seit Jahren SEHR viel ruhiger geworden. Es ist schon echt lang nichts mehr kaputtgegangen. Bei Frust schreibe ich einfach politisch unkorrekte, hasserfüllte Rapsongs. Das ist vielleicht nicht gut für die Welt, aber besser für mich.