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Nein Mama, diesen Text willst du nicht lesen.

Ernsthaft jetzt, es wird schmutzig. Ja, Austausch von Körperflüssigkeiten. Aller Art.

pervers

1996 ist die Scheidung meiner Eltern endgültig vollzogen und alles in geregelten Bahnen. Mein Vater verweigert regelmäßig die Unterhaltszahlungen an meine Mutter, dafür bekommt er uns Kinder etwa jedes zweite Wochenende zu sehen.

An diesem Samstag sind mein Bruder und ich mit ihm in München unterwegs, zu seinem bevorzugtem Ausflugsziel, dem deutschen Museum. Es ist ein sonniger Tag im Frühling. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch lange blonde Haare und trage immer eine Art Metalkutte, eine Jeansweste mit einer Handvoll Aufnäher mit den Logos meiner Lieblingsbands darauf – AC/DC, Sodom, Iron Maiden…Mitte der Neunziger Jahre ist dies in etwa das Uncoolste, was man tragen kann, auch mein freshes Biohazard-Shirt reißt das nicht raus. Die Weste trage ich vor allem um das zu kaschieren, was meine Mitschüler liebevoll „Entenarsch“ nennen – eine unvorteilhafte Ansammlug von Körperfett an meinem Gesäß.

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Museum laufen wir gerade eine Straße entlang, als plötzlich ein Auto mit quietschenden Reifen vor uns in einer Hofeinfahrt zum Stehen kommt. Aus der Beifahrertür springt eine Frau, rennt zum Hauseingang und drückt wie von Sinnen alle Klingelknöpfe. Mein Vater mein Bruder und ich stehen perplex da und beobachten die Szenerie.
„Mein Kleiner atmet nicht mehr!“ schreit die Frau hysterisch, während der Fahrer des Wagens ebenfalls aus dem Auto springt und die Tür zur Rückbank aufreißt. Dort sitzt zusammengesunken in einem Kindersitz ihr Sohn, offensichtlich bewusstlos.

Mein Vater, mein Bruder und ich beobachten perplex die Szenerie, während die Mutter des bewusstlosen Kindes über die Gegensprechanlage des Hauses jemanden anschreit, er solle den Notarzt rufen.

Mein Vater steht da, die Muskeln angespannt, man merkt ihm an, daß er etwas tun will, doch es gibt nichts zu tun. Es ist Mitte der Neunziger Jahre, niemand von uns besitzt ein Handy. Da bemerke ich eine Telefonzelle, etwa hundert Meter die Straße runter. „Ich hol da den Notarzt!“ rufe ich, und laufe los.

Doch als ich die Telefonzelle erreiche, höre ich bereits den sich nähernden Klang des Martinshorns und kurz darauf erreicht der Notarzt den Ort des Geschehens.
Im Bewusstsein, alles Mögliche getan zu haben, setzen wir unseren Weg fort, ohne den Ausgang der Tragödie jemals zu erfahren.

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Etwa acht Jahre später, Mitte der Nuller Jahre, lerne ich bei einem Treffen perverser junger Menschen Maja und Lea kennen. An diesem Abend stoße ich in Darmstadt zu ihnen. Die beiden sitzen im Herrengarten, einem Park in der Innenstadt, lesen, essen Pommes und suchen nach brauchbaren Stöcken, sie nennen es „ernten“. In der Luft liegt eine seltsame sexuelle Spannung. Als Maja mir absichtlich eine volle Flasche Cola in den Schritt wirft und ich mich mit einer mittelstarken Ohrfeige revanchiere, bittet sie mich, es nochmal zu tun. Angesichts der Tatsache, daß wir sowieso schon die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger auf uns gelenkt haben, sehe ich davon ab.

Lea wird einige Monate später ihren Bausparvertrag auslösen und von dem Geld ein Domina-Studio einrichten.

Gegen Abend beginnt es leicht zu regnen, wir brechen auf zu Leas Wohnung, die nur einige hundert Meter weit entfernt ist, doch wir schaffen es nicht und geraten in einen sintflutartigen Regenguß, der uns alle durchnässt. Bei Lea angekommen, beginnen die beiden, sich schamlos in meinem Beisein zu entkleiden und HAHA verarscht, das hättet ihr wohl gerne!

Stattdessen beginnen Maja und Lea auf dem Balkon, sich in Bondage zu trainieren, indem Lea Maja mit einem Hanfseil am Geländer festbindet. Plötzlich kommt ihr Mitbewohner auf den Balkon, der weder besonders überrascht noch übermäßig interessiert ist. „Ah, fesselt ihr Euch wieder?“ fragt er, zündet sich einen Joint an und verschwindet in seinem Zimmer.

Nach einer Weile verlagern wir unsere Aktivitäten nach drinnen und fangen wir an, uns (angezogen) gegenseitig mit den geernteten Stöcken aufs Gesäß zu schlagen. Lea bindet mir die Hand- an die Fußgelenke. Da sie jedoch noch nicht besonders geübt in solchen Dingen ist, ist es eher ein hilfloses Umwickeln der Extremitäten, das mich kaum daran hindert, aufzustehen und zu gehen, wenn ich wollte. Dies macht es auch nicht unbedingt besonders erotisch.

Nach einer Weile habe ich genug und bitte sie, aufzuhören. „Du darfst auch schreien.“ sagt sie, doch im Nebenzimmer befindet sich ihr Mitbewohner, der sowieso schon viel zuviel von alledem mitbekommt.

Währenddessen fällt mein Blick auf die Uhr und ich merke, daß die letzte S-Bahn zurück nach Frankfurt in ein paar Minuten fährt. Hastig schlüpfe ich in meine noch durchnässten Schuhe.
„Was wird das denn jetzt?“ fragt Lea. „Das ist eh komisch hier und ich muß nach Hause kommen.“ antworte ich.

„Du kannst auch bis morgen früh hierbleiben, aber dann musst du Dich von uns ein bißchen quälen lassen.“ „Okay, damit kann ich leben.“ „Okay dann zieh dich aus.“ „Was?“ „Zieh dich aus.“
Ich entkleide mich, „die Unterhose auch!“ und stapele meine Kleidung zusammengeknüllt auf einem Haufen.
„Wie sieht das denn aus? Mit Ordnung hast du es scheinbar nicht so!“
Ich bemühe mich, einen der Situation angemessenen Ernst zu zeigen, angesichts der Tatsache, daß wir uns in einem völlig zugemüllten WG-Zimmer befinden, deren Bewohnerin mich gerade ob meiner Unordentlichkeit maßregelt. Kurz darauf knie ich nackt in der Ecke ihres Zimmers, „ich will mindestens dreissig Zentimeter zwischen deinen Knien sehen, die Arme verschränkst du gefälligst auf dem Rücken!“
Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits starkes Übergewicht und daher Knieprobleme. Während ich da so kniee, schlägt Lea Maja, die vor ihr auf dem Bauch liegt, mit einem der geernteten Stöcke. Anders als in meinen Fantasien ist die Situation nicht von einer tranceartigen Geilheit geprägt sondern von dem Schmerz in meinen Knien und dem Geruch von benutztem Geschirr, das auf Leas überfülltem Schreibtisch vor sich hingammelt.
Als ich wage zu bemerken, daß ich nicht mehr lange so knien kann, meint Lea „Dann muss ich dich dafür bestrafen.“

Ein paar Minuten später liege ich mit meinen hundertdreissig Kilo bei Lea auf dem Fußboden, Hände und Füße nicht sehr wirkungsvoll gefesselt, mein primäres männliches Geschlechtsteil von einem Strick umwickelt, der ständig abgeht, da meine Erektion ständig nachlässt und wiederkommt, die Augen verbunden – eine Art schwabbeliges Etwas, verschnürt wie ein Rollbraten.
„Trink das“ sagt Maja zu mir, und hält mir eine Tasse an den Mund. Ich nehme einen kleinen Schluck der Flüssigkeit zu mir und muss beinahe sofort würgen, als ich erkenne, daß sie stark bitter schmeckt. Nur mit Mühe gelingt es mir, nicht zu erbrechen. Noch Wochen später wird sie mir versichern müssen, daß es KEIN Urin war – ich werde ihr nicht glauben und auf dem Formular für den HIV-Test den Satz „Habe vielleicht Urin getrunken“ angeben.

„Hm das mit deinem Schwanz klappt ja nicht so gut“, meint Lea im Hinblick auf meine nun garnicht mehr vorhandene Erektion. „Vielleicht müssen wir da mit einem Vibrator nachhelfen.“.
Kurze Zeit später habe ich ein Gefühl, als müsse ich sehr dringend Stuhlgang haben, als Lea den Vibrator in meinen After einführt. Dann später flutscht dieser wieder raus und auch Lea meint angewidert „Igitt“ ob der Ablagerungen aus Kot und Blut darauf.
„Hätte ich sagen sollen, daß ich Hämorrhoiden habe?“ frage ich peinlich berührt.

Schließlich zerren mich Lea und Maja an einer Hundeleine ins WG-Bad, befehlen mir, in der Dusche Platz zu nehmen und verschränken die Arme.
„Du holst dir jetzt einen runter.“ meint Lea und setzt sich erwartungsvoll auf den Klodeckel.

Und wieder ist die Situation anders als in meinen Fantasien nicht geil, sondern peinlich, albern und blöd. Ich bekomme nur mit Mühe eine Erektion zustande und es gelingt mir nicht, zu kommen. Ich bitte Lea, einen Strick um meinen Hals zu legen und diesen fest zuzuziehen, danach geht es ein bißchen besser.
„Äh…du spritzt uns jetzt aber nicht voll, oder?! Das soll schön in die Dusche gehen.“
Schließlich gelingt es mir unter Aufbietung aller Mühen, zu einem gefühllosen Orgasmus zu kommen und ein paar Tropfen Samenflüssigkeit aus meinem Geschlechtsteil in die Wanne der Dusche zu entleeren.

Als die Sonne aufgeht sitze ich meinen noch feuchten, klammen Klamotten im Zug zurück nach Frankfurt. Am Bahnhof kaufe ich mir einen Mohnplunder und Kakao. Ich habe etwa acht Stunden Zeit, mich auszuschlafen, abends habe ich einen Termin bei meiner Psychotherapeutin.

Lea wird einige Zeit später merken, daß sie nicht zur professionellen Domina geboren ist, ihr angehäuftes Equipment weit unter dem Einkaufswert wieder verkaufen müssen, in eine schwere Depression fallen und stationär in einer Psychiatrie behandelt werden müssen.

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An einem bewölkten Nachmittag im Herbst 1992 ruft meine Mutter meinen Bruder und mich zu sich. Ich bin gerade zehn-, mein Bruder acht Jahre alt. Meine Mutter hat einen ernsten Gesichtsausdruck. Sie eröffnet uns, sie habe gerade mit unserem Vater, der auf der Arbeit ist, telefoniert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Ehe meiner Eltern bereits zerrüttet, bis zur Scheidung werden aber noch zwei lange Jahre vergehen.

Meine Mutter erzählt weiter, sie habe sich mit unserem Vater gestritten und er habe sie bedroht, es werde etwas schlimmes passieren, wenn er nach Hause komme, er werde sie „fertigmachen“. Das überrascht uns nicht besonders, denn mein Vater verliert schon seit einiger Zeit immer mehr die Kontrolle über seine cholerischen Charakterzüge. Sie schärft uns ein, abends, wenn er nach Hause kommt in unseren Zimmern zu bleiben. Weiter bittet sie uns, wenn etwas „Schlimmes“ passiere, zu den Nachbarn zu laufen und die Polizei zu verständigen.

Glücklicherweise beruhigt sich mein Vater bis zu seinem Feierabend, als er nach Hause kommt ist alles ruhig.

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April 2011.
„Heyyyyy….“ begrüßt sie mich, als sie im Morgengrauen zur Tür reinstolpert und mir um den Hals fällt. „Endlich bin ich da!“
„Wie war es denn noch?“ frage ich. „Ooooooch….interessant!“ sagt sie. „Und feuchtfröhlich“.
„Das riecht man.“, antworte ich grinsend angesichts ihrer stattlichen Alkoholphase.
„Oooooh schlimm?“
„Nein, nichts was ich nicht gewohnt wäre. War es nur Alkohol?“
„Oooooooohjeeeeee du stellst Fragen! Jaaaaaa, kann sein daß ich ein bißchen unartig war.“
Sie streift ihre Lederjacke ab und lässt diese auf den Boden fallen und torkelt durch den Flur in mein Wohnzimmer.
„Hast du heute wenigstens ein eigenes Röhrchen benutzt?
„Jaaaa mein kleiner Zwangsneurotiker, keine Angst vor Kontamination!“
Sie lässt sich auf das Sofa fallen und streift Schuhe und Socken ab.
„Und ich bin ein kleines bißchen heiß! Schlimm?“ Sie schaut mich betont unschuldig an. Ich lache. „Nein, alles gut. So hab ich wenigstens auch was von deinem Rausch“.
Als sie die Jeans öffnet, steigt mir ein strenger Geruch in die Nase, der sich nach einem Blick auf das Innere ihrer Hose als das rausstellt, was ich befürchte.
„Äh….also….naja….also erstmal solltest du duschen gehen?“
„Waaaaas?! Wieso das denn? Bin ich dir eklig?“
„Naja….“ Ich fasse sie an den Schultern und dirigiere sie sanft Richtung Bad.
Zwanzig Minuten später sind ihre Hose und Unterhose in einer Plastiktüte verpackt und sie liegt nackt bis auf ein Hundehalsband neben mir im Bett.
Als wir fertig sind bittet sie mich: „Bitte laß die Handschellen noch dran, ich will sie spüren, richtig spüren! Und den Knebel bitte auch.“
Ich informiere sie darüber, daß ich es für viel zu gefährlich halte, eine betrunkene Person, die noch dazu auf Amphetaminen ist, mit Knebel einschlafen zu lassen.
„Pah du Schisser!“
Kurz darauf schläft sie in meinen Armen ein und erwacht erst gute zehn Stunden später.
„Wo ist meine Hose? Sag mal, hast du mich gestern unter die Dusche gestellt oder hab ich das geträumt?“
Ich deute auf die Plastiktüte in der Ecke. Sie öffnet diese, blickt hinein und verzieht das Gesicht.
„Oh. Naja. Shit happens.“

Dusche

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Als ich vierzehn Jahre alt bin, beschließe ich, mir mit einer Rasierklinge die Arme aufzuschneiden. Also, nicht die Schlagader sondern die Oberseite des linken Unterarms. Ich habe das bei mehreren Menschen in meinem sozialen Umfeld gesehen und bin fasziniert von der morbiden Form der Selbstzerstörung und der Aufmerksamkeit, die diese dadurch bekommen.

An einem Abend schließe ich mich in meinem Zimmer ein, packe eine Rasierklinge aus und versuche erst einmal, ein ganz kleines bißchen an meinem Arm zu ritzen. Es tut total weh, aber bald stelle ich fest, daß es garnicht mehr wehtut, wenn man mehr drückt. Fasziniert beobachte ich, wie die aufgeplatzte Haut erst weiß hervorscheint, bevor sich die Kerbe mit Blut füllt. Dabei höre ich Tiamat. Nach mehreren Kerben höre ich auf und fühle mich seltsam stumpf und taub.

Obwohl ich in den darauffolgenden Tagen darauf achte, nur langärmelige Shirts zu tragen, entdeckt meine Mutter die Narben einige Zeit später, glaubt jedoch meiner Ausrede, ich sei mit einem Fahrrad im Stacheldrahtzaun hängengeblieben. Sie leidet zu der Zeit an tagelangen Migräneanfällen, die sie mit einem Haufen Schmerzmittel und Alkohol bekämpft und liegt tagelang in ihrem verdunkelten Zimmer.

Blöderweise heilen die Verletzungen nicht ganz, sondern hinterlassen breite Narben. Noch heute sieht man diese an meinem Arm und ich verfluche mich jeden Frühling, wenn die T-Shirt-Zeit losgeht für meine damalige pubertäre Blödheit.

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Juli 2015
Maria öffnet mir die Tür. Sie trägt hohe Schuhe, halterlose Strümpfe, einen kurzen Rock und ein enges schwarzes Oberteil. Wir umarmen uns, dann bittet sie mich in ihr Wohnzimmer.
„Willst du was trinken?“
„Äh, danke, grade nicht“, druckse ich herum. Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Weinglas.
„Bist du eingeschüchtert?“
„Ja,“ gebe ich zu.
„Gut!“ Sie nimmt einen Zug von ihrem Joint, setzt sich neben mir aufs Sofa und schaut mich an.
„Noch irgendwas zu sagen?“
„Ääääh, nein? Was hast du vor?“
„Wir machen jetzt ein bißchen so Schweinkram.“
„Äh, okay, äh.“
„Für den Anfang könntest du vielleicht meine Fotze lecken.“ sagt sie und spreizt die Beine.
„Äh…äh…äh… das ist aber nicht safe, oder äh?“
„Ach herrje, jaaa, die Hygiene, das habe ich ja ganz vergessen…“ meint sie und fügt NICHT hinzu „daß du so ein nerviger Schisser bist“.
„Dann nimm eben deine Hand!“

Fragmente von Industrieschnee

Der Obdachlose schiebt seinen Einkaufswagen durch die B- Ebene des Hauptbahnhofs. Die B-Ebene ist das unterirdisch gelegene Einkaufszentrum unter dem Bahnhofsvorplatz. Was wahrscheinlich mal schick und fein aussehen sollte, ist heute heruntergekommen und schmuddelig. In den Ecken der Gänge sind am Boden Urinpfützen und auf den Treppenstufen der Aufgänge zum Tageslicht sitzen verlorene Seelen und drücken sich Heroin in die Venen oder rauchen Crack in den kleinen Einweg-Pfeifen, die es hier an vielen Kiosken zu kaufen gibt.

Der Einkaufswagen des Obdachlosen ist völlig überfüllt von Tüten und Decken. Dieser Mensch hat seinen gesamten Hausstand dabei, auf dem Weg von einem Schlafplatz zum nächsten. In den Tüten Leergut, das er in den Mülleimern des Bahnhofsviertels gesammt hat. Mülleimer, in die man eigentlich nicht mit der bloßen Hand fassen sollte, will man nicht riskieren, sich an einer achtlos hineingeworfenen Spritzennadel zu stechen.

Jetzt läuft der Obdachlose mit seinem Einkaufswagen zur Rolltreppe. Ob es eine gute Idee ist, einen überfüllten Einkaufswagen auf eine Rolltreppe zu schieben, beantwortet sich gleich danach, als der Wagen nach hinten wegkippt und sich der gesamte Inhalt auf der Rolltreppe verteilt.

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industrieschnee

In Frankfurt-Höchst liegt Schnee. Sie nennen es „Industrieschnee“, denn der Schneefall ist auf Höchst beschränkt, in keinem anderen Stadtteil hat es geschneit. Die Theorie ist, daß die ortsansässigen Industriebetriebe so viel Feinstaub in die Luft blasen, daß es leichter zur Bildung von Schneeflocken kommt, oder daß sie so viel Wasserdampf produzieren, daß dieser an kalten Tagen als Schnee zu Boden fällt.

Ich steige aus dem Zug, der Bahnhof liegt in weihnachtlichem Weiß da. Heute werde ich sie wiedersehen, nach mehr als einem Jahr totaler Funkstille. Zwei Jahre lang waren wir eins, teilten unsere Leben, Gedanken, den Alltag. Sie weiß alles über mich. Ich weiß alles über sie. Und dann, nach einer Phase, in der wir uns nicht mehr so geliebt haben, uns täglich angezickt und überworfen hatten, war Schluß. Und das war vermutlich das Beste so, aber es tat weh und ich sehne mich noch immer zurück nach den Zeiten, in denen alles gut war zwischen uns.

Ich trete aus dem Bahnhof und sie steht da. Wir haben uns nicht viel zu sagen, dabei würde ich so gerne wissen, wie sie das letzte Jahr verbracht hat. Wie schön wäre es, sich in die Arme zu schließen und sich alles zu erzählen, wie gute Freunde das so tun. Doch ihre Körpersprache bedeutet mir, Abstand zu halten, körperlich und im Gespräch. Sie gibt mir einen klirrenden Rucksack voller Perversenkram, der mir gehört. Dann, nach einem kurzen „Alles klar, machs gut.“ steigt sie in ihr Auto und fährt weg. Ich bleibe allein zurück, in der nachmittäglichen Dämmerung, unter der Weihnachtsbeleuchtung, die auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof aufgehängt ist. Wenn mich jetzt die Bullen filzen wird es interessant.

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Als ich auf sein Haus zulaufe, sehe ich Dirk schon von weitem offenen am Fenster stehen und rauchen. Er öffnet mir die Tür mit der Kippe im Mundwinkel.
„Ich wusste garnicht daß du rauchst.“
„Tue ich auch nicht, aber ich hab doch so gutes Gras aus Marokko mitgebracht.“
„Du hast was?!“
„Na, wir waren doch in Marokko und als wir abreisten haben wir noch so viel übrig gehabt.“
„Und da habt ihr….“
„Da haben wir uns das kurz vorm Flughafen auf ner öffentlichen Toilette gegenseitig in den Hintern geschoben, natürlich in einer Plastiktüte.“
„Natürlich.“

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„Das ist das was ich immer gesucht habe. Das worauf ich immer gewartet habe“.
Ja klar. Das ist das, worauf jeder Mensch immer wartet. Deshalb funktioniert Heroin ja so gut als Droge. Mein Kumpel Daniel steht vor mir, deutlich angetrunken und zeigt mir die Vene an seinem linken Arm.
„Ich mach das nur ein paarmal jeden Monat, laß immer schön zeitlichen Abstand dazwischen, so daß es schön unter Kontrolle bleibt. Nur muß ich langsam mit der Vene da aufpassen. Die ist schon ganz schön zerstochen. Die andere muß ich halt in Ruhe lassen für den Arzt beim Blutabnehmen.“
„Äh….“
„Naja, ab nächster Woche mach ich dann erstmal ein paar Wochen Pause. Nur am Wochenende kriegen wir halt nochmal ne gute Lieferung. Aber danach erstmal Pause und dann ist das wieder wie am Anfang.“
„Wie lang ist man denn drauf, wenn man das drückt?“
„Naja, beim ersten Mal waren es so zwölf Stundenen, mittlerweile sinds nur noch so vier. Der Körper gewöhnt sich da halt dran. Aber wenn wir jetzt ein paar Wochen Pause machen ist es wieder wie am Anfang.“
„Und…du denkst das ist ne gute Idee?“
„Naja, der Umgang mit Heroin in der Öffentlichkeit ist halt sehr von Panikmache geprägt. Die Leute denken man ist nach dem ersten Mal schon total abhängig, auch körperlich, aber das ist halt Quatsch. Man kann damit kontrolliert umgehen, so wie mit jeder bewusstseinsverändernden Substanz.“
Daniel ist bekannt dafür, daß er nach drei Bier seine Persönlichkeit vom der eines zurückgezogenen, schüchternen Menschen, der schon Probleme hat, in der Arztpraxis anzurufen um einen Termin auszumachen, zu exakt dem Gegenteil wechselt: Einem großmäuligen, extrem extrovertiertem Punker, der dann auch jede Substanz einnimmt, die ihm unter die Nase gehalten wird. Man kann Heroin als kontrollieren wie jede andere Substanz auch.
„Na dann, viel Glück. Ich mach mir da ein bißchen Sorgen.“
„Musst du nicht, echt jetzt. Mir gehts wirklich sehr gut, so gut wie lange nicht mehr!“

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Wolken ballen sich am sommerlichen Abendhimmel zu einem Gewitter zusammen. Ein warmer Wind kündigt den Sturm an. An den Stellen des Himmels, an denen keine schwarzen Wolken hängen, ist das satte Dunkelblau der Abenddämmerung zu sehen. Im weiten Garten der Klinik sitzen Kaninchen im Gras und gehen ihren Verrichtungen nach. Die hellerleuchteten Fenster scheinen auf den Zugang zum Garten, wo eine Handvoll Menschen sitzen und rauchen. Cem, ein Mann von fast quadratischem Aussehen (obwohl „dick“ das falsche Wort wäre), läuft den gepflasterten Weg zur Wiese mit festem Schritt auf und ab. Er scheint den Wind zu genießen, der in seine Jacke fährt.

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Habe ich genug Heultücher in der Tasche?

Wenn man mit REZIDIVIERENDE DEPRESSION GGW. MITTELGRADIGE EPISODE in eine psychiatrische Klinik eincheckt (Mitpatient meldet sich am Patiententelephon gern mit „Ja, hier Hotel zur lockeren Schraube, was kann ich für Sie tun?“), denkst man womöglich an einen Haufen nützlicher und unnützer Dinge, die man eingepackt hat (Zahnbürste, Duschgel, Socken usw….) nimmt aber meist nur eine Packung Taschentücher mit, die sich noch in der Tasche der Hose, die man trägt, befindet. Und dann vergehen die Tage und Wochen und immer öfter kommt alles zusammen. Die Traurigkeit ob der eigenen trostlosen Situation, die psychotische Seite der diagnostizierten Zwangsstörung mit soviel Angst vor übernatürlichen Dingen, die passieren oder passiert sind und die man nicht mit dem Konzept der eigenen transzendenten Realität verknüpfen kann, das magische Denken, die Angst vor Verlust dessen, was das eigene Leben ausmacht…und dann ist es ein Sonntagvormittag auf der Station, heute finden keine Therapien statt, die einen unter der Woche nur nerven und die man sowieso als nutzlos empfindet. Aber man hat nun gar keinen Grund, vom eigenen Bett aufzustehen und dies alles vermischt sich fröhlich mit Unruhe und Angst und Traurigkeit und dann hört eine Mitpatientin im Gemeinschaftsraum laut „Es war ne geile Zeit uns war kein Weg zu weit es ist vorbei Du fehlst hier“ und du denkst daran, daß die Frau die du mal heiraten wolltest seit einigen Monaten weg ist, einen anderen hat. Und dann fließt dir das beschissene Wasser aus den Augen und mit ihm kommen diese Unmengen Rotz, mit der sich die Nase plötzlich füllt.

Ich habe jeden verdammten Tag GEFLENNT. Manchmal still und leise in meinem Zimmer, manchmal laut und verzweifelt vor dem mir zugewiesenen Therapeuten, den Kopf an die Wand schlagend vor Verzweiflung, als der Seelsorger für mich gebetet hat (man ist solange Atheist bis das verfickte Flugzeug wackelt), vor Mitpatienten, vor dem Pflegepersonal. Einmal mitten in einem Bowlingcenter im Nachbarort, zu dem ein Pfleger im Rahmen der Aktivitätengruppe mit einigen Patienten gegangen ist. Manchmal bin ich regelrecht ausgerastet, habe verzweifelt und hysterisch geschluchzt. Bisweilen war der Lohn eine innerer Ruhe danach, wenn man sich beruhigt hat. Oft verstärkt vom Beruhigungsmittel Promethazin. Der bittere Geschmack der Promethazintropfen vermischt sich mit dem Schleimgeschmack vom Weinen. Was ist in so einer Lebensphase wichtig? Immer genug Taschentücher oder ähnliche Dinge in der Tasche zu haben, die den ganzen Rotz auffangen können. Immer schön die Taschen auffüllen mit den Papierhandtüchern aus der Toilette der Station, geriffeltes, graues Recyclingpapier. Noch Wochen nach meiner Entlassung und während der vorsichtigen Genesung finde ich in den Taschen und Jacken HEULTÜCHER.
tassen
In den beiden psychiatrischen Stationen (in verschiedenen Kliniken), in denen ich bisher jeweils mehrere Wochen lang wohnen durfte, gab es einen Mangel von Tassen. In beiden Kliniken hingen in der Patientenküche Schilder auf denen geschrieben stand „Bitte keine Tassen aus der Station mitnehmen!“ In der Klapse haben sie nicht mehr alle Tassen im Schrank, kannste ja auch keinem erzählen, glaubt dir ja auch keiner. Beim ersten Mal waren auf den Tassen das Logo der Klinik aufgedruckt. Natürlich hab ich da eine geklaut.

Heuschrecken, Wodka und Psychopharmaka.

Eines Morgens, ich bin gerade sieben Jahre alt, setze ich mich schlaftrunken an den gedeckten Frühstückstisch. Mein verschlafener Blick schweift über Teller, Tassen, Honig- und Marmeladegläser und bleibt an einem Objekt hängen, das ich nicht zuordnen kann. Wie in Zeitlupe fährt es mir kalt den Rücken herunter als sich langsam in meinem Kopf das Bild einem Begriff zuordnet. Zwischen den Frühstücksutensilien sitzt friedlich eine große, über zehn Zentimeter lange Stabheuschrecke. Ich bin wie gelähmt vor Angst, auf die Frage meiner Mutter was denn los sei bringe ich nur ein stammelndes „D-d-d-daaa!“ heraus. Meine nächste Erinnerung ist, wie die Heuschrecke an der Außenwand unseres Hauses sitzt und mein Vater mit einem Besenstil von einem Fenster aus erfolglos versucht, sie von dort zu vertreiben.

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Und am Ende sind nur noch wir beide übrig, gegen null Uhr dreißig vor der Kneipe in Sachsenhausen. Die „UND JETZT!“-Frage hängt in großen roten Buchstaben am Himmel, als ich versuche möglichst beiläufig zu erwähnen „Ich gehe jetzt nach Hause, wenn du willst kannst du gerne noch mit zu mir kommen.“ Also machen wir uns zu Fuß auf den Weg, denn es ist zu spät für die letzte U-Bahn und zu früh für den Nachtbus. Es ist ein Fußweg von etwa einer Dreiviertelstunde, auf halbem Weg meint sie „Oh Gott meine Schuhe bringen mich um“, zieht diese aus und läuft barfuß weiter. „Na toll, jetzt bin ich auch noch schuld wenn du dir den Tod holst“, meine ich angesichts der Tatsache daß es Ende Oktober ist und sie entgegnet „Quatsch, ich bin kein so Weichei, außerdem habe ich starke Hippiegene, das geht schon.“

Eine halbe Stunde später kommen wir in meiner Wohnung an. Wir sitzen zusammen und hören Musik, unterhalten uns über Gott und die Welt. Ich bin nicht so der romantische Typ und daher frage ich sie plötzlich und unvermittelt mitten im Gespräch „Sag mal….darf ich dich umarmen?“ Sie nickt und ziehe sie an mich heran, doch zwischen uns ist noch eine Stuhllehne. „Halt, warte, moment, aua, meine Titte (ORIGINALTON!) ist eingeklemmt, so, ja, ah, besser.“

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„Da hab ich gesagt ´das letzte Mal als mich jemand auf ner Party nach Feuer gefragt hat endete das so, daß ich mit nem Strohhalm aus der Toilette getrunken habe während die Gastgeberin über mir stand und mir mit dem Gürtel den Hintern versohlt hat´. Deshalb sag ich auf Parties lieber nichts mehr.“
„Alter, das war auch total aus dem Zusammenhang.“
„War es nicht, da hatte mich auch jemand nach Feuer gefragt, das war der Zusammenhang. Aber dann waren plötzlich alle so still…“
Quelle: Autogespräch zwischen Marian und Sanil, auf dem Weg zum ersten Schnulz-Gig.

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An diesem Abend versuche ich, mich zu betrinken. Schon mit Ende zwanzig habe ich dies einmal versucht, bin aber daran gescheitert, daß Bier und Jägermeister, die beiden Alkoholika die ich im Haus hatte, viel zu widerlich schmeckten und ich schlicht nicht genug runterbekommen habe, um irgendwas anderes zu spüren als ein leichtes Gefühl der Wärme. Heute versuche ich, es geschickter anzustellen und kaufe eine Flasche Wodka, dazu einen hoffentlich babsüßen Energydrink, um den Wodka zu vermischen. Meine Medikamente habe ich unvernünftigerweise schon intus.

Es läuft wie erwartet. Zuhause bekomme ich so gut wie nichts von dem Wodka pur runter, es schmeckt wie Desinfektionsmittel. Verdünnt mit dem Energydrink (und als dieser aus ist mit O-Saft) geht es, aber auch so muß ich an mich halten, um das Ganze nicht instantly wieder auszukotzen. Auf diese Weise schaffe ich eine halbe Flasche Wodka. Ich spüre nicht die erhoffte Wirkung, mir ist lediglich warm und dann wird mir ein bißchen schummerig. Die Wirkung ist in keinem Falle äquivalent zur Überwindung, die Plörre zu schlucken. Als ich am selben Abend mit Michi und Isa in einer Kneipe sitze, halte ich mich wieder an Apfelsaftschorle. Kein Wunder daß diese Gesellschaft so feindselig ist, wenn sie solch mies funktionierende Drogen hat. Fürs Protokoll: Kein Kater, nix.

alki

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Es liegt Schnee, als ich mit Frau Att als Begleitung den Berg zur Klinik hochlaufe, es ist ein kalter Märztag. Die Zuständigkeiten der Frankfurter Psychiatrien sind nach Stadtvierteln gegliedert und für Bornheim ist ausgerechnet die Hohemarkklinik zuständig, die hinter Oberursel am Berg liegt. Um dort hinzukommen muß man eine lange Fahrt mit der U-Bahn hinter sich bringen. Zwischen Oberursel und Frankfurt fährt die Bahn über Felder und am Ende durch den Wald, so weit draußen liegt die Klinik. Von der Endhaltestelle der Bahn muß man noch einen Berg hochlaufen und als Großstädter fühlt es sich so an, als würde man gleich über den Rand der Welt fallen.

Ich bin nicht ganz freiwillig hier, die Uniklinik hat mich abgewiesen („Wir sind nicht für Sie zuständig“), das konnten sie machen, da ich nicht vorgelogen habe ich hätte Gedanken, mir etwas anzutun. Die Klinik liegt in einem Parkgelände, oberhalb ein stattliches altes Herrenhaus, doch meine Station ist ein funktionaler Neubau, der sich häßlich an den Hang schmiegt („schmiegt“? Kann sich ein Haus „schmiegen“?!). Es ist alles „wunderschön“ mit der Parkanlage und den alten Gebäuden, doch im Verlauf der nächsten neun Wochen werde ich diesen Ort hassen lernen.

hhm

Es ist eine Woche her, seit mir Gott mit einem magischen Ereignis auf meinem PC verlautbart hat, ich solle aufhören, Musik zu machen und einen Tag, nachdem ich auf dem Weg zur Arbeit einfach aus der Bahn ausgestiegen bin, weil ich von dem Ereignis zu aufgewühlt bin und mich nicht in der Lage fühle, meinen Job auszuführen. Zu diesem Zeitpunkt fällt mir eine Distanzierung von diesen Wahnideen noch unglaublich schwer und ihre Unmittelbarkeit füllt mich mit Verzweiflung.

Ironischerweise teile ich mir das Zimmer mit einem schizophrenen älteren Herrn mit Mönchshaarschnitt, der den ganzen Tag Vatikanradio hört und mit Klebeband an der Außenseite der Tür Bibelsprüche anbringt. Zwei Tage halte ich dies aus, dann erkläre ich dem Personal, daß es keine gute Idee ist, jemanden mit meiner Symptomatik in solch einem Umfeld zu belassen und werde in ein anderes Zimmer verlegt.

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Ende November bin ich bei Nina und Tobi zum Abendessen eingeladen. Die beiden haben einen vierjährigen Sohn, Aki, dessen Patenonkel ich bin. Ich melde mich viel zu selten bei ihnen und komme meinen Taufpatenverpflichtungen eigentlich nie nach. Nina und Tobi leben in einem kleinen Einfamilienhaus in Frankfurt-Fechenheim. Das Haus ist vollgestellt mit Kinderkram. Bücher über Dinosaurier, Kisten voller Spielzeug und ansonsten eine ganzen Wand voller Cds und zwei Gitarren prägen das Wohnzimmer. Als ich klingle, öffnet mit Tobi mit den Worten „Du kommst genau richtig, das Kind hat gerade in die Hose gemacht.“ Er geleitet mich ins Wohnzimmer, wo auf dem großen Fernseher gerade ein Cartoon läuft, in dem ein sprechendes Polizeiauto und ein sprechendes Feuerwehrauto ein anderes Auto verfolgen, das die Stadt mit Graffiti verschönert. Die Storyline ist, genau wie die Dialoge, eher simpel gehalten. Nachdem Tobi das Kind umgezogen hat, kommen beide dazu, während ich noch wie paralysiert auf den Bildschirm starre.

Dann muß ich ein Dinosaurierbuch und ein Feuerwehrbuch ansehen und mir erklären lassen, wie die Dinosaurier heissen, was sie auf den Bildern gerade machen und wen der Tyrannosaurus Rex gleich fressen wird.

Mein Patenkind ist sehr umtriebig und ziemlich intelligent. Seit der Zahnarzt im eingeschärft hat, Saft gemischt mit Mineralwasser würde die Zähne schädigen, man solle besser beides nacheinander pur trinken (hat schon irgendjemand davon gehört?!) darf niemand in Akis Gegenwart mehr Schorle trinken und auch ich werde mit einem strengen Blick bedacht, als ich es wage, meinen Orangensaft mit Mineralwasser zu mischen. Dann bekomme ich berichtet, welche Dialoge Aki so in der Kita führt (Evangelische Pfarrerin: „Weiß jemand von Euch wie man in den Himmel kommt?“ Aki: „Mit einer Rakete!“) oder welche Sätze er dort einfach mal so loslässt („Mein Papa hat einen ganz großen Penis!“).

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Siad ist ein etwa einen Meter und neunzig großer Bosnier, der eigentlich in einer Obdachlosenunterkunft im Ostend wohnt, aber nun in die Klinik eingewiesen wurde. Für ihn ist das ein deutlicher Aufstieg. Sein Auftreten ist betont großspurig und pathetisch, schon bei der Aufnahmeuntersuchung überschlägt er sich vor Dank für die gute Arbeit der Ärzte und des Personals. Ich hasse ihn nach kurzer Zeit schon inbrünstig. Alles was er tut ist eine Show, er spricht vor dem Essen das Tischgebet (es ist eine christliche Klinik), steht dazu auf, senkt bedeutungsschwer den Kopf und dankt Gott für dessen Gnade. Er erzählt, wie er im Balkankrieg Menschen getötet hat und tut alles, um sich als welterfahrenen Lebemann darzustellen. Bei jedem Wort, das über seine Lippen kommt schreit es in mir „WIESO BIST DU HIER DU ARSCHLOCH, GEH NACH HAUSE WENN ALLES SO TOLL IST!!!! UND FICK DEINEN GOTT!!!!“.

Er freundet sich mit Ralf an, einem Junkie, der eines Nachts mit aufgeschnittenen Pulsadern eingeliefert wird. Bei jeder Mahlzeit sprechen beide großspurig über Politik und Gott und die Welt. Ralf wird Gott sei Dank entlassen, nachdem er nach Frankfurt gefahren ist und sich dort Methadon besorgt hat („…beim ersten Mal konnte ich die Urinprobe noch verdünnen, beim zweiten Mal hat der Pfleger aber zugeschaut….“).

Ein kleiner Lichtblick ist Frau Haug, die meist völlig verwirrtes Zeug redet („Ist das mein Sohn? Jaaaa, das ist mein lieber Sohn! Wo hat er denn den Führerschein gemacht?“ „Frau Haug, ich bin nicht ihr Sohn, ich arbeite hier, nehmen Sie bitte Ihre Tabletten“) aber bisweilen total ausrastet und willkürlich andere Patienten beschimpft.

Als Siad einmal erzählt „da hat der Vater seine tote Tochter auf dem Armen und zu wem kann er gehen wenn nicht Gott“ sitzt sie daneben und bricht plötzlich heraus mit „ZWISCHEN SEINE SCHENKEL HAT ER SIE GENOMMEN, RICHTIG SO!“ und greift sich mit der Hand zwischen die Beine. Ich liebe sie.

Eine andere, deutlich angenehmere, Mitpatientin ist Anne, sie ist vierundzwanzig und ist hier weil „ich habe irgendwas falsch gemacht. Können Sie mir sagen, was ich falschgemacht habe?“. Sie hat ihre zunehmende Verwirrung über die Welt mit Cannabis behandelt und wird nun gegen Psychose behandelt. Sie weigert sich zuerst, irgendwelche Medikamente einzunehmen, die sie vielleicht vergiften werden, aber tut dies alles auf eine sehr stille, angenehme Art und Weise. Ich bin ein bißchen verliebt, sie rührt meinen Beschützerinstinkt an, ich bin aber zu sehr mit meinen eigenen Dämonen beschäftigt, um ihr näherkommen zu können. Schließlich willigt sie ein, die Medikamente einzunehmen und kann nach wenigen Wochen, lange vor mir, entlassen werden.

psychopharmaka

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Es ist ein warmer Julitag, als ich mit Michi verabredet bin. Wir wollen zu einem Weiher in der Gegend zum Schwimmen fahren. Nachdem wir eine halbe Stunde mit der Strassenbahn gefahren sind, laufen wir über den Main und über Felder, um schließlich am Schultheiss-Weiher in Offenbach anzukommen. Der Weiher ist ein besseres Wasserloch, der Sandstrand ist übersäht von Entenexkrementen und direkt an der Wasserlinie liegt ein großer Haufen, dem nicht anzusehen ist, ob er von einem Hund oder einem Humanoiden stammt. Kurioserweise wird der Weiher von einem Sicherheitsdienst bewacht, drei muskulöse Typen mit militärischem Bürstenhaarschnitt und Shirts, auf denen „Bade-Security-Offenbach“ oder so steht, haben alles im Blick. Wir gehen trotz allem ins Wasser, das voller Algen ist. Der Weiher ist außerdem gut besucht, das Offenbacher Publikum lässt sich nicht von Kacke und Algen abschrecken. Nach kurzer Zeit verlassen wir die Szenerie wieder. Zuhause dusche ich erstmal ausgiebig. Pluspunkt: Keine Heuschrecken.

of

Die süße Theologiestudentin.

hbf

Jeden Morgen, wenn ich im Hauptbahnhof aus der U-Bahn aussteige und durch die B-Ebene zur Straßenbahn laufe, steht da an der Rolltreppe nach oben derselbe junge Mann. Er tauscht kurze Sätze mit anderen Gestalten aus, die vorbeilaufen. Er ist unauffällig aber sauber gekleidet und nichts an seinem Auftreten zieht die Aufmerksamkeit auf sich, außer der Tatsache, daß er dort jeden Morgen an der gleichen Stelle steht. Bisweilen werde ich auf der Rolltreppe, vor der er steht, Zeuge von geschäftlichen Transaktionen. Unauffällig werden Geldscheine und kleine Päckchen getauscht. Diese Szene ist kaum der Rede wert, wir sind in Frankfurt. Und so setze ich jeden Tag unbeeindruckt meinen Weg fort.

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Hr. Plauck ist achtundsechzig Jahre alt, fast einen Meter und neunzig groß und über seinem Hosenbund wölbt sich ein stattlicher Bauch. Fast immer läuft er im Unterhemd durch die Station. Es ist Sommer, der Sommer des Wahnsinns. Sein Problem ist, daß er den ganzen Schleim nicht aus seiner Nase bekommt. Jeden Morgen sieht man ihn mit einer Nierenschale auf der Toilette verschwinden, danach hört man eine Viertelstunde lang lautes Schneuzen, Stöhnen und das Geräusch, wenn man stark durch einzelne Nasenlöcher pustet. Der HNO-Arzt hat ihm nicht helfen können. „Er hat gesagt: ´Damit müssen Sie leben!´ Der hat gut reden. Der muss nicht damit leben, es ist doch nicht normal, daß man das alles nicht rauskriegt.“
Hr. Plauck bekam dann Panikattacken in der Straßenbahn, er fürchtete am Schleim in seiner Nase zu ersticken. Seitdem ist er hier in der Klapse und bekommt Tavor. Doch wirklich helfen kann man ihm nicht, er lehnt alle Gruppentherapien ab. Schließlich spricht regelmäßig ein Psychologe mit ihm, der optisch das genaue Gegenteil ist, ein dünner junger Mann, glattrasiert, noch in der Therapeutenausbildung. Eine Frau hat Hr. Plauck nie gehabt. Er bekommt nie Besuch, erzählt nur ab und zu von seiner Mutter, die aber schon lange unter der Erde weilt.

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An diesem Tag besuche ich den bösen Jonas. Der böse Jonas wird „Böse“ genannt, weil wir mal in einer Band mit noch einem Jonas gespielt haben. Der „böse“ Jonas hat sich diesen Titel hart erarbeitet durch den früheren Drang, sein Geschlechtsteil bei möglichst vielen Gelegenheiten der Öffentlichkeit zu präsentieren, durch Böllerwerfen in geschlossenen Räumen, durch den Hitlergruß in linken Kneipen, durch provokantes Rumschreien nachts in Frankfurt, dem lauten Beleidigen der Mütter von jungen Südländern im Nachtbus und all das in Verbindung mit exorbitantem Drogen- und Alkoholkonsum. Legendär ist seine geniale Idee, nach Wiesbaden mit dem Auto aufs Konzert zu fahren, sich dort abzuschießen und sich danach selbst eine Infusion zu legen, um zeitnah wieder nüchtern heimfahren zu können, wobei er unterschätzt hat, wie schwer es ist, sich mit zwei Promille selbst eine Infusion zu legen. In diesem Blog wurde er desöfteren schon portraitiert. Der böse Jonas hat aber auch eine andere Seite. Seit vielen Jahren fährt er Krankenwagen durch Frankfurt und kratzt Unfallopfer vom Asphalt und sorgt dafür daß Fettsäcke wie ich bei ihrem ersten Infarkt rechtzeitig in die Notaufnahme kommen.

Ich habe den bösen Jonas schon lange nicht mehr getroffen, heute sind wir verabredet. Unser letztes Zusammentreffen liegt etwa zwei Jahre zurück. Der böse Jonas war Gitarrist bei TZN, dem mobilen Chaoskommando, bei dem ich Schlagzeug gespielt habe. TZN bestanden außer uns aus Paul am Bass und Jana, der Shouterin. Die Band zerbrach, als Paul, der drauf und dran war, Jana zu ehelichen, eines Abends mit den bösen Jonas saufen war, in einer WG endete, dort mit einer in der selbigen wohnenden Frau im Bett landete, während der böse Jonas in einem Anfall von alkohol- und amphetamingeschwängertem Loyalitätsgefühl von vor der Tür des Zimmers in dem dies alles stattfand, Jana anrief und quasi Live-Berichterstattung des Ehebruchs durchführte.

Jonas holt mich im Auto ab und wir fahren zu ihm. Er wohnt jetzt in Offenbach. Mittlerweile ist er bei der Feuerwehr, verbeamtet und wird dort Karriere machen. Er hat eine kleine Tochter und ist glücklich verheiratet. Ihm geht es besser als je zuvor, es gibt keinen Grund, das irgendwie zu kritisieren. Wir gehen am Main spazieren und sitzen auf einer Bank. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Es wird dunkel und wir schauen den Lichtern der Autos nach. Schließlich fährt Jonas mich sogar noch nach Hause.

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haha

„Isch hab die Mängelliste garnet mehr abgetippt.“
Der Mann hinterm Tresen reicht mir einen mit Kuli vollgeschriebenen DinA4-Zettel. Zum ersten Mal hab ich das Auto nicht zum Schrauber unseres Vertrauens gebracht, sondern zu einer offiziellen Werkstatt. Unser Schrauber hat immer das nötigste gemacht, ansonsten beteuert, alles wäre cool und froody (diesen speziellen Ausdruck hat er nicht benutzt, ich wollte ihn aber mal unterbringen, wer weiß woher ich ihn geklaut hab bekommt meine Orthographie-Mängel geschenkt).

Auf dem Zettel stehen Lappalien wie „Kratzer rechte Beifahrertür“ (Nein, wirklich?) aber auch Dinge wie „Bremsleitung durchgerostet“ und irgendwelche Dinge „lösen sich auf“ (Was soll das heißen….? Ist das schlecht? Alles löst sich ständig auf auf, das Universum expandiert und die Atome entfernen sich immer weiter voneinander oder so. Ist das so gemeint?). Wem vertraut man jetzt? Die Antwort ist: Keinem, und ein neues Auto muss her.

Der Schrauber unseres Vertrauens ist auch gerade nicht verfügbar, er hat gerade eine Gerichtsverhandlung wegen Trunkenheit am Steuer hinter sich, nachdem er eingeschlafen hinter dem Steuer seines Wagens von der Polizei gefunden wurde, nachdem er ebendiesen im Taunus an einen Baum gesetzt hat. Zu seinem Glück liegt der Zündschlüssel auf dem Beifahrersitz und dies ermöglicht ihm vor Gericht die Argumentation, er sei mit dem Auto gegen den Baum gefahren, habe sich total geärgert, sei zu einer Party in der Nähe gelaufen, habe sich dort betrunken und sei wieder zurück zum Auto gegangen, auf der Fahrerseite eingeschlafen aber eben OHNE den Zündschlüssel wieder ins Schloss gesteckt zu haben. Der Vorwurf der Trunkenheit am Steuer wird aus Mangel an Beweisen fallengelassen und er behält seinen Führerschein und muß nicht auswandern, was er beschlossen hat, andernfalls zu tun.

Schließlich erhalte ich Geld von meiner Mutter, um mir ein neues Auto zu kaufen (ich weiß, das macht mich zum verwöhnten Mittelstandsbalg, es sind fünfzehnhundert Tacken) und ich erwerbe in Niederwöllstadt in der Hurensohn Wetterau von einem Fußballkumpel meines Arbeitskollegen (ich dachte, das bewahrt mich davor, übern Tisch gezogen zu werden, turns out die sind ALLE Fußballkumpels da) einen potthässlichen gebrauchten Kleinwagen für siebenhundertfünfzig Euro, der aussieht wie ein etwas zu groß geratener Staubsauger.

Schon als ich mit dem Auto nach Hause fahre, bemerke ich beim Bremsen ein schleifendes Geräusch, aber laut meiner damiligen Lebensgefährtin, die WAY MORE Erfahrung mit Autos hat, ist das nur der Flugrost, der sich von der Bremse löst. Die Pfütze, die sich unterm Auto bildet, als ich bei mir zuhause einparke ist dann aber nicht mehr nur eine Lapallie. Die Wasserpumpe ist defekt, obwohl das Auto frisch übern TÜV gekommen ist (der TÜV in der Wetterau besteht wohl auch nur aus Fußballkumpels). Der Fußballkumpel meines Arbeitskollegen meint „Kein Problem, ich mach dir das“ und schärft mir ein, lediglich die Temperaturanzeiger des Motors im Auge zu behalten. Dies tue ich und registriere in den nächsten Tagen immer sehr aufmerksam, wenn der Zeiger in den roten Bereich wandert. Was mir der Fußballkumpel nicht gesagt hat (und laut meiner damaligen Freundin wäre das eigentlich selbstverständlich gewesen, nur ein weltfremder Träumer wie ich wisse so etwas nicht), ist, daß ich den Motor unbedingt ausmachen soll, wenn die Anzeige rot wird. Und so kommt es, wie es kommen muß und ich bleibe auf dem Weg in die Werkstatt, wo die Wasserpumpe gemacht werden soll, liegen. Motorschaden, aber der Fußballkumpel macht mir das für weitere dreihundert Euro. Leider dauert die Reparatur drei Wochen, da er sich immer nach Feierabend dransetzt und die Arbeitsstunden nicht eben ordentlich versteuert werden.

Nachdem ich das Auto wieder habe, bemerke ich plötzlich, daß die Räder vorne nach längeren Fahrten glühend heiß sind. Diesmal bringe ich das Auto nicht zum Fußballkumpel sondern zu einer Werkstatt in Bornheim. Turns out (ich mag diesen englischen Ausdruck, sorry) die Bremsen sind durch und müssen für weitere dreihundert Euro gemacht werden.

Zwei Wochen später bleibe ich wieder mit dem Wagen liegen. Er geht einfach aus und nie wieder an. Beim Abschleppen reißt auch noch das Seil und in der Werkstatt sagen sie mir, es koste mindestens fünfhundert Euro, überhaupt nachzusehen was los ist. So viel ist die Kiste dann doch nicht wert und ich verbleibe ohne Auto, fünfzehnhundert Euro in den Sand gesetzt habend.

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Seitdem ich kein Auto mehr habe, muß ich den Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln meistern. Die Strecke dauert mit dem Auto zwanzig Minuten, mit Bus und Bahn beträgt die Fahrzeit mehr als eine Stunde, inklusive dreimaligem Umsteigen. Der Frühdienst beginnt um fünf Uhr dreissig morgens, um dort rechtzeitig zu sein muß ich die Bahn um VIER UHR FÜNFZEHN morgens nehmen. Das ist so früh, daß man eigentlich garnicht erst ins Bett gehen muss (muss man schon, man ist alt geworden und schafft es nicht mehr, nach einer durchgemachten Nacht eine ganze Schicht abzureissen). Wenn ich am Tag vorher Spätdienst habe, schlafe ich einfach auf der Arbeit in einem Abstellraum.

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hbf2

Vierhundert Milligramm Sertralin verteilt auf fünfzig Milligramm macht acht Tabletten, dazu eine Risperdal und die kleine Blaue. Die kleine Blaue heißt Tavor und soll mich beruhigen. Klappt nicht so. Mittlerweile habe ich Übung darin, die zehn Tabletten mit einem einzigen Schluck Wasser runterzukriegen, nachdem ich lange Zeit regelmäßig mehr oder weniger versuchen musste, meinen Würgereiz und und seine Folge, mein Frühstück im Stationszimmer zu verteilen, zu unterdrücken. Und zehn Tabletten nacheinander zu schlucken steht halt nicht zur Debatte, das dauert JAHRE.

Ich freunde mich mit Nawab an, einem vierundvierzigjährigen Afghanen, der einen respektablen Salafistenbart trägt und unter schweren Depressionen leidet. Er schafft es zur Zeit nicht, sich zu duschen oder zu waschen und schämt sich dafür. Viel schwerer wiegt für ihn, daß er es nicht mehr schafft zu beten. Trotz meines langsam wieder hergestellten Antichristendaseins fühle ich eine Verbindung zwischen uns. Er hat zwei Kinder, musste Afghanistan mit zehn Jahren auf der Flucht vor den Sowjets verlassen, fand Asyl in Pakistan und kam dann irgendwann nach Deutschland. Er erzählt, er habe noch nie gearbeitet wegen seiner Erkrankung. „Kein Blatt vom Baum kann fallen ohne Erlaubnis von Gott“. Wie stigmatisiert Depression im paschtunischen Kulturkreis ist, erzählt er nicht. Dafür berichtet er von der Sonne in Afghanistan, die „wie Gold“ scheine, nicht so wie hier, im deutschen November.

Immer noch bin ich jeden Tag sehr aufgewühlt von dem magischen Ereignis, grübele darüber nach, ob Gott mir wirklich kommunizieren wolle, ich müsse aufhören Musik zu machen. Ich konsultiere die Seelsorgerin der Klinik, aber die kann mir auch nicht signifikant weiterhelfen. Und ich nehme weiter zu, mein Übergewicht ist ein weiterer Faktor, der mich deprimiert. Ich bin so dick, wie ich schonmal war, dick und verrückt, eine beschissene Kombi. Dick, verrückt und pervers. Tausendfach unfickbar, verdammt. Ich versuche, der täglichen Trostlosigkeit mit Schreiben zu begegnen, aber das Schreiben fällt mir noch schwerer als sowieso schon. Es fühlt sich an als müsse ich jedes Wort mit unfassbarer Kraft zu Papier (also, zu Open Office) ZWINGEN. Ein kleiner Lichtblick ist die Praktikantin der Seelsorgerin, die einmal mit mir spricht, eine junge, ziemlich hübsche Theologiestudentin, die einer evangelischen Freikirche angehört. Ich bin aber Realist genug um zu ahnen, daß sie meine Thesen zur Verbindung von Christentum und Sadomasochismus eher nicht teilt. Trotzdem wird sie zum Objekt unkeuscher Gedanken, denen ich auf der Gemeinschaftstoilette der Station Ausdruck verleihe und für die ich mit Sicherheit im Fegefeuer lande, wenn es das gibt.

Um mir die Angst vor Übernatürlichem, Gott und Satan und der ganzen Scheiße zu nehmen, verordnet mir meine Therapeutin Konfrontationstherapie. Ich soll absichtlich gottlose Dinge tun. Also beginne ich, jeden Morgen das Vaterunser rückwärts aufzusagen und Gott zu beleidigen: „Fick Dich Gott Fick Dich Gott Fick Dich Gott!“. Was die süße Theologiestudentin davon wohl hält?

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An diesem Tag steht der junge Mann nicht an seinem Platz an der Rolltreppe. Es ist acht Uhr morgens, und als ich zur Straßenbahn hochlaufekommt er mir entgegen, schnellen Schrittes, gefolgt von einem Mann mit ungepflegtem grauen Bart, schmutziger Kleidung und schmutzigen Händen mit schwarz umrandeten Fingernägeln. Ich bekomme nur Fetzen der Konversation mit, die da lauten „Nein, jetzt reichts“, „Ach komm schon, nur noch einmal!“, „Nein, laß mich in Ruhe!“. Scheint so, als ob da jemand einen noch viel blöderen Morgen hat als ich.

rolltreppe

LEKTIONEN IN WAHNSINN

station

In dem Jahr, bevor Jelena nach Heimweh zog, hatte sie mehrere Monate in zwei Psychiatrien verbracht. Die Medikamente wirkten schlecht und nichts konnte ihr die immerwährende Angst nehmen, die über oder in ihrem Kopf hing. Sie hatte verzweifelte Wochen auf den Stationen der Kliniken verbracht, immer darauf hoffend, daß die nächste Woche die Wende bringen würde, daß die Unbeschwertheit von Früher wieder langsam einsetzte. Was blieb war die Angst und das unbestimmte Gefühl von einer Traurigkeit, die einem schwarzen Abgrund glich, die sie auch jetzt noch täglich in Tränen ausbrechen ließ.

Da war die Projektion auf ihren ehemaligen Lebensgefährten gewesen. Wenn er da sei, dachte sie, wäre alles nicht so schlimm. Doch er war nicht mehr da. Sie versuchte, Trost aus seiner Anwesenheit zu ziehen. Allein ihn am Telefon zu haben, seine Stimme zu hören, tröstete sie und nahm ihr die Angst. Die Angst vor dem unbestimmten übernatürlichen Magischen, vor den Dämonen und Geistern, vor Gott. Doch er ging nicht mehr ans Telefon, zog sich zurück. Antwortete kaum mehr auf schriftliche Nachrichten, SMSe oder Whatsapp-Mitteilungen und wenn dann abweisend. Und schließlich, an einem Junitag, kam die letzte Nachricht von ihm, in der er sie darum bat, ihn nicht mehr zu kontaktieren.

Sie schaffte es nicht, sich daran zu halten. In verzweifelten Momenten, als sie bitterlich weinend in der Station der Uniklinikpsychiatrie saß, versuchte sie, ihn anzurufen. Nur um zu merken, daß er ihre Nummer offenbar blockiert hatte. Sie schickte verzweifelte Nachrichten, in welchen sie ihn darum anflehte, mit ihr zu kommunizieren. Doch all diese Nachrichten gingen ins Nichts, blieben unbeantwortet.

Weitere zwei Jahre zuvor, als sie in derselben Klinik behandelt worden war, war er für sie da gewesen. Fast an jedem Tag, wenn sie nach den Therapiezeiten der Station Ausgang hatte, verließ sie die Klinik und lief zu seiner Wohnung, wo er immer auf sie wartete. Der Fußweg zu seiner Wohnung war nicht weit, in ca. einer halben Stunde zu absolvieren. Dann verbrachte sie ein paar Stunden in seiner Wohnung mit ihm, seine Wohnung, die wie eine Blase der Sicherheit in einer Welt voller Angst gewesen war.

Und als sie nun losging, sich mit einer Freundin zu treffen, die im selben Stadtviertel wohnte, hoffte sie, im zufällig auf der Straße über den Weg zu laufen. Was natürlich nicht geschah. Und sie besaß einen letzten Rest von Selbstwertgefühl, der sie davon abhielt, zu seiner Wohnung zu laufen. Aber in diesem Jahr hatte es Momente gegeben, in denen sie drauf und dran gewesen war, genau dies zu tun.

Zwischen den Jahren 2015 baute sich in mir der Eindruck auf, der SMS-Benachrichtigungston meines Handys ertöne immer in Rhythmus der Musik, die ich mit dem Handy hörte. Dies verursachte die Angst in mir, es könne etwas Magisches, bösartiges in der Musik sein, das dies verursache und ich müsse deshalb aufhören, Musik zu hören und zu machen, da ich sonst von Dingen wie schwarzer Magie erfüllt würde und nach meinem Tod in die Hölle komme.

Es gelang mir nach einer Weile, von diesen Gedanken Abstand zu nehmen, nachdem ich den SMS-Benachrichtigungston meines Handys deaktiviert hatte.

Mein Psychiater verschrieb mir daraufhin zusätzlich zum Sertralin Risperidon.

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Am schlimmsten und unerträglichsten war Schwester Bussnaumer gewesen. Trotz ihres deutschen Namens, der vermutlich auf eine Heirat zurückging, stammte sie wie Jelena aus Polen, war aber anders als Jelena nicht in Deutschland aufgewachsen und sprach mit deutlichem osteuropäischem Akzent. Die feine Grenze zwischen Motivation von antriebsschwachen, depressiven Patienten zu deutlich übergriffigem Verhalten war für sie nicht vorhanden. Sie behandelte alle Patienten wie kleine Kinder und wurde von fast allen Patienten der Station entsprechend gehasst.

Wenn sie Frühdienst hatte, betrat sie vor dem Frühstück die Patientenzimmer, manchmal ohne anzuklopfen und forderte die Patienten mit lauter Stimme auf „Waschen Sie sich und dann gehän Sie zum Frühstück. Haben sie in ihre Hossä gäschlafen?“
„Das geht dich einen Scheißdreck an.“ antwortete Jelena NICHT.

Schwester Bussnaumer war deutlich über fünfzig Jahre alt, trug ihr graues Haar kurz und war zwar nicht direkt fettleibig, dennoch beinahe quadratisch in ihrer ein Meter und sechzig hohen Erscheinung.

Am meisten mißfiel Jelena an Schwester Bussnaumer, daß diese die Namen der Patienten nicht korrekt aussprach, aus „Hr. Schütz“ wurde „Hr. Scholz“ aus „Hr. Giesemann“ wurde „Hr. Giesmann“, aus „Hr. Wildmann“ wurde „Hr. Weddmann“….und der ewig gleiche Satz wenn sie das namentlich beschriftete Mittagessen für die Patienten ausgab: „Lassen Sie mal bitte schmecken.“

Schwester Bussnaumers Verhalten war einer der Gründe, aus welchen Jelena mindestens einmal während ihres Aufenthalts auf der Station ihre Tasche packte und nahe daran war, nach Hause zu gehen.

Auf meinem PC befindet sich ein Ordner mit Mp3-Dateien, die ich immer zum Gitarre üben verwende. Ich spiele diese ab und spiele mit der Gitarre dazu. Zwischen den Mp3-Dateien befinden sich JPG-Bilddateien mit Covern von Alben, die zu den Mp3-Dateien gehören. Anfang März 2016 markierte ich alle Dateien dieses Ordners und spielte sie ab, dazu spielte ich Gitarre, im Zimmer stehend. Schon währenddessen bemerkte ich aus den Augenwinkeln, das sich auf dem Monitor etwas veränderte. Als ich später wieder an den PC ging, sah ich, daß die genannten Bilddateien nicht mehr markiert waren. Dies erzeugte große Angst in mir, es könne hierbei etwas magisches und übernatürliches passiert sein. In mir kam der Gedanke auf, daß Gott mir damit mitteilen wolle, ich müsse das Musikmachen aufgeben. Ich empfand Angst, daß mir bei Nichtbeachtung dieses Zeichens eine nicht näher definierte Strafe drohte. Gleichzeitig wusste ich, daß diese Gedanken Teil meiner Erkrankung sind, konnte sie durch dieses Wissen allerdings nicht eindämmen.

Dies erzeugte eine sehr große Unsicherheit in mir, die immer größer wurde und dazu führte, daß ich mich mehrere Tage später in die Hohemarkklinik in Oberursel einweisen ließ.

Dort wurde meine Medikation von Sertralin und Risperidon auf Venlafaxin, Amisulprid und Amytriptilin umgestellt.

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„Das Weinen, wenn du keine Hoffnung hast, wenn du alles trostlos findest und denkst, daß es trostloser nicht geht. Und es gibt keinen Weg da raus, denn alles was dich tröstet ist verboten. Du musst allein klarkommen, sagen sie. Sie sagen, du musst allein da durch, ohne irgendeinen Trost, ohne irgendeine Erleichterung. Und dann die Sache mit Gott… Gott ist verboten, auch er ist nur ein Mittel, die Angst zu neutralisieren. In der ersten Klinik war Gott aber eine große Sache, die war sehr christlich geprägt. Ich bin zum Seelsorger gegangen, der hat mit mir gebetet. In der zweiten Klinik wurde mir das von den Ärzten verboten. Dann habe ich versucht, wieder Abstand von irgendeinem Glauben zu gewinnen. Dann hatte ich aber keine Möglichkeit mehr, das magische, übernatürliche, das ich erlebt hatte, zu neutralisieren. Also einfach damit leben, durch die Angst durch. Das hat nicht funktioniert. Ich habe es so versucht, meine Angst nicht zu neutralisieren, nicht abzumildern mit „Gott hat auch Atheismus geschaffen und hat auch diese Therapie geschaffen“, ich konnte gar nicht anders, obwohl die Therapeuten gesagt haben, ich darf das nicht abmildern. Ich muss da durch, daß ich etwas Verbotenes, Sündiges, Okkultes tue und die Angst, die mir das macht, aushalten. Ich habe das einfach nicht geschafft und bin weggelaufen. Und nun sitze ich hier und warte bis dieses sinnlose Leben vorbei ist.“

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In der Klinik entwickelte ich zusätzlich eine depressive Symptomatik, die sich durch Weinkrämpfe und autoaggressives Verhalten (Schlagen gegen den Kopf) zeigte. Gleichzeitig empfand ich plötzlich tiefe Trauer über den Verlust meiner Lebensgefährtin. Die Angst-Symptomatik bzw. Wahnideen besserten sich im Laufe der Behandlung kaum. Nach fast zehn Wochen wurde meine Stimmung plötzlich besser und ich erwirkte die Entlassung in die Tagesklinik, auch wenn die Zwangs-/Angst-Symptomatik und die Wahnähnlichen Ideen noch in gleichem Ausmaß vorhanden waren.

Ich besuchte für eine Woche die Tagesklinik der Hohemarkklinik, verließ diese jedoch, da dort kaum Programm/Behandlung angeboten wurden.

Danach kehrte ich zurück an meinen Arbeitsplatz. Jedoch wurde ich weiter stark von den Ängsten und Wahnideen geplagt. Es war mir weiterhin unmöglich, Musik zu hören oder gar selbst zu machen. Ebenso fielen mir sämtliche Freitzeitaktivitäten sehr schwer. Außerdem war ich sehr abhängig vom Zuspruch einer guten Freundin, die neben mir wohnte und meiner Mutter. Als besagte Freundin im Urlaub war, fiel es mir sehr schwer, die Zeit zu verbringen. Auf Anraten meines Psychiaters bemühte ich mich daher um eine Aufnahme in der Uniklinik. Ich wurde in die Tagesklinik aufgenommen, jedoch nach einem Tag auf die Station verlegt.

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Der Zombie wurde ca. zwei Wochen nach Jelena auf der Station aufgenommen. Er hatte auch einen Namen, doch Jelena dachte von ihm immer nur als „der Zombie“. Er war ein etwa dreißigjähriger Mann von der Sorte der chronisch psychisch Kranken, bei denen die hohe Dosis an Antipsychotika Bewegungsstörungen verursachten. Insofern war „der Zombie“ kein besonders netter Spitzname, doch Jelena nutze ihn sowieso nur in Gedanken. Der Zombie lief in kleinen Schritten, die Arme rechts und links neben dem Körper hängend, den Oberkörper leicht vorgebeugt, wie eben ein Zombie. Zusätzlich sprach er in einem monotonem, nuschelnden Tonfall. Seine kleinen Gehbewegungen führte er bisweilen auch aus, wenn er sich nicht vorbewegte und trat somit auf der Stelle.

Der Zombie nahm auch regelmäßig an den morgendlichen Spaziergängen teil, die die Ergotherapeutin mit den Patienten der Station durchführte. Dann lief er mit kleinen Schritten in seinen Birkenstocksandalen schlurfend mit und Jelena vermeinte, ihn „Hirrrrrn ich brauch Gehirrrrrnnnn…“ murmeln zu hören.

Der Zombie hatte Probleme mit der Körperhygiene.Auf den Trainingshosen, die er trug, zeichneten sich im Schrittbereich große feuchte Flecken ab, und braune Flecken an seinen T-Shirts wo diese hinten im Gesäßbereich in dieselbe Hose gesteckt waren. Zudem hatte er sehr lange, ungepflegte Fingernägel. Alles an dem Zombie ekelte Jelena und er wurde zum Symbol, in welcher Scheiße sie steckte, daß sie mit solchen Leuten auf einer Stufe war. Ihr Hass auf den Zombie wurde zum Hass auf sich selbst.

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Dort wurde als Therapieziel zunächst festgelegt, die depressive Symptomatik zu behandeln, indem ich lernen sollte, meine Gefühle auszuhalten ohne bei anderen Menschen Trost zu suchen. Zu dieser Zeit rief ich beinahe mehrmals täglich eine gute Freundin von mir oder meine Mutter an.

Die Wahnideen/Ängste erzeugten in mir ein stetiges Gefühl des Unbehagens. Dieses resultierte oft in einem Überforderungszustand, zu dem sich Gefühle der Einsamkeit und Traurigkeit mischten, was oft in unkontrollierbare Weinkrämpfe mündete. Auf der Station resultierte dies in fast unaushaltbaren Zuständen, in deren Verlauf ich mehrmals auch den Kopf gegen die Wand schlug. Der Therapieansatz auf der Station war es, diese Zustände ohne Hilfe von Außen auszuhalten und zu erleben, daß diese Stimmungen vorbeigingen.

Nach einer Weile gelang dies besser.

Mit der Psychotherapeutin der Station entwickelte ich Expositionsübungen, die meine Ängste in Bezug auf Übernatürliches reduzieren sollten. Zu diesem Zweck sollte ich absichtlich „böse“ Musik hören (z.B. Black Metal mit satanistischen Inhalten), um die Angst zu provozieren, mich in die Angst hineinbegeben, um zu erleben, wie diese sich selbst nach einer Weile reduziert.

Dies klappte jedoch nur ansatzweise, da dieses Hören von Musik nur ein stetiges Unbehagen auslöste und keine Angstattacke im herkömmlichen Sinne.

Währenddessen erlebte ich zusätzlich weitere „magische“ Ereignisse, die mir Angst machten.

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Jelena hatte Angst vor der Hölle. Sie hörte Geräusche in Musik, Stimmen im Wind und hatte Angst, daß dies alles Teil von schwarzer Magie sei, der sie anheimfallen würde, da sie nicht religiös war. Die Hölle stellte sie sich vor, wie wenn sie sich die Flamme ihres Feuerzeugs unter die Hand hielt, nur tausendmal schlimmer und für immer. Wie sollte einem das keine Angst machen?

Wenn sie die Flüssigkeit durch die Nadel in die Vene drückte, hörte die Angst auf. Das war das einzige was half. Als sie mit dem Heroin angefangen hatte, hatte sie das Gefühl gehabt dies sei das gewesen, wonach sie schon immer gesucht habe. Dann, in nüchternen Momenten, war ihr klar, daß es das war, worauf jeder Mensch wartete. Deswegen funktionierte es auch so gut als Droge.

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Zum Beispiel bemerkte ich zuhause auf meinem PC, daß ein Ordner einer Band mit dem satanistischen Namen „Destroyer 666“ auf eine andere Festplatte kopiert war, als die, auf dem ich ihn abgelegt hatte. Dies verunsicherte mich zutiefst, als Expositionsübung begann ich, täglich Musik von dieser Band zu hören, was die Angst jedoch nicht verkleinerte.

Dann bemerkte ich, daß ich scheinbar manchmal bei Liedern, die ich nicht vorher gehört hatte, wusste, welche Melodien oder Breaks als nächstes kommen.

Ich versuchte mir dies rational zu erklären, aber auch das nahm die Angst nicht, ich könne von dämonischer, schwarzer Magie besessen sein und deshalb die Musik vorraussagen.

Ich hörte regelmäßig ein Album einer Band, die sich in Interviews als „spirituell“ bezeichnete, gleichzeitig aber betonte, sie sei satanistisch orientiert. Die Musik dieser Band hörte ich extra, um mich besonders Inhalten auszusetzen, die mich ängstigten.

Nachdem ich das Album mehrmals durchgehört hatte, fiel mir an einer Stelle eine Art Schreien auf, ganz im Hintergrund der sehr dichten Produktion mit mehreren Gitarren- und Gesangsspuren.

Als mir dieses Geräusch auffiel, war ich gerade mit der Bahn unterwegs und hörte das Album über Kopfhörer. Sofort hörte ich die Stelle nochmals an und hörte das Geräusch erneut.

Trotzdem bekam ich am Tag danach große Angst, denn das Geräusch war so leise, daß es scheinbar gleichzeitig wahrnehmbar und doch nicht zu hören war. Es war, als habe ich eine Form in zufällig auftretenden Wolkenformationen gesehen.

Später bekam ich noch mehr Angst, denn ich hatte das Geräusch ja gehört, es war aber, wenn ich die Stelle wieder und wieder hörte, sehr leise. Wie konnte ich das Geräusch ursprünglich wahrgenommen haben? Musste es nicht ursprünglich viel lauter gewesen sein? Das würde bedeuten, die Datei, die die Musik enthielt, habe sich verändert und dies könne nur möglich sein wenn eine magische, übernatürliche Kraft im Spiel war, die natürlich mit schwarzer Magie zu tun haben musste, da die Band ja selbst behauptete, satanistische Musik zu machen.

Als Exposition hörte ich nun stetig genau dieses Album jener Band. Bei einer Gelegenheit nahm ich, dieses Album hörend, an anderer Stelle eine Art hohes Geräusch wahr. Ich entschloss mich, dem Zwang nicht nachzugeben, nicht zurückzuspulen und die Stelle nicht erneut zu hören um zu überprüfen ob das Geräusch wirklich da war. Doch einige Stunden später war der Drang so groß, daß ich genau dies überprüfen musste.

Da ich nicht mehr wusste, an welcher Stelle des Albums jenes Geräusch gewesen war, hörte ich die Songs, die ich zuvor gehört hatte erneut, ohne jedoch eine Stelle zu finden, die mich an das erinnerte was ich zuvor wahrgenommen hatte. Dies ließ die Angst wiederum steigen, die Datei könne sich verändert haben, was unmöglich ist, wenn es nicht etwas magisches oder übernatürliches zur Ursache hätte.

All diese Ereignisse fügen sich in eine Art psychotisches Konstrukt zusammen. Was wenn all diese Ereignisse wahr sind und somit wirklich Zeichen einer übernatürlichen, magischen Kraft? Müsste ich dann nicht das Hören dieser Musik oder das Machen von Musik aufgeben, um nicht in Gefahr zu geraten, in den Bann schwarzer Magie gezogen zu werden und nach dem Tod in die Hölle zu kommen? Ein großer Teil (ca. 45%) meines Ichs glaubt dies und verspürt große Angst davor. Der rationale Teil hat (noch?) die Kontrolle aber wird stetig von dem irrationalen Teil attackiert. Als Folge davon fühle ich mich innerlich zerissen.

FRAGMENTE VON HEIMWEH

fvh

Ich hatte in letzter Zeit einen Haufen Zeit zum Schreiben. Herausgekommen ist eine etwa zwölfseitige Collage aus Fetzen, die ich unter dem Titel „Fragmente von Heimweh“ in einem PDF zusammengefasst habe.

Das kann man ganz einfach herunterladen, und zwar: __HIER KLICKEN!__

HERRGOTTS RUH UND HERRGOTTS KRACH – Halfway between Punkrock und Klapse.

YOHAZID

HERRGOTTS RUH UND HERRGOTTS KRACH – Halfway between Punkrock und Klapse

Dies ist sowas wie mein zweites Buch. Der Titel ist Programm. In nicht chronologischer Reihenfolge kommen vor: Sex, Tourberichte und Einblicke in den Abgrund eines Gehirns.

Weil es fast 70 Seiten sind, gibts das Ganze als PDF zum runterziehen. Da sind dann auch ne Handvoll Bilderchen dabei. Kann man dann seinen Kindern zeigen oder so. Nicht.

Das PDF gibts
HHHHHHIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEEERRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR

Das weiße Rauschen im Kopf.

„Alter, laß noch Platz für das Fleisch, ich will doch keinen Gartensalat!“
Der Besitzer des Dönerladens bei mir um die Ecke ist in den Urlaub gefahren. Damit sein Laden weiterläuft, hat er einen Cateringservice engagiert, die Geschäfte für ihn weiterzuführen, und so macht jetzt ein dicker Pakistani die Döner.
„Ach, heutzutage will doch jeder vegetarisch!“ meint er zu dem Türken, dem er gerade einen Kebap macht.
„Was? Denkst du hier will jemand vegetarisch?“ fragt er in der Raum und sieht mich fragend an.
Ich schüttele eilig den Kopf und beeile mich zu versichern, daß ich hier nichts vegetarisches essen will.
„Siehste! Hey, ich komm aus dem Heimatland von Döner und schau dir mal an, wie die in der Türkei Döner machen! Da muß Fleisch rein, das ist kein Gartensalat!“
Der Pakistani merkt, daß es sinnlos ist, an diesem Punkt weiterzudiskutieren. Er reicht dem Türken den Kebap über den Tresen. Dieser bezahlt und dreht sich im Weggehen nochmal zu mir um.
„Und pass auf, daß er dir keinen Gartensalat andreht!“

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Der Mitarbeiter der Wohngruppe schiebt Olli in den Eingangsbereich des Hauses und geht wieder zurück in die Wohngruppe. Die automatische Tür geht zu und Olli steht da in seinem Rollstuhl. Olli kann nicht reden, außer ein paar undeutlichen, immer wieder geäußerten Phrasen wie „Auweia!“, „Schowieder?“ und „Hallo?“.

Er kann auch nicht alleine essen, gerade mal eine Gabel kann er selbstsständig halten. Wenn man ihm die Hand führt und ihm ein Stück Essen auf die Gabel aufspießt, kann er dieses, wenn er einen guten Tag hat, selbstständig zu Mund führen. Soll heißen: Olli ist die Sorte Schwerst- und Mehrfachbehinderter, die man als Fachfremder als debil in der Ecke rumsitzend und mit dem Kopf schaukelnd wahrnimmt, wenn man sie nicht kennt. Zielgerichtete Handlungen traut man ihm kaum zu und in der Tat zeigt er auch kaum welche.

Tagsüber wird Olli in einer externen Einrichtung betreut. Das Beste für ihn an diesem Umstand ist die Autofahrt dorthin, die findet er ziemlich super. Wenn er gegen vier Uhr nachmittags ins Wohnheim zurückkehrt, wird er erstmal aufs Klo gesetzt (aka er bekommt eine neue Inkontinenzeinlage), und dann verbringt er die Zeit bis zum Abendessen im Eingangsbereich, steht vor der automatischen Eingangstür zur Strasse und freut sich, wenn diese auf- und zugeht, wenn andere Bewohner raus- und reinlaufen. Und begrüßt jeden derer mit „Hallo?“, „Schowieder?“ oder „Auweia!“.

Doch nun hat Olli ein Problem, denn der Kollege hat ihn nur kurz vor die Tür der Wohngruppe geschoben, Olli steht jedoch am liebsten vor der Eingangstür. Er muss also den gesamten Eingangsbereich durchqueren, der voller Tische und Stühle steht. Zwar kann er sich selbst im Rollstuhl sehr langsam fortbewegen, in dem er sich immer kurz mit dem stärkeren seiner beiden spastisch gelähmten Arme in Bewegung versetzt, aber um zur Eingangstür zu kommen, muss er einen Slalom zwischen den Tischen und Stühlen hindurch bewältigen. Und noch dazu steht ein Tisch heute ausnahmsweise so, daß der direkte Weg zur Eingangstür versperrt ist. Ein schwieriges Unterfangen für jemanden, der im Alltag keine zielgerichtete, von außen als sinnvoll erachtete Handlung zeigt und nichtmal selbstständig essen kann.

Als ich fünf Minuten später aus dem Büro komme, steht Olli direkt vor der Eingangstür. „Schowieder?“

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Am Sonntagmorgen wache ich auf. Wenn ich länger als sieben Stunden auf meiner Matratze liege, wache ich danach mit Rückenschmerzen auf. So auch jetzt. Neulich habe ich mir eine Isomatte zugelegt, es soll ja gut für den Rücken sein, wenn man hart liegt. Nur leider ist es auch ziemlich unbequem, auf der Isomatte zu schlafen. Und alle drei Stunden wache ich auf, weil ich mich im Schlaf auf meinen Arm gerollt habe und dieser eingeschlafen ist. Das ist wie Campen, nur in der eigenen Wohnung. Ich brauch noch einen Gaskocher für die Küche.

Letzten Sommer hatte ich eine sehr depressive Phase, in der ich beschloss, meine Wohnung komplett zu verdunkeln. Also wirklich KOMPLETT. Ich klebte jedes meiner Fenster mit Kartons, Alufolie und hunderten Metern von Panzertape zu. Wisst ihr, wie schwer es ist, eine Wohnung tatsächlich VÖLLIG dunkel zu kriegen? Durch irgendeinen Spalt kommt immer Licht rein.

Irgendwann war es annähernd dunkel, auch wenn ich, wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, immer noch den strahlenden Sonnenschein draussen durch einen der großen Kartons durchschimmern sah.

Ich finde es sehr verständlich, die Welt aussperren zu wollen. Es ist ja nicht so, als sei sie schön. Es ist mir schwer verständlich, wie Leute Zeitung lesen können, ohne danach am Boden zerstört zu sein ob der Grausamkeiten der Welt. Die einen kleben ihre Fenster zu, die anderen sperren die Welt aus, indem sie mit Alkohol und Drogen eine hohe Mauer um sich herum errichten. Ein kleiner, kleiner Teil kommt klar, indem er das Übel der Welt irgendwie ausblendet und (das wäre in der Bibel so formuliert) „sein Herz verhärtet“.

citalopram

Die Droge der Wahl unserer Gesellschaft ist Alkohol. Ironischerweise haben hochprozentige alkoholische Getränke den Ruf, etwas für harte Kerle zu sein. Harte Kerle trinken Schnaps. Wahrscheinlich hängt das mit ihrem bitteren Geschmack zusammen. Tatsächlich ist der Konsum von Drogen einfach nur ein Zeichen für die Schwäche, die Welt nicht ertragen zu können.

Jeden Morgen spüle ich eine Citalopram mit dem ersten Schluck Kaffee runter. In den letzten Wochen habe ich die Dosis auf ein Drittel dessen, was ich zu Spitzenzeiten eingenommen habe, reduziert. In der Regel dauert es einige Wochen, bis der Spiegel des Wirkstoffs im Körper gesunken ist und die Auswirkungen spürbar werden: Unzufriedenheit, Gereiztheit, Schlaflosigkeit wegen dieser sich um sich selbst drehenden Gedanken – und dieses weiße Rauschen im Kopf. „Handy auf lautlos und im Hinterkopf dieses ständige Rauschen“, so formulierte es NMZS, ein Düsseldorfer MC in seinem Track „Das ist Meins“. NMZS hat sich im März dieses Jahres im Alter von 28 Jahren das Leben genommen.

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Als ich etwa zehn Jahre alt war, schickten mich meine Eltern für zwei Wochen in ein Zeltlager auf einer Insel in einem von Bayerns großen Seen. Ich hasste es. Schon damals kam ich mit Kindern in meinem Alter überhaupt nicht gut aus. Ich weiß noch, dass ich in den ersten Tagen grauenvolles Heimweh hatte und ich am liebsten den ganzen Tag geflennt hätte. Ich habe alle meine Kraft zusammengenommen um diese Gefühle nicht zu zeigen, denn was ist eine größere Niederlage für einen zehnjährigen Jungen, als in Gegenwart anderer zu weinen? Dies ist der Schritt in die Selbstständigkeit, den ich durch die Teilnahme an solchen Ferienlagern gemacht habe: Ich habe gelernt, Weinen zu unterdrücken.

pisse

Letzten Endes verbrachte ich die beiden Wochen damit, mir am Kiosk Schokolade zu kaufen und der Clique älterer Jungen aus dem Weg zu gehen, die sich die Zeit damit vertrieben, jüngere Kinder zu terrorisieren. Ich wurde in meiner Kindheit genötigt, an mehreren solcher meist kirchlich organisierter Ferienaktivitäten teilzunehmen und meistens ging es inhaltlich für mich nur darum, den testosterongeschwängerten Rangkämpfen anderer pubertierender Jungen, in denen ich nicht bestehen konnte, aus dem Weg zu gehen. Und kein Heimweh zu zeigen.

Am letzten Abend in diesem Ferienlager gab es die obligatorische Abschlussfeier und dabei schaffte ich es irgendwie, in meine Hose zu pinkeln. Ich erinnere mich noch, daß ich an einem der Betreuer vorbeilief und meinte „ich gehe mir mal eine neue Hose anziehen“, er mich ausdruckslos anschaute und nur meinte „Is wohl besser so“. Dann suchte ich in der Dunkelheit des Zeltes, in welchem wir zu fünft schliefen, in meiner Reisetasche nach einer trockenen Hose und merkte plötzlich, daß ich nicht alleine war.

„Hast du auch in die Hose gemacht?“ fragte ein Junge, der so alt war wie ich.
„Äh ja.“
„Naja, passiert“.

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Nach einem schier endlosen Winter wird es an diesem Tag endlich warm. Ich habe Urlaub und sitze mit Basti und Nina im Park. Der Park ist in seinem vorderen Bereich bevölkert von Müttern mit Kindern und sonstigen grillenden Familien. Vor allem arabische Familien tragen in Kühltaschen Massen von Leckereien in den Park und machen jeden vorbeigehenden neidisch.

park

Doch hier hinten, wo wir sitzen, ist es relativ leer. Wir haben uns auf einer etwa kniehohen Mauer unter einem Baum niedergelassen. Hier hat man einen weiten Blick über die angrenzende Wiese und im Hintergrund sieht man die protzige frankfurter Pseudo-Skyline. Wir haben nicht viel zu reden. Nina beschäftigt sich damit, mit ihrem Handy Fotos des Parks durch die spiegelnden Gläser meiner Sonnenbrille zu machen („Boah du scheiß Künstlerin“ meint Basti dazu) und Basti ist damit beschäftigt, eine tätowierte Rothaarige zu beobachten, die mit ihrer Freundin ca. zwanzig Meter entfernt von uns im Bikini in der Sonne liegt („Boah du scheiß Notgeiler“ meint Nina dazu).

Nina, die ihr Geld als Stewardess verdient („Hallo, ich bin Nina. Ich bin keine Nutte. Ich bin Stewardess.“), zeigt alle fünf Minuten auf irgendwelche Flugzeuge, die über uns hinwegfliegen.
„Das ist der neue Airbus A865. Der heisst so weil da passen 865 Menschen rein!“

Neben uns, etwa fünf Meter entfernt, sitzen zwei Afrikaner und unterhalten sich in einer nicht durch uns identifizierbaren Sprache. Und kiffen, der Geruch ihres Joints weht sehr deutlich zu uns rüber. Plötzlich gesellt sich ein eher türkisch aussehender Typ zu ihnen, der bislang mit zwei Kumpels nicht weit entfernt auf der Wiese saß. Sie tuscheln kurz, dann geht er wieder weg. Kurz darauf kommt der eine der beiden Afrikaner zu uns und fragt nach Zigarettenpapers. Basti gibt ihm drei, der Afrikaner lacht nur und meint „Thank you! Good for Joint!“ und geht wieder.

Plötzlich sitzt da auch ein hagerer Mann mit einer Jutetasche. Er ist bestimmt über fünfzig Jahre alt, trägt Jeans, ein T-Shirt und billige Turnschuhe. Er holt ein dickes Buch aus seiner Tasche und dreht sich eine Kippe. Dann fängt er an zu lesen.

Ein paar Minuten später tuschelt auch er mit dem Türken, ein paar Geldscheine und ein kleines Tütchen wechseln den Besitzer. Wir bekommen ein paar Gesprächsfetzen mit.
„Ich hab dich an der FH gesehen, studierst du?“
„Ja, an der FH bin ich auch. Alles klar, ich muss weiter, ciao.“

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Maria öffnet mir die Tür. Sie trägt hohe Schuhe, halterlose Strümpfe, einen kurzen Rock und ein enges schwarzes Oberteil. Wir umarmen uns, dann bittet sie mich in ihr Wohnzimmer.
„Willst du was trinken?“
„Äh, danke, grade nicht“, druckse ich herum. Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Weinglas.
„Bist du eingeschüchtert?“
„Ja,“ gebe ich zu.
„Gut!“ Sie nimmt einen Zug von ihrem Joint, setzt sich neben mir aufs Sofa und schaut mich an.
„Noch irgendwas zu sagen?“
„Ääääh, nein? Was hast du vor?“
„Wir machen jetzt ein bißchen so Schweinkram.“
„Äh, okay, äh.“
„Für den Anfang könntest du vielleicht meine Fotze lecken.“ sagt sie und spreizt die Beine.
„Äh…äh…äh… das ist aber nicht safe, oder äh?“
„Ach herrje, jaaa, die Hygiene, das habe ich ja ganz vergessen…“ meint sie und fügt NICHT hinzu „daß du so ein nerviger Schisser bist“.
„Dann nimm eben deine Hand!“

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Alex darf nicht mehr in den Bandproberaum, seit er die anderen Musier, die dort proben, bestohlen hat und diese ihm angedroht haben ihm aufs Maul zu hauen, sollten sie ihn dort jemals wieder antreffen. Er ist ein Typ mit einem ernstzunehmenden Drogenproblem. Ich hasse solche Leute, aber ich muss mit ihm klarkommen, denn er nimmt unser Album auf.

Leider ist er nicht besonders zuverlässig, sagt Termine kurzfristig ab oder kommt zu spät. Doch der Großteil der Aufnahmen wurde von ihm gemacht, bevor ich zur Band gestoßen bin, nun muß er auch meine Parts aufnehmen und das Ganze dann neu abmischen.

Da wir nicht im Proberaum aufnehmen können, müssen wir den Raum meiner anderen Band nutzen. Der ist jedoch sowieso schon mit Equipment vollgestellt bis obenhin. Also hoffen wir, daß an diesem warmen Frühlingswochenende keine der Nachbarbands proben und bauen alles im Treppenhaus des Proberaumgebäudes auf – einen Tisch voll mit einem PC, Mischpult, Monitorboxen und dutzenden von Kabelverbindungen.

Aufnahmen machen ist das langweiligste, was es gibt. In kleine Parts aufgeteilt, spiele ich die Songs wieder und wieder und wieder und wieder und wieder – bis alles perfekt ist.

Es ist das lange Pfingstwochenende und wir beginnen am Samstag. Nach zwei Stunden verschwindet Alex auf die Toilette und kommt nach einer Weile deutlich verschnupft wieder. Der Schnupfen verschwindet auch wieder nach ca. einer halben Stunde. „Alter, dir hängt da noch ein Brösel in der Nase!“ sage ich NICHT. Alex hat eine sehr aufgesetzte Art. Man merkt deutlich, daß ihm die Gesellschaft anderer Menschen unangenehm ist und ihn anstrengt. Wir sind uns gegenseitig sehr unsympatisch, hängen aber stundenlang zu zweit im Proberaum ab und versuchen, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Alex verschwindet immer wieder lange auf die Toilette oder nach draussen, wo er lange telefoniert und irgendwelche Dinge organisiert.

Er ist sehr erfreut, als ich ihn abends bar bezahle und lässt sich von Olli, der ihn Richtung Taunus mitnehmen will, im Bahnhofsviertel absetzen.

aufnehmen

Die restlichen beiden Tage verlaufen ungefähr genauso, am letzten meldet Alex sich morgens, er sei im Gallusviertel und käme später, und es ist mir klar (und ihm ist klar, daß mir das klar ist), was er um neun Uhr morgens am Pfingstmontag im Gallusviertel macht obwohl er in Bad Homburg wohnt.

Schließlich sind die Aufnahmen abgeschlossen und wir warten auf das fertig abgemischte Ergebnis, doch Alex meldet sich nicht. Wir lästern offen über den „scheiß unzuverlässigen Kokskopf!“

Einige Wochen später übergibt uns seine Freundin die fertige Master-CD und erzählt uns, daß dies das letzte gewesen sei, was er, schon total fertig auf Heroin, zustande gebracht habe, bevor er sich zum Entzug in die Geschlossene eingewiesen habe.

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„Ihr beide bleibt mal bitte kurz draußen!“ ruft mein Hausarzt ins Nebenzimmer zu seinen beiden weiblichen Sprechstundenhilfen, bevor er feststellt, daß ich keinen Hautkrebs auf dem primären männlichen Geschlechtsorgan habe. Das ist immerhin etwas, sowas kann einem nämlich den ganzen Tag versauen.

Die Tage und Jahre fließen so dahin. Es ist Montag und kurz darauf ist schon wieder Wochenende. Wir alle warten auf das große Wunder, daß passiert und aus diesem Leben herausreißt und es zu irgendetwas bedeutungsvollem macht. Eigentlich ist es ziemlich übel, daß es uns nichtmal mehr reicht, jeden Tag auf der Arbeit unsere Pflicht zu tun, um mit uns selbst zufrieden zu sein. Ich hätte gern die Chance, etwas Besonderes zu sein. Und sei es nur durch Hautkrebs auf dem Pimmel.

(Fürs Protokoll, lieber Gott oder liebes Universum: Ich wünsche mir KEINEN Hautkrebs. Nirgendwo.)

Ich bin ein schlechter Mensch.

1. Ich esse Fleisch.

2. Ich stelle mir Frauen, mit denen ich spreche, manchmal zeitgleich beim Geschlechtsverkehr vor.

3. Ich habe das letzte Haftbefehl-Album gekauft (materialistisch, sexistisch, antisemitisch….)

4. Ich benutze bisweilen das Wort „Fotze“.

5. Ich fahre Auto.

6. Ich poste keine Peta-Bildchen auf Facebook.

7. Ich bin ein Mann.

8. Ich habe eine politisch ziemlich unkorrekte sexuelle Neigung. (nein, es hat NICHTS mit Menschen zu tun, die noch nicht volljährig sind…)

9. Ich fühle mich nicht privilegiert als Mann. (In einem sozialen Beruf mit einer weiblichen Vorgesetzten…)

10. Ich bekomme keinen hoch, wenn ich Gay-Pornos ansehe.

11. Ich konsumiere Pornographie.

12. Ich begehe virtuelle Gewalttaten.

13. Ich halte meinen Erzeuger für ein Arschloch und er geht mir am selbigen vorbei.

14. Ich rasiere mir nicht meine Brustbehaarung und nicht den Intimbereich.

15. Ich stehe auf Frauen, die das aber tun.

….

LESS CHICKS MORE ROCK oder so.

Seit Tagen regnet es sintflutartig auf die Stadt nieder. In Unterführungen haben sich über verstopften Abflüssen riesige Pfützen gebildet und die beiden Flüsse sind so stark angeschwollen, daß sie schon beinahe die Fußwege, die an ihren Ufern entlangführen, überschwemmen.

Der Himmel ist zugezogen. Nachts scheint er zu leuchten, wenn die weißen Wolken das Licht der Stadt reflektieren.

Die Menschen warten an den Ausgängen der U-Bahn-Stationen, bis die schlimmsten Regenschauer kurz nachlassen, um den kurzen Weg nach Hause hinter sich zu bringen, ohne völlig durchnässt dort anzukommen.

Der Regen wäscht die Strassen sauber und hätte ich eine Schwäche für allzu plumpe pathetische Formulierungen, würde ich schreiben: Der Regen wäscht die Sorgen aus unseren Herzen.

Doch das wäre gelogen.

An einem Tag beginnt es dann tatsächlich zu schneien und nachts leuchten dann auch die Straßen, das Weiß auf dem Asphalt spiegelt das Glühen der Ampeln und der Autoscheinwerfer.

Spätabends versammeln wir uns dann in einem Atelier in einem Hinterhof nahe der Galluswarte, um uns von Scüm-Sänger Richie zu verabschieden, der sich fürs erste in den fernen Osten verpisst. Ein Raum voller Menschen, als wir eintreffen, undefinierbare nicht allzu laute elektronische Musik.

gallus

Die Gesprächsthemen sind die üblichen. Alkohol- und amphetamingeschwängerte Diskussionen über Gott und die Welt. Und dazwischen eine weibliche Person, die ich zumindest interessant finde. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist sehr betrunken und legt mir ihre politische Meinung zu allem und jedem dar. Ich sage nichts dazu. Ich bin ihrer Meinung. Aber es langweilt mich. Ich will etwas über sie erfahren. Also frage ich und sie erzählt mir frei heraus etwas von Psychosen, Panikattacken und Tavor. Drogen würden auch helfen. „Das Leben ist scheiße.“ Hachja.

„Oh mein Gott ich bin so bekifft. Umarmst du mich mal bitte?“

Ich versuche ihr nahezulegen, wieso ich das jetzt gerne machen würde, aus Rücksicht auf unser beider Gefühlsleben jedoch davon absehe. Und daß ich das gerne nochmal diskutieren würde, wenn sie nüchtern ist. Doch dazu kommt es nicht und fünf Minuten später hängt sie einem anderen Partybesucher im Arm, der das nicht so eng sieht. Und eine halbe Stunde später an nochmal einem anderen.

Eins zu Null für mein Selbstwertgefühl aber ein großes FAIL für mein Bedürfnis nach Nähe.

Die Party kippt dann völlig in die Alkohol-Twilight-Zone, inklusive Tränen-Dramen ob unglücklicher Liebesbeziehungen und betrunkenem Rumgetanze. Ich flüchte vom sinkenden Schiff. Durch die vereisten Strassen laufe ich durchs Gallusviertel und warte auf die erste Straßenbahn. Ich friere mir den Arsch ab.

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Darmstadt ist dieses niedliche kleine Etwas, das garnicht sooo weit entfernt von Frankfurt ist und sich immer wie Urlaub anfühlt. Es ist so ähnlich wie Augsburg, das Kaff in dem ich aufgewachsen bin, nur NOCH kleiner. Die niedlichen Straßenbahnen mit den Schmalspur-Schienen, eine kleine süße Uni und überall diese hübschen jungen weißen Mittelstandsmenschen. Keine Junkies, keine Banker, alles nett.

Dort besuche ich Lea. Noch eine depressive Frau. Die ist gerade von ihrem Freund verlassen worden, denkt an Selbstmord, wirft Quetiapin ein, schläft den ganzen Tag und wartet auf einen Platz in der Klinik. Woher kenne ich als völlig normaler Kerl eigentlich immer diese ganzen verrückten Leute?!

Also, um es kurz zu machen: Lea ist ein Perverse und da war mal irgendwas sexÄHNLICHES zwischen uns, vor ca. fünf Jahren. Danach wurde sie Teil eines Vorzeigepärchens, nette gemeinsame Wohnung, beide gehobene Mittelstandsherkunft, beide intelligente Physikstudenten – kurz, die Art Menschen, die man eigentlich hassen würde, wenn man nicht wüsste, daß auch in dieser Welt weniges perfekt ist.

Jetzt ist ihr Freund ausgezogen, weil sie ihn betrogen und ihm ehrlicherweise auch dargelegt hat, daß sie vorhat, es weiterhin zu tun.

Wir haben lange keinen Kontakt gehabt, dann hatte sie mich angeskypt und mir das erzählt. Und ich, immer auf der Jagd nach….NÄHE (schöner Euphemismus, oder?), habe natürlich gleich meine Chance gewittert.

Jetzt könnte man einwerfen, daß man jemanden, der in so einer persönlichen Situation ist, doch erst einmal in Ruhe lassen sollte, damit er/sie zu sich selbst finden und klarkommen kann. Aber perverse Frauen sind rar gesäht auf diesem Planeten und man muß auch irgendwie sehen wo man bleibt BLABLABLA.

Ich fahre zu ihr und wir gehen etwas essen in diesem politisch korrekten Studentenkaffee mit veganem Essen und danach lange in einem dunklen, kalten Park spazieren. Danach sitzen wir bei ihr und hören Musik. Nein, ich bedränge sie nicht, aber ich warte schon auf IRGENDWELCHE Signale der Nähe von ihr. Es kommt NICHTS. Zudem habe ich mördermäßige Blähungen, was das ganze nicht eben unanstrengender macht. Immerhin ist Lea eine Person, mit der man über sowas sprechen kann, und so tauschen wir uns ausgiebig über Verdauungsangelegenheiten aus, bis sie plötzlich rausrennt und in einer anderen Zimmer sehr laut eben diesen Verdauungsangelegenheiten nachgeht.

park

Ansonsten hänge ich bis geschlagen halb drei Uhr nachts bei ihr rum und warte darauf, daß irgendetwas passiert, ohne sie zu sehr zu bedrängen. Nichts passiert und ich fahre nach Hause, mich selbst verfluchend.

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rbap

Der erste Gig der neuen Band findet in Aschaffenburg statt, auf einer Geburtstagsparty. Die findet in einem Proberaum statt, im Keller eines Gebäudekomplexes in einem Gewerbegebiet. Schon als wir in Aschaffenburg einfahren, treffen wir an der Tanke auf einen offensichtlich total irren Typen, der seine Arme in seiner Jacke versteckt, sich die Mütze über die Augen gezogen hat und völlig allein rumläuft und auf der Straße Leute anmacht. Herzlich willkommen.

Die Party ist schon in vollem Gange, es läuft Cannibal Corpse und ein großer langhaariger Typ brüllt durch die PA mit viel Hall auf dem Mikro die Texte mit und lässt seine Mähne kreisen.

Der Nebenraum zum eigentlichen Proberaum ist eine eine große Halle, in der lauter Müll, Schutt und sonstiger Kram liegt. Es gibt keine Toilette, nur ein Pissoir und für die wenigen Frauen, die sich auf die Party verirren, hat der Gastgeber, ein genderbewusster Feingeist, eine Kiste vor das Pissoir gestellt, damit sie da auch reinmachen können. Später wird dann noch ein Eimer organisiert. Yeah.

wc

Auch auf der Party wird dem Lokalkolorit in Sachen Psychopathismus Rechnung getragen, viele Typen stehen einfach mit bösem Blick rum, reden nicht und starren ins Geschehen. Auf dem Sofa in der Ecke ziehen sich Leute weißes Pulver durch die Nase und mindestens einmal werde ich aufgefordert, die Türe zu schließen, damit die Lines nicht vom Durchzug verweht werden.

Die Party beginnt, chaotisch zu werden. Alle möglichen Leute trommeln wirr auf dem Schlagzeug herum, der Metaltyp von vorhin beginnt, völlig intoxiniert, zu freestylen und fängt dann an, den Hitlergruß zu machen und „ICH BRINGE MICH MORGEN EH UM, IHR WICHSER!!!“ jedem ins Gesicht zu brüllen, der ihm zu nahe kommt. Meine Bandkollegen mittendrin, ich versuche irgendwie, unser Equipment an einem sicheren Platz zu lagern. Basti lacht sich tot über einen anderen herumfallenden Typen bis dieser mit dem Fuß an seinen Marshall stößt und Bastis Laune schlagartig umschlägt zu einem „TOUCH MY AMP AND I TOUCH YOUR FACE!!!!“

Dann beginnt die erste Band zu spielen, „Chuck Norris Asshole Punch“, in pinken Perücken und Trainingsanzügen. Und sie beweisen, daß es möglich ist, als Band NOCH schlechter zu sein als wir. Dafür sind sie lustiger und ihr Unterhaltungsfaktor ist ziemlich hoch.

Als sie fertig sind, versuchen wir, im allgemeinen Chaos unser Zeug aufzubauen und dann fangen wir einfach an zu spielen. Wir sind schlecht. Nicht, daß unsere Musik bzw. das Bandkonzept ein technisch versierte Performance vorsehen würde, nein, aber Chaos und Gewalt sind wichtig, und beides können wir nicht so richtig ausstrahlen, da die Pausen zwischen den Songs zu lange sind, als ich versuche, mit dem fremden, auseinanderfallen Schlagzeug klarzukommen oder Paul und Basti ihre Gitarre stimmen, was aufgrund ihres Pegels zum Teil dauert. Unser Sänger Jeff nutzt die Pausen zwischen den Songs zum Trinken. Schließlich beginnen sich irgendwelche Punker unsere Mikros zu krallen und mitzubrüllen, was die Songs auch nicht viel chaotischer werden lässt. Am Ende bildet sich dann tatsächlich ein wildes Pogo-Knäul von Leuten, die dabei über die Instrumente fallen, Bier auf alles und jeden verschütten und wir dreschen einfach nur noch ohne Sinn und verstand drauflos. Grade nochmal gerettet.

tzn

Der Abbau ist kompliziert. Überall fallen Leute herum, niemand geht zur Seite, als ich „ICH MUSS DA MAL DURCH!“ schreie, weil ich gerade mit drei Beckenständen aus dem Raum will. Wir bahnen uns unseren Weg mit Schubsen und Drücken durch den Partylärm. Meine Taschen ist in einer Bierpfütze versunken. Und schon sitzt jemand anders hinterm Schlagzeug, dem ich meine Snare entreißen muß und meine Sticks wegnehmen muß. Irgendwie bekommen wir unseren ganzen Kram dann da rausgerettet. Wie immer nach Gigs, wenn alles schnell gehen muß, werden die bierversifften Kabel irgendwie zusammengeknüllt und eingepackt und immer verliert man irgendetwas, das man im Chaos vergisst.

Und wieder einmal verlasse ich als die erste Ratte die sinkende Party, werde auf dem Rückweg noch von der Polizei angehalten und hoffe, daß nicht irgendjemand irgendeine illegale Substanz im Auto vergessen hat. 0,0 Promille und manchmal frage ich mich ja schon, warum ich mir das gebe.

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Es regnet in Strömen und ist schon dunkel, als wir den Proberaum verlassen und die sechs Schlösser zusperren, die unser ganzes Zeug vor bösen Einbrechern schützen sollen.

Gerade als wir durchs Hoftor rauslaufen kommen die Punkers von Nebenan und werden fünf davon wieder aufsperren.

„Wärt Ihr mal fünf Minuten früher gekommen!“

Die Nachbarn werden von zwei gutaussehenden weiblichen Wesen begleitet und Jeff meint nur „Fuck, they got more chicks than us….“

Ich laufe um einmal mehr um vier Uhr morgens über knirschende, vereiste Straßen zur Bahn und erfriere beinahe.