Lebensmüde und Spaß dabei.

Januar 2019

„Anna, bist du angeschnallt?“
Maiks Fahrstil kann als „zügig“ beschrieben werden, er lenkt seinen Golf in kleinste Lücken im Straßenverkehr und muss oft unvermittelt hart abbremsen, wenn dann eine Ampel unerwarteterweise doch auf Rot sprint.
„Natürlich bin ich nicht angeschnallt, ich bin offiziell lebensmüde!“
Im Auto befinden sich noch Mai-Ling und Konrad, die sich mit Anna auf den Rücksitz quetschen. Ich sitze auf dem Beifahrersitz da ich mit Abstand der fetteste bin.
„Naja, das ist aber uncool, weil du eher nach vorne geschleudert wirst, knallst du gegen Maiks Sitz, der dann von seinem Gurt erdrosselt wird. Oder du fliegst durch die Scheibe und dann überlebst du und bist behindert. Und dann hast du erst recht keine Lust mehr zu leben.“
„Ja, das stimmt schon, aber vielleicht würde das meine Entscheidungsfindung diesbezüglich beschleunigen.“
„Yay, ganz toll. Wann wollten sie nochmal dein Lithium erhöhen?“
Nach einer besonders schwungvollen Bremsung hebe ich die Hand und meine trocken „Also ich weiß nicht wie es euch so geht, aber, Maik, ich will leben!“
„Pffft Anfänger!“ kommt es von der Rückbank.

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Dezember 2018

Als ich Martin vom Bahnhof abhole, zeigt sich Frankfurt von seiner besten Seite. Es ist schon dunkel, draußen regnet es in Strömen. Die Bahnhofshalle ist an diesem Abend ein wüstes Gedränge aus Rollkoffern, zu Zügen hetzenden Reisenden und der üblichen Ansammlung von verkommenen nichtsnutzigen Subjekten wie diesem dicken Hartz-Empfänger, der seinen Freund aus Miltenberg abholt.

Wir laufen runter zur U-Bahn, wo auf dem vollen Bahnsteig mehrere Menschen an einer dieser Sitzgruppen ein Würfelspiel durchführen, mehrere davon auf dem Boden sitzend. Sie lachen laut und rufen sich Dinge in einer Sprache zu, die ich nicht identifizieren kann. Wir sitzen dann in der U-Bahn und bieten mehreren älteren Damen unsere Plätze an, die dankend und lächelnd ablehnen. Am Willy-Brandt-Platz steigt ein Mann ein, der ganz normal gekleidet ist, außer dass er statt einer Hose einen wallenden Rock trägt.

An der Konsti werden wir beim Umsteigen wie immer von „Braucht ihr was?“ bedrängt. Wir lehnen dankend ab und ich überlege ob ich den Kerl fragen soll, ob er mein Schlafmittel, das bei mir nicht wirkt, kaufen will. Hätte ich das mal gemacht, schnell verdientes Geld.

Als wir schließlich in Hausen aus der Bahn steigen, regnet es immer noch in Strömen.

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Januar 2019

Als ich am Bahnhof stehe, habe ich Sorge, sie nicht mehr zu erkennen. Diese Sorge erweist sich als unbegründet. Der Zug fährt ein, dutzende Reisende steigen aus und laufen an mir vorbei, als ich plötzlich unter einer gelben Kaputze dieses unverwechselbare Grinsen hervorblitzen sehe.
Wir umarmen uns und machen uns auf den Weg zu einem Café in der Kaiserstraße, das ich ganz nett finde.
„Wieviel Zeit hast du?“ frage ich. Sie will in Frankfurt umsteigen und die Gelegenheit für einen Kaffee mit mir nutzen – nett!.
Dort angekommen entledigen wir uns unserer Jacken. Es ist eines dieser modernen Cafés, bei denen man zum Tresen vorlaufen und seinen Kaffee selbstständig zum Platz tragen muss. Als wir beide vor dem Tresen stehen meint sie unvermittelt „Sag mal, können wir uns nochmal umarmen?“
Das Personal hinterm Tresen und die anderen Gäste ignorieren uns auffällig. Ihr relativ lautes „Hey, soooo dick bist du garnicht“ muss bei den Umstehenden den Eindruck erwecken, hier handele es sich um ein Blind Date.

Wir sitzen uns am Tisch gegenüber und nach einigen Minuten nimmt sie völlig unvermittelt meine Hand.
„Wann musst du eigentlich weiter?“ frage ich und verfluche mich ob des mega-widerlichen Timings der Frage.
„Also eigentlich bin ich nur wegen dir gekommen. Wollen wir zu dir gehen?“
Vor mir steht eine volle Tasse heißen Tees und es kostet mich einige Mühe, diesen möglichst schnell runterzukippen, ohne meinen Gaumen zu verbrennen.

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November 2018

Ich steige in Bamberg aus dem ICE. Mein Arbeitgeber hat mir unvermittelt ZWEITAUSENDUND SIEBENUNDSIEBZIG Euro überwiesen, obwohl ich seit Monaten nicht mehr gearbeitet habe. Es kann sich nur um einen wirklich großen Fehler handeln, aber ich nutze diesen, um mir selbst den Luxus zukommen zu lassen, mit dem ICE nach Bamberg auf den dortigen Bauwagenplatz zu fahren um dort einen Gig zu absolvieren. Der Plan ist einfach: Spielen, sich die Nacht um die Ohren schlagen und dann um fünf Uhr morgens mit dem ersten ICE zurück nach Frankfurt fahren, damit ich pünktlich gegen halb neun in der Tagesklinik aufschlagen kann, in der ich immer noch Patient bin.

Fremde U-Bahn-Systeme in Großstädten sind ja immer eine Herausforderung aber ich bin der weltgewandte Frankfurter und komme klar yeah! An der U-Bahn-Station holt Agnes mich ab. Schon von weitem sehe ich ihre blauen Dreads leuchten und laufe ihr entgegen.

Bauwagenplätze sind immer eine etwas rustikale Veranstaltung. Der Geruch von Lagerfeuer hängt in der Luft, in den Wägen selbst riecht es nach Holz und nach dem offenen Feuer in den Holzöfen.

Ich werde mir den Gig mit einem ortsansässigen Liedermacher teilen. „Wir haben sogar eine improvisierte Bühne gebaut“ meint Agnes stolz und zeigt auf zwei übereinandergenagelte Europaletten, die mit einem Teppich beklebt sind.

Nach einer Weile rumhängen, frieren, wiederaufwärmen in Agnes´ Bauwagen, frieren, wiederaufwärmen, fange ich gegen zehn Uhr abends an, am Lagerfeuer zu spielen. Das Lagerfeuer ist laut. Leute labern. Ich schrei mir die Seele aus dem Leib und kann nur die schnellen Songs spielen, da die leisen und langsamen im Geräuschpegel untergehen.

Eine Stunde später liege ich neben Agnes in ihrem Bett und … Hättet ihr wohl gern. Nein, alles rein platonisch. Es ist heiß im Wagen und als ich fast am Einschlafen bin, platzt der andere Liedermacher in den Wagen und will unbedingt mit mir sprechen, damit ich seinen Begriff „Holzpunk“ in die Welt heraustrage, indem ich den auch für meine Musik benutze. Nein, Alter. Nix Holz. Meine Gitarre hat Stahlseiten. STAHL!!!!! HUAAAA!!!!!

Als ich wieder fast am Einschlafen bin, muss ich natürlich pinkeln gehen und durch die kalte Novembernacht zum Toilettenwagen laufen, wo ich im Dunkeln die Pissrinne nur erahnen kann und mir halb auf die Schuhe und halb auf die Hose pinkele. EGAL PUNKROCK! Durch die kalte Luft bin ich dann auch wieder schön wach. Agnes sitzt mittlerweile mit einer Freundin im Wagen bei LED-Funzellicht und legt sich eine Line auf einen Spiegel. Ihre Freundin redet davon, dass sie nur ein paar Wochen hier ist und dann „weg aus dieser Scheiße hier, nach Spanien“ will.
„Ich kann dir noch ne Nase anbieten“, meint Agnes zu ihr.
„Das ist ne coole Idee, ich hab morgen einen Termin beim Jobcenter und da muss ich eh möglichst fertig aussehen.“

Eine halbe Stunde später liegen wir beide weitgehend angezogen schlaflos unter derselben Decke. Ich, weil ich nicht schlafen kann und Agnes, weil sie voll mit Amphetaminen ist.

Nach einer schlaflosen Nacht verbrate ich die zwanzig Euro Fahrkohle, die ich bekommen habe, um mit dem Taxi zum Bahnhof zu fahren, da die U-Bahn nicht früh genug fährt als dass ich meinen Zug kriegen könnte. Im Zug schlafe ich mehrmals fast ein, und stelle mir den Handywecker, um nicht plötzlich in Hamburg-Altona aufzuwachen.

Ich falle in Frankfurt mit meiner Gitarre aus dem Zug. Zuhause ist gerade genug Zeit um kacken zu gehen und mir die Zähne zu putzen.

Eine Stunde später sitze ich in der Uniklinik im Stuhlkreis bei der Befindlichkeitsrunde und antworte auf die Frage: „Herr Giesemann, wie geht es Ihnen, wie haben Sie geschlafen?“ mit „Gut geschlafen, keine besonderen Vorkomnisse.“

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Seit Wolfram kifft ist alles besser.

Die Beziehung zu meinem Nachbarn Wolfram war immer eine etwas problematische. Er wohnt über mir und ich bin nicht ganz unschuldig an den Problemen, die begannen, als ich eines Tages die Vocals zum Teenage Völkermord-Track „Ebbelwei Express Of Death“ einge…“sungen“ habe. Oder besser gesagt wie am Spieß rumgeschrien habe (der Song ist super geworden!) und es plötzlich von oben mehrere harte Schläge getan hat.

Als ich fünf Minuten später hochgegangen bin, um mich zu entschuldigen, öffnete er mir halb nackt mit einer Kippe im Mundwinkel die Tür und starrte mich entgeistert an.
„Sorry, wir haben bisschen Musik gemacht.“
„Musik?! Das hat sich angehört als würd jemand abgemurkst werden!“
Na TOLL ich werd da unten abgemurkst und du rufst nicht die Bullen?!

Mehrmals wiederholte sich dieses Szenario, wenn ich Gitarre spielte, normale Raps in Zimmerlautstärke aufnahm und im Großen und Ganzen garnicht sooo laut war. Es wurde irgendwann albern.

Wolfram hatte einen kleinen Hund, der irgendwann an Krebs gestorben war. Meiner Nachbarin gegenüber äußerte er starke Selbstvorwürfe, da er nicht aufgehört hatte zu rauchen, selbst als die Krebserkrankung des Hundes schon bekannt war.

Wolfram hat eine Herzerkrankung und thematisierte bei Treffen im Treppenhaus öfter, wir sollten nicht so mit den Türen knallen, er sei dem Tod gerade erst von der Schippe gesprungen. Seitdem gebe ich mir Mühe, meine Tür leise zu schließen. Das kann man aber nicht von allen Bewohnern des Hauses sagen.

Ein bisschen seltsam wurde es, als ich plötzlich eines Sommers wach bei offenem Fenster auf dem Bett lag und von oben (es war wirklich mitten in der Nacht, zwei Uhr oder so) plötzlich eine Stimme kam „Mach des Fenster zu, des stinkt alles voll!“, die ich ignorierte, da ich mir keiner Schuld bewusst war. Ich meine, ich habe manchmal Blähungen aber come on. Plötzlich wurde es hell im Zimmer, wie wenn jemand von oben in mein Fenster leuchtete. Ich mein, immerhin ist er dabei nicht rausgefallen.

Am nächsten Tag traf ich Wolfram im Treppenhaus, mit einer Stabtaschenlampe unterm Arm, der mir erklärte, aus meiner Wohnung würde es ganz stark nach chemischen Reinigungsmitteln riechen. Ich erklärte ihm entgeistert, dass ich mich nichtmal erinnern könne, wann ich das letzte Mal geputzt hätte.

Wolfram ist gelernter Goldschmied. Nach dem Tod seines Hundes, und nachdem er dem Tod selbst „von der Schippe gesprungen“ war, begann er, in seiner Wohnung Steine zu verarbeiten, die er geschliffen und poliert an andere Hausbewohner/innen verteilte, von denen er wusste, das sie auch ein Leiden haben, so an meine Nachbarin mit Nierenproblemen oder an Frau Att, die an multipler Sklerose leidet. Die Steine hätten heilende Kräfte. Letzterer legte er eine Portion Gras in den Briefkasten mit einem Zettel dran „Vorsicht – das knallt richtig!“. Hat es nicht.

Aber ab da wurde es besser. Wenn man ignoriert, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit aus seiner Wohnung Säge- und Bohrgeräusche kommen. Und dass plötzlich um sieben Uhr morgens lauter Rootsreggae aus seiner Wohnung kommt, womit ich persönlich weit besser leben kann als mit einem Paranoiden, der denkt ich wolle ihn mit chemischen Dämpfen vergiften.

Seit Wolfram kifft ist alles besser.

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Dezember 2018

Im Foyer des Jobcenters Frankfurt Ost steht ein Christbaum. Na dann, frohe Weihnachten.

Der Sachbearbeiter schaut angestrengt auf meine Kontoauszüge. Wenn man lange krank ist und fest angestellt, kriegt man Krankengeld. Fünfundsiebzig Wochen lang. Danach Arbeitslosengeld Eins. Ein Jahr lang. Danach Hartz. Im Genehmigungsverfahren muss man sämtliche Einnahmen offenlegen und beweisen dass man NICHTS hat. Er runzelt die Stirn.

„Sind das die 40 Euro?“
„Ja.“
„Es tut mir leid.“

Paul überweist mir regelmäßig seinen Proberaumanteil. Unter dem Betreff „Spermadusche Aufwandsentschädigung.“ Ist Punkrock, oder so.

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1 Antwort auf „Lebensmüde und Spaß dabei.“


  1. 1 Mapec 14. Januar 2019 um 0:54 Uhr

    Zwei Jahre war der Hanni krank,
    jetzt schreibt er wieder, gottseidank!

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