Fragmente von Industrieschnee

Der Obdachlose schiebt seinen Einkaufswagen durch die B- Ebene des Hauptbahnhofs. Die B-Ebene ist das unterirdisch gelegene Einkaufszentrum unter dem Bahnhofsvorplatz. Was wahrscheinlich mal schick und fein aussehen sollte, ist heute heruntergekommen und schmuddelig. In den Ecken der Gänge sind am Boden Urinpfützen und auf den Treppenstufen der Aufgänge zum Tageslicht sitzen verlorene Seelen und drücken sich Heroin in die Venen oder rauchen Crack in den kleinen Einweg-Pfeifen, die es hier an vielen Kiosken zu kaufen gibt.

Der Einkaufswagen des Obdachlosen ist völlig überfüllt von Tüten und Decken. Dieser Mensch hat seinen gesamten Hausstand dabei, auf dem Weg von einem Schlafplatz zum nächsten. In den Tüten Leergut, das er in den Mülleimern des Bahnhofsviertels gesammt hat. Mülleimer, in die man eigentlich nicht mit der bloßen Hand fassen sollte, will man nicht riskieren, sich an einer achtlos hineingeworfenen Spritzennadel zu stechen.

Jetzt läuft der Obdachlose mit seinem Einkaufswagen zur Rolltreppe. Ob es eine gute Idee ist, einen überfüllten Einkaufswagen auf eine Rolltreppe zu schieben, beantwortet sich gleich danach, als der Wagen nach hinten wegkippt und sich der gesamte Inhalt auf der Rolltreppe verteilt.

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industrieschnee

In Frankfurt-Höchst liegt Schnee. Sie nennen es „Industrieschnee“, denn der Schneefall ist auf Höchst beschränkt, in keinem anderen Stadtteil hat es geschneit. Die Theorie ist, daß die ortsansässigen Industriebetriebe so viel Feinstaub in die Luft blasen, daß es leichter zur Bildung von Schneeflocken kommt, oder daß sie so viel Wasserdampf produzieren, daß dieser an kalten Tagen als Schnee zu Boden fällt.

Ich steige aus dem Zug, der Bahnhof liegt in weihnachtlichem Weiß da. Heute werde ich sie wiedersehen, nach mehr als einem Jahr totaler Funkstille. Zwei Jahre lang waren wir eins, teilten unsere Leben, Gedanken, den Alltag. Sie weiß alles über mich. Ich weiß alles über sie. Und dann, nach einer Phase, in der wir uns nicht mehr so geliebt haben, uns täglich angezickt und überworfen hatten, war Schluß. Und das war vermutlich das Beste so, aber es tat weh und ich sehne mich noch immer zurück nach den Zeiten, in denen alles gut war zwischen uns.

Ich trete aus dem Bahnhof und sie steht da. Wir haben uns nicht viel zu sagen, dabei würde ich so gerne wissen, wie sie das letzte Jahr verbracht hat. Wie schön wäre es, sich in die Arme zu schließen und sich alles zu erzählen, wie gute Freunde das so tun. Doch ihre Körpersprache bedeutet mir, Abstand zu halten, körperlich und im Gespräch. Sie gibt mir einen klirrenden Rucksack voller Perversenkram, der mir gehört. Dann, nach einem kurzen „Alles klar, machs gut.“ steigt sie in ihr Auto und fährt weg. Ich bleibe allein zurück, in der nachmittäglichen Dämmerung, unter der Weihnachtsbeleuchtung, die auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof aufgehängt ist. Wenn mich jetzt die Bullen filzen wird es interessant.

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Als ich auf sein Haus zulaufe, sehe ich Dirk schon von weitem offenen am Fenster stehen und rauchen. Er öffnet mir die Tür mit der Kippe im Mundwinkel.
„Ich wusste garnicht daß du rauchst.“
„Tue ich auch nicht, aber ich hab doch so gutes Gras aus Marokko mitgebracht.“
„Du hast was?!“
„Na, wir waren doch in Marokko und als wir abreisten haben wir noch so viel übrig gehabt.“
„Und da habt ihr….“
„Da haben wir uns das kurz vorm Flughafen auf ner öffentlichen Toilette gegenseitig in den Hintern geschoben, natürlich in einer Plastiktüte.“
„Natürlich.“

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„Das ist das was ich immer gesucht habe. Das worauf ich immer gewartet habe“.
Ja klar. Das ist das, worauf jeder Mensch immer wartet. Deshalb funktioniert Heroin ja so gut als Droge. Mein Kumpel Daniel steht vor mir, deutlich angetrunken und zeigt mir die Vene an seinem linken Arm.
„Ich mach das nur ein paarmal jeden Monat, laß immer schön zeitlichen Abstand dazwischen, so daß es schön unter Kontrolle bleibt. Nur muß ich langsam mit der Vene da aufpassen. Die ist schon ganz schön zerstochen. Die andere muß ich halt in Ruhe lassen für den Arzt beim Blutabnehmen.“
„Äh….“
„Naja, ab nächster Woche mach ich dann erstmal ein paar Wochen Pause. Nur am Wochenende kriegen wir halt nochmal ne gute Lieferung. Aber danach erstmal Pause und dann ist das wieder wie am Anfang.“
„Wie lang ist man denn drauf, wenn man das drückt?“
„Naja, beim ersten Mal waren es so zwölf Stundenen, mittlerweile sinds nur noch so vier. Der Körper gewöhnt sich da halt dran. Aber wenn wir jetzt ein paar Wochen Pause machen ist es wieder wie am Anfang.“
„Und…du denkst das ist ne gute Idee?“
„Naja, der Umgang mit Heroin in der Öffentlichkeit ist halt sehr von Panikmache geprägt. Die Leute denken man ist nach dem ersten Mal schon total abhängig, auch körperlich, aber das ist halt Quatsch. Man kann damit kontrolliert umgehen, so wie mit jeder bewusstseinsverändernden Substanz.“
Daniel ist bekannt dafür, daß er nach drei Bier seine Persönlichkeit vom der eines zurückgezogenen, schüchternen Menschen, der schon Probleme hat, in der Arztpraxis anzurufen um einen Termin auszumachen, zu exakt dem Gegenteil wechselt: Einem großmäuligen, extrem extrovertiertem Punker, der dann auch jede Substanz einnimmt, die ihm unter die Nase gehalten wird. Man kann Heroin als kontrollieren wie jede andere Substanz auch.
„Na dann, viel Glück. Ich mach mir da ein bißchen Sorgen.“
„Musst du nicht, echt jetzt. Mir gehts wirklich sehr gut, so gut wie lange nicht mehr!“

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Wolken ballen sich am sommerlichen Abendhimmel zu einem Gewitter zusammen. Ein warmer Wind kündigt den Sturm an. An den Stellen des Himmels, an denen keine schwarzen Wolken hängen, ist das satte Dunkelblau der Abenddämmerung zu sehen. Im weiten Garten der Klinik sitzen Kaninchen im Gras und gehen ihren Verrichtungen nach. Die hellerleuchteten Fenster scheinen auf den Zugang zum Garten, wo eine Handvoll Menschen sitzen und rauchen. Cem, ein Mann von fast quadratischem Aussehen (obwohl „dick“ das falsche Wort wäre), läuft den gepflasterten Weg zur Wiese mit festem Schritt auf und ab. Er scheint den Wind zu genießen, der in seine Jacke fährt.

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Habe ich genug Heultücher in der Tasche?

Wenn man mit REZIDIVIERENDE DEPRESSION GGW. MITTELGRADIGE EPISODE in eine psychiatrische Klinik eincheckt (Mitpatient meldet sich am Patiententelephon gern mit „Ja, hier Hotel zur lockeren Schraube, was kann ich für Sie tun?“), denkst man womöglich an einen Haufen nützlicher und unnützer Dinge, die man eingepackt hat (Zahnbürste, Duschgel, Socken usw….) nimmt aber meist nur eine Packung Taschentücher mit, die sich noch in der Tasche der Hose, die man trägt, befindet. Und dann vergehen die Tage und Wochen und immer öfter kommt alles zusammen. Die Traurigkeit ob der eigenen trostlosen Situation, die psychotische Seite der diagnostizierten Zwangsstörung mit soviel Angst vor übernatürlichen Dingen, die passieren oder passiert sind und die man nicht mit dem Konzept der eigenen transzendenten Realität verknüpfen kann, das magische Denken, die Angst vor Verlust dessen, was das eigene Leben ausmacht…und dann ist es ein Sonntagvormittag auf der Station, heute finden keine Therapien statt, die einen unter der Woche nur nerven und die man sowieso als nutzlos empfindet. Aber man hat nun gar keinen Grund, vom eigenen Bett aufzustehen und dies alles vermischt sich fröhlich mit Unruhe und Angst und Traurigkeit und dann hört eine Mitpatientin im Gemeinschaftsraum laut „Es war ne geile Zeit uns war kein Weg zu weit es ist vorbei Du fehlst hier“ und du denkst daran, daß die Frau die du mal heiraten wolltest seit einigen Monaten weg ist, einen anderen hat. Und dann fließt dir das beschissene Wasser aus den Augen und mit ihm kommen diese Unmengen Rotz, mit der sich die Nase plötzlich füllt.

Ich habe jeden verdammten Tag GEFLENNT. Manchmal still und leise in meinem Zimmer, manchmal laut und verzweifelt vor dem mir zugewiesenen Therapeuten, den Kopf an die Wand schlagend vor Verzweiflung, als der Seelsorger für mich gebetet hat (man ist solange Atheist bis das verfickte Flugzeug wackelt), vor Mitpatienten, vor dem Pflegepersonal. Einmal mitten in einem Bowlingcenter im Nachbarort, zu dem ein Pfleger im Rahmen der Aktivitätengruppe mit einigen Patienten gegangen ist. Manchmal bin ich regelrecht ausgerastet, habe verzweifelt und hysterisch geschluchzt. Bisweilen war der Lohn eine innerer Ruhe danach, wenn man sich beruhigt hat. Oft verstärkt vom Beruhigungsmittel Promethazin. Der bittere Geschmack der Promethazintropfen vermischt sich mit dem Schleimgeschmack vom Weinen. Was ist in so einer Lebensphase wichtig? Immer genug Taschentücher oder ähnliche Dinge in der Tasche zu haben, die den ganzen Rotz auffangen können. Immer schön die Taschen auffüllen mit den Papierhandtüchern aus der Toilette der Station, geriffeltes, graues Recyclingpapier. Noch Wochen nach meiner Entlassung und während der vorsichtigen Genesung finde ich in den Taschen und Jacken HEULTÜCHER.
tassen
In den beiden psychiatrischen Stationen (in verschiedenen Kliniken), in denen ich bisher jeweils mehrere Wochen lang wohnen durfte, gab es einen Mangel von Tassen. In beiden Kliniken hingen in der Patientenküche Schilder auf denen geschrieben stand „Bitte keine Tassen aus der Station mitnehmen!“ In der Klapse haben sie nicht mehr alle Tassen im Schrank, kannste ja auch keinem erzählen, glaubt dir ja auch keiner. Beim ersten Mal waren auf den Tassen das Logo der Klinik aufgedruckt. Natürlich hab ich da eine geklaut.

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