Heuschrecken, Wodka und Psychopharmaka.

Eines Morgens, ich bin gerade sieben Jahre alt, setze ich mich schlaftrunken an den gedeckten Frühstückstisch. Mein verschlafener Blick schweift über Teller, Tassen, Honig- und Marmeladegläser und bleibt an einem Objekt hängen, das ich nicht zuordnen kann. Wie in Zeitlupe fährt es mir kalt den Rücken herunter als sich langsam in meinem Kopf das Bild einem Begriff zuordnet. Zwischen den Frühstücksutensilien sitzt friedlich eine große, über zehn Zentimeter lange Stabheuschrecke. Ich bin wie gelähmt vor Angst, auf die Frage meiner Mutter was denn los sei bringe ich nur ein stammelndes „D-d-d-daaa!“ heraus. Meine nächste Erinnerung ist, wie die Heuschrecke an der Außenwand unseres Hauses sitzt und mein Vater mit einem Besenstil von einem Fenster aus erfolglos versucht, sie von dort zu vertreiben.

--

Und am Ende sind nur noch wir beide übrig, gegen null Uhr dreißig vor der Kneipe in Sachsenhausen. Die „UND JETZT!“-Frage hängt in großen roten Buchstaben am Himmel, als ich versuche möglichst beiläufig zu erwähnen „Ich gehe jetzt nach Hause, wenn du willst kannst du gerne noch mit zu mir kommen.“ Also machen wir uns zu Fuß auf den Weg, denn es ist zu spät für die letzte U-Bahn und zu früh für den Nachtbus. Es ist ein Fußweg von etwa einer Dreiviertelstunde, auf halbem Weg meint sie „Oh Gott meine Schuhe bringen mich um“, zieht diese aus und läuft barfuß weiter. „Na toll, jetzt bin ich auch noch schuld wenn du dir den Tod holst“, meine ich angesichts der Tatsache daß es Ende Oktober ist und sie entgegnet „Quatsch, ich bin kein so Weichei, außerdem habe ich starke Hippiegene, das geht schon.“

Eine halbe Stunde später kommen wir in meiner Wohnung an. Wir sitzen zusammen und hören Musik, unterhalten uns über Gott und die Welt. Ich bin nicht so der romantische Typ und daher frage ich sie plötzlich und unvermittelt mitten im Gespräch „Sag mal….darf ich dich umarmen?“ Sie nickt und ziehe sie an mich heran, doch zwischen uns ist noch eine Stuhllehne. „Halt, warte, moment, aua, meine Titte (ORIGINALTON!) ist eingeklemmt, so, ja, ah, besser.“

--

„Da hab ich gesagt ´das letzte Mal als mich jemand auf ner Party nach Feuer gefragt hat endete das so, daß ich mit nem Strohhalm aus der Toilette getrunken habe während die Gastgeberin über mir stand und mir mit dem Gürtel den Hintern versohlt hat´. Deshalb sag ich auf Parties lieber nichts mehr.“
„Alter, das war auch total aus dem Zusammenhang.“
„War es nicht, da hatte mich auch jemand nach Feuer gefragt, das war der Zusammenhang. Aber dann waren plötzlich alle so still…“
Quelle: Autogespräch zwischen Marian und Sanil, auf dem Weg zum ersten Schnulz-Gig.

--

An diesem Abend versuche ich, mich zu betrinken. Schon mit Ende zwanzig habe ich dies einmal versucht, bin aber daran gescheitert, daß Bier und Jägermeister, die beiden Alkoholika die ich im Haus hatte, viel zu widerlich schmeckten und ich schlicht nicht genug runterbekommen habe, um irgendwas anderes zu spüren als ein leichtes Gefühl der Wärme. Heute versuche ich, es geschickter anzustellen und kaufe eine Flasche Wodka, dazu einen hoffentlich babsüßen Energydrink, um den Wodka zu vermischen. Meine Medikamente habe ich unvernünftigerweise schon intus.

Es läuft wie erwartet. Zuhause bekomme ich so gut wie nichts von dem Wodka pur runter, es schmeckt wie Desinfektionsmittel. Verdünnt mit dem Energydrink (und als dieser aus ist mit O-Saft) geht es, aber auch so muß ich an mich halten, um das Ganze nicht instantly wieder auszukotzen. Auf diese Weise schaffe ich eine halbe Flasche Wodka. Ich spüre nicht die erhoffte Wirkung, mir ist lediglich warm und dann wird mir ein bißchen schummerig. Die Wirkung ist in keinem Falle äquivalent zur Überwindung, die Plörre zu schlucken. Als ich am selben Abend mit Michi und Isa in einer Kneipe sitze, halte ich mich wieder an Apfelsaftschorle. Kein Wunder daß diese Gesellschaft so feindselig ist, wenn sie solch mies funktionierende Drogen hat. Fürs Protokoll: Kein Kater, nix.

alki

--

Es liegt Schnee, als ich mit Frau Att als Begleitung den Berg zur Klinik hochlaufe, es ist ein kalter Märztag. Die Zuständigkeiten der Frankfurter Psychiatrien sind nach Stadtvierteln gegliedert und für Bornheim ist ausgerechnet die Hohemarkklinik zuständig, die hinter Oberursel am Berg liegt. Um dort hinzukommen muß man eine lange Fahrt mit der U-Bahn hinter sich bringen. Zwischen Oberursel und Frankfurt fährt die Bahn über Felder und am Ende durch den Wald, so weit draußen liegt die Klinik. Von der Endhaltestelle der Bahn muß man noch einen Berg hochlaufen und als Großstädter fühlt es sich so an, als würde man gleich über den Rand der Welt fallen.

Ich bin nicht ganz freiwillig hier, die Uniklinik hat mich abgewiesen („Wir sind nicht für Sie zuständig“), das konnten sie machen, da ich nicht vorgelogen habe ich hätte Gedanken, mir etwas anzutun. Die Klinik liegt in einem Parkgelände, oberhalb ein stattliches altes Herrenhaus, doch meine Station ist ein funktionaler Neubau, der sich häßlich an den Hang schmiegt („schmiegt“? Kann sich ein Haus „schmiegen“?!). Es ist alles „wunderschön“ mit der Parkanlage und den alten Gebäuden, doch im Verlauf der nächsten neun Wochen werde ich diesen Ort hassen lernen.

hhm

Es ist eine Woche her, seit mir Gott mit einem magischen Ereignis auf meinem PC verlautbart hat, ich solle aufhören, Musik zu machen und einen Tag, nachdem ich auf dem Weg zur Arbeit einfach aus der Bahn ausgestiegen bin, weil ich von dem Ereignis zu aufgewühlt bin und mich nicht in der Lage fühle, meinen Job auszuführen. Zu diesem Zeitpunkt fällt mir eine Distanzierung von diesen Wahnideen noch unglaublich schwer und ihre Unmittelbarkeit füllt mich mit Verzweiflung.

Ironischerweise teile ich mir das Zimmer mit einem schizophrenen älteren Herrn mit Mönchshaarschnitt, der den ganzen Tag Vatikanradio hört und mit Klebeband an der Außenseite der Tür Bibelsprüche anbringt. Zwei Tage halte ich dies aus, dann erkläre ich dem Personal, daß es keine gute Idee ist, jemanden mit meiner Symptomatik in solch einem Umfeld zu belassen und werde in ein anderes Zimmer verlegt.

--

Ende November bin ich bei Nina und Tobi zum Abendessen eingeladen. Die beiden haben einen vierjährigen Sohn, Aki, dessen Patenonkel ich bin. Ich melde mich viel zu selten bei ihnen und komme meinen Taufpatenverpflichtungen eigentlich nie nach. Nina und Tobi leben in einem kleinen Einfamilienhaus in Frankfurt-Fechenheim. Das Haus ist vollgestellt mit Kinderkram. Bücher über Dinosaurier, Kisten voller Spielzeug und ansonsten eine ganzen Wand voller Cds und zwei Gitarren prägen das Wohnzimmer. Als ich klingle, öffnet mit Tobi mit den Worten „Du kommst genau richtig, das Kind hat gerade in die Hose gemacht.“ Er geleitet mich ins Wohnzimmer, wo auf dem großen Fernseher gerade ein Cartoon läuft, in dem ein sprechendes Polizeiauto und ein sprechendes Feuerwehrauto ein anderes Auto verfolgen, das die Stadt mit Graffiti verschönert. Die Storyline ist, genau wie die Dialoge, eher simpel gehalten. Nachdem Tobi das Kind umgezogen hat, kommen beide dazu, während ich noch wie paralysiert auf den Bildschirm starre.

Dann muß ich ein Dinosaurierbuch und ein Feuerwehrbuch ansehen und mir erklären lassen, wie die Dinosaurier heissen, was sie auf den Bildern gerade machen und wen der Tyrannosaurus Rex gleich fressen wird.

Mein Patenkind ist sehr umtriebig und ziemlich intelligent. Seit der Zahnarzt im eingeschärft hat, Saft gemischt mit Mineralwasser würde die Zähne schädigen, man solle besser beides nacheinander pur trinken (hat schon irgendjemand davon gehört?!) darf niemand in Akis Gegenwart mehr Schorle trinken und auch ich werde mit einem strengen Blick bedacht, als ich es wage, meinen Orangensaft mit Mineralwasser zu mischen. Dann bekomme ich berichtet, welche Dialoge Aki so in der Kita führt (Evangelische Pfarrerin: „Weiß jemand von Euch wie man in den Himmel kommt?“ Aki: „Mit einer Rakete!“) oder welche Sätze er dort einfach mal so loslässt („Mein Papa hat einen ganz großen Penis!“).

--

Siad ist ein etwa einen Meter und neunzig großer Bosnier, der eigentlich in einer Obdachlosenunterkunft im Ostend wohnt, aber nun in die Klinik eingewiesen wurde. Für ihn ist das ein deutlicher Aufstieg. Sein Auftreten ist betont großspurig und pathetisch, schon bei der Aufnahmeuntersuchung überschlägt er sich vor Dank für die gute Arbeit der Ärzte und des Personals. Ich hasse ihn nach kurzer Zeit schon inbrünstig. Alles was er tut ist eine Show, er spricht vor dem Essen das Tischgebet (es ist eine christliche Klinik), steht dazu auf, senkt bedeutungsschwer den Kopf und dankt Gott für dessen Gnade. Er erzählt, wie er im Balkankrieg Menschen getötet hat und tut alles, um sich als welterfahrenen Lebemann darzustellen. Bei jedem Wort, das über seine Lippen kommt schreit es in mir „WIESO BIST DU HIER DU ARSCHLOCH, GEH NACH HAUSE WENN ALLES SO TOLL IST!!!! UND FICK DEINEN GOTT!!!!“.

Er freundet sich mit Ralf an, einem Junkie, der eines Nachts mit aufgeschnittenen Pulsadern eingeliefert wird. Bei jeder Mahlzeit sprechen beide großspurig über Politik und Gott und die Welt. Ralf wird Gott sei Dank entlassen, nachdem er nach Frankfurt gefahren ist und sich dort Methadon besorgt hat („…beim ersten Mal konnte ich die Urinprobe noch verdünnen, beim zweiten Mal hat der Pfleger aber zugeschaut….“).

Ein kleiner Lichtblick ist Frau Haug, die meist völlig verwirrtes Zeug redet („Ist das mein Sohn? Jaaaa, das ist mein lieber Sohn! Wo hat er denn den Führerschein gemacht?“ „Frau Haug, ich bin nicht ihr Sohn, ich arbeite hier, nehmen Sie bitte Ihre Tabletten“) aber bisweilen total ausrastet und willkürlich andere Patienten beschimpft.

Als Siad einmal erzählt „da hat der Vater seine tote Tochter auf dem Armen und zu wem kann er gehen wenn nicht Gott“ sitzt sie daneben und bricht plötzlich heraus mit „ZWISCHEN SEINE SCHENKEL HAT ER SIE GENOMMEN, RICHTIG SO!“ und greift sich mit der Hand zwischen die Beine. Ich liebe sie.

Eine andere, deutlich angenehmere, Mitpatientin ist Anne, sie ist vierundzwanzig und ist hier weil „ich habe irgendwas falsch gemacht. Können Sie mir sagen, was ich falschgemacht habe?“. Sie hat ihre zunehmende Verwirrung über die Welt mit Cannabis behandelt und wird nun gegen Psychose behandelt. Sie weigert sich zuerst, irgendwelche Medikamente einzunehmen, die sie vielleicht vergiften werden, aber tut dies alles auf eine sehr stille, angenehme Art und Weise. Ich bin ein bißchen verliebt, sie rührt meinen Beschützerinstinkt an, ich bin aber zu sehr mit meinen eigenen Dämonen beschäftigt, um ihr näherkommen zu können. Schließlich willigt sie ein, die Medikamente einzunehmen und kann nach wenigen Wochen, lange vor mir, entlassen werden.

psychopharmaka

--

Es ist ein warmer Julitag, als ich mit Michi verabredet bin. Wir wollen zu einem Weiher in der Gegend zum Schwimmen fahren. Nachdem wir eine halbe Stunde mit der Strassenbahn gefahren sind, laufen wir über den Main und über Felder, um schließlich am Schultheiss-Weiher in Offenbach anzukommen. Der Weiher ist ein besseres Wasserloch, der Sandstrand ist übersäht von Entenexkrementen und direkt an der Wasserlinie liegt ein großer Haufen, dem nicht anzusehen ist, ob er von einem Hund oder einem Humanoiden stammt. Kurioserweise wird der Weiher von einem Sicherheitsdienst bewacht, drei muskulöse Typen mit militärischem Bürstenhaarschnitt und Shirts, auf denen „Bade-Security-Offenbach“ oder so steht, haben alles im Blick. Wir gehen trotz allem ins Wasser, das voller Algen ist. Der Weiher ist außerdem gut besucht, das Offenbacher Publikum lässt sich nicht von Kacke und Algen abschrecken. Nach kurzer Zeit verlassen wir die Szenerie wieder. Zuhause dusche ich erstmal ausgiebig. Pluspunkt: Keine Heuschrecken.

of

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

0 Antworten auf „Heuschrecken, Wodka und Psychopharmaka.“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier + = elf