Die süße Theologiestudentin.

hbf

Jeden Morgen, wenn ich im Hauptbahnhof aus der U-Bahn aussteige und durch die B-Ebene zur Straßenbahn laufe, steht da an der Rolltreppe nach oben derselbe junge Mann. Er tauscht kurze Sätze mit anderen Gestalten aus, die vorbeilaufen. Er ist unauffällig aber sauber gekleidet und nichts an seinem Auftreten zieht die Aufmerksamkeit auf sich, außer der Tatsache, daß er dort jeden Morgen an der gleichen Stelle steht. Bisweilen werde ich auf der Rolltreppe, vor der er steht, Zeuge von geschäftlichen Transaktionen. Unauffällig werden Geldscheine und kleine Päckchen getauscht. Diese Szene ist kaum der Rede wert, wir sind in Frankfurt. Und so setze ich jeden Tag unbeeindruckt meinen Weg fort.

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Hr. Plauck ist achtundsechzig Jahre alt, fast einen Meter und neunzig groß und über seinem Hosenbund wölbt sich ein stattlicher Bauch. Fast immer läuft er im Unterhemd durch die Station. Es ist Sommer, der Sommer des Wahnsinns. Sein Problem ist, daß er den ganzen Schleim nicht aus seiner Nase bekommt. Jeden Morgen sieht man ihn mit einer Nierenschale auf der Toilette verschwinden, danach hört man eine Viertelstunde lang lautes Schneuzen, Stöhnen und das Geräusch, wenn man stark durch einzelne Nasenlöcher pustet. Der HNO-Arzt hat ihm nicht helfen können. „Er hat gesagt: ´Damit müssen Sie leben!´ Der hat gut reden. Der muss nicht damit leben, es ist doch nicht normal, daß man das alles nicht rauskriegt.“
Hr. Plauck bekam dann Panikattacken in der Straßenbahn, er fürchtete am Schleim in seiner Nase zu ersticken. Seitdem ist er hier in der Klapse und bekommt Tavor. Doch wirklich helfen kann man ihm nicht, er lehnt alle Gruppentherapien ab. Schließlich spricht regelmäßig ein Psychologe mit ihm, der optisch das genaue Gegenteil ist, ein dünner junger Mann, glattrasiert, noch in der Therapeutenausbildung. Eine Frau hat Hr. Plauck nie gehabt. Er bekommt nie Besuch, erzählt nur ab und zu von seiner Mutter, die aber schon lange unter der Erde weilt.

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An diesem Tag besuche ich den bösen Jonas. Der böse Jonas wird „Böse“ genannt, weil wir mal in einer Band mit noch einem Jonas gespielt haben. Der „böse“ Jonas hat sich diesen Titel hart erarbeitet durch den früheren Drang, sein Geschlechtsteil bei möglichst vielen Gelegenheiten der Öffentlichkeit zu präsentieren, durch Böllerwerfen in geschlossenen Räumen, durch den Hitlergruß in linken Kneipen, durch provokantes Rumschreien nachts in Frankfurt, dem lauten Beleidigen der Mütter von jungen Südländern im Nachtbus und all das in Verbindung mit exorbitantem Drogen- und Alkoholkonsum. Legendär ist seine geniale Idee, nach Wiesbaden mit dem Auto aufs Konzert zu fahren, sich dort abzuschießen und sich danach selbst eine Infusion zu legen, um zeitnah wieder nüchtern heimfahren zu können, wobei er unterschätzt hat, wie schwer es ist, sich mit zwei Promille selbst eine Infusion zu legen. In diesem Blog wurde er desöfteren schon portraitiert. Der böse Jonas hat aber auch eine andere Seite. Seit vielen Jahren fährt er Krankenwagen durch Frankfurt und kratzt Unfallopfer vom Asphalt und sorgt dafür daß Fettsäcke wie ich bei ihrem ersten Infarkt rechtzeitig in die Notaufnahme kommen.

Ich habe den bösen Jonas schon lange nicht mehr getroffen, heute sind wir verabredet. Unser letztes Zusammentreffen liegt etwa zwei Jahre zurück. Der böse Jonas war Gitarrist bei TZN, dem mobilen Chaoskommando, bei dem ich Schlagzeug gespielt habe. TZN bestanden außer uns aus Paul am Bass und Jana, der Shouterin. Die Band zerbrach, als Paul, der drauf und dran war, Jana zu ehelichen, eines Abends mit den bösen Jonas saufen war, in einer WG endete, dort mit einer in der selbigen wohnenden Frau im Bett landete, während der böse Jonas in einem Anfall von alkohol- und amphetamingeschwängertem Loyalitätsgefühl von vor der Tür des Zimmers in dem dies alles stattfand, Jana anrief und quasi Live-Berichterstattung des Ehebruchs durchführte.

Jonas holt mich im Auto ab und wir fahren zu ihm. Er wohnt jetzt in Offenbach. Mittlerweile ist er bei der Feuerwehr, verbeamtet und wird dort Karriere machen. Er hat eine kleine Tochter und ist glücklich verheiratet. Ihm geht es besser als je zuvor, es gibt keinen Grund, das irgendwie zu kritisieren. Wir gehen am Main spazieren und sitzen auf einer Bank. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Es wird dunkel und wir schauen den Lichtern der Autos nach. Schließlich fährt Jonas mich sogar noch nach Hause.

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haha

„Isch hab die Mängelliste garnet mehr abgetippt.“
Der Mann hinterm Tresen reicht mir einen mit Kuli vollgeschriebenen DinA4-Zettel. Zum ersten Mal hab ich das Auto nicht zum Schrauber unseres Vertrauens gebracht, sondern zu einer offiziellen Werkstatt. Unser Schrauber hat immer das nötigste gemacht, ansonsten beteuert, alles wäre cool und froody (diesen speziellen Ausdruck hat er nicht benutzt, ich wollte ihn aber mal unterbringen, wer weiß woher ich ihn geklaut hab bekommt meine Orthographie-Mängel geschenkt).

Auf dem Zettel stehen Lappalien wie „Kratzer rechte Beifahrertür“ (Nein, wirklich?) aber auch Dinge wie „Bremsleitung durchgerostet“ und irgendwelche Dinge „lösen sich auf“ (Was soll das heißen….? Ist das schlecht? Alles löst sich ständig auf auf, das Universum expandiert und die Atome entfernen sich immer weiter voneinander oder so. Ist das so gemeint?). Wem vertraut man jetzt? Die Antwort ist: Keinem, und ein neues Auto muss her.

Der Schrauber unseres Vertrauens ist auch gerade nicht verfügbar, er hat gerade eine Gerichtsverhandlung wegen Trunkenheit am Steuer hinter sich, nachdem er eingeschlafen hinter dem Steuer seines Wagens von der Polizei gefunden wurde, nachdem er ebendiesen im Taunus an einen Baum gesetzt hat. Zu seinem Glück liegt der Zündschlüssel auf dem Beifahrersitz und dies ermöglicht ihm vor Gericht die Argumentation, er sei mit dem Auto gegen den Baum gefahren, habe sich total geärgert, sei zu einer Party in der Nähe gelaufen, habe sich dort betrunken und sei wieder zurück zum Auto gegangen, auf der Fahrerseite eingeschlafen aber eben OHNE den Zündschlüssel wieder ins Schloss gesteckt zu haben. Der Vorwurf der Trunkenheit am Steuer wird aus Mangel an Beweisen fallengelassen und er behält seinen Führerschein und muß nicht auswandern, was er beschlossen hat, andernfalls zu tun.

Schließlich erhalte ich Geld von meiner Mutter, um mir ein neues Auto zu kaufen (ich weiß, das macht mich zum verwöhnten Mittelstandsbalg, es sind fünfzehnhundert Tacken) und ich erwerbe in Niederwöllstadt in der Hurensohn Wetterau von einem Fußballkumpel meines Arbeitskollegen (ich dachte, das bewahrt mich davor, übern Tisch gezogen zu werden, turns out die sind ALLE Fußballkumpels da) einen potthässlichen gebrauchten Kleinwagen für siebenhundertfünfzig Euro, der aussieht wie ein etwas zu groß geratener Staubsauger.

Schon als ich mit dem Auto nach Hause fahre, bemerke ich beim Bremsen ein schleifendes Geräusch, aber laut meiner damiligen Lebensgefährtin, die WAY MORE Erfahrung mit Autos hat, ist das nur der Flugrost, der sich von der Bremse löst. Die Pfütze, die sich unterm Auto bildet, als ich bei mir zuhause einparke ist dann aber nicht mehr nur eine Lapallie. Die Wasserpumpe ist defekt, obwohl das Auto frisch übern TÜV gekommen ist (der TÜV in der Wetterau besteht wohl auch nur aus Fußballkumpels). Der Fußballkumpel meines Arbeitskollegen meint „Kein Problem, ich mach dir das“ und schärft mir ein, lediglich die Temperaturanzeiger des Motors im Auge zu behalten. Dies tue ich und registriere in den nächsten Tagen immer sehr aufmerksam, wenn der Zeiger in den roten Bereich wandert. Was mir der Fußballkumpel nicht gesagt hat (und laut meiner damaligen Freundin wäre das eigentlich selbstverständlich gewesen, nur ein weltfremder Träumer wie ich wisse so etwas nicht), ist, daß ich den Motor unbedingt ausmachen soll, wenn die Anzeige rot wird. Und so kommt es, wie es kommen muß und ich bleibe auf dem Weg in die Werkstatt, wo die Wasserpumpe gemacht werden soll, liegen. Motorschaden, aber der Fußballkumpel macht mir das für weitere dreihundert Euro. Leider dauert die Reparatur drei Wochen, da er sich immer nach Feierabend dransetzt und die Arbeitsstunden nicht eben ordentlich versteuert werden.

Nachdem ich das Auto wieder habe, bemerke ich plötzlich, daß die Räder vorne nach längeren Fahrten glühend heiß sind. Diesmal bringe ich das Auto nicht zum Fußballkumpel sondern zu einer Werkstatt in Bornheim. Turns out (ich mag diesen englischen Ausdruck, sorry) die Bremsen sind durch und müssen für weitere dreihundert Euro gemacht werden.

Zwei Wochen später bleibe ich wieder mit dem Wagen liegen. Er geht einfach aus und nie wieder an. Beim Abschleppen reißt auch noch das Seil und in der Werkstatt sagen sie mir, es koste mindestens fünfhundert Euro, überhaupt nachzusehen was los ist. So viel ist die Kiste dann doch nicht wert und ich verbleibe ohne Auto, fünfzehnhundert Euro in den Sand gesetzt habend.

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Seitdem ich kein Auto mehr habe, muß ich den Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln meistern. Die Strecke dauert mit dem Auto zwanzig Minuten, mit Bus und Bahn beträgt die Fahrzeit mehr als eine Stunde, inklusive dreimaligem Umsteigen. Der Frühdienst beginnt um fünf Uhr dreissig morgens, um dort rechtzeitig zu sein muß ich die Bahn um VIER UHR FÜNFZEHN morgens nehmen. Das ist so früh, daß man eigentlich garnicht erst ins Bett gehen muss (muss man schon, man ist alt geworden und schafft es nicht mehr, nach einer durchgemachten Nacht eine ganze Schicht abzureissen). Wenn ich am Tag vorher Spätdienst habe, schlafe ich einfach auf der Arbeit in einem Abstellraum.

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hbf2

Vierhundert Milligramm Sertralin verteilt auf fünfzig Milligramm macht acht Tabletten, dazu eine Risperdal und die kleine Blaue. Die kleine Blaue heißt Tavor und soll mich beruhigen. Klappt nicht so. Mittlerweile habe ich Übung darin, die zehn Tabletten mit einem einzigen Schluck Wasser runterzukriegen, nachdem ich lange Zeit regelmäßig mehr oder weniger versuchen musste, meinen Würgereiz und und seine Folge, mein Frühstück im Stationszimmer zu verteilen, zu unterdrücken. Und zehn Tabletten nacheinander zu schlucken steht halt nicht zur Debatte, das dauert JAHRE.

Ich freunde mich mit Nawab an, einem vierundvierzigjährigen Afghanen, der einen respektablen Salafistenbart trägt und unter schweren Depressionen leidet. Er schafft es zur Zeit nicht, sich zu duschen oder zu waschen und schämt sich dafür. Viel schwerer wiegt für ihn, daß er es nicht mehr schafft zu beten. Trotz meines langsam wieder hergestellten Antichristendaseins fühle ich eine Verbindung zwischen uns. Er hat zwei Kinder, musste Afghanistan mit zehn Jahren auf der Flucht vor den Sowjets verlassen, fand Asyl in Pakistan und kam dann irgendwann nach Deutschland. Er erzählt, er habe noch nie gearbeitet wegen seiner Erkrankung. „Kein Blatt vom Baum kann fallen ohne Erlaubnis von Gott“. Wie stigmatisiert Depression im paschtunischen Kulturkreis ist, erzählt er nicht. Dafür berichtet er von der Sonne in Afghanistan, die „wie Gold“ scheine, nicht so wie hier, im deutschen November.

Immer noch bin ich jeden Tag sehr aufgewühlt von dem magischen Ereignis, grübele darüber nach, ob Gott mir wirklich kommunizieren wolle, ich müsse aufhören Musik zu machen. Ich konsultiere die Seelsorgerin der Klinik, aber die kann mir auch nicht signifikant weiterhelfen. Und ich nehme weiter zu, mein Übergewicht ist ein weiterer Faktor, der mich deprimiert. Ich bin so dick, wie ich schonmal war, dick und verrückt, eine beschissene Kombi. Dick, verrückt und pervers. Tausendfach unfickbar, verdammt. Ich versuche, der täglichen Trostlosigkeit mit Schreiben zu begegnen, aber das Schreiben fällt mir noch schwerer als sowieso schon. Es fühlt sich an als müsse ich jedes Wort mit unfassbarer Kraft zu Papier (also, zu Open Office) ZWINGEN. Ein kleiner Lichtblick ist die Praktikantin der Seelsorgerin, die einmal mit mir spricht, eine junge, ziemlich hübsche Theologiestudentin, die einer evangelischen Freikirche angehört. Ich bin aber Realist genug um zu ahnen, daß sie meine Thesen zur Verbindung von Christentum und Sadomasochismus eher nicht teilt. Trotzdem wird sie zum Objekt unkeuscher Gedanken, denen ich auf der Gemeinschaftstoilette der Station Ausdruck verleihe und für die ich mit Sicherheit im Fegefeuer lande, wenn es das gibt.

Um mir die Angst vor Übernatürlichem, Gott und Satan und der ganzen Scheiße zu nehmen, verordnet mir meine Therapeutin Konfrontationstherapie. Ich soll absichtlich gottlose Dinge tun. Also beginne ich, jeden Morgen das Vaterunser rückwärts aufzusagen und Gott zu beleidigen: „Fick Dich Gott Fick Dich Gott Fick Dich Gott!“. Was die süße Theologiestudentin davon wohl hält?

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An diesem Tag steht der junge Mann nicht an seinem Platz an der Rolltreppe. Es ist acht Uhr morgens, und als ich zur Straßenbahn hochlaufekommt er mir entgegen, schnellen Schrittes, gefolgt von einem Mann mit ungepflegtem grauen Bart, schmutziger Kleidung und schmutzigen Händen mit schwarz umrandeten Fingernägeln. Ich bekomme nur Fetzen der Konversation mit, die da lauten „Nein, jetzt reichts“, „Ach komm schon, nur noch einmal!“, „Nein, laß mich in Ruhe!“. Scheint so, als ob da jemand einen noch viel blöderen Morgen hat als ich.

rolltreppe

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