Das weiße Rauschen im Kopf.

„Alter, laß noch Platz für das Fleisch, ich will doch keinen Gartensalat!“
Der Besitzer des Dönerladens bei mir um die Ecke ist in den Urlaub gefahren. Damit sein Laden weiterläuft, hat er einen Cateringservice engagiert, die Geschäfte für ihn weiterzuführen, und so macht jetzt ein dicker Pakistani die Döner.
„Ach, heutzutage will doch jeder vegetarisch!“ meint er zu dem Türken, dem er gerade einen Kebap macht.
„Was? Denkst du hier will jemand vegetarisch?“ fragt er in der Raum und sieht mich fragend an.
Ich schüttele eilig den Kopf und beeile mich zu versichern, daß ich hier nichts vegetarisches essen will.
„Siehste! Hey, ich komm aus dem Heimatland von Döner und schau dir mal an, wie die in der Türkei Döner machen! Da muß Fleisch rein, das ist kein Gartensalat!“
Der Pakistani merkt, daß es sinnlos ist, an diesem Punkt weiterzudiskutieren. Er reicht dem Türken den Kebap über den Tresen. Dieser bezahlt und dreht sich im Weggehen nochmal zu mir um.
„Und pass auf, daß er dir keinen Gartensalat andreht!“

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Der Mitarbeiter der Wohngruppe schiebt Olli in den Eingangsbereich des Hauses und geht wieder zurück in die Wohngruppe. Die automatische Tür geht zu und Olli steht da in seinem Rollstuhl. Olli kann nicht reden, außer ein paar undeutlichen, immer wieder geäußerten Phrasen wie „Auweia!“, „Schowieder?“ und „Hallo?“.

Er kann auch nicht alleine essen, gerade mal eine Gabel kann er selbstsständig halten. Wenn man ihm die Hand führt und ihm ein Stück Essen auf die Gabel aufspießt, kann er dieses, wenn er einen guten Tag hat, selbstständig zu Mund führen. Soll heißen: Olli ist die Sorte Schwerst- und Mehrfachbehinderter, die man als Fachfremder als debil in der Ecke rumsitzend und mit dem Kopf schaukelnd wahrnimmt, wenn man sie nicht kennt. Zielgerichtete Handlungen traut man ihm kaum zu und in der Tat zeigt er auch kaum welche.

Tagsüber wird Olli in einer externen Einrichtung betreut. Das Beste für ihn an diesem Umstand ist die Autofahrt dorthin, die findet er ziemlich super. Wenn er gegen vier Uhr nachmittags ins Wohnheim zurückkehrt, wird er erstmal aufs Klo gesetzt (aka er bekommt eine neue Inkontinenzeinlage), und dann verbringt er die Zeit bis zum Abendessen im Eingangsbereich, steht vor der automatischen Eingangstür zur Strasse und freut sich, wenn diese auf- und zugeht, wenn andere Bewohner raus- und reinlaufen. Und begrüßt jeden derer mit „Hallo?“, „Schowieder?“ oder „Auweia!“.

Doch nun hat Olli ein Problem, denn der Kollege hat ihn nur kurz vor die Tür der Wohngruppe geschoben, Olli steht jedoch am liebsten vor der Eingangstür. Er muss also den gesamten Eingangsbereich durchqueren, der voller Tische und Stühle steht. Zwar kann er sich selbst im Rollstuhl sehr langsam fortbewegen, in dem er sich immer kurz mit dem stärkeren seiner beiden spastisch gelähmten Arme in Bewegung versetzt, aber um zur Eingangstür zu kommen, muss er einen Slalom zwischen den Tischen und Stühlen hindurch bewältigen. Und noch dazu steht ein Tisch heute ausnahmsweise so, daß der direkte Weg zur Eingangstür versperrt ist. Ein schwieriges Unterfangen für jemanden, der im Alltag keine zielgerichtete, von außen als sinnvoll erachtete Handlung zeigt und nichtmal selbstständig essen kann.

Als ich fünf Minuten später aus dem Büro komme, steht Olli direkt vor der Eingangstür. „Schowieder?“

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Am Sonntagmorgen wache ich auf. Wenn ich länger als sieben Stunden auf meiner Matratze liege, wache ich danach mit Rückenschmerzen auf. So auch jetzt. Neulich habe ich mir eine Isomatte zugelegt, es soll ja gut für den Rücken sein, wenn man hart liegt. Nur leider ist es auch ziemlich unbequem, auf der Isomatte zu schlafen. Und alle drei Stunden wache ich auf, weil ich mich im Schlaf auf meinen Arm gerollt habe und dieser eingeschlafen ist. Das ist wie Campen, nur in der eigenen Wohnung. Ich brauch noch einen Gaskocher für die Küche.

Letzten Sommer hatte ich eine sehr depressive Phase, in der ich beschloss, meine Wohnung komplett zu verdunkeln. Also wirklich KOMPLETT. Ich klebte jedes meiner Fenster mit Kartons, Alufolie und hunderten Metern von Panzertape zu. Wisst ihr, wie schwer es ist, eine Wohnung tatsächlich VÖLLIG dunkel zu kriegen? Durch irgendeinen Spalt kommt immer Licht rein.

Irgendwann war es annähernd dunkel, auch wenn ich, wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, immer noch den strahlenden Sonnenschein draussen durch einen der großen Kartons durchschimmern sah.

Ich finde es sehr verständlich, die Welt aussperren zu wollen. Es ist ja nicht so, als sei sie schön. Es ist mir schwer verständlich, wie Leute Zeitung lesen können, ohne danach am Boden zerstört zu sein ob der Grausamkeiten der Welt. Die einen kleben ihre Fenster zu, die anderen sperren die Welt aus, indem sie mit Alkohol und Drogen eine hohe Mauer um sich herum errichten. Ein kleiner, kleiner Teil kommt klar, indem er das Übel der Welt irgendwie ausblendet und (das wäre in der Bibel so formuliert) „sein Herz verhärtet“.

citalopram

Die Droge der Wahl unserer Gesellschaft ist Alkohol. Ironischerweise haben hochprozentige alkoholische Getränke den Ruf, etwas für harte Kerle zu sein. Harte Kerle trinken Schnaps. Wahrscheinlich hängt das mit ihrem bitteren Geschmack zusammen. Tatsächlich ist der Konsum von Drogen einfach nur ein Zeichen für die Schwäche, die Welt nicht ertragen zu können.

Jeden Morgen spüle ich eine Citalopram mit dem ersten Schluck Kaffee runter. In den letzten Wochen habe ich die Dosis auf ein Drittel dessen, was ich zu Spitzenzeiten eingenommen habe, reduziert. In der Regel dauert es einige Wochen, bis der Spiegel des Wirkstoffs im Körper gesunken ist und die Auswirkungen spürbar werden: Unzufriedenheit, Gereiztheit, Schlaflosigkeit wegen dieser sich um sich selbst drehenden Gedanken – und dieses weiße Rauschen im Kopf. „Handy auf lautlos und im Hinterkopf dieses ständige Rauschen“, so formulierte es NMZS, ein Düsseldorfer MC in seinem Track „Das ist Meins“. NMZS hat sich im März dieses Jahres im Alter von 28 Jahren das Leben genommen.

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Als ich etwa zehn Jahre alt war, schickten mich meine Eltern für zwei Wochen in ein Zeltlager auf einer Insel in einem von Bayerns großen Seen. Ich hasste es. Schon damals kam ich mit Kindern in meinem Alter überhaupt nicht gut aus. Ich weiß noch, dass ich in den ersten Tagen grauenvolles Heimweh hatte und ich am liebsten den ganzen Tag geflennt hätte. Ich habe alle meine Kraft zusammengenommen um diese Gefühle nicht zu zeigen, denn was ist eine größere Niederlage für einen zehnjährigen Jungen, als in Gegenwart anderer zu weinen? Dies ist der Schritt in die Selbstständigkeit, den ich durch die Teilnahme an solchen Ferienlagern gemacht habe: Ich habe gelernt, Weinen zu unterdrücken.

pisse

Letzten Endes verbrachte ich die beiden Wochen damit, mir am Kiosk Schokolade zu kaufen und der Clique älterer Jungen aus dem Weg zu gehen, die sich die Zeit damit vertrieben, jüngere Kinder zu terrorisieren. Ich wurde in meiner Kindheit genötigt, an mehreren solcher meist kirchlich organisierter Ferienaktivitäten teilzunehmen und meistens ging es inhaltlich für mich nur darum, den testosterongeschwängerten Rangkämpfen anderer pubertierender Jungen, in denen ich nicht bestehen konnte, aus dem Weg zu gehen. Und kein Heimweh zu zeigen.

Am letzten Abend in diesem Ferienlager gab es die obligatorische Abschlussfeier und dabei schaffte ich es irgendwie, in meine Hose zu pinkeln. Ich erinnere mich noch, daß ich an einem der Betreuer vorbeilief und meinte „ich gehe mir mal eine neue Hose anziehen“, er mich ausdruckslos anschaute und nur meinte „Is wohl besser so“. Dann suchte ich in der Dunkelheit des Zeltes, in welchem wir zu fünft schliefen, in meiner Reisetasche nach einer trockenen Hose und merkte plötzlich, daß ich nicht alleine war.

„Hast du auch in die Hose gemacht?“ fragte ein Junge, der so alt war wie ich.
„Äh ja.“
„Naja, passiert“.

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Nach einem schier endlosen Winter wird es an diesem Tag endlich warm. Ich habe Urlaub und sitze mit Basti und Nina im Park. Der Park ist in seinem vorderen Bereich bevölkert von Müttern mit Kindern und sonstigen grillenden Familien. Vor allem arabische Familien tragen in Kühltaschen Massen von Leckereien in den Park und machen jeden vorbeigehenden neidisch.

park

Doch hier hinten, wo wir sitzen, ist es relativ leer. Wir haben uns auf einer etwa kniehohen Mauer unter einem Baum niedergelassen. Hier hat man einen weiten Blick über die angrenzende Wiese und im Hintergrund sieht man die protzige frankfurter Pseudo-Skyline. Wir haben nicht viel zu reden. Nina beschäftigt sich damit, mit ihrem Handy Fotos des Parks durch die spiegelnden Gläser meiner Sonnenbrille zu machen („Boah du scheiß Künstlerin“ meint Basti dazu) und Basti ist damit beschäftigt, eine tätowierte Rothaarige zu beobachten, die mit ihrer Freundin ca. zwanzig Meter entfernt von uns im Bikini in der Sonne liegt („Boah du scheiß Notgeiler“ meint Nina dazu).

Nina, die ihr Geld als Stewardess verdient („Hallo, ich bin Nina. Ich bin keine Nutte. Ich bin Stewardess.“), zeigt alle fünf Minuten auf irgendwelche Flugzeuge, die über uns hinwegfliegen.
„Das ist der neue Airbus A865. Der heisst so weil da passen 865 Menschen rein!“

Neben uns, etwa fünf Meter entfernt, sitzen zwei Afrikaner und unterhalten sich in einer nicht durch uns identifizierbaren Sprache. Und kiffen, der Geruch ihres Joints weht sehr deutlich zu uns rüber. Plötzlich gesellt sich ein eher türkisch aussehender Typ zu ihnen, der bislang mit zwei Kumpels nicht weit entfernt auf der Wiese saß. Sie tuscheln kurz, dann geht er wieder weg. Kurz darauf kommt der eine der beiden Afrikaner zu uns und fragt nach Zigarettenpapers. Basti gibt ihm drei, der Afrikaner lacht nur und meint „Thank you! Good for Joint!“ und geht wieder.

Plötzlich sitzt da auch ein hagerer Mann mit einer Jutetasche. Er ist bestimmt über fünfzig Jahre alt, trägt Jeans, ein T-Shirt und billige Turnschuhe. Er holt ein dickes Buch aus seiner Tasche und dreht sich eine Kippe. Dann fängt er an zu lesen.

Ein paar Minuten später tuschelt auch er mit dem Türken, ein paar Geldscheine und ein kleines Tütchen wechseln den Besitzer. Wir bekommen ein paar Gesprächsfetzen mit.
„Ich hab dich an der FH gesehen, studierst du?“
„Ja, an der FH bin ich auch. Alles klar, ich muss weiter, ciao.“

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Maria öffnet mir die Tür. Sie trägt hohe Schuhe, halterlose Strümpfe, einen kurzen Rock und ein enges schwarzes Oberteil. Wir umarmen uns, dann bittet sie mich in ihr Wohnzimmer.
„Willst du was trinken?“
„Äh, danke, grade nicht“, druckse ich herum. Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Weinglas.
„Bist du eingeschüchtert?“
„Ja,“ gebe ich zu.
„Gut!“ Sie nimmt einen Zug von ihrem Joint, setzt sich neben mir aufs Sofa und schaut mich an.
„Noch irgendwas zu sagen?“
„Ääääh, nein? Was hast du vor?“
„Wir machen jetzt ein bißchen so Schweinkram.“
„Äh, okay, äh.“
„Für den Anfang könntest du vielleicht meine Fotze lecken.“ sagt sie und spreizt die Beine.
„Äh…äh…äh… das ist aber nicht safe, oder äh?“
„Ach herrje, jaaa, die Hygiene, das habe ich ja ganz vergessen…“ meint sie und fügt NICHT hinzu „daß du so ein nerviger Schisser bist“.
„Dann nimm eben deine Hand!“

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Alex darf nicht mehr in den Bandproberaum, seit er die anderen Musier, die dort proben, bestohlen hat und diese ihm angedroht haben ihm aufs Maul zu hauen, sollten sie ihn dort jemals wieder antreffen. Er ist ein Typ mit einem ernstzunehmenden Drogenproblem. Ich hasse solche Leute, aber ich muss mit ihm klarkommen, denn er nimmt unser Album auf.

Leider ist er nicht besonders zuverlässig, sagt Termine kurzfristig ab oder kommt zu spät. Doch der Großteil der Aufnahmen wurde von ihm gemacht, bevor ich zur Band gestoßen bin, nun muß er auch meine Parts aufnehmen und das Ganze dann neu abmischen.

Da wir nicht im Proberaum aufnehmen können, müssen wir den Raum meiner anderen Band nutzen. Der ist jedoch sowieso schon mit Equipment vollgestellt bis obenhin. Also hoffen wir, daß an diesem warmen Frühlingswochenende keine der Nachbarbands proben und bauen alles im Treppenhaus des Proberaumgebäudes auf – einen Tisch voll mit einem PC, Mischpult, Monitorboxen und dutzenden von Kabelverbindungen.

Aufnahmen machen ist das langweiligste, was es gibt. In kleine Parts aufgeteilt, spiele ich die Songs wieder und wieder und wieder und wieder und wieder – bis alles perfekt ist.

Es ist das lange Pfingstwochenende und wir beginnen am Samstag. Nach zwei Stunden verschwindet Alex auf die Toilette und kommt nach einer Weile deutlich verschnupft wieder. Der Schnupfen verschwindet auch wieder nach ca. einer halben Stunde. „Alter, dir hängt da noch ein Brösel in der Nase!“ sage ich NICHT. Alex hat eine sehr aufgesetzte Art. Man merkt deutlich, daß ihm die Gesellschaft anderer Menschen unangenehm ist und ihn anstrengt. Wir sind uns gegenseitig sehr unsympatisch, hängen aber stundenlang zu zweit im Proberaum ab und versuchen, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Alex verschwindet immer wieder lange auf die Toilette oder nach draussen, wo er lange telefoniert und irgendwelche Dinge organisiert.

Er ist sehr erfreut, als ich ihn abends bar bezahle und lässt sich von Olli, der ihn Richtung Taunus mitnehmen will, im Bahnhofsviertel absetzen.

aufnehmen

Die restlichen beiden Tage verlaufen ungefähr genauso, am letzten meldet Alex sich morgens, er sei im Gallusviertel und käme später, und es ist mir klar (und ihm ist klar, daß mir das klar ist), was er um neun Uhr morgens am Pfingstmontag im Gallusviertel macht obwohl er in Bad Homburg wohnt.

Schließlich sind die Aufnahmen abgeschlossen und wir warten auf das fertig abgemischte Ergebnis, doch Alex meldet sich nicht. Wir lästern offen über den „scheiß unzuverlässigen Kokskopf!“

Einige Wochen später übergibt uns seine Freundin die fertige Master-CD und erzählt uns, daß dies das letzte gewesen sei, was er, schon total fertig auf Heroin, zustande gebracht habe, bevor er sich zum Entzug in die Geschlossene eingewiesen habe.

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„Ihr beide bleibt mal bitte kurz draußen!“ ruft mein Hausarzt ins Nebenzimmer zu seinen beiden weiblichen Sprechstundenhilfen, bevor er feststellt, daß ich keinen Hautkrebs auf dem primären männlichen Geschlechtsorgan habe. Das ist immerhin etwas, sowas kann einem nämlich den ganzen Tag versauen.

Die Tage und Jahre fließen so dahin. Es ist Montag und kurz darauf ist schon wieder Wochenende. Wir alle warten auf das große Wunder, daß passiert und aus diesem Leben herausreißt und es zu irgendetwas bedeutungsvollem macht. Eigentlich ist es ziemlich übel, daß es uns nichtmal mehr reicht, jeden Tag auf der Arbeit unsere Pflicht zu tun, um mit uns selbst zufrieden zu sein. Ich hätte gern die Chance, etwas Besonderes zu sein. Und sei es nur durch Hautkrebs auf dem Pimmel.

(Fürs Protokoll, lieber Gott oder liebes Universum: Ich wünsche mir KEINEN Hautkrebs. Nirgendwo.)

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4 Antworten auf „Das weiße Rauschen im Kopf.“


  1. 1 Mapec 11. August 2013 um 9:36 Uhr
  2. 2 M 15. August 2013 um 2:45 Uhr

    Der letzte Absatz trifft es ziemlich gut. Danke dafür.
    Dieses Jahr zieht sich wie Kaugummi und klebt gleichzeitig so penetrant unter meinem Schuh, dass ich es nicht loswerde.
    Hautkrebs kann doch auch nicht die Lösung sein!

    Dich grüßt,
    M

  3. 3 Mapec 20. August 2013 um 8:26 Uhr
  1. 1 Pass auf, daß er dir keinen Gartensalat andreht « Pingback am 11. August 2013 um 9:15 Uhr
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