Archiv für Dezember 2012

neuer song: ICH BIN PÄDAGOGE

LESS CHICKS MORE ROCK oder so.

Seit Tagen regnet es sintflutartig auf die Stadt nieder. In Unterführungen haben sich über verstopften Abflüssen riesige Pfützen gebildet und die beiden Flüsse sind so stark angeschwollen, daß sie schon beinahe die Fußwege, die an ihren Ufern entlangführen, überschwemmen.

Der Himmel ist zugezogen. Nachts scheint er zu leuchten, wenn die weißen Wolken das Licht der Stadt reflektieren.

Die Menschen warten an den Ausgängen der U-Bahn-Stationen, bis die schlimmsten Regenschauer kurz nachlassen, um den kurzen Weg nach Hause hinter sich zu bringen, ohne völlig durchnässt dort anzukommen.

Der Regen wäscht die Strassen sauber und hätte ich eine Schwäche für allzu plumpe pathetische Formulierungen, würde ich schreiben: Der Regen wäscht die Sorgen aus unseren Herzen.

Doch das wäre gelogen.

An einem Tag beginnt es dann tatsächlich zu schneien und nachts leuchten dann auch die Straßen, das Weiß auf dem Asphalt spiegelt das Glühen der Ampeln und der Autoscheinwerfer.

Spätabends versammeln wir uns dann in einem Atelier in einem Hinterhof nahe der Galluswarte, um uns von Scüm-Sänger Richie zu verabschieden, der sich fürs erste in den fernen Osten verpisst. Ein Raum voller Menschen, als wir eintreffen, undefinierbare nicht allzu laute elektronische Musik.

gallus

Die Gesprächsthemen sind die üblichen. Alkohol- und amphetamingeschwängerte Diskussionen über Gott und die Welt. Und dazwischen eine weibliche Person, die ich zumindest interessant finde. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist sehr betrunken und legt mir ihre politische Meinung zu allem und jedem dar. Ich sage nichts dazu. Ich bin ihrer Meinung. Aber es langweilt mich. Ich will etwas über sie erfahren. Also frage ich und sie erzählt mir frei heraus etwas von Psychosen, Panikattacken und Tavor. Drogen würden auch helfen. „Das Leben ist scheiße.“ Hachja.

„Oh mein Gott ich bin so bekifft. Umarmst du mich mal bitte?“

Ich versuche ihr nahezulegen, wieso ich das jetzt gerne machen würde, aus Rücksicht auf unser beider Gefühlsleben jedoch davon absehe. Und daß ich das gerne nochmal diskutieren würde, wenn sie nüchtern ist. Doch dazu kommt es nicht und fünf Minuten später hängt sie einem anderen Partybesucher im Arm, der das nicht so eng sieht. Und eine halbe Stunde später an nochmal einem anderen.

Eins zu Null für mein Selbstwertgefühl aber ein großes FAIL für mein Bedürfnis nach Nähe.

Die Party kippt dann völlig in die Alkohol-Twilight-Zone, inklusive Tränen-Dramen ob unglücklicher Liebesbeziehungen und betrunkenem Rumgetanze. Ich flüchte vom sinkenden Schiff. Durch die vereisten Strassen laufe ich durchs Gallusviertel und warte auf die erste Straßenbahn. Ich friere mir den Arsch ab.

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Darmstadt ist dieses niedliche kleine Etwas, das garnicht sooo weit entfernt von Frankfurt ist und sich immer wie Urlaub anfühlt. Es ist so ähnlich wie Augsburg, das Kaff in dem ich aufgewachsen bin, nur NOCH kleiner. Die niedlichen Straßenbahnen mit den Schmalspur-Schienen, eine kleine süße Uni und überall diese hübschen jungen weißen Mittelstandsmenschen. Keine Junkies, keine Banker, alles nett.

Dort besuche ich Lea. Noch eine depressive Frau. Die ist gerade von ihrem Freund verlassen worden, denkt an Selbstmord, wirft Quetiapin ein, schläft den ganzen Tag und wartet auf einen Platz in der Klinik. Woher kenne ich als völlig normaler Kerl eigentlich immer diese ganzen verrückten Leute?!

Also, um es kurz zu machen: Lea ist ein Perverse und da war mal irgendwas sexÄHNLICHES zwischen uns, vor ca. fünf Jahren. Danach wurde sie Teil eines Vorzeigepärchens, nette gemeinsame Wohnung, beide gehobene Mittelstandsherkunft, beide intelligente Physikstudenten – kurz, die Art Menschen, die man eigentlich hassen würde, wenn man nicht wüsste, daß auch in dieser Welt weniges perfekt ist.

Jetzt ist ihr Freund ausgezogen, weil sie ihn betrogen und ihm ehrlicherweise auch dargelegt hat, daß sie vorhat, es weiterhin zu tun.

Wir haben lange keinen Kontakt gehabt, dann hatte sie mich angeskypt und mir das erzählt. Und ich, immer auf der Jagd nach….NÄHE (schöner Euphemismus, oder?), habe natürlich gleich meine Chance gewittert.

Jetzt könnte man einwerfen, daß man jemanden, der in so einer persönlichen Situation ist, doch erst einmal in Ruhe lassen sollte, damit er/sie zu sich selbst finden und klarkommen kann. Aber perverse Frauen sind rar gesäht auf diesem Planeten und man muß auch irgendwie sehen wo man bleibt BLABLABLA.

Ich fahre zu ihr und wir gehen etwas essen in diesem politisch korrekten Studentenkaffee mit veganem Essen und danach lange in einem dunklen, kalten Park spazieren. Danach sitzen wir bei ihr und hören Musik. Nein, ich bedränge sie nicht, aber ich warte schon auf IRGENDWELCHE Signale der Nähe von ihr. Es kommt NICHTS. Zudem habe ich mördermäßige Blähungen, was das ganze nicht eben unanstrengender macht. Immerhin ist Lea eine Person, mit der man über sowas sprechen kann, und so tauschen wir uns ausgiebig über Verdauungsangelegenheiten aus, bis sie plötzlich rausrennt und in einer anderen Zimmer sehr laut eben diesen Verdauungsangelegenheiten nachgeht.

park

Ansonsten hänge ich bis geschlagen halb drei Uhr nachts bei ihr rum und warte darauf, daß irgendetwas passiert, ohne sie zu sehr zu bedrängen. Nichts passiert und ich fahre nach Hause, mich selbst verfluchend.

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rbap

Der erste Gig der neuen Band findet in Aschaffenburg statt, auf einer Geburtstagsparty. Die findet in einem Proberaum statt, im Keller eines Gebäudekomplexes in einem Gewerbegebiet. Schon als wir in Aschaffenburg einfahren, treffen wir an der Tanke auf einen offensichtlich total irren Typen, der seine Arme in seiner Jacke versteckt, sich die Mütze über die Augen gezogen hat und völlig allein rumläuft und auf der Straße Leute anmacht. Herzlich willkommen.

Die Party ist schon in vollem Gange, es läuft Cannibal Corpse und ein großer langhaariger Typ brüllt durch die PA mit viel Hall auf dem Mikro die Texte mit und lässt seine Mähne kreisen.

Der Nebenraum zum eigentlichen Proberaum ist eine eine große Halle, in der lauter Müll, Schutt und sonstiger Kram liegt. Es gibt keine Toilette, nur ein Pissoir und für die wenigen Frauen, die sich auf die Party verirren, hat der Gastgeber, ein genderbewusster Feingeist, eine Kiste vor das Pissoir gestellt, damit sie da auch reinmachen können. Später wird dann noch ein Eimer organisiert. Yeah.

wc

Auch auf der Party wird dem Lokalkolorit in Sachen Psychopathismus Rechnung getragen, viele Typen stehen einfach mit bösem Blick rum, reden nicht und starren ins Geschehen. Auf dem Sofa in der Ecke ziehen sich Leute weißes Pulver durch die Nase und mindestens einmal werde ich aufgefordert, die Türe zu schließen, damit die Lines nicht vom Durchzug verweht werden.

Die Party beginnt, chaotisch zu werden. Alle möglichen Leute trommeln wirr auf dem Schlagzeug herum, der Metaltyp von vorhin beginnt, völlig intoxiniert, zu freestylen und fängt dann an, den Hitlergruß zu machen und „ICH BRINGE MICH MORGEN EH UM, IHR WICHSER!!!“ jedem ins Gesicht zu brüllen, der ihm zu nahe kommt. Meine Bandkollegen mittendrin, ich versuche irgendwie, unser Equipment an einem sicheren Platz zu lagern. Basti lacht sich tot über einen anderen herumfallenden Typen bis dieser mit dem Fuß an seinen Marshall stößt und Bastis Laune schlagartig umschlägt zu einem „TOUCH MY AMP AND I TOUCH YOUR FACE!!!!“

Dann beginnt die erste Band zu spielen, „Chuck Norris Asshole Punch“, in pinken Perücken und Trainingsanzügen. Und sie beweisen, daß es möglich ist, als Band NOCH schlechter zu sein als wir. Dafür sind sie lustiger und ihr Unterhaltungsfaktor ist ziemlich hoch.

Als sie fertig sind, versuchen wir, im allgemeinen Chaos unser Zeug aufzubauen und dann fangen wir einfach an zu spielen. Wir sind schlecht. Nicht, daß unsere Musik bzw. das Bandkonzept ein technisch versierte Performance vorsehen würde, nein, aber Chaos und Gewalt sind wichtig, und beides können wir nicht so richtig ausstrahlen, da die Pausen zwischen den Songs zu lange sind, als ich versuche, mit dem fremden, auseinanderfallen Schlagzeug klarzukommen oder Paul und Basti ihre Gitarre stimmen, was aufgrund ihres Pegels zum Teil dauert. Unser Sänger Jeff nutzt die Pausen zwischen den Songs zum Trinken. Schließlich beginnen sich irgendwelche Punker unsere Mikros zu krallen und mitzubrüllen, was die Songs auch nicht viel chaotischer werden lässt. Am Ende bildet sich dann tatsächlich ein wildes Pogo-Knäul von Leuten, die dabei über die Instrumente fallen, Bier auf alles und jeden verschütten und wir dreschen einfach nur noch ohne Sinn und verstand drauflos. Grade nochmal gerettet.

tzn

Der Abbau ist kompliziert. Überall fallen Leute herum, niemand geht zur Seite, als ich „ICH MUSS DA MAL DURCH!“ schreie, weil ich gerade mit drei Beckenständen aus dem Raum will. Wir bahnen uns unseren Weg mit Schubsen und Drücken durch den Partylärm. Meine Taschen ist in einer Bierpfütze versunken. Und schon sitzt jemand anders hinterm Schlagzeug, dem ich meine Snare entreißen muß und meine Sticks wegnehmen muß. Irgendwie bekommen wir unseren ganzen Kram dann da rausgerettet. Wie immer nach Gigs, wenn alles schnell gehen muß, werden die bierversifften Kabel irgendwie zusammengeknüllt und eingepackt und immer verliert man irgendetwas, das man im Chaos vergisst.

Und wieder einmal verlasse ich als die erste Ratte die sinkende Party, werde auf dem Rückweg noch von der Polizei angehalten und hoffe, daß nicht irgendjemand irgendeine illegale Substanz im Auto vergessen hat. 0,0 Promille und manchmal frage ich mich ja schon, warum ich mir das gebe.

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Es regnet in Strömen und ist schon dunkel, als wir den Proberaum verlassen und die sechs Schlösser zusperren, die unser ganzes Zeug vor bösen Einbrechern schützen sollen.

Gerade als wir durchs Hoftor rauslaufen kommen die Punkers von Nebenan und werden fünf davon wieder aufsperren.

„Wärt Ihr mal fünf Minuten früher gekommen!“

Die Nachbarn werden von zwei gutaussehenden weiblichen Wesen begleitet und Jeff meint nur „Fuck, they got more chicks than us….“

Ich laufe um einmal mehr um vier Uhr morgens über knirschende, vereiste Straßen zur Bahn und erfriere beinahe.