Archiv für Oktober 2012

Allegorien.

Die Scheiß Bäume!

„Ich kriege dich, du Scheißding!“
Die kleine Motte flattert aufgeregt in der Küche rum.
„Fang mich doch! Fang mich! Kriegst mich eh nicht!“

Ich klatsche dreimal in die Hände, beim dritten Mal erwische ich sie.
„Schachmatt, du MOTTE!“

Ich öffne die Hände in Erwartung des Anblicks eines zermatschten Mottenleichnams.
Da flattert sie wieder los. Sie hat den Angriff überlebt! Ich versuche nachzulegen, verfehle sie jedoch.

Ich will nicht wissen, was die Nachbarn von mir denken. Es ist dunkel, meine Küche hell erleuchtet. Und ich habe die Vorhänge nicht zugezogen. Die „Vorhänge“, klar. Ich meine: Ich habe das uralte versiffte Betttuch, das normalerweise an zwei in die Wand geschlagenen Nägeln vor dem Fenster hängt, nicht wieder aufgehängt, nachdem ich es abgemacht hatte, als ich Licht zum Onanieren brauchte. Nein, ich meine natürlich: Licht zum Kochen. Klar, zum „Kochen“. Sagen wir: Licht um die Müslipackung im vollgestellten Regal zu finden.

Und jetzt sieht man mich wahrscheinlich von jeder Wohnung auf der gegenüberliegenden Seite der Höhenstrasse aus in meiner „Küche“ (dem Raum, wo die Waschmaschine steht und der Kühlschrank und die beiden Kochplatten auf den gestapelten Winterreifen) rumhampeln in meiner Zuhause-Trainingshose, die auch noch rutscht, weil sie mir am Arsch ein wenig zu klein ist.

Und jetzt ist die Motte weg! Verdammt!

Ich stoße mit der Schulter ans Küchenregal. Das Küchenregal ist das billigste Kellerregal, das ich im Baumarkt bekommen habe. Ich hatte nach dem Einzug, als ich es aufgebaut hatte, gerade keinen Schraubenschlüssel zur Hand, also habe ich die Muttern mit den Hand festgedreht, sie sind alle locker. Das macht das Küchenregal zu einer etwas wackligen Angelegenheit. Damit es nicht irgendwann umfällt, habe ich Nägel in die Wand geschlagen und Drähte darum gewickelt, die in den Streben des Regals verankert sind. Durch meinen Stoß wackelt es sehr stark und die drei Motten, die in den diversen Haferflockenpackungen geschlafen haben, werden wach und flattern um meinen Kopf rum.

„Fang uns doch! Fang uns doch! Kriegst uns eh nicht!“

Und ich hüpfe klatschend und kochend vor Wut in meiner Küche umher, in meiner Bauarbeiterdekollete-Trainingshose.

„Sterbt! Sterbt! Sterbt!“

Ich kriege eine einzige. Die anderen sind plötzlich verschwunden. Wieder in Deckung gegangen.

Wo also sollte ich Rat suchen? Klar, das Internet weiß alles! Ich setze mich an den Rechner und google nach Strategien aus vergangenen Kriegen. Nach Möglichkeiten, einen verschanzten Feind aus der Reserve zu locken und kleinzukriegen.

Da stoße ich auf einen Eintrag über den zweiten Weltkrieg. Über die Schlacht von Stalingrad. Und dann weiß ich es!

Ich hungere die Motten-Wehrmacht aus! Sie werden im Eis einbrechen! Die rote Armee wird siegen! Alle Lebensmittel kommen in Tüten und in den Kühlschrank. Die Haferflocken kommen ins Tiefkühlfach.

Zwei Wochen später sind alle Motten tot. SCHACHMATT!

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Halb neun Uhr morgens. Ich geh zum Türken um die Ecke, Gemüse kaufen. Halt! Zum Kurden, um genau zu sein. Ich glaube, denen ist das wichtig.

Der Laden wird geführt von einem sehr freundlichen Typen um die vierzig, der akzentfreies Deutsch spricht, manchmal kassiert auch seine sehr hübsche Frau. Ich bin neidisch.

Manchmal sind beide aber morgens nicht im Laden, nur ihr Angestellter, ein eher kleiner Typ mit Vollbart und einem etwas schielenden Blick.

Ich komme rein, den Bass auf dem Rücken.

„Ah! Boskop. Die Besten Äpfel! Ey, machst du Musik?“
„Jap.“
„Was für Musik machst du?“
„Äh…so Heavy Metal.“
(„Sludgecore mit starkem Punkeinschlag und Death-Growls“ „Häh was?!“ „Wie Heavy Metal. Man versteh kein Wort.“)
„Ah! Ich mag die Heavy Metal-Leute! Die Heavy Metal-Leute sind gegen die Regierung!“
„Äh…ja, schon so.“
„Ich sag dir was, ich hasse die alle! Ganz egal wen. Die scheiß Merkel, den scheiß Erdogan, den scheiß Obama!“
„Öh….ja.“ (Alter es ist halb neun Uhr morgens, ein bißchen früh für Revolutionspläne…)
„Das sind alles Arschlöcher!“
„Äh…ja, stimmt.“
„Ich sag dir was, eines Tages…“ er ballt die Faust, „eines Tages wird der Sozialismus kommen und diese ganzen Wichser werden umgebracht!“
„Kann ich ne Tüte haben?“

Ein andere Morgen. Gleiche Uhrzeit. Ich stehe vor dem Laden und packe Äpfel in die Tüte. Der gleiche Kerl steht neben mir, sortiert Birnen ein und grummelt irgendwas in seinen Bart.

„Mh? Haben Sie mit mir gesprochen?“
„Ich hab gesagt: Die scheiß Bäume!“
„Äh was?“
„Die scheiß Bäume Mann!“
„Was ist mit den Bäumen?“
„Pass auf…da wo ich herkomme, da gibts keine Bäume.“
„Wo kommst du her?“
„Kurdistan! Keine Bäume!“
„Ja und?“
„Hier gibts total viele Bäume!“
„Achso“
„Als ich Kurdistan gelebt habe, habe ich nie einen Arzt gesehen! Und hier bin ich ständig krank! Allergie und dieser ganze Scheiße, Alter!“
„Ja?“
„Ja, und das liegt alles an diesen scheiß Bäumen! Die pflanzen die auch noch ständig!“

bäume

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Morgens ist der Serotoninspiegel im Atomschutzbunkerkeller. Der Griff nach der Citaloprampackung ist Routine. Sechzig Milligramm FTW. Und so kommen wir gerade so durch den Tag. Die postindustrielle Gesellschaft erzeugt psychische Krankheiten, aber immerhin liefert sie auch das Gegengift in Tablettenform.

Das Problem mit der Depression ist, daß sie unabhängig von den äußeren Umständen auftritt. Die äußeren Umstände in der Vergangenheit waren vielleicht maßgeblich an der Entstehung beteiligt. Doch die jetzigen Umstände sind ganz gut. Eine feste Arbeitsstelle, Existenz gesichert, Wohnung, Freunde, Dach über dem Kopf, genug zu essen…. Und trotzdem sitze ich morgens in der U-Bahn und bin nahe dran den Verstand zu verlieren und möchte auf der Stelle losflennen.

citalopram

Ohne die abmildernde Wirkung des Citaloprams beginne ich zu hassen. Mich selbst und alle um mich herum. Ich verspüre den Drang, grundlegende Dinge zu ändern und schieße dabei übers Ziel hinaus. Ich kündige Arbeitsstellen, steige aus Bands aus, höre auf zu essen um endlich weniger als 80Kg zu wiegen. Und es endet immer mit einer mittelschweren Krise.

Es ist dieses plötzliche Gefühl der Minderwertigkeit, das über mich kommt. Die Gewissheit, daß mich niemand vermissen würde, wenn ich morgen tot wäre. Das Gefühl, vollkommen wertlos zu sein, weil mein Name eben nicht in den Geschichtsbüchern stehen wird. Und weil die Frauen nicht Schlange stehen.

Überhaupt, die Frauen. Ich bin ein perverser Idiot. Und dazu kein Alphamännchen. Ein depressiver Jammerlappen. Liebe Frauen, ich verstehe das. Ich hätte auch keinen Bock auf Typen wie mich.

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Durch die getönten Fenster des ICEs wirken die Wälder und Wiesen um Frankfurt herum, als würden sie geradezu leuchten. Ein tiefes, saftiges Dunkelgrün, gemischt mit einigen Gelbtönen auf den Feldern. Das wird wahrscheinlich von der tiefstehenden Sonne verursacht, die gerade untergeht und ihr warmes Abendlicht auf die Erde wirft.

Ich kann es mir gerade so leisten, ab und zu ICE zu fahren, wenn es wirklich wichtig ist. Gespräch mit Sarah letztens:
„Ich frage mich sowieso, wofür du vollzeit arbeitest.“

Ich habe eine volle Stelle, damit ich mal eben für eine Nacht mit dem ICE nach der Arbeit nach Augsburg fahren kann. Die Alternative wäre der Nahverkehr (dauert deutlich länger) oder die Mitfahrzentrale. Für Beides habe ich weder Zeit noch Nerven. Hätte ich vielleicht, wenn ich keinen Vollzeitjob hätte. Aber den habe ich, um ICE fahren zu können. ICE fahre ich, weil ich einen Vollzeitjob habe. Einen Vollzeitjob habe ich, um ICE….

Ich denke mal, mit sehr wenig Geld auszukommen, ist ein ebenso anstrengender Job wie zur Arbeit zu gehen. Da mach ich lieber letzteres, da ist alles halbwegs geregelt und die gesellschaftliche Anerkennung als vollwertiges Mitglied derselben nehme ich auch noch mit.

Und hey, wir reden hier nicht von superhohen Summen, ich bin Heilerziehungspfleger. Dafür darf ich mir den Bart wachsen lassen.

Abgesehen davon…wenn ich wie heute die Familie besuche, drückt mir früher oder später irgendein Mitglied der vor mir geborenen Generation Kohle für die Zugfahrt in die Hand. Beamtenfamilie. Mittelstand. Ich nehme es. Immerhin bin ich nicht mehr darauf angewiesen. Daß dieser materielle Wohlstand alles andere als selbstverständlich ist, sollte man nicht vergessen. Daß er viele Probleme nicht lösen kann, auch nicht.

ice

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Jamal trinkt alles, was so rumsteht. Es gibt Tage, da ist er entspannter, was das angeht, und Tage, da greift er nach jeder Flüssigkeit. Auch Farbe und WC-Reiniger.

Weil ich grade nicht auf ihn aufpassen kann, setze ich ihn vor der Holzwerkstatt auf eine Matte im Garten. Jamal kann alleine aufstehen, wenn irgendwas in der Nähe ist, woran er sich hochziehen kann (Stühle, Kommoden usw…), aber oft bleibt er dann auch ganz gechillt sitzen.

Das ist nicht eben nett, aber auch der durchschnittliche Behindertenwohnheimhaushalt ist nicht gemacht für einen Menschen, der nichts mehr hört, weil er sich durch Autoaggressionen beidseitig das Gehör weggeprügelt hat und der nach jedem länglichen und/oder schweren Gegenstand (Steine, Bücher, Werkzeuge, Rasseln, Kerzen….) greift, um sich damit in aller Ruhe die Fresse zu polieren. Und der schon Gegenstand zahlreicher Konsultationen des Giftnotrufs war.

Bevor Jamal in eine Einrichtung für ganz krasse Fälle kommt, wo alles immer abgeschlossen ist, und ihn andere total durchgeknallte Klienten verkloppen, setze ich ihn doch lieber ab und zu auf den Boden, wenn ich mich fünf Minuten und jemand anders kümmere.

Diesmal habe ich einfach nicht gemerkt, daß ich Jamal neben zwei Einmachgläser gesetzt habe, die vor der Werkstatt stehen. Da sind Lappen drin, die lackgetränkt sind, und die nicht einfach so im Haus gelagert werden sollen, da sie sich bei hohen Temperaturen entzünden können (wenn Luft drankommt – deshalb die Einmachgläser). In einer der beiden Gläser ist auch Wasser drin. Also mittlerweile eine Wasser-Lack-Klebstoff-Brühe, die nur sehr sehr bedingt genießbar ist.

Als ich wiederkomme, sehe ich, daß Jamal auf seiner Matte sitzt und sich beide Gläser gegriffen hat. Und das eine sogar aufbekommen hat. Dieses kalte Gefühl, wenn man merkt, daß man grade richtig Scheiße gebaut hat. Bis ich merke, daß Jamal DAS der beiden Gläser aufgemacht hat, in dem keine Flüssigkeit war, Und daß er dann das Interesse verloren und die Lappen nicht mal rausgeholt hat. Und dann auch kein Interesse mehr am anderen Glas gehabt hat. Mehr Glück als Verstand, der Herr Giesemann. Und Jamal auch.

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Auf meinem MP3-Player befindet sich derzeit das zweite Album von Manowar. „Into Glory Ride“ – DER RITT IN DEN RUHM! Oder so. Manowar gelten ja nun nicht als die unlächerlichsten Vertreter des Heavy-Metal-Genres, aber dieses Album von 1984 ist super. Ich höre es, und verspüre den Drang, „Conan – Der Zerstörer“ zu sehen. Oder mit einer möglichst brutalen, archaischen Waffe halbnackt von einem Hügel auf ein feindliches Heer zuzurennen.

Manchmal wünsche ich mir, im nächsten Leben ein Wikinger zu sein. Nein, ich hab nie so LARP-Kram gemacht. NIE! Nein, ich spiele auch nicht World Of Warcraft. Oder sonstige Schwert-Monster-Games. Ich lese auch keine Fantasy-Romane.

Aber ein Leben, in dem es keine Angst gibt (Wikinger haben keine Angst), man durch Stürme in Booten mit lustigen Drachenköpfen rudert, Klöster ausplündert, Nonnen vergewaltigt und das Blut unschuldiger Dorfbewohner (inklusive dem vom Frauen und Kindern) trinkt – wäre das nix? Und dann coole lange Haare und einen langen Bart haben, einen geilen Helm mit Hörnern und wenn es mal schiefgeht, kommt man nach Walhalla und darf dort irgendwelche Walküren bumsen. Wer würde das nicht wollen?!

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Opa hat uns irgendwann im Keller Flugzeugcockpits gebaut. Aus Stühlen, Decken und langen Holzlatten wurden im Hobbyraum zwei Flugzeugrümpfe nachgebildet. In diesen Konstruktionen saßen mein Bruder und ich dann und waren zwei Piloten, die im Nachtflug wichtige Aufträge zu erledigen hatten. Opa schaltet das Licht aus und dann waren seine zwei Stabtaschenlampen die Scheinwerfer und Positionslichter der Maschinen.

Als meine Mutter und mein ein Jahr jüngerer Bruder geboren wurden, waren meine Großeltern noch in den frühen Zwanzigern. Und auch meine Mutter war erst dreiundzwanzig, als ich das Irrlicht der Welt erblickte. Das bedeutet: Mein Opa war noch in der Blüte seiner Jahre, als ich aufwuchs. Er war ein sehr pflichtbewusster Polizeibeamter, der es dann zum Dienststellenleiter brachte. Ja, in unserer kleinen linksorientierten Szene gibt es Berufsgruppen, die höhere Sympathiewerte erzielen, als Polizeibeamte. Zum Teil nicht grundlos. Aber für mich war mein Opa immer nur mein Opa und es war COOL, einen Polizeichef als Opa zu haben, im Streifenwagen mitfahren zu können und zum spielen im Haus Polizeimützen aufsetzen zu können.

opa

Die andere Seite meines Großvaters war seine schwere Kindheit. Die deutsche Minderheit in Galizien feierte, als ihre Heimat von der Wehrmacht überrannt und sie scheinbar befreit wurden. Als die Wehrmacht abzog und die rote Armee kam, war die Party vorbei und Opa verbrachte eine Weile als halbwüchsiger Junge in einem polnischen Dorf, als einziger Deutscher. Die Polen waren damals nicht so richtig gut auf Angehörige einer Nation zu sprechen, die in ihrer Heimat nur Leichen und Asche hinterlassen hatte.

Opas Mutter starb während der Flucht nach Westen.

Und daraus resultierte die manchmal erschreckend reaktionäre politische Haltung meiner Großeltern, wenn es um den zweiten Weltkrieg ging. Doch erst als mein Opa pensioniert war hatten seine traumatischen Kindheitserinnerungen Raum, um wieder in sein Bewusstsein zu dringen. Da kamen dann Sachen wie „Die Deutschen haben auch nicht alles schlecht gemacht im zweiten Weltkrieg“ oder „diesen Chaplin-Film („Der große Diktator“) an Weihnachten in Deutschland zu zeigen ist eine Unverschämtheit!“.

Opa war kein Rassist. Nichtmal ansatzweise. Nicht einmal ein bißchen. Ich bin absolut sicher. Er hat niemals schlecht über andere Kulturkreise gesprochen. Oh ja, er hielt die sogenannten deutschen Werte nach oben: Fleiß, Sauberkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit. Aber er war kein Heuchler. Opa hat das so gelebt. Und er hatte eine Fähigkeit zur Selbstironie.
„Treudeutscher Blick, dann geht das!“, pflegte er grinsend zu sagen.

Aber er litt unter seiner Vergangenheit, und dann, als er schon alt wurde, kamen solche Dinge wie oben aus ihm heraus. Im Haus meiner Großeltern steht im Gästezimmer die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki neben dem Liederbuch der Hitlerjugend.

Und wie soll man anders aufwachsen, in einer zerstörten Land ohne Psychotherapeuten und ohne irgendein Wissen über posttraumatische Belastungsstörungen. Eine ganze Nation hätte damals Therapie benötigt.

Mein Großvater ist im Juni gestorben.

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Die Kapelle auf dem Friedhofsgelände ist voll. Alle Sitzplätze belegt. Dahinter steht eine Menschentraube. Viele alte Männer mit ernsten Gesichtszügen, ein großer Teil davon in Uniform. Auf dem Parkplatz stehen ein halbes Dutzend Polizeiautos.

Ich weiß, dies sind nur Äußerlichkeiten und sie sollten in meiner Liebe zu meinem Großvater keine Rolle spielen. Trotzdem bin ich stolz. Wahrscheinlich wird es keiner in dieser Familie mehr so weit bringen. Ich jedenfalls nicht. Ja, der Typ mit dem Rauschebart, der da in der zweiten Reihe sitzt, ist sein Enkel.

Und dann kommt mein Großvater, der immer stolz auf seine deutsche Pünktlichkeit war, zu spät zu seiner Beerdigung. Das Auto, das den Sarg transportiert, hat eine Panne. Er hat sich wohl gedacht, das könne er sich jetzt doch mal leisten.

Der Pfarrer ist furchtbar und spricht in einer so salbungsvollen Art, daß ich kurz den Gedanken habe, er erlaube sich einen schlechten Scherz. Aber was solls. Selbst wenn Opa von oben herabschaut, dürfte er das mit Humor sehen und ich komme auch klar.

Was habe ich erwartet? Salutschüsse? Der Sarg bedeckt mit der bayerischen Fahne?

Ich stehe mit meinen Geschwistern vor dem Sarg und wir können es nicht fassen.

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Schon zwei Monate vorher haben wir alle Opa im Krankenhaus besucht. Die gesamte Familie. Vor einer Herzoperation, bei der nicht klar war, ob er sie überleben würde.

Das schlimmste daran war, meinen Großvater, der immer der starke Kerl war, den nichts aus der Ruhe brachte, so zu sehen. Verwirrt von den Medikamenten, abgemagert, fast jämmerlich und voller Angst. Dies ist natürlich ein sehr sehr selbstsüchtiger Gedanke. Man sollte jedem Menschen in solch einer Situation zugestehen, ein nervliches Wrack zu sein und Angst zu haben. Irgendwie hatte ich wohl gehofft, das Bild von meinem Grovater als einer Art Übermensch aufrechtzuerhalten. Als der Typ, der als junger Polizist entflohene Straftäter über Augsburgs Dächer verfolgt hat. Als der Typ der furchtlos dem Tod ins Gesicht blickt. Aber da lag er im Bett und brauchte unseren Trost und unsere Kraft. Ein Teil von mir fühlte sich dem absolut nicht gewachsen.

Und dann verlief die Operation doch gut und Opa wurde nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen und in die Reha überwiesen. Auch dort ging es scheinbar bergauf. Und dann brach er plötzlich dort zusammen und starb einige Wochen später.

Ich bin kein Familienmensch. Und wenn Opa meine Wohnung sehen könnte, würde er sich im Grab umdrehen. Ich hoffe daß ein Teil meines Lebens dennoch seinem Beispiel nacheifert.

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NEUE MUSIK und DEUTSCHLANDLIED.

Ich spiele wieder in einer Band, diesmal Schlagzeug, bei den TEENAGE ZOMBIE NINJAS. Ist Oldoldoldschool Hardcorepunk. Und zwei GETSEMANI-Tracks hab ich letztens auch gemacht….

Achja, und zur Feier des Tages der deutschen Einheit gibts noch das Deutschlandlied. Und wer nicht kapiert, wie das gemeint ist, dem kann ich auch nicht helfen.