Archiv für Juni 2012

Am Leben.

Ich atme noch. Aber hier kann ich nix schreiben, weil meine Zeit damit draufgeht, die Welt mit Krach zu vernichten. Oder zu retten. Ich hab mich da noch nicht festgelegt.

tot winter tot. TOURBERICHT.

Prolog:

An diesem Dienstagmorgen wache ich gegen zehn Uhr auf. Es ist die Woche vor Weihnachten. Draußen schneit es, und es hat sich schon eine Schneedecke auf der Straße gebildet. Ich bin erkältet. Zum Glück habe ich überstundenfrei und gehe heute erst um zwei Uhr nachmittags zur Arbeit.

schneeee

Neben mir – auf der Matratze neben mir – auf der Matratze neben meiner Matratze (mit ca. einem Meter Abstand dazwischen, hört auf solchen Schweinkram zu denken!) wird Lena wach, die für drei Tage bei mir wohnt. Ihre eigenes WG-Zimmer hat sie vor einem Monat gekündigt und ist nach Neu-Ulm gezogen, um dort auf einem gar mittelalterlichen Weihnachtsmarkt zu arbeiten und mit vielen anderen Freaks in einer Ein-Raum-Hütte zu wohnen. Jetzt ist sie hier, um ihre Führerscheinprüfung zu machen.

Ich bin immer sehr gut informiert über Lenas Menstruation. Sie berichtet stets sehr detailliert über deren Verlauf, Anomalien und Schwankungen im Zyklus. Auch bei diesem Besuch schneidet sie dieses Thema mehrmals an, was ich mit „Ah ja.“ kommentiere.

Weihnachten hängt wie eine Art Damoklesschwert über mir. Meine Familie erwartet mich. Ich habe nichts gegen meine Familie, doch die Aussicht, drei Tage lang von Menschen umgeben zu sein, belastet mich in diesem Moment sehr. Also rufe ich meine Mutter an, um ihr zu sagen, daß ich nicht kommen werde. Sie ist ziemlich verletzt. Kurz darauf ruft sie mich weinend zurück und es tut mir leid, ich ändere meinen Entschluß jedoch nicht.

Als ich gerade beim Kaffee sitze, kommt eine SMS von meiner Kollegin.
„Kannst du doch schon früher kommen?“
Na toll, die Hütte brennt mal wieder. Aber was solls, auf gehts. Und so fahre ich durch den Schnee mit dem schlechten Gewissen, meiner Mutter das Herz gebrochen zu haben.

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Am Mittwoch fällt die Bandprobe aus und ich komme schon früher nach Hause als geplant. Eigentlich hätte ich Lena nicht mehr angetroffen, sie will irgendwann im Laufe des Abends in den Zug steigen.

So aber wird sie Zeugin, wie meine Mutter nochmal anruft und wir, wegen Weihnachten, ziemlich arg streiten.

Danach sitze ich kurz am PC um meine Mails zu checken, als Lena plötzlich anfängt, mir über den Kopf zu streicheln.

„Äh. Is was Bestimmtes…?“
„…Nein, ich bin nur ein bißchen liebesbedürftig.“
Na toll, und das nachdem in den drei Tagen, an denen sie hier ist, nichts passiert ist, und sie in einer halben Stunde oder so in den Zug steigen muß.

Wir verlagern uns auf das Sofa und machen einige unbeholfene Gesten körperlicher Annäherung, worüber Lena irgendwann kichert.

Und dann wird mir plötzlich klar, daß ich das gerade nicht brauche. Es ist, als ob ich etwas ziemlich Wertvolles grade in einer bedeutungslosen Situation verschwende – und falls sich Bedeutung entwickelt, werde ich nur wieder einer Person nachtrauern, die alles andere im Sinn hat, als ein geregeltes Leben in meiner Nähe zu führen.

„Wir sollten das nicht tun…“
„Ich muß eh gleich zu Zug.“

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Fucking Weihnachten. An Heiligabend sitzen wir im Proberaum und nehmen auf. Als erstes das Schlagzeug. Ulla, unsere Schlagzeugerin, ist gegen Golf und mich die totale Anfängerin. Nichtsdestotrotz knüppelt sie die vier Songs ohne Playback oder Ghosttrack beim ersten Mal ziemlich korrekt ohne nennenswerte Geschwindigkeitsschwankungen ein.

xmas

Im Gegensatz zu Golf und mir, die wir einige Versuche brauchen, unsere Parts korrekt einzuspielen.

Es geht recht gut vorwärts, bis wir verpeilen, die Geschwindigkeit der Schlagzeugspuren wieder anzugleichen, nachdem wir sie verändert haben und dann alle Bass- und Gitarrenspuren in der falschen Geschwindigkeit aufnehmen blablabla Musikernerdgelaber blablabla. Aber wir haben ja noch zwei Weihnachtsfeiertage Zeit.

Mit meiner Mutter versöhne ich mich an dem Tag auch noch am Telefon und dann bin ich bei Golf und Ulla zum Essen eingeladen und Weihnachten geht relativ entspannt über die Bühne, vor allem dank Ullas krasser Mozarella-Mango-Curry-Vorspeise. Und ich sitze am Ende des Tages im Bus und blicke durch das Fenster auf das stille, weihnachtliche Frankfurt mit den Lichtern in den Fenstern und fühle mich recht zufrieden.

Währenddessen steckt sich meine gesamte Familie im Haus meiner Großeltern, wo sie feiern und alle übernachten, an Brechdurchfall an und fangen alle in derselben Nacht an, rumzukotzen. Das Beste verpasse ich also.

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Die Woche zwischen Weihnachten und Silvester verläuft wie jedes Jahr völlig öde und unspektakulär. An jedem einzelnen Tag ist der Himmel grau und verursacht eine Art der Müdigkeit, die einen den ganzen Tag pennen lassen will. Leidlich spannend wird erst wieder der Silvesterabend, an dem ich bei Scüm-Gitarrist Basti und seiner Freundin Michi eingeladen bin. Die bewohnen eine chaotische Punker-Wohnung im fünften Stock des Nordend-Hauses, in dem auch Fee und Julle und zudem noch „Blutgericht in Ginnheim“-Regisseur Kutte wohnen. Jaja, wir sind so krasse Szene-Bohemiens. Basti, der auch anwesende Pogos Projekt-Bassist Toto und ich haben sehr viel Spaß mit zwei E-Gitarren und einem Elektro-Drumpad – zum Leidwesen aller anderen Anwesenden werden sämtlich albernen Gitarrenschüler-Metal-Riffs runtergeknüppelt – egal ob wir sie sauber spielen können oder nicht.

Der Hauskater GG (benannt nach GG Allin) verzieht sich dann auch ins Schlafzimmer unters Bett. Michi und Basti wollten ursprünglich das Haus an Silvester nicht verlassen, damit dieser nicht allein ist, wenn es draußen so laut ist und keine Angst bekommt – Mission fehlgeschlagen. Unser Krach ist sehr viel traumatisierender für das arme Tier, als es jeder Silvesterböller sein könnte.

Und so endet Silvester diesmal nicht als deprimierender Abend zwischen lauter komatös besoffenen latent aggressiven Menschenmengen in einem vollen Club mit schlechter Musik, sondern als echt netter Abend unter Freunden, selbst wenn zwei Pärchen dabei sind.

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Renates Mutter ist vor etwa drei Jahren gestorben. Und seitdem kümmert sich deren ehemaliger Lebensgefährte um Renate. Und zwar schlecht. Denn der ist auch schon über siebzig Jahre alt, und Renate ist mehrfachbehindert. Sie sitzt im Rollstuhl und hat eine beinahe den ganze Körper einschließende spastische Tetraparese. Das ist eine Lähmung, die mit einem muskulösem Hypertonus einhergeht. Renate kann nur sehr schwer mit einer Hand Dinge greifen.

Renate ist auch geistig behindert, doch sie bekommt alles mit. Sie liebt es, Kaffee zu trinken. Trinken in dem Sinne kann sie auch nicht, sie hat eine Schluckstörung. Der Kaffee muß ihr mit einem Esslöffel eingeflösst werden. Viel Milch und Zucker, bitte. Wenn man Renate als „alte Kaffeetante“ bezeichnet, lacht sie und bespuckt das Betreuungspersonal durch eine Zahnlücke mit Kaffee.

Beim musikpädagogischen Nachmittag spielt Renate Keyboard. Sie kann mit einer Hand auf die Tasten drücken, wenn man das Keyboard auf den Tisch ihres Rollstuhls legt. Sie kann nur nicht selbst wieder loslassen. Wenn alle aufhören zu spielen, hört man immer noch den grellen Ton, den sie verursacht, indem sie mit einer Hand irgendwelche Tasten drückt.

„Renate! Ruhe jetzt!“ schreien wir dann und Renate grinst.

Der Lebensgefährte ihrer toten Mutter, Herbert, will sie nicht in ein Wohnheim abgeben, obwohl er nicht mehr wirklich damit klarkommt, sie zu pflegen. Renate kommt oft ungewaschen in die Tagesstätte, so daß die Kollegin sie dann in die Badewanne setzt, obwohl das nicht unsere Aufgabe ist.

Wie viele Menschen, die sich aufgrund von Lähmungen nicht wirklich bewegen, hat auch Renate Probleme mit der Verdauung, also Obstipation, Verstopfung. Herbert löst das auf die Art, daß er Renate Rizinusöl zu trinken gibt, worauf sie immer zwei Tage lang Durchfall hat. Das dies eine, ja, Scheißlösung ist, will er nicht einsehen. Flüssigkeitsverlusst, Wundwerden des Gesäßes mit darauffolgende Dekubitusgefahr – wir können uns den Mund fusselig reden.

Irgendwann fragt dann eine Kollegin Renate, ob sie nicht ausziehen wolle. Das Problem ist, daß Renate sich nicht richtig äußern kann, nur wer sie gut kennt, kann einschätzen, ob sie nickt, mit dem Kopf schüttelt oder einfach nur tremorbedingt zuckt. Und das ist das Problem. Die Richterin, die der soziale Dienst hinzuzieht, erkennt keine klare Willenserklärung. Und gegenüber ihr beteuert Herbert, wie sehr es Renate bei ihm gefalle.

Eines Tages kommt Renate nicht in die Tagesstätte. Das geschieht öfters. Doch diesmal ruft Herbert bei uns an, Renate habe wohl Schmerzen und würde schwer atmen, was er tun solle.

„Die 112, Rettungswagen und ab ins Krankenhaus. Oder zumindest den ärztlich Notdienst holen.“ meint die Kollegin zu ihm. Herbert wiegelt ab, es sei nicht so schlimm.

Herbert bekommt natürlich auch einen Haufen Pflegegeld von der Kasse für Renate. Zuviel dafür, daß er es so scheiße macht, finden wir.

Die Richterin kommt ein zweites Mal, spricht mit den Kollegen und mit dem sozialen Dienst. Aber es passiert nichts. In Deutschland gibt es nicht einfach plötzlich freie Heimplätze. Es gibt lange Wartelisten. Und Gerichte entscheiden auch nicht von heute auf morgen.

Eines Morgens ist Renate dann tot. Die Ursachen sind völlig ungeklärt, jetzt werde etwas passieren, versichert uns unsere Chefin.

Nichts passiert. Wir gehen zur Beerdigung, wünschen Herbert viel Beileid. Die Pfarrerin redet darüber, welch ein erfülltes Leben Renate gehabt habe, mit Herbert, seinem Hund undsoweiter.

Am Tag der Beerdigung haben Basti und ich beide einen sehr anstrengenden, nervösen Reizhusten. Wir husten ständig während der Beerdigung.

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frau

Der Januar beginnt mit dem tagsüber-arbeiten-abends-proben-Rythmus. Ich falle abends gegen halb zwölf ins Bett und am nächsten Morgen quäle ich mich gegen halb sechs aus demselben. Ich brauche laaaaange morgens um wachzuwerden, dafür erledige ich dann auch schon Dinge wie Wäsche waschen, Bass üben (Hallo Nachbarn!), meinen MP3-Player bestücken oder eben wachwerden. Nach dem zweiten Kaffee geht es meistens irgendwie.

Das spannendste ist Musiknerd-Zeug, wie z.B. daß wir in der Band Gitarre und Bass jeweils aufs tiefe A runterstimmen, wodurch ich gezwungen bin, einen Fünfsaitersatz auf meinen Viersaiter aufzuziehen, was sich aber einfach nur geil anfühlt. Bei Bassisten wie mir gilt: Saitendicke = Schwanzdicke. Zusätzlich werden wir die tiefste Band der Stadt, die NICHT Djent spielt.

Dazwischen hängen wir auf Golfs Arbeit in der Werkstadt ab, um Speaker in seine 70er-Jahre Marshall-Box einzubauen. Jetzt spielt er bei jeder Probe mit zwei 100-Watt-Röhrenamps und zwei 4/12er Boxen. Ich brauch eine zweite Bassbox…

night

An einem Samstag Anfang Januar klingelt mich der Freund von Frau Att gegen elf Uhr vormittags aus dem Bett und reicht mich weiter an einen von den Freaks von Occupy Frankfurt. Ja, die Verrückten, die schon den ganzen Winter über am Willy-Brandt-Platz ZELTEN. Sie machen in einer Woche ein Open Air, und ob ich da spielen wollen. Ja, will ich.

Der 15. Januar ist traditionell ein eher ungünstiges Datum für Open Air-Konzerte. Das Wetter an besagtem Tag ist zwar super, aber es ist echt scheißekalt. Die Homies von Scüm spielen auch. Am Tag vorher frühstücke ich bei Fee und Basti von Scüm ist auch anwesend. Und so gehen wir danach erstmal zu den Occupy-Leuten um die Lage zu checken und finden eine ziemlich coole Bühne mit wirklich okayer Anlage vor.

Danach geht es ins Bahnhofsviertel zu CREAM-Music, zum Saitenkaufen. Vorbei an all den Junkies.

„Ey, weisste, ich hab gesehen, mit was für Leuten du abhängst, das geht echt garnicht ey….“ redet ein abgemagerter Typ mit fettigen langen Haaren, absurdem Ledermantel und bizarrem Ring- und Halsketten-Schmuck auf einen anderen Typen ein, der etwa genauso aussieht. Willkommen in der Taunusstrasse.

Gegenüber von CREAM gibt es einen Import/Export-Laden, in dem Basti und ich ein Spielzeug-Maschinengewehr finden, das Geräusche macht und leuchtet! Boooaaaaah! Es kostet zehn Euro und meine Vernunft hat es schwer, mich zu überzeugen, daß es inadäquat ist, soviel für so einen Schwachsinn auszugeben. Ich bereue es Wochen danach immer noch, dieses Ding NICHT gekauft zu haben….

Und wir entdecken, daß es an jedem Kiosk im Bahnhofsviertel diese kleinen Pfeifen gibt, mit denen man Crack raucht. Naja, jeder Unternehmer muß sich seiner Kundschaft anpassen…

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Am nächsten Tag ist trotz eisiger Winterkälte das Wetter schön. Immerhin. Basti und ich fahren nach Oberursel und holen das Scüm-Zeug da ab.

Als wir am Willy-Brandt-Platz ankommen, fahren wir erstmal unter den Augen von mehreren Polizisten über den Fußweg ins Camp rein. Ich wollte immer schon mal mit dem Auto durch irgendeinen Park fahren. Stirb-Langsam-Style!

wbp

Von den Verantwortlichen ist keiner da, die sind noch auf der Demo, nur ein Haufen Klugscheisser hängt rum.
„Das Auto muß da weg.“
„Das Auto kann da ruhig stehenbleiben.“
Es wird deutlich, daß hier jeder einen Plan hat, nur jeder einen anderen. Und daß die Occupy-Sache zur einen Hälfte aus sehr engagierten, klugen Leuten besteht und zur anderen aus nervigen Wichtigtuern.

Die netten Leute mit Plan überwiegen zum Glück und haben die Sache auch einigermaßen in der Hand. Die Auftrittsbedingungen sind abgesehen von der Außentemperatur ziemlich super. Es ist ÜBERALL kalt. Der „Backstage-Bereich“ ist eine abgetrennte Ecke in einem Zelt. Da steht eine Gasheizung, die im Ein-Meter Umkreis auch halbwegs wärmt. Das Band-Catering ist am Abend davor von irgendwelchen Leuten aufgegessen worden.

Der Blues-Bones-Basti (derselbe, der Gitarren aus Zigarrenkisten baut, siehe www.blues-bones.de) hat versprochen, mir eine gigantische nuklearbetriebene Elektroheizung für meinen Gig zu konstruieren. Sofern ich ihm das erforderliche Plutonium besorge. Leider komme ich so kurzfristig nicht an soviel Zeug ran und so wird das nix.

Aber hey, wir spielen mitten in Frankfurt, am Willy-Brandt-Platz. Direkt im Schatten der ganzen Mordor-Türme darf ich durch eine Anlage fordern, bei der nächsten Revolution kurzen Prozess mit all der Arschgeigen zu machen! YEAH!

occupy

Und so wird der Auftritt auch echt der Beste meine bisherigen Solo-“Karriere“ (haha). Ich habe ca. 30 Leute Publikum, die trotz Kälte BLEIBEN. YEAH!

Ansonsten ist die ganze Sache ziemlich hippiesk, während meines Gigs trommeln Leute auf irgendwelchen Bongos mit und hinter mir hängt das Atomkraft-Nein-Danke-Banner, während auf meiner Gitarre der ATOMKRIEG – JA BITTE!-Sticker klebt. Und ich habe einen Wollpulli an. Punkrock geht anders, aber hey, es war soooo KALT!

Nach mir spielt eine Coverband, die wirklich SEHR schlecht ist. Ganz viele Leute filmen mit ihren Handys, weil die Band SO SCHLECHT ist, daß sie diesen Moment der öffentlichen Demütigung aller Beteiligten unbedingt festhalten wollen. Einer der Veranstalter meint dann auch „Ja, wir sind stilistisch heute sehr breit aufgestellt. Bei uns dürfen auch schlechte Bands spielen.“.

Danach spielen SCÜM. „Jungs, sonst spielt ihr doch auch mit nacktem Oberkörper…“ kommen hämische Rufe aus den Publikum, während die Band in dicken Jacken den Soundcheck macht.

SCÜM, die härteste Hardcoreband Frankfurts, haben zwei Heizlüfter auf der Bühne und killen damit schon beim Soundcheck die Sicherungen des ganzen Camps. Das wird sich während des Gigs dreimal wiederholen, bis jemand auf die Idee kommt, zu bemerken, daß eines von diesen kleinen Dingern ganze 2000 Watt zieht und man sie deshalb lieber ausmachen sollte.

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„Ich weiß auch nicht, jetzt hat es fast acht Wochen gedauert und plötzlich blute ich wieder. Das liegt bestimmt daran, daß ich wieder anfange, mir meiner Weiblichkeit bewusst zu werden….“
„Äh….ahja….“

Lena ist wieder für drei Tage bei mir, um zum zweiten Mal die praktische Prüfung für ihre Fotographenausbildung hier in Frankfurt zu absolvieren. Die letzten drei Wochen hat sie in Darmstadt im Wohnzimmer einer WG auf dem Sofa gelebt und dort bei einem bekannten Fotographen gearbeitet. Dann will sie für ein paar Tage zu ihrem Vater und dann nach Polen.

Ich wünsch ihr am Montag morgen viel Glück und Erfolg, als ich die Wohnung Richtung Arbeit verlasse. Als ich gegen drei Uhr nachmittags nichts von ihr gehört habe, schicke ich ihr ein „und?“ und bekomme eine nur aus zwei Worten bestehende SMS zurück: „nicht bestanden“.

Nichtsdestotrotz ist sie einigermaßen gefasst, als ich abends nach Hause komme. Sie sitzt vor meinem PC und skypet mit einem Typen, mit dem sie irgendwas laufen hat. Er ist mir prompt richtig unsympathisch.

Dann sitzen wir einige Minuten gemeinsam vor Google Earth, unsere Hände berühren sich….und als wir dann schlafen gehen, jeder in seinem eigenen Bett, gehe ich rüber zu ihr, nähere mich ihr und bekomme eine freundliche aber bestimmte Abfuhr. Rache für letztes Mal, oder so.

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„Sie hat gesagt, er muß an die Dialyse. Bauchfelldialyse. Seine Nierenwerte sind in den letzten Monaten rapide schlechter geworden. Die rechte Niere arbeitet nur noch mit zwanzig Prozent, die linke ist garnicht mehr zu erkennen auf dem CT. Die Dialyse muß mehrmals täglich gemacht werden, von speziell geschultem Personal. Und man kann das nicht ewig machen. Kuckt mal an, wie schon die normale Dialyse den Enrico fertigmacht. Und der Antonio wiegt gerade mal vierzig Kilo. Er bräuchte eine Spenderniere, aber er ist so schwach, daß er die OP nicht überstehen würde. Die Nephrologin sagt, daß er noch etwa ein, zwei Jahre hat. Wenn man jetzt aber bedenkt, daß er ursprünglich eine Lebenserwartung von VIER Jahren hatte und es jetzt bis DREIUNDZWANZIG geschafft hat, dann ist das ziemlich gut. Und schaut euch den Typen an. Der kommt jeden Tag grinsend hier rein, macht den ganzen Tag Quatsch und lacht sich die ganze Zeit halb tot. Der ist der Sonnenschein der Einrichtung. Bei keinem unserer Klienten denke ich weniger an Tod, wenn ich ihn sehe. HEY ANTONIO! HÖRST DU MAL BITTE AUF BETTINAS FRÜHSTÜCK ZU KLAUEN!!!!! UND HÖR AUF SO ZU LACHEN! DAS IST NICHT WITZIG. Naja, ein bißchen schon, hihi. Verdammt ich hab gelacht. Wieder die Pädagogik verkackt.“

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Gig in Miltenberg. Mein Homie MAPEC (http://www.youtube.com/user/mapecCLIPS) hat den organisiert. KBF Revolte, die Band seines Sohnes, spielen auch. Fee kommt mit, was ziemlich großartig von ihr ist, denn allein auf Gigs zu fahren ist immer so eine Sache, da kommt man sich leicht verloren vor, nachts bei der Rückfahrt oder in einem leeren Laden mit ein paar anderen Bands, die alle dieses Muckertumgelaber ausleben.

Die Veranstaltung ist vom Cafe der Caritas ins nahegelegene Jugendzentrum verlegt worden, weil keiner mit irgendwelchen Gästen rechnet, obwohl (oder weil?) niemand irgendwelchen Eintritt verlangt.

Im größten Raum der Jugendzentrums haben KBF Revolte schon ihr Zeug aufgebaut. Auf den Sofas sitzen vier Leute, die sie mitgebracht haben und eine Handvoll Jugendlicher, die hier wohl immer rumhängen.

Das Ganze hat deutliches Klassenpartyflair, aber was solls. KBF Revolte, in Persona MC HEIZKESSEL und MC MÖRDERBEAT und ihre Handvoll Leute beginnen mit ihrem Antifa-Elektropunk und haben Spaß. Die bräuchten mehr Publikum, dann würde das abgehen. Im Jugendzentrum ist Alkoholverbot und KBF Revolte trinken Apfelsaftschorle, die irgendwie mehr schäumt als Apfelsaftschorle sonst. Fee nippt halb verstohlen an ihrem Bier, aber so richtig kümmert das hier keinen.

Irgendwann bin ich dann dran. Es ist ein guter Abend, trotz des fehlenden Publikums. Ich habe das ja schonmal geschrieben, aber ich finde, daß meine Musik mit wenig Publikum irgendwie besser funktioniert. Vor allem die leisen und langsamen Songs. Da labert dann keiner rein oder so.

Da ich HEADLINER (WOOOHOOO!) bin und eh fast keiner da ist, wird auf jegliche Publikumserwartung geschissen und nach dem Set mit den lustigen Songs (bei denen die KBF-Jungs zum Teil textsicher mitsingen und tanzen – yeah!) schiebe ich noch eine halbe Stunde lang die leisen hinterher. Da hören dann nur noch Martin und Fee zu.

Der Abend endet, indem ich beim Abbau eine der bunten Neonröhren von KBF Revolte zertrete (die lag halt so dekorativ am Boden rum). Das ist denen aber erstmal egal (meldet euch mal, wie ich euch ne neue zukommen lassen kann!) und dann hängen wir noch eine Weile gangmäßig auf Miltenbergs Hauptstrasse ab, die anderen trinken Bier und MC HEIZKESSEL freestylet rum. Fee entschuldigt sich auf der Rückfahrt ein dutzend Mal, daß sie so betrunken ist und kotzt am Bunker, als ich das Equipment in den Proberaum bringe, auf den Gehsteig. Wir hatten Spaß, danke Miltenberg!

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cold

Eine Woche später ist es noch kälter. An einem sonnigen, aber umso eisigeren Samstagvormittag in Januar steige ich ins Auto, das ich mit mir mit Frau Att teile (der sagenumwobene Att-Yohazid-Panzer, ein uralter feuerroter Ford Sierra Kombi mit einem tiefdröhnendem Motorgeräusch, das ihm den Titel „Panzer“ eingebracht hat), und lade einmal mehr mein ganzes Equipment ein.

Ziel ist das Juli Kapelle-Hauptquartier in Bockenem bei Hildesheim. AS von der Juli Kapelle ist ein alter Bekannter, ein Homie sozusagen. Seine Freundin, die HERZSCHWESTER. macht Fotos. Kunst! Doppelte Belichtung und so. Und sie stellt ihre Bilder an diesem Samstag in einem Plattenladen in Braunschweig aus, der abends eine Kneipe ist. Das Wort, das ich eigentlich nicht schreiben will, weil es mich in Verbindung mit KULTUR bringt ist „Vernissage“. An diesem Abend ist die Eröffnung ihrer Ausstellung. Juli Kapelle spielen, Kühl&Sauer (das Projekt von AS und VB Kühl) ebenso, und die Künstlerin hat mich gefragt, ob ich auch auftreten will.

AS von Juli Kapelle, bürgerlich Achim, lernte ich vor mehr als zehn Jahren kennen. Damals lebte ich in Augsburg und produzierte in meinem Jugendzimmer in der Wohnung meiner Mutter verrauschtes Hiphop-Zeug. Das schickte ich ihm, er betreibt nämlich ein Unter-Untergrund-Indielabel, T&TT (http://www.tundtt.de/). Ein Song von mir erschien dann auf einem Labelsampler. Nachdem ich nach Frankfurt übergesiedelt war, planten wir eine Zusammenarbeit.

Achim lebt dort in Bockenem. Das ist ein Kaff an der A7 im norddeutschen Niemandsland und hat nicht mal einen Bahnhof.

Sein Vater betrieb dort lange einen Autohof und ein Hotel, und als Achim 15 Jahre oder so alt war, zog er von Aschaffenburg dorthin und schaffte jahrelang im väterlichen Betrieb. Und tat sonst nichts, verdiente dabei aber ganz gut Geld und baute schließlich dort im Niemandsland ein Haus und das 7V-Studio.

Der Autohof wurde irgendwann verkauft und nun lebt Achim dort und betreibt Hotel und Studio, in dem ich im Februar 2002 mein erstes „Album“ aufgenommen und dann bei seinem Label veröffentlich habe, „Front: Europa“, Auflage ca. 100 Stück, jedes einzelne Exemplar selbst gebrannt, jedes Cover selbst ausgeschnippelt. Die ganze Sache ist mir heute ein bißchen peinlich, da das Album Jugendsünden wie „Vagina Song“ enthält. Ich war jung und brauchte die Aufmerksamkeit.

Die Fahrt Richtung Norden hat es in sich. Der Panzer hat keine Heizung mehr, und die Außentemperatur liegt an diesem Wochenende deutlich im Minusbereich. Ich trage also lange Unterhosen und drei Paar Socken sowie zwei Mützen übereinander, trotzdem spüre ich nach etwa einer halben Stunde Fahrt meine Füße nicht mehr. Die Sprinkleranlage ist natürlich auch eingefroren. Trotzdem komme ich erstmal gut voran, es ist trocken und die Sonne scheint.

Erst bei Kassel beginnt es zu schneien. Und wie genau bei meinem Gig in Siegen, über den ich vor ca. einem Jahr an dieser Stelle berichtet habe, hat der Panzer immer noch keine Winterreifen. Also, er hat auf den Hinterrädern schon Winterreifen drauf, nur sind die seit Jahren permanent aufgezogen, also entsprechend abgefahren. Und dazu Heckantrieb, auch nicht soooo super bei Glätte.

Der Plan ist, es einfach bis nach Bockenem zu schaffen, und ab da mit den anderen in Achims Bus die letzten 60 Kilometer nach Braunschweig zu fahren.

Im dichten Schneetreiben erreiche ich also halb fahrend, halb rutschend das 7V-Studio.

Achims Haus ist vollgestopft mit Gitarren, Bässen, Verstärkern und anderen Saiteninstrumenten. Dazwischen stehen ein paar Schlagzeuge rum und Tonnen an irgendwelchen Synthies und Effektgeräten. Das Erdgeschoß beherbergt das 7V-Studio, daran schließt direkt eine große Küche an.

Als ich ankomme, hängen eben dort gerade die Herzschwester und VB Kühl ab, vor einem Tisch auf dem leckere Dinge zu essen liegen, hauptsächlich Brot und verschiedene Wurstwaren. Achim selbst ist irgendwo im Obergeschoß zugange, da ist der Wohnbereich und das Atelier der Herzschwester.

Also gibt es erstmal zu Essen und Kaffee. Dann begeben wir uns alle nach oben, wo VB und Achim mit der Herzschwester den Beginn des Gigs proben. Unterm Dach ist ein großer Raum, in dem auch ein Schlagzeug und diveres Musikequipment stehen, sowie ein DJ-Pult und hunderte Platten.

Leider ist Achims Bus ausgebucht und es wird klar, daß ich den Weg nach Braunschweig im eigenen SCHLITTEN (hat jemand diesen Wortwitz gerafft? Ich bin sehr stolz drauf!) zurücklegen muß. Was solls. Irgendwann stirbt jeder mal.

Noch dazu habe ich kein Navi und keine Wegbeschreibung. Und ich war noch nie in Braunschweig. Und mittlerweile ist noch mehr Schnee gefallen.

Wir brechen auf, als es schon dunkel ist. Ich befreie den Panzer von Schnee und dann heisst es aufsitzen. Ich rutsche über die Landstraße zur Autobahn, stetig versuchend, den Anschluß an Achims Bus nicht zu verlieren. Es gibt ein paar Momente, in denen ich echt Angst bekomme. Die Lösung liegt nahe: Ich habe das letzte Darkthrone-Album auf dem MP3-Player und drehe das laut. Das macht alles viel besser, denn mit Darkthrone im Schnee zu sterben ist doch ein ganz cooler Tod, oder?

darkthrone

Wir erreichen Braunschweig lebend, suchen Parkplätze, laden aus und bauen unser Zeug auf. Dann ist da dieser einsame Moment vor dem Beginn der Veranstaltung, wenn alle anderen mit irgendwas beschäftigt sind oder sich unterhalten und man selbst rumhängt, nichts zu tun hat und sich ein bißchen verloren fühlt, hunderte Kilometer weg von zuhause in einer fremden Stadt, umgeben von mehr oder weniger fremden Leuten. Und man sich fragt WIESO man das alles auf sich nimmt, nur um eine halbe Stunde lang seine Musik zu spielen. Meistens hört ja noch nichtmal jemand wirklich zu.

„Kann ich eine Cola haben?“
„Klaro, du hast einen Bart, also gehörst du zur Band, oder? Einfache Regel, stimmt immer.“

Die Veranstaltung beginnt mit der Eröffnung der Vernissage und musikalischen Grußworten der Herzschwester, begleitet von Kühl&Sauer.

„Auf irgendeinem Auge ist jeder von uns blind. Ich will euch blinzeln sehn.“

ksh

Danach läuft der Kühl&Sauer-Gig. Das Publikum ist noch ziemlich reserviert. Während des Gigs wird versucht, eines der Bilder zu versteigern, doch das anwesende bierselige Kneipen-Plattenladen-Publikum gehört nicht zu den zahlungsfreudigen Kunstliebhabern und bietet Beträge wie „50 Cent!“.

Dann wird umgebaut für die Juli Kapelle und da die Veranstalung verspätet begonnen hat, bittet uns der Besitzer des Ladens, die Sache abzukürzen, denn der DJ soll pünktlich anfangen. Ja, genau, wir brüsten uns gerne damit, Livemusik in unserem Laden zu haben, solange unser DJ pünktlich anfangen und Musik spielen kann, die die Leute zum Alk konsumieren bringt.

In meinem Kopf läuft ein Wutanfall ab, den ich tatsächlich verberge und beschließe, einfach nicht kürzer zu spielen. Ich bin nicht 300 Kilometer in einem eiskalten Panzer angereist, um nur eine Viertelstunde zu spielen, damit irgendein Seinemutterindenenddarmficker-DJ pünktlich anfangen kann.

Dafür sind Juli Kapelle kompromissbereit und spielen nur vier Songs. Fickt Euch, Braunschweig.

Um die Umbaupause zu verkürzen bietet mir Achim an, einfach mit seiner Gitarre weiterzumachen. Das ist ein gutes Angebot, denn die ist ungefähr zehnmal soviel wert wie meine und klingt zusammen mit seinem Amp ziemlich großartig. Pulli ausgezogen, Slayer-Shirt drunter.

„Hallo Braunschweig. Ich bin Yohazid aus Frankfurt.“
„Halt die Fresse und spiel!“
„Ahja. Endlich kommt was von euch. Das finde ich gut. Da geht noch was, Braunschweig!“

Ich beginne mit einem offenen D-Akkord. Achims Gitarre gibt eine warme Schallwelle von sich und die Röhren im Verstärker hinter mir verzerren den Klang zu einer dunklen Wolke. Ich lege den Kopf nach hinten und bade in der Flut aus Krach. Jetzt bekommt ihr es, ihr norddeutschen Arschgesichter.

brownshwyig

Die Leute bleiben und es wird ein richtig guter Gig. Mission accomplished.

Die Rückfahrt wird wieder abenteuerlich. Dieses eklige Gefühl, THAT AWKWARD MOMENT, wenn man spürt, wie das Auto fährend der Fahrt plötzlich zehn Zentimeter zur Seite rutscht.

Bei Salzgitter schließlich bietet sich mir der imposante Anblick der leuchtenden Industrieanlagen, die riesige Wolken aus Wasserdampf in den klaren Winterhimmer blasen. Plötzlich durchfahre ich selbst einige dieser Wolken und die Sicht verringert sich auf wenige Meter, es ist als würde ich durch die Zone in Strugatzkis STALKER fahren.

Und einmal mehr erreiche ich das Ziel unverletzt.

Die Nacht klingt lange aus mit einer Plattenhör-Musikmach-Session im 7V-Studio, in bester Gesellschaft der Juli Kapelle-Jungs samt Anhang sowie der Herzschwester und Herrn Kühls.

Und dann penne ich bei Achim, was bedeutet, daß er mir einfach den Schlüssel für ein Zimmer in seinem Hotel in die Hand drückt.

„Erster Stock, gleich links, da steht die Nummer drauf.“

Am nächsten Morgen öffnet mir ein gähnender VB Kühl die Tür zum Haus.

„Die anderen pennen noch. Ich komm auch gleich runter.“ „Gleich“ = drei Stunden später.

Die nächsten vier Stunden hänge ich noch in der Küche ab, süffele Kaffee, unterhalte mich mit den Resten des Juli Kapelle/VB Kühl/Herzschwester-Partyvolks, die alle so nach und nach aufwachen. Und dann, gegen drei Uhr Nachmittags mache ich mich auch wieder auf den Weg.

Vier Paar Socken (gut daß ich immer zu große Schuhe anhabe), lange Unterhose, drei Kapus, Winterjacke…Herzschwester drückt mir noch 50 Euro Benzingeld in die Hand und dann geht es wieder raus in die Eiswüste.

Die Autobahn ist trocken, aber es ist NOCH kälter geworden. Schon bei Göttingen spüre ich meine Füße nicht mehr. Ich muß zweimal anhalten, um die Windschutzscheibe zu reinigen. Da die Sprinkleranlage nicht mehr funktioniert, schütte ich Mineralwasser drauf und muß dieses SCHNELL abwischen, da es sofort gefriert und die Scheibe vereist.

Auf der Höhe von Marburg bin ich gezwungen, eine Raststätte aufzusuchen und mich aufzuwärmen, da ich es nicht mehr aushalten. BATTLES AGAINST THE NORTH!!!!

north

I survived Winter in Germany 2012.

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Eine weitere Woche vergeht und dann ist LAPPENPACK III im Faites Vorte Jeus in Frankfurt. Die Konzertreihe, die von den Homies von SCÜM organisiert wird. Der Laden ist ein linkes Kulturzentrum im ehemaligen Polizeigefängnis an der Konstablerwache und wird deshalb nur „Knast“ genannt.

Der Bau hat eine einschläge Geschichte, die bis weit in die Zeit des dritten Reichs zurückreicht. Das Betreiberkollektiv versucht deshalb, möglichst pietätvoll mit den Räumlichkeiten umzugehen. Das klappt nicht immer, was Schilder wie „Bitte kein Geschlechtsverkehr in den Zellen!“ oder „Bitte keine Tags in den Zellen!“ beweisen. Trotzdem ist es ziemlich lobenswert, daß dieses Zeichen der dunkler Vergangenheit erhalten wird und für etwas positives genutzt wird, nämlich als Raum für Veranstaltungen, die sonst niemals Platz in der Frankfurter Innenstadt fänden. Die Stadt will den ganzen Bau natürlich am liebsten abreißen und kommerzialisieren, also eine weitere Gewerbefläche daraus machen -Renate! Ruhe jetzt!http://www.bilder-hochladen.net/files/big/4mgf-7k-e569.jpghttp://www.bilder-hochladen.net/files/big/4mgf-7k-e569.jpg was meiner Meinung nach sehr viel pietätsloser ist, als Sex in den Gefängniszellen zu haben, die darüber hinaus noch als Dauerausstellung über die Verbrechen des dritten Reichs dienen.

Heute spielen SCÜM, ABC ALERT, POGOS PROJEKT, AGONY AND SCREAM und SCHEISSE MINELLI. Um den Gig von SCHEISSE MINELLI hat es im Vorfeld noch Diskussionen gegeben, denn irgendwann einmal hat ein ehemaliger Gitarrist der Band wohl während eines Gigs die Konföderiertenflagge aufgehängt um damit seine Verbundenheit zum Südstaatenrock zu demonstrieren – leider fassen das einige politisch SEHR korrekte Zeitgenossen als eine Relativierung der Sklaverei….Blablabla. SCHEISSE MINELLI spielen trotdem.

Leider sind am Tag der Veranstaltung alle Toiletten im Ganzen Gebäude zugefroren.

„Typisch, diese Weltverbesserer haben bestimmt immer die Heizungen abgedreht.“ lautet das Zitat eines Mitglieds einer der spielenden Bands hierzu.

Also wird wohl noch eine neue Toilette GEBAUT, mit einem Gummischlauch als Ablußrohr. Die meisten Anwesenden und auch ich pinkeln, Pietät hin oder her, im Hof.

Im ganzen Gebäude ist es etwa so kalt wie draußen, und so werden überall Heizlüfter angeworfen, die bei der ersten Band, ABC ALERT, für SECHS !!! Stromausfälle sorgen, da sie die alten Sicherungen des Ladens völlig überfordern. Mit mehreren Verlängerungskabeln werden die Stromquellen also auf mehrere Sicherungen verteilt, und danach halten sich auch die Stromausfälle in Grenzen – aber es bleibt eisig kalt. Trotzdem ist die Stimmung gut, ABC ALERT rocken ein solides Crust-Brett runter, ohne Ansagen zwischen den Songs, da der Gitarrist einfach immer seine Gitarre offenlässt und für ein konstantes ohrenbetäubendes Feedback in den Pausen sorgt.

krok

Danach gibt es Streetcore mit den Homies von POGOS PROJEKT und schließlich beginnen die Gastgeber von SCÜM mit ihrem Oldschool-Geschrei und die Leute fangen an zu moshen und zu circlepitten. Bassist Paul trägt ein Krokodilskostüm. Ich bekomme wieder zwei Minuten Ruhm, indem ich beim Song „Kleinigkeit“ mitbrüllen darf und dann kommt es auch noch zu einer Beinahe-Schlägerei, als jemand es NICHT lustig findet, daß der sehr alkoholisierte Mitbewohner von SCÜM-Sänger Richie mitten im Raum die Hose runterlässt. Leider verpasse ich diesen spannenden Moment, da ich gerade im Hof pinkeln bin und davon traumatisiert werden, daß ich, als ich um die Ecke laufe, direkt vor einer weiblichen Konzertbesucherin stehe, die auch pinkelt.
„Ääääh….Entschuldigung.“
„Kein Ding, ist Platz genug. Du darfst hier gern auch hinpinkeln.“
„Ääääh….“
„Hab ich dich jetzt traumatisiert oder was?“

schrei

Schließlich springt noch jemand beim pogen dem Paul in den Bass, worauf der sensible Künstler wütend die Bühne verlässt, was ihm am restlichen Abend Hohn und Spott einbringt.

Ich verlasse schließlich mit meiner Nachbarin Lina den Laden in Richtung Bornheim, was für mehrere saublöde Bemerkungen in den nächsten Tagen sorgt, sogar von Leuten die gar nicht da waren.

„Ich hab gehört du bist mit Lina gegangen?!“
„Die WOHNT bei mir in der Nähe, wir sind ZUSAMMEN UBAHN GEFAHREN!!!“
„Jajajaja. Klar.“

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„Gestern hab ich wieder geblutet!“