SHIT HAPPENS.

„WER ist dafür verantwortlich?!“
Der Chef hat seinen bösen Blick und alle ducken sich. Der Chef ist eigentlich ein sehr sanftmütiger Mensch. Aber in dem Moment, in dem er erfährt, daß man etwas verkackt hat, ist man am besten weit, weit weg.
„Mh. Äh ja. Ich hatte an dem Tag Dienst.“ druckse ich herum.
„Herr Giesemann! Das kommt nicht mehr vor, ist das klar?!“ Er starrt mich wütend an. „Das ist SCHEISSE wenn sowas passiert!“
„Äh okay.“ murmelt Herr Giesemann in seinen Bart.
„Na gut.“
Der Chef blickt in die Runde, die um den großen Tisch im Besprechungsraum versammelt ist und atmet laut aus.
„Okay, was gibts sonst so zu besprechen?“
Ich denke nach und meine Augen fallen auf den Dienstplan, der an der Wand hängt.
„Moment mal, am Dienstag war ich gar nicht da!“
„Oh….“ platzt es aus meinem Kollegen Holger raus. DER war zuständig gewesen.
Der Chef verdreht die Augen.
„Na ist ja egal jetzt. Wir müssen weiterkommen.“

Nach dieser Dienstbesprechung beschließen die Kollegen und ich, daß wir, wenn jemand Scheiße baut, erstmal den vorschicken, der garnicht wirklich schuld war und den wirklichen Depp erst dann dem Chef vorführen, wenn der nicht mehr wütend ist.

Der Chef ist super. In sozialen Einrichtungen wird ja gern alles ausdiskutiert. Das dauert immer Stunden, man hält sich ewig an Kleinigkeiten auf und bekommt GAR NICHTS gebacken. Jeder ist darauf aus, daß seine eigene Meinung zu jedem Furz gehört und beachtet wird. Das macht Teamsitzungen zur Hölle.

Bei uns nicht. Nach einigen Minuten sagt der Chef „Okay. Wir müssen weiter kommen. Wir machen das jetzt so und so NICHT.“
Dann sagt immer noch jemand „Ja aber…“ und der Chef sagt „Thema ist durch. Ich bin der Chef, ich entscheide und wir machen das jetzt so. Nächster Punkt?“. Das ist sehr beruhigend.

Die Kollegen sind nicht so pflegeleicht wie der Chef. Da ist zum Beispiel der, der ALLES verpeilt. Das ist nicht mehr witzig, wenn es ums Medikamenteverteilen geht. Oder um irgendwelche Injektionen, die aufgezogen zwei Tage lang im Kühlschrank rumliegen, weil keiner weiß, daß das Zeug dann hochgiftig wird.

Er ist schwul und hat mir schon am Anfang erzählt, daß er ein sehr wildes Partyleben hatte und jede Droge ausprobiert hat, die es gibt. Das hat Spuren hinterlassen. Die Drogen, nicht das Schwulsein. Das erwähne ich nur, damit man den folgenden Absatz versteht:

Abwechselnd hat jeder von uns jeweils eine Woche Rufbereitschaft und muß dazu das Diensthandy ständig bei sich führen um im Zweifelsfall innerhalb einer halben Stunde in der Einrichtung sein zu können. Als der oben angesprochene nach seiner Woche Bereitschaftsdienst das Diensthandy an die Kollegin weitergibt, findet diese im SMS-Speicher eine Nachricht, die da lautet: „Habe Interesse. Schwanzlänge?“

Die Kollegin, die besagte SMS findet und mir grinsend zeigt, ist auch nicht ganz ohne. Sie ist nicht so verpeilt, aber sie arbeitet prinzipiell eher wenig. Andere Kollegen bezeichnen sie als faul. Ich nicht. Denn in der Zeit, wo wir Sachen erledigen, sitzt sie mit Bewohnern im Raucherzimmer und beschäftigt sich wirklich mit denen. Sie ist Altenpflegerin und hat einer sehr, sehr direkte und pädagogisch kaum reflektierte Art. Das provoziert Konflikte und mit ihr zu arbeiten ist nicht unanstrengend, aber die Bewohner mögen sie. Irgendwann erzählt sie, daß sie ihren Führerschein verloren hat. Das hält sie nicht davon ab, am ersten Weihnachtsfeiertag mit dem Dienstauto zur Tanke zu fahren und Tabak fürs gesamte Wohnheim zu kaufen. Als das rauskommt, gibt es nichtmal schlimmer Ärger, weil es jeder eigentlich ziemlich cool von ihr findet, zwei Vorschriften zu verletzen (ohne Führerschein mit dem Dienstwagen fahren und das Wohnheim zu verlassen wenn kein anderer Mitarbeiter im Dienst ist) um Tabak für die Bewohner zu holen.

Manchmal wird sie von ihrer Mutter, die um die Ecke wohnt, mitsamt Hund bei der Arbeit besucht. Das geht EIGENTLICH garnicht. Persönliche Familienbesuche bei der Arbeit in einem Wohnheim für psychisch Kranke. Aber die beiden haben eine ähnliche Sozialisation wie viele Bewohner und so lesen die gemeinsam die Bildzeitung oder schauen sich im Raucherzimmer irgendwelches Hartz4-Fernsehen an. Tatsächlich beschwert sich keiner der Bewohner jemals über die Anwesenheit der Mutter der Kollegin – und die Bewohner beschweren sich zu dieser Zeit ständig über ALLES.

„Herr Giesemann, da sind Flecken auf dem Geschirr!!!!“
„Das sind Wasserflecken. Vom Spülen. Das bedeutet, daß das Geschirr sauber ist.“
„Scheißladen hier!“
„Hallo?! Jetzt kommense mal runter! Das ist ein Wohnheim für psychisch Kranke, kein HOTEL!!!“

Solche Gespräche führe ich oft mit einigen Bewohnern, die das Bewusstsein über ihr leider wirklich schlimm schiefgegangenes Leben durch Beschwerden kompensieren.

Der verpeilte Kollege bekam seinen Vertrag übrigens nicht verlängert. Eines Tages treffe ich ihn in der U-Bahn, da erzählt er mir, daß er schon seit Ewigkeiten einen Bandscheibenvorfall hat und starke Schmerzen und deswegen bei der Arbeit immer auf Tilidin und deshalb so verpeilt war.

Der Fairness halber sei erwähnt, daß auch ich selbst ab und zu Scheiße gebaut habe. Das Best of:

- Arztbericht der Uniklinik nicht richtig gelesen, und dadurch einem Bezugsklienten über Monate hinweg ein Herzmedikament NICHT gegeben.
- Nochmal Arztbericht einer anderen Bezugsklientin nicht richtig gelesen und dadurch nötige Nachsorgeuntersuchungen (Speiseröhrenverengung) nicht eingeleitet – das hat RICHTIG Ärger gegeben.
- Medikamente falsch gestellt, Medikamente falsch ausgegeben – passiert jedem immer mal wieder, ist trotzdem der Klassiker der Beschissenheit.
- und tausend andere Kleinigkeiten. Shit happens.

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1 Antwort auf „SHIT HAPPENS.“


  1. 1 Hopi 18. April 2012 um 16:16 Uhr

    „Shit happens“. Genau! Deshalb muss man mit Manfred Osten für eine „fehlerfreundliche Irrtumsgesellschaft“ plädieren. Zitat aus der Produktbeschreibung seines Buches „Die Kunst, Fehler zu machen“:

    Aus Erfahrung wird man klug, sagt ein Sprichwort. Ohne Fehler und Irrtümer gibt es keine Entwicklung. Die gegenwärtige Null-Fehler-Kultur aber tut sich schwer damit, Fehler zu akzeptieren. Bisher stützte sich der Mensch als „gebrechliches Wesen in der zerbrechlichen Einrichtung der Welt“ zur Korrektur und Begrenzung seiner Irrtümer und Fehler vor allem auf Erfahrung. Angesichts der rasanten Zunahme von abstraktem Wissen vor dem Horizont virtueller Welten lassen sich schwer noch sinnliche Erfahrungen machen. Dadurch stellt die Bewältigung von Fehlern zunehmend eine Überforderung dar. Mutiert der „antiquierte“ Mensch in einer „Null-Fehler-Kultur“ selbst zum größten anzunehmenden Unfall und Risikofaktor? Wird deswegen unermüdlich an seiner Perfektionierung gebastelt?
    Manfred Osten stellt die grundsätzliche Frage nach der Relativität unseres rational orientierten westlichen Fehlerverständnisses und unserer Fehlerbeherrschung.
    Ein Plädoyer gegen den Perfektionismus, eine kleine Gebrauchsanweisung, Fehler zu machen und Irrtümer einzugestehen. „Wenn irren menschlich ist, dann ist nicht zu irren unmenschlich.“ Ende des Zitats.

    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass man bei jeder neuen Technik die Möglichkeit des Scheiterns gleich mit einplanen sollte. Die Titanic galt ja als „unsinkbar“ und der atomare Supergau von Fukushima als „undenkbar“. Man lernt doch nie aus!

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