Archiv für Dezember 2011

Ein großer Verlust für die Landesverteidigung.

„Guten Morgen.“
„Der Fernseher ist weg!“
„Äh. Was?!“
„Der Fernseher ist weg!!“
„Welcher Fernseher?“
„Der im Raucherraum.“
„?!?!?!“
„Der war gestern noch da als ich die letzte Runde gemacht hab. Dann habe ich mich hingelegt, niemand hat nachts geläutet oder geklopft und heute morgen komme ich hier hoch, sitzt da der Herr Nuß und fragt wo der Fernseher hin ist.“
„Wow. Warte mal, ich zieh erstmal die Jacke aus, ja?“
Ich laufe ins Stationszimmer und hänge meine Jacke an die Garderobe.

„Hr. Giesemann der Fernseher im Raucherraum ist geklaut!“
Die Fr. Boldt steht in Morgenmantel und Pantoffeln in der Tür.
„Morgen erstmal…“
„Morgen….wer hat denn den Fernseher weggetan?!“

Ja, wer hat den Fernseher nachts aus dem Wohnheim getragen? Nachts in einem Wohnheim mit anwesender Nachtbereitschaft und voll belegt mit zwanzig schlafenden Bewohnern…wer ist stark genug, das Ding die Treppe runter zu kriegen? Die weiblichen Bewohnerinnen scheiden schonmal komplett aus. Die meisten männlichen Bewohner sind gebrechlich, wiegen kaum mehr als sechzig Kilo, zwei können nur mit Rollator laufen und der Herr Nuß, der hundertzehn Kilo wiegt, nimmt nicht ohne Grund schwere Herzmedikamente. Mal abgesehen davon, daß der den Großteil des Tages antriebslos mit angezogenen Schuhen auf seinem Bett liegt und nur schwer dazu zu bewegen ist, überhaupt einmal die Woche die Hose zu wechseln. So jemand trägt nicht nachts einen Fernseher weg und organisiert sich Leute, die vor der Tür mit dem Auto warten um das Ding irgendwie wegzubringen, mitten in der Nacht. Und der Herr Setzer, der das körperlich schaffen würde, hat sich über Jahrzehnte das halbe Hirn weggesoffen. Der hat zwar die Gaunermentalität für so ein Ding aber er kriegt das rein kognitiv garnicht hin, sowas zu planen und durchzuführen. Und der Hr. Enzo läuft die ganze Zeit stimmenhörend den Ganz auf und hab, setzt sich ab und zu auf die Treppe und lässt verzweifelt den Kopf zwischen die Knie sinken.

Fazit: Keiner von den Bewohnern klaute diesen Fernseher. Und ja, es ist ein Ghettostadtteil, aber es bricht doch keiner – ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen – nachts in ein vollbelegtes Wohnheim für psychisch Kranke ein und klaut völlig unbemerkt einen großen Fernseher. Oder?

Das Rätsel wurde nie gelöst.

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ffmr

Ich friere. Es ist ein kalter Februarabend, aber eigentlich nicht sooo kalt. Daß ich so zittere, könnte daran liegen, daß ich seit drei Tagen nichts mehr zu mir genommen habe außer schwarzem Kaffee und Wasser. Das klappt soweit eigentlich erstaunlich gut. Vor vier Tagen war der zehnte Tag, an dem ich mir immer zugestehe, soviel zu essen wie ich will – und was ich will. Ich ging mit mörderischen Bauchschmerzen ins Bett und wachte am Morgen danach mit der größten Melancholie seit…ja seit dem letzten Fressanfall auf.

Heute spielen die Real McKenzies in der Au. Sauf-Punk, ein Großteil meines sozialen Umfeldes ist da anwesend. Ich habe eigentlich keine Lust, hinzugehen, aber Julia holt mich zuhause ab, damit wir da gemeinsam hingehen. Julia zeigt ein gewisses Interesse an meiner Person, aber das merke ich nicht, denn ich denke nur ans Essen und daran, wie kalt mir ist.

Im Dezember verbrachten wir schon einmal einen gemeinsamen Abend bei mir zuhause, bei dem wir uns ein freundschaftliches Gerangel lieferten. Schon da wurde deutlich, daß sie über mehr Körperkraft verfügt als ich. Kein Wunder. Ich habe in den letzten zehn Monaten 55 Kilo abgenommen und nehme nur noch Obst, Süßstoff, Cola Light und Gemüse zu mir. Ganz wenige Kohlenhydrate, keine Fette, außer an meinen Fress-Tagen. Und ich werde langsam wahnhaft, was das angeht. Mit knapp 80 Kilo bei einer Körpergröße von 183 cm bin ich zwar noch lange nicht untergewichtig, aber ich wirke wie ein Junkie. Und ich hätte schon gern noch fünf Kilo weniger. Mein ursprüngliches Ziel war es gewesen, mein Körpergewicht von 135 Kilo auf hundert zu reduzieren. Und so ging es eben immer weiter.

Nun sitze ich neben Julia in der S-Bahn Richtung Rödelheim und in mir baut sich Gier nach Essen auf, was nicht unlogisch scheint, nachdem ich drei Tage gehungert habe. Ich ignoriere ihre Annäherungsversuche und denke nur an Essen Essen Essen und merke, wie ich die Kontrolle verliere und werde darüber unglaublich depressiv. Ich weiß, daß ich mich gleich mit Essen vollstopfen werde und spüre nur ein bleiernes Gefühl des Versagens. Ich werde also wieder fett werden.

Ich rede nicht mit ihr, starre apathisch aus dem Fenster. In Rödelheim beschließe ich, umzukehren, nach Hause zu fahren und zu fressen – während sie auf das Konzert geht.

Zwei Monate vorher habe ich beschlossen, die Stimmungsaufheller, die ich seit Jahren einnehme, wieder abzusetzen, damit ich weiter abnehmen kann. Denn bekanntlich machen die Dinger fett. Einen Monat später bin ich bei Scüm ausgestiegen, weil ich nur noch friere im Proberaum und weil ich emotional so mit dem Hungern beschäftigt bin, daß ich die Zusammenarbeit mit den anderen Bandmitgliedern nicht mehr ertrage.

Als ich an diesem Abend nach Hause komme, esse ich flennend Unmengen von ekligem Zeug. Am nächsten Morgen mache ich damit weiter. Dann gehe ich zum Arzt und lasse mich zu einem Seelenklempner überweisen.

In den nächsten acht Wochen kehrt sich mein Essverhalten ins Gegenteil um. Ich esse nur noch Fett und Zucker und mein Körper scheint alle Nahrungsmittel so aufzunehmen, daß ich genau das zuzunehmem scheine, was das Essen WIEGT. Innerhalb von ZWEI Monaten nehme ich FÜNFUNDZWANZIG!!!!! Kilo wieder zu und bekomme die Kurve erst, als ich einen Therapieplatz habe.

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Zwei Tage später sitze ich mit Fee in meiner Wohnung. Die macht einen auf Seelentröster, während ich mich in meiner Essstörungs-Depression zwei Tage lang krankgemeldet habe. Ich koche für uns. Reis mit Gemüse und ich mache es sehr scharf. Ich esse zu dieser Zeit noch viel schärfer als sonst, um die fehlenden Nährstoffe durch einen möglichst hohen Grad an Geschmack auszugleichen. Aber selbst nach diesem Standart wird das Essen viel zu scharf. Fee hat mich extra darum gebeten, NICHT so scharf zu kochen wie sonst, und da mache ich es aus lauter Übermut noch VIEL krasser. Ich selbst kann das Gericht nur in einer 1:1-Mischung mit Joghurt essen. Fee probiert einen Löffel und hat sichtlich Schmerzen. Sie wird RICHTIG böse und es dauert ein paar Stunden, bis sie mir vergibt.

chili

Ein paar Wochen vorher war meine Schwester zu Besuch gewesen und ich hatte dasselbe Gericht gekocht. Auf meine Ankündigung, es könne etwas schärfer werden, reagiert sie cool mit „Ist okay, ich mags scharf.“.
Als das Essen fertig war, aß sie drei Löffel, legte den Teller weg und fragte „Du, kann ich mir vielleicht doch ein Brot machen?“.

Wiederum ein paar Wochen später steckt mir meine Mum am Telefon, meine Schwester hätte in der Familienrunde von ihrem Besuch bei mir berichtet und zwar mit den Worten:
„Oh Gott, Mama, du musst Johannes unbedingt ein bißchen kochen beibringen!“

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Ende Juni 2001 sitze ich im ICE von Augsburg nach Frankfurt. Im Mai bin ich nach Frankfurt gezogen, mit zweitausend Mark auf dem Konto.

Schon nach einer Woche stellt sich heraus, daß das Zimmer, das mir Timo, ein ziemlich fertiger Kiffer mit Bandscheibenvorfall, in seiner Wohnung vermietet hat, eigentlich von jemand anders bewohnt wird und er gar keine Verfügungsgewalt über dieses hat. Ich schlafe drei Wochen bei ihm im Wohnzimmer, dann setzt er mich vor die Tür. Ich finde keine neue Bleibe, bitte eine Studentin, die einen Zwischenmieter für ihre Wohnung sucht, während sie ein Auslandssemester macht, in ihrer von der Wohnung abgetrennten Rumpelkammer (ohne WC oder irgendwas) pennen zu dürfen. Ich überlege schon ernsthaft, wieder zu meiner Mutter zurückzuziehen, was eine große persönliche Katastrophe wäre.

Der Mann einer Freundin meiner Freundin, ein Palästinenser, der irgendwelche Import/Export-Geschäfte von einem Büro im Bahnhofsviertel aus macht, sucht eine Bleibe für einen Verwandten, einen Typ in meinem Alter, der direkt aus dem Gazastreifen auf Familienbesuch ist. Sein Onkel zweiten Grades (oder so), der Mann der Freundin meiner Freundin, hat ihm einen schwarzen Job auf dem Bau verschafft, es ist klar, daß der Familienbesuch länger dauern wird als die sein Besuchervisum gültig ist.

neeeed

Für den jungen Immigranten (der kein Wort Deutsch oder Englisch spricht) ist auch eine Wohnung gemietet worden, da suchen sie noch einen, der sich die Wohnung mit ihm teilt. Wir fahren hin. Da ist ein Appartement in einer trostlosen Gegend in Frankfurt-Nied mit zwei Betten, die in einem Raum nebeneinanderstehen.
„So, und wo ist mein Zimmer?“
Der Junge zeigt grinsend auf das zweite Bett. Es gibt nur einen Raum, und meine westeuropäische Dekadenz hält mich davon ab, diesen angebotenen Wohnraum anzunehmen.

Ich habe Glück. Die Nichte des Freundes der Schwester meiner Freundin sucht einen Untermieter für ein Zimmer in ihrer Wohnung. Hier werde ich für sechs Monate unterkommen.

Ab dem siebten Juli kann ich dieses Zimmer beziehen, Kiffer-Timo jedoch verlangt, daß ich meine Habseligkeiten schon am dreissigsten Juni aus seiner Wohnung entferne. Ich muß also eine Woche überbrücken. Ich stelle meine Sache in einem Kellerraum am Osthafen unter. Ein weiterer Freund meiner Freundin (ohne deren Kontakte ich zur damaligen Zeit einfach nur sterben würde) betreibt dort in einem Industriegebäude ein Büro, von dem aus er Internetdienstleistungen anbietet. Zu diesem Büro gehört der Kellerraum. Mir bleibt eine Kiste mit Anziehsachen, die ich im Kofferraum des Autos meiner Freundin lagere.

Dann fahre ich erstmal nach Augsburg zurück. Denn da ich dort noch meinen Hauptwohnsitz habe, muß ich dort zum Kreiswehrersatzamt, um mich mustern zu lassen.

Dort sitze ich im Wartezimmer, und schaue zu, wie ein offensichtlich sehr motivierter, sehr sportlich aussehender Kerl in meinem Alter einen Prospekt durchblättert, der ihm erklärt, welche Chancen ihm die Bundeswehr bieten könnte.

Nachdem ich schriftlich erklärt habe, die Kriegsdienst verweigern zu wollen, sparen die sich da das volle Programm und machen nur ein paar Untersuchungen.

Es wird ziemlich schnell deutlich, daß sie mich nicht wollen. Der Arzt betrachtet die Narben an meinem linken Unterarm und stellt die unvermeidlichen Fragen. Psychische Krankheiten in der Familie? Drogenkonsum? „Habense selber gemacht, mit der Rasierklinge, näch?“…

Dann kommen Dinge wie „Mhm, aber…ihr Rücken, da haben Sie doch Probleme, oder? Den würd ich nochmal röntgen lassen an Ihrer Stelle.“ Alter, was geht denn hier, das ist MEIN Text!? Unsere Landesverteidigung will mich nicht.

army

Nach dem Termin geht es zurück nach Frankfurt. Im ICE trinke ich einen Kaffee und gehe aufs Klo, um zu kacken. Ich sitze kaum fünf Minuten auf der Toilette, da klopft es mehrmal an der Tür. Das Klopfen wiederholt sich und wird immer ungeduldiger. Als ich schließlich die Toilette verlasse, steht da eine alte Dame und motzt mich an, wie ich nur so lange die Toilette blockieren könne.

eis

Ich komme gegen ein Uhr mittags in Frankfurt an und habe keine Wohnung. Ich setze mich in den Park, bis meine Freundin gegen fünf Uhr Feierabend hat. Zum Glück ist es warm und regnet nicht. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie lebt in einer kleinen Kammer im Haus ihrer Schwester und wir geben uns nachts Mühe, keine Geräusche zu produzieren, die durch die dünnen Wände dringen könnten.

Am nächsten Tag fahre ich gegen Abend mit dem Zug zu Britta und Micha. Die wohnen hinter Darmstadt auf dem Land in einer Wohnung mit Garten und ich werde dort drei Nächte lang auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen, und von dort zu meinem neuen Job fahren.

Ich fahre von dort aus mit der S-Bahn nach Langen, wo meine neue Stelle liegt. Nach Feierabend fahre ich nach Frankfurt rein, um einige Besichtigungstermine von WG-Zimmern wahrzunehmen. Ich habe keine Chance irgendein Zimmer in einer coolen Studenten-WG zu kriegen. Mein Hass auf Studenten, die in Frankfurt mit dem Geld ihrer Eltern den billigen Wohnraum besetzen, steigt ins Unermeßliche. Apropos Geld der Eltern: Meine Mum borgt mir nochmal tausend Mark, da mein Gehalt erst Ende des Monats kommt und ich pleite bin. Sie will die Kohle nie zurückhaben.

Nach diesen enttäuschenden Terminen treffe ich mich mit Susanne, hole mir eine neue Unterhose aus dem Kofferraum ihres Autos und fahre mit der Regionalbahn zurück zu Micha und Britta.

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Gegen halb ein Uhr nachts mache ich mich dann auf den Heimweg. Morgen habe ich Urlaub. Ich nehme meinen Bass und laufe die fünf Stockwerke nach unten. Olga und Rolf wohnen im Bahnhofsviertel. Ich öffne die Tür und will auf die Straße treten doch da sitzen eine Frau und ein Mann im Hauseingang. „Hi.“ sage ich trocken, während ich die Spritze und die kleine Pfeife bemerke, die zwischen ihnen liegt und meinen Weg blockiert. Sie sind so zuvorkommend, beides wegzunehmen und freundlich „Gehts?“ zu fragen. Willkommen im Bahnhofsviertel.

goldst

Davor haben wir drei Verstärker-Topteile in Goldstein abgeholt, die Rolf dort zur Reparatur gebracht hat. Zum „Amp-Papst“. Der Amp-Papst wohnt in einem unscheinbaren Reihenhaus in Goldstein, mit ziemlich heruntergekommenen Lichterketten an dem kahlen kleinen Strauch im Vorgarten. Ich weiß nicht, was wir erwartet haben, als wir vor dem Haus standen und dort klingelten. Aber von einem Typen, der in der Musiker-Szene als „Amp-Papst“ angepriesen wird, erwartet man halt zumindest nicht, daß er ein deutlich über sechzigjähriges kleines, etwas dickes Männchen mit Glatze in Strickjacke und Pantoffeln ist. Der Amp-Papst hat die drei Topteile, die alle dreissig Jahre oder mehr auf dem Buckel haben, innerhalb einer Woche repariert und wohl weit weniger Geld genommen, als es im Fachhandel gekostet hätte. Wahrscheinlich sind solche Leute weit wichtiger für Punkrock als doofe Amateure wie wir, die wir unsere Zeit damit verbringen, in WG-Küchen rumzuhängen und uns möglichst alberne Namen für unsere Bands auszudenken.

jcm