Destroy Everything. Zerstörung von Alltagsgegenständen.

Jetzt kann ichs ja sagen. Mama, das Kassettendeck in deinem alten Auto ist ja kaputtgegangen, als ich das Auto für meinen Umzug nach Frankfurt benutzt habe. Damals, im April 2001. Und nein, ich bin nicht mit einer Latte vom Bettrahmen dagegengestoßen. Das Ding wollte mein extra aufgenommenes Mixtape nicht spielen und so trat ich mit dem Fuß dagegen.

Zerstörung von Alltagsgegenständen durch plötzlich auftretende Jähzornsanfälle hat in meinem Leben eine lange Tradition. Zugegeben, es gibt stolzere Traditionen. Aber hey, ich habe schon sehr lange nichts mehr kaputtgemacht. Zumindest nicht absichtlich. Das wirft die Frage auf, ob Zerstörung durch Verlust der Impulskontrolle der Kategorie „absichtlich“ überhaupt zugeordnet werden kann…

tscher

Als Kind habe ich schon manchmal gegen die Schranktür des Kinderzimmers getreten, welches ich mit meinem kleinen Bruder teilte. Das war aber nicht sooo schlimm, denn spätestens als ich so ca. elf Jahre alt war, wurden sämtliche Einrichtungsteile zum Gegenstand wohnungsinterner Graffiti-Schmiererein. Da wurden Totenköpfe draufgemalt oder der Text von Sepulturas „Refuse/Resist“ verewigt.

Als es so richtig losging mit der Pubertät, ließen sich meine Eltern zum Glück scheiden und wir entkamen dem Typen, der mich gezeugt hat. Meine Mutter zog mit uns Kindern aus, als er Spätschicht hatte. Das war angesichts des Umstands, daß er bisweilen recht cholerische Anfälle hatte (im Gegensatz zu mir, der ich das wohl von ihm geerbt habe, aber auch durchaus auf Familienmitglieder losging), wohl das Klügste. Beim Auszug half der Bruder meiner Mutter.

Unsere Punkersozialisation mag von der Polizei halten was sie will, aber damals war es ziemlich praktisch und hilfreich, daß er Polizeibeamter war/ist.

Daraufhin zogen wir bei den Eltern meiner Mum ein. Ein pubertierender zwölfjähriger, der gerade anfängt, mit saufenden Punkern am Hauptbahnhof rumzuhängen und sein Großvater, der vierzig Jahre lang bei der bayerischen Polizei war – das MUSS Streit geben. Das erste Opfer der vielen Konflikte war eine lange Holzlatte am Treppengeländer im Einfamilienhaus meiner Großeltern, die ich mit meinem rechte Knie traktierte. Opa ist aber cool geblieben und hat es mit mir zusammen repariert.

Dann in der Wohnung, die Mum mit meinen Geschwistern und mir bewohnte… Ich erinnere mich an ein Loch in der Regipswand meines Zimmers, das ich da mal aus Frust reingetreten habe, mehrere TV-Fernbedienungen, die ich aus Ärger an die Wand geworfen habe – ansonsten hielt sich das damals noch in Grenzen.

Richtig los mit der Zerstörung ging es, als ich ausgezogen war. Fernbedienung für den Fernseher – nach kurzer Zeit defekt durch äußere Einwirkung, bedingt durch Trägheit der Masse der Fernbedienung auf dieselbe, als die Bewegungsenergie, die sie durch eine Armbewegung Richtung Wand bekommen hatte, an derselben in kinetische Energie umgewandelt wurde und die strukturelle Integrität des Geräts überforderte. Videorekorderfernbedienung – siehe oben. CD-Player-Fernbedienung auch.

Handys! Hahaha. Guter Punkt. Ich habe in meinem Leben ZAHLLOSE Handys zerstört. Aus Lebensfrust, Überforderung oder beim Streit mit meiner Ex-Lebengefährtin und Spezialfreundin.

Unsere Streits sind legendär. Wir können innerhalb KÜRZESTER Zeit vom liebevollen Ton zu hysterischem Anbrüllen kommen – wir waren nicht nur einmal SEHR kurz davor, aufeinander loszugehen – nur um uns dann fünf Minuten später wieder in den Armen zu liegen und einander zu versichern, wie lieb wir uns haben.

Verlierer dabei sind Leute die mit uns unterwegs sind („Hört mal…ihr macht mir grade ein bißchen Angst“….“Äh. Mir reichts jetzt. Ich hab heute keinen Bock mehr mit euch auszugehen. Fahrt mich bitte nach Hause. JETZT.“) und meine Mobiltelefone.

Einmal stritten wir uns wegen irgendeiner Nichtigkeit. Ich war gerade mit dem Auto nach der Spätschicht unterwegs in die Au, zum Wolfbrigade-Konzert. Auf der Rückbank Fee, Michi und Basti. Die Spezialfreundin rief an, um einen schönen Abend zu wünschen – dann gab es irgendein Mißverständnis und ZACK brüllten wir uns an.

Dann legte ich irgendwann einfach so auf. Dann rief sie wieder an, was das denn solle. Dann legte sie einfach so auf. Dann rief ich wieder an, was das denn für eine Unverschämtheit sei…und so ging das weiter.

Mittlerweile hatte ich das Auto in einem Hauseingang in Sachsenhausen geparkt und war ausgestiegen. Irgendwann knallte ich mein Handy auf den Bürgersteig. Es zersprang in mehrere Teile. Ich las sie auf, legte die Überreste der Tastatur auf die Platine – und es funktionierte noch! Das Display war gesprungen, aber ich konnte den Anruf der Spezialfreundin noch entgegennehmen und mit ihr weiterstreiten. Bis sich auf einem Balkon über dem Hauseingang Anwohner zeigten, die verlangten, ich solle mich hier verpissen. Ich lief einige Meter die Straße runter und stritt mit der Spezialfreundin weiter, bis Michi kam und mir berichtete, die Anwohner seien drauf und dran die Polizei zu rufen, wenn wir uns nicht samt unserem Auto und diesem rumschreienden besoffenen Psycho aus ihrer Einfahrt wegmachen würden.

handy

Ein anderes Mal waren ich und die Spezialfreundin spätabends auf dem Weg zu einer Party, einem „illegalen“ Rave, der „irgendwo im Ostpark“ sein sollte. Also stolperten wir im Dunkeln durch den Ostpark (der ist nachts ohne Beleuchtung größer als man denkt) und fanden den Rave NICHT. Dafür fingen wir an zu streiten. Und schließlich war ich so wütend, daß ich mein Handy gegen einen Baumstamm schleuderte. Die Entfernung zum anvisierten Objekt betrug etwa drei Meter. Ich warf daneben und schleuderte mein Handy irgendwo in den dunklen Park.

Menschen mögen schlimmere Dinge aus Jähzorn getan haben in der Geschichte, nicht aber dümmeres (dieser Satz ist abgewandelt geklaut aus „Die Letzten Ihrer Art“ von Douglas Adams, aber er passt so gut).

Eines dieser Mobiltelefone wurde Anfang zweitausendacht vernichtet. Es war ein Januarmontag. Ich arbeitete damals als Integrationshelfer für einen Frankfurter Sozialhilfeträger.

Das heißt, ich arbeitete an Schulen mit Kindern, die aufgrund ihrer schweren Behinderung eine Einzelbetreuung bewilligt bekommen hatten. Leider musste ich als Springer arbeiten – ich ging jeden Tag an eine andere Schule im Frankfurter Stadtgebiet, wo ein anderer Integrationshelfer krank war.

Eine lustige Anekdote aus dieser Zeit will ich euch nicht vorenthalten. Ich war zwei Tage lang in einer Klasse einer großen Frankfurter Gesamtschule eingesetzt. Dieser Einsatz begann damit, daß ich auf dem riesigen Gelände der wirklich sehr großen Schule herumirrte und das fragliche Klassenzimmer einfach nicht fand. Ich fand schließlich das Sekretariat, dort schickte man mich in eines von zwei Lehrerzimmern – und dort konnte man mir auch nicht weiterhelfen.

Irgendwie schaffte ich es dann trotzdem zur richtigen Klasse, wo ich einen etwas autistischen Zwölfjährigen mit einer leichten geistigen Behinderung, Daniel, betreute. Der war etwa einen Meter und vierzig groß, trug eine runde Brille und wirkte wie ein kleiner, etwas dicker Harry Potter-Verschnitt.

Daniel hatte die Aufgabe, im Zuge des Hauswirtschaftsunterrichts jeden Donnerstag Waffeln für die Klasse zu backen und seinen Mitschülern zu verkaufen. Dies machte er mit seinem Integrationshelfer, der diesmal ICH war. Mein erkrankter Kollege hatte uns ein Rezept für Waffelteig hinterlassen. Das stellte sich jedoch als völlig wertlos heraus, denn der Teig war VIEL zu dünn. Was aus dem Waffeleisen kam, war entweder völlig verbrannt oder noch flüssig. Ich versuchte, verzweifelt, der ganzen Sache durch das Hinzufügen von Mehl mehr Konsistenz zu geben – ohne Erfolg.

Wir hatten eine Art improvisierten Verkaufsstand im Klassenraum aufgestellt, wo wir die Waffeln backen und losschlagen wollten. Nun waren die verbrannten Teiggebilde, die da entstanden waren, nicht soooo der Renner. Daniels Mitschüler kicherten über die Komik der Situation („Hmm kuckt mal wie lecker das aussieht, wie…..Kotze“) und auch ich konnte nicht ganz ernst bleiben.

Schließlich erbarmten sich einige von Daniels Mitschülern und kauften ihm grinsend die Waffeln ab. Ich sagte noch Dinge wie „Hey, paß auf. Dafür kannst du eigentlich kein Geld von deinen Mitschülern nehmen, oder wir müssen die billiger verkaufen…“ – keine Chance. Gemäß dem kapitalistischen Grundsatz, daß man seine Ware nur stolz genug anpreisen muß, auch wenn sie schlecht ist, verlangte er von JEDEM den vollen Preis und war diesbezüglich nicht umzustimmen.

Damals war ich generell sehr, sehr frustriert vom ganzen Leben. Ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu irgendwelchen weiblichen Wesen gehabt. Da ich mich zu schwach für eine volle Stelle fühlte, arbeitete ich halbtags – und hatte daher auch große Geldprobleme.

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Und in dieser Situation hielt ich es für sinnvoll, auch das Antidepressivum, das ich seit Jahren nahm, abzusetzen. Jeden Tag saß ich in der S-Bahn und empfand die ganze Welt als unglaublich trostlos und einfach nur schwarz. Kein positiver Gedanke schaffte mehr den Weg in mein Bewusstsein. Und als ich an diesem Morgen auf dem Weg zu einer Schule war, an der ich arbeiten sollte und diese nicht fand, knallte ich mein Handy auf den Boden, so daß es sich sofort in wirklich viele Teile auflöste. Dann ging ich zur Telefonzelle, rief meinen Vorgesetzten an und erzählte ihm, ich würde NIE WIEDER kommen und ging nach Hause.

Dann wären da noch unzählige PC-Tastaturen. So eine PC-Tastatur geht ziemlich schnell kaputt, wenn ein PC langsam ist und der Benutzer ungeduldig. Ich besaß eine Weile lang einen Schreibtisch, der aus zwei Glasplatten bestand. Und ich pflegte, mit der Faust draufzuhauen, wenn sich mein PC aufhängte. Bis eines Tages dabei BEIDE Glasplatten nachgaben und in der Mitte durchbrachen. Die Hälften der oberen Glasplatte hielten sich noch gegenseitig fest, ansonsten aber war mein WG-Zimmer, das damals sowieso schon SEHR unordentlich war, plötzlich zusätzlich mit unzähligen Glassplittern übersäht. Es dauerte eine Stunde oder so, bis ich mich der Mammutaufgabe gewachsen sah, aufzuräumen – und dafür brauchte ich dann auch ewig. Verletzt habe ich mich zum Glück nicht.

In derselben WG trat ich einmal eine Delle in die Zimmertür und verbog durch einen gezielten Tritt das Rohr der Zentralheizung so, daß es zu tropfen begann und ich ab da immer einen Topf unter die Heizung stellen musste, um das Wasser aufzufangen.

Als meine verrückte afghanische Künstler-Mitbewohnerin mal spätabends laut Musik hörte, hatte ich einen plötzlichen Impuls, griff das Glas Instantkaffee auf dem Fensterbrett und schleuderte dies an die gegenüberliegende Wand. Auch das verursachte ziemlich umfangreiche Aufräumarbeiten und mein Zimmer roch wochenlang nach Kaffee.

Ein Opfer meines Jähzorns, das ich wirklich bedauere, ist eine Gitarre geworden, die aus Wut und Frust gegen die Wand geworfen und dabei ziemlich beschädigt habe.

Da kann man jetzt fragen „Wieso machst du so eine Scheiße?!“

GUTE Frage. Es macht einfach KLICK und dann passiert es. Und da hilft es auch nicht, in ein Kissen zu boxen oder so. Mein Gehirn MUSS dann etwas kaputt machen, und ein Kissen geht ja nicht kaputt. Mein Gehirn weiß das.

Der Jähzorn richtete sich damals allerdings nicht nur nach außen. Bis vor wenigen Jahren habe ich mir regelmäßig, wenn ich frustriert oder überfordert vom Leben war, selbst gegen den Kopf geschlagen. Das hilft zwar nicht wirklich, macht aber so schön BUMM im Gehirn.

Der ruhmreiche Höhepunkt war ein spektakulärer Bluterguss an der Schläfe, der auf meiner damaligen Arbeit sämtliche Kollegen zur Überzeugung brachte, ich hätte mich wirklich schlimm mit irgendwelchen Leute geprügelt und mir ein Gespräch mit meiner Chefin einbrachte.

„Herr Giesemann, ich schätze Ihre Arbeit sehr, aber ich glaube Sie haben Probleme.“

Ziemlich dumm war auch, als ich zweitausendvier mit der Hand gegen die Wand boxte. Ein Glück war nichts gebrochen, aber die Hand war tagelang blau angelaufen und geschwollen.

Das ist eine Bilanz, die mich auf gewisse Weise stolz macht. Hey, immerhin bin ich am Leben. Ein bißchen Verlust ist immer. Und ich bin seit Jahren SEHR viel ruhiger geworden. Es ist schon echt lang nichts mehr kaputtgegangen. Bei Frust schreibe ich einfach politisch unkorrekte, hasserfüllte Rapsongs. Das ist vielleicht nicht gut für die Welt, aber besser für mich.

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3 Antworten auf „Destroy Everything. Zerstörung von Alltagsgegenständen.“


  1. 1 pille 26. Oktober 2011 um 9:40 Uhr

    Und ich hab gedacht das ich viel aus Wut zerstört hätte. Jetzt schäme ich mich fast für meine schwache Bilanz ;-) Und langsam werde ich auch alt, hab ich gemerkt… ist seit Monaten nichts mehr zu Bruch gegangen… Manche bezeichnen mich sogar mittlerweile als „ausgeglichen“ oder so.

  2. 2 hanni 27. Oktober 2011 um 20:01 Uhr

    ja, das ist der anfang von ende. aber das ist ein weg den wir alle irgendwann gehen müssen…:P

  3. 3 my syncope 25. November 2011 um 18:10 Uhr

    Nein, ich finde die Sache an sich nicht gut, aber ich finde deinen Weg gut, damit umzugehen. Du nimmst es mit Humor, versuchst es zu ändern.

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