Archiv für September 2011

Hanni´s Week Off TEIL 2.

Hanni´s Week Off Teil 1.

Noch viel mehr Quatsch.

wiedermal Quatsch: STUDIOREPORT

Diese Woche hab ich nix gehaltvolles geschrieben, weil ich damit beschäftigt war:

Altherrensommer.

Schon als Kind hatte ich dieses Gefühl. Ich besaß eine Hörspielkassette, in welcher der Protagonist gezwungen war, sein übervölkertes Heimatland zu verlassen. Und so segelt er los übers Meer. Und während der Erzähler dies berichtet, erklingt im Hintergrund eine sehr traurige Melodie.

Als meine Eltern noch verheiratet waren, lebten wir in unserem eigenen Haus. Es sollte dann später eine Art Hölle werden, aber wenigstens gehörte sie uns. Das Haus hatte mein Vater von seinen Eltern geerbt, ein vierstöckiger Gründerzeitbau mit großem Treppenhaus und Erker. Und ich saß als Kind manchmal in diesem Erker im dritten Stock, blickte die Strasse hinunter und betrachtete den Sonnenuntergang. Die Sonne ging immer genau am Ende der Straße unter. Und in meinem Kopf hörte ich währenddessen eben diese traurige Melodie.

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Der Sommer endet mit ein paar letzten wirklich warmen Tagen im September. So als wolle er uns noch einmal genau demonstrieren, was wir bald nicht mehr haben werden. Licht und Wärme und diesen Hauch Unbeschwertheit, der allem ein wenig (nur ein wenig aber immerhin) die Schwere nimmt. Die Amseln, die an langen hellen Abenden durch die Straßen schreien, werden bald verstummen, wir müssen unsere Jacken wieder rauskramen und irgendwann wird sich dieser spezifische Herbstgeruch überall durchsetzen. Dann gibt es noch ein paar schöne sonnige Oktobertage, an denen die bunten Blätter durch den Park leuchten, aber im großen und ganzen wird das Grau wieder überhand nehmen. All Hail The Grey Dawn. Nicht umsonst heißt ein mögliches Apokalypse-Szenario „The Grey Goo“ – Der Graue Schleim. Im Zuge dieser spezifischen Apokalypse geraten neuentwickelte Nano-Roboter außer Kontrolle, vermehren („replizieren“ ist ein besseres Wort hierfür) sich selbst und verwandeln alle Materie auf Erden in grauen Schleim. Genau wie der November.

Unzählige Lieder sind über das Ende des Sommers geschrieben worden – eines melancholischer als das andere. Zwei fallen mir auf Anhieb ein: „The Last Day Of Summer“ von The Cure ist eines davon. Das hörte ich Ende August 2004, nach sechs langen freien Urlaubswochen, unmittelbar am Tag vor Beginn meiner Ausbildung. Als Abschluß des Sommers saßen wir abends am Main und sahen uns das Abschlußfeuerwerk des Museumsuferfestes an. Und tatsächlich fing dann am nächsten Tag der Herbst an.

Das erste Jahr meiner Ausbildung absolvierte ich in Hochheim am Main, einem sagenhaft unspektakulären Kaff zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Man muß Hochheim aber zugute halten, daß es sehr schön liegt, auf einem Hügel oberhalb des Mains, die Hänge zum Fluß hin mit Weinbergen gesäumt und mit einem malerischen Ausblick auf Mainz und Wiesbaden. Die S-Bahn-Linie von Frankfurt führt sehr hübsch am Main entlang. All diese Eindrücke verstärkten den Eindruck des endenden Sommers noch mehr, mit einer schon tiefstehenden Sonne, die dieses leicht traurige Licht auf die Weinberge warf, so daß man trotz der noch vorhandenen Wärme den Winter schon nahen spürte.

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Ich lernte Thomas und Volker kennen, die, genau wie ich, Heilerziehungspfleger werden wollten. Thomas war ein Punker mit Iro, der jeden einzelnen Tag von Dillenburg im Westerwald nach Hochheim am Main mit der Bahn fuhr – also DREI Stunden allein für den Hinweg brauchte. Ich habe selten jemand kennengelernt, der verrückter war. Leider war er auch verrückt was die Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen betraf, insofern hielt unsere Freundschaft nicht über die Ausbildung hinaus – zu viele unterschiedliche Interessen. Über Thomas habe ich ich ja schonmal im Kapitel „Dillenburg“ geschrieben (da hab ich ihn „Andreas“ genannt, dies ist natürlich genausowenig wie „Thomas“ sein richtiger Name).

Volker war ein äußerlich völlig unscheinbarer Typ, er trug oft ein Jacket mit Lederflicken auf den Ärmeln, eine Brille und war dazu sehr dürr. Er war knapp über dreißig und nach einer Weile erzählte er uns, daß er mehrmals in der Klapse und in diversen Therapieeinrichtungen gewesen war, bevor er versuchte, in einer antroposophischen Einrichtung zu arbeiten – was aber wohl ziemlich schrecklich gewesen sein muß. Von dem ganzen Haufen, der da mit uns die Ausbildung begann und von dem JEDE/R einen Dachschaden hatte, war er der mit Abstand verrückteste. Daß er gleichzeitig aber so unglaublich angestrengt versuchte, um jeden Preis normal zu sein, machte ihn als Mensch sehr sehr anstrengend. Er gab sich immer betont interessiert an pädagogisch korrektem Handeln und ließ Sätze vom Stapel wie „Ja, da sind dann ja auch die sozialen Aspekte wichtig, oder?“

Ja, ne, sag bloß, die sozialen Aspekte sind wichtig. Das ist ja mal kreativ gedacht.

Nach dem Unterricht fuhren wir immer zu dritt mit dem Bus zum Bahnhof, von da aus mit der S-Bahn nach Frankfurt-Höchst. Von da aus fuhr Thomas noch zwei Stunden lang nach DIllenburg, ich mit der Straßenbahn bis ins Gallusviertel und Volker lebte in Höchst im Haus seiner Eltern in einem Zimmer unterm Dach. Irgendwann nahmen uns zwei Kollegen einfach nach dem Unterricht nach von Ho-CH-heim nach Ho-F-heim im Auto mit, von da aus war es ein wenig einfacher für uns, nach Hause zu kommen.

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Tobias fuhr immer diese Strecke mit seinem Auto und nahm noch Kilian mit, der bei ihm um die Ecke wohnte.

Er war ein stiller Typ mit Hornbrille, der zuvor eine Ausbildung als Bankkaufmann abgeschlossen hatte – was sowas von garnicht zu ihm passte. In seinem Auto lief immer Indiepop und bekifftes Downbeat-Zeugs. Er schnallte sich prinzipiell nicht an und rauchte in fast jeder Mittagspause schon die erste Ladung Gras gemeinsam mit Kilian (der war ein Ravertyp, der als Folge von übermäßigem Amphetaminkonsum schon Kreislaufprobleme hatte und Betablocker nehmen musste).

Manchmal machten wir auf dem Weg zum Hofheimer Bahnhof einen Umweg zu deren beider Grasdealerin, wo sie kurz einkauften. Eines Tages gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Ein kleiner VW, vollbesetzt mit einem Punker mit Iro (Thomas), einem dicken Typen mit langem Rauschebart und Glatze (mir), einem depressiven dürren Indietypen (Tobias) und dann noch Volker und Kilian, denen man beiden den Wahnsinn von weitem ansah. Und alle nicht angeschnallt.

Wir wurden kommentarlos durchgewunken. Glück.

Das erste Jahr meiner Ausbildung war ein Vollzeit-Schuljahr, und so verdiente ich NICHTS, musste jedoch Schulgeld bezahlen. BAFÖG bekam ich nicht, denn meine Eltern, beide verbeamtet, verdienten zuviel. Also benötigte ich Unterhalt von ihnen. Bei meiner Mutter war dies völlig problemlos. Mein Vater jedoch war damals noch in einer Phase, in der er meiner Mutter selbst den Unterhalt für meine Geschwister, die beide noch zur Schule gingen und zuhause wohnten, verweigerte. Das hatte er schon öfter getan, als auch ich noch bei meiner Mutter gelebt hatte und noch zur Schule gegangen war. Er zahlte einfach nicht, dann musste meine Mutter die Zahlungen mit ihrer Anwältin durchsetzen, dann zahlte er wieder nicht usw..

Und ICH befand mich in einer Phase, in der ich erstmals realisierte, was mein Erzeuger für eine Kacke gebaut hatte in seiner Rolle als Ehemann und Vater und daß die Probleme, die ich damals massiv mit mir selbst hatte, zum Teil darauf zurückgingen.

Nun brauchte ich aber Geld von ihm. Und da ich zu diesem Zeitpunkt schon drei ganze Jahre lang nicht mehr mit ihm geredet hatte, schrieb ich ihm einen Brief. Dieser Brief war nicht eben nett formuliert. Er war komplett in Kleinschreibung gehalten und soweit ich mich erinnere, drohte schon in diesem ersten Brief mit einem gerichtlichen Vorgehen, falls er die mir zustehende Summe nicht rausrücken würde. Es war wie „Ich weiß daß du meiner Mutter kein Geld gibst aber mit mir kannst du so eine Scheiße nicht abziehen.“

Natürlich antwortete nicht er, sondern sein Anwalt. Und es dauerte eine Weile bis ich an mein Geld kam. Glücklicherweise half mir meine Mutter mit Geld aus, das sie danach nichtmal wiederhaben wollte.

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Ein paar Jahre vorher lebte ich noch in Augsburg bei meiner Mutter und meinen Geschwistern. An einem Tag, auch Ende August, stritt ich mich sehr arg mit meiner Mutter. Ich weiß nur noch, daß der Grund für den Streit ziemlich belanglos war, aber damals war unser Zusammenleben nicht mehr ganz unkompliziert. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich schon zum ersten Mal die Schule abgebrochen und meine Mum war damals noch nicht ganz so locker, wie sie dann bei meinen Geschwistern wurden („Naja, ist halb so wild wenn du das Abi nicht schaffst, der Johannes ist ja auch nicht in der Gosse gelandet…“). Wahrscheinlich war ich damals auch nicht ganz einfach.

Jedenfalls dachte ich an diesem Tag ernsthaft darüber nach, von zu Hause auszuziehen, hatte aber keinerlei Ahnung, wie man so etwas anstellt. Ich hatte in meinem Leben noch keinen einzigen Tag gearbeitet und hatte nur eine verkrachte Gymnasiumslaufbahn vorzuweisen – hatte also noch NICHTS gelernt, was einem im alltäglichen Leben nützlich ist.

Doch erst einmal waren meine Geschwister und ich mit unserem Erzeuger verabredet. Damals redete ich noch mit ihm. Wir fuhren mit ihm zu seinem Waldgrundstück außerhalb Augsburgs, das er von seinen Eltern geerbt hat. Auf dem Weg dorthin machten wir in einem Supermarkt halt, um Sachen fürs Abendessen einzukaufen und ich sah Typen in meinem Alter Regale einräumen und überlegte, ob ich nicht einfach vierzig Stunden pro Woche solche Dinge machen sollte. Abends saß ich wieder in meinem Zimmer in der Wohnung meiner Mutter, betrachtete den Sonnenuntergang, hörte „Summer´s End“, einen sphärischen Song der finnischen Band Amorphis und war größtenteils ratlos.

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Auch der Winter hat seinen eigenen Geruch. Ich bin ja ein großer Fan von Weihnachtskitsch. Also von Dingen die bunt leuchten, glitzern und am besten noch blinken. Nicht diese geschmackvolle Öko-Strohsternkacke. Damit bringt ihr mich zum kotzen. Ich will mehr Lametta! Silbernes, goldenes, lilanes und grünes Lametta und bunte blinkende Lichterketten an Kunststoffweihnachtsbäumen. Hollywoodfilme in denen Weihnachten vorkommt, haben mich geprägt. Ich besitze einen kleinen Kunststoff-Weihnachtsbaum, der so sehr mit Lametta behängt ist, daß man nicht mal mehr seine Originalfarbe erkennen kann.

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An zwei aufeinanderfolgenden Jahren arbeitete ich an Weihnachten, damals noch in dem Wohnheim für psychisch Kranke. Wir organisierten eine Weihnachtsfeier für die Bewohner – nur einige wenige waren an Heiligabend bei ihren Familien. Ich ja auch nicht, aber das war mehr oder weniger meine freie Entscheidung. Diese Leute hatten einfach keine Familie mehr, das war der traurige Aspekt daran.

In den Tagen davor bin ich oft gegen elf Uhr abends vom Spätdienst heimgefahren, stand auf dem Bahnsteig in Frankfurt-Niederrad und blickte zu den Wohnblöcken am Mainufer rüber. Aus ganz vielen Fenstern blinkten diese kitschigen bunten Lichtdinger, die man ans Fenster hängen kann und es empfand es als den romantischsten Anblick, den man sich vorstellen kann.

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Genau wie den Anblick von frischem Schnee auf den Gleisanlagen, das Weiß, das durch die Dunkelheit eines Abends leuchtete, wenn die S-Bahn voller Polizisten und Fraport-Angestellten war, die wie ich von der Spätschicht nach Hause fuhren, mit ihren Uniformen und Namensschildern.

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An einem dieser Heiligabende war es dann vorbei mit der Romantik. Es war pisswarm und schüttete in Strömen, als ich nach meinem Spätdienst die Bergerstrasse herauflief, um mir irgendwo noch was zu Essen zu holen.

Am nächsten Tag hatte ich wieder Spätdienst und danach war ich mit Julle verabredet. Zwischen uns war damals irgendetwas, das man nicht als Verliebtheit, aber als ein deutlich über rein freundschaftliche Interessen herausgehendes Interesse aneinander bezeichnen könnte. Wir aßen gemeinsam zu Abend und dann ging sie nach Hause weil wir es nicht hinbekamen, irgendwas aus diesem Interesse zu entwickeln.

In der Wohnung meiner Eltern war in der Tür zum Wohnzimmer eine Mattglasscheibe eingebaut gewesen, so daß man zwar Licht und Schemen von drinnen wahrnehmen, aber keine Details erkennen konnte. Der Weihnachtsbaum war damals von meinen Eltern so aufgestellt worden, daß der goldene Schein der Lichter am Baum durch dieses Mattglas fiel und man von außen eben nur eine Art Gleißen sehen konnte. Einmal an Weihnachten machte mir meine Mutter klar, daß ich noch ein wenig warten müsse bis zur Bescherung, da das Christkind noch drinnen zugange war. Und tatsächlich sah ich das Christkind durch das Glas, eben ein goldenes Gleißen, wie sollte das Christkind auch anders aussehen?