Archiv für August 2011

Grindcore und DIE INTEGRATION DER SCHÖNEN WORTE

Freitagabends mache ich meistens erstmal nichts. Ich komme gegen sechs Uhr von der Arbeit zurück, esse etwas und falle dann ins Bett. An diesem Freitag ist es immerhin noch fünf Uhr, aber einen großen Unterschied macht das nicht, als Michi anruft.
„Hey, heute ist Konzert im Exzess, kommste mit?“
„Äh….mh…..naja….ich geh jetzt erstmal ins Bett….“
„Wie?! Du gehst JETZT ins Bett?!“
„Jaaa….ich bin MÜDE!“

Meistens wache ich dann gegen zehn wieder auf und dann ist nichts mit mir anzufangen, ich hänge vor dem PC rum und gehe dann gegen zwei wieder ins Bett. Nicht so heute. Ich bin gegen halb neun wach. Kaffee hilft und so schaffe ich es immerhin, mir die Zähne zu putzen.

Dann bittet mich noch eine Bekannte, die fünfzig Meter weiter wohnt, ihr meinen Schirm auszuborgen, und da ich mir dafür eh mehr anziehen muß als die Boxershorts, die ich grade anhabe, kann ich dann auch gleich mit ihr zusammen das Haus Richtung U-Bahn verlassen. Sie geht dann aufs verkackte (oder an diesem Abend wohl eher VERPISSTE – es regnet – ) Museumsuferfest und wird dann irgendwo in Sachsenhausen in irgendeiner Eintracht-Ultras-Kneipe abstürzen. Ich fahre weiter nach Bockenheim, ins Exzess. Konzertbeginn ist laut Internet einundzwanzig Uhr, doch der szenekundige Besucher weiß, daß hier vor elf keine Band jemals anfangen wird zu spielen. Außer NOMEANSNO, die ohne Support zwei Stunden durchgespielt haben und beinahe PÜNKTLICH angefangen haben – wodurch nicht nur ich die erste Viertelstunde ihres Sets verpasst habe. Aber das sind ja alte Herren, die zeitig zu Bett gehen müssen.

exz

Ich bin um viertel nach Zehn da, und sonst niemand den ich kenne. Na supi. Ich bin auch nicht in der Stimmung, mich mit irgendwelchen Leuten anzufreunden und so hänge ich im noch leeren Konzertraum des Exzess ab, einem muffigen Kellergewölbe, in das jemand eine Anlage gestellt hat. Ist übrigens ein grandioser Ort für Konzerte. Vor allem da die Shows dort immer schön LAUT sind.

Michi wollte mit ihren Cousinen auftauchen, was ehrlich gesagt auch ein zusätzlicher Grund für mich war, aus dem Haus zu gehen – weibliche Gesellschaft und so. Nein, ich meine damit jetzt nicht gleich die Jagd nach Gesellschaft für mein Bett (oder für meinen Fußboden uh YEAH), aber gegen die Gesellschaft unhäßlicher weiblicher Wesen ist doch nichts zu sagen, oder? Ich meine, hübsche Frauen und Grindcore an einem Ort – was gibt es besseres?

Aber die kommen erst, als ich da schon ne halbe Stunde rumgehangen bin. Die Vorband ist nicht der Rede wert, doch dann spielen DOGSONLYLIFE aus L.A. und….ja. Die Amis, näch? Man kann sagen, daß US-Bands, die die Motivation haben, in Europa zu touren und damit eher noch Kohle verlieren anstatt auch nur ihre Unkosten reinzukriegen – also (Satzbau unterbrochen) diese Bands sind dann auch gut. Und so gibt es eine eine dreiviertel Stunde Headbanging, Grind-Sludge-irgendwas auf die Fresse und dann hat sich das Kommen auch schon gelohnt.

nacht

Danach wollen wir ins Klapperfeld und begeben uns zur U-Bahn. Es ist schon kurz vor ein Uhr nachts, da telefoniert James dann mit Paul, der ein paar Straßen weiter wohnt und der ankündigt, er werde sich zu uns gesellen. Wir warten also ziemlich punkermäßig vor dem Eingang des Woolworth in Bockenheim. Und warten und warten. Dann kommt Paul endlich, wir wollen weiterziehen und da eröffnet er uns „Äh, ich komm doch garnicht mit.“

„Wie, wir warten hier eine halbe Stunde auf dich und dann kommst du nicht mit?“
„Äh….naja, ich wollte nur Hallo sagen…“

Es endet damit, daß wir alle in Pauls WG einfallen.

wg

„Aber ihr seid leise, meine Mitbewohnerin muß schlafen!“
Klar sind wir still, wir sind ja nur acht zum Großteil alkoholisierte Leute. Die bemerkt man kaum, vor allem nicht nachts in einer kleinen Wohnung.
„Und wer mein Essen anfasst, den töte ich! Ich hab nämlich grade gekocht!“
Schnitt.
„Mh voll lecker! Paul, du kannst echt voll gut kochen. Wo habt ihr hier Teller? Ihr müsst das alle mal probieren!“
Paul kann bemerkenswert böse gucken.

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Dr. Sokrates Pollmann (Der heisst nicht wirklich, aber fast GENAU so) ist ganz geil drauf, meine Weisheitszähne rauszumachen. Nachdem er ein Röntgenbild meines Mundes gemacht hat, erklärt er mir, daß die eben die anderen Zähne zusammendrücken und sich dadurch in den engen Zwischenräumen der Zähne Karies ansammelt.
„Sollen wir gleich einen Termin machen?“
„Äh…mh….eh….ich würd mich dann nochmal melden….“
„Keine Lust?“
NA KLAR KEINE LUST, ALTER!
„Sollen wirs jetzt gleich machen?“
„NEIN!“

zahn

Dazu muß man wissen, daß ich im zarten Alter von etwa vierzehn Jahren einige Male beim Zahnarzt war – schon da hatte ich beeindruckend viele zu füllende Stellen im Mund. Das war da irgendwie so scheiße, daß ich dann erstmal gute zehn Jahre nicht mehr hingegangen bin. Das war auch die Jugendzeit, in der einem alles egal ist, weil man eh nicht an Tod oder gar Vergänglichkeit der Zähne denkt.

Dann ging ich mit Anfang zwanzig in Frankfurt irgendwann hin, weil es nicht anders GING und bekam sofort fünf Termine – von denen ich einen einzigen wahrnahm und die restlichen absagte. Und dann war wieder einige Jahre Funkstille zwischen mir und Zahnärzten. Ich ging nur hin, wenn es GARNICHT anders ging. Zum Beispiel um einen entzündeten Weisheitszahn rausnehmen zu lassen, was nicht sooo der Spaß war. Zitat des ausführenden Kiefernchirurgen: „Herr Giesemann, sie sind ja wie ein kleines Mädchen!“

Dann fing ich irgendwann an, wieder regelmäßiger dort aufzutauchen und irgendwann merkte ich, daß Zahnarztbesuche zwar unangenehm, aber nicht soooo die Hölle sind. Na gut, die drei Wurzelbehandlungen, die ich bisher hatte, kann ich nur schwerlich weiterempfehlen, aber auch dies hab ich überlebt.

Ich habe dann in Frankfurt einen Zahnarzt gefunden, der mir sympathisch war. Ein Alt-68er, der in seiner Praxis Fotos von seiner wilden Zeit hängen hat und wahrscheinlich schon krasseren Freaks als mir die Zähne aufgebohrt hat.

„Ich wollte Ihnen nur noch vorher sagen, ich bin etwas phobisch, was Zahnärzte angeht…“
„Ach, das geht in Ordnung, ich auch.“

Leider musste ich bei ihm immer EWIG warten – selbst mit Termin. Und einmal war ich wegen akuter Schmerzen da und habe VIER Stunden gewartet. Und da ich tagsüber arbeite, war ich oft abends der letzte Patient und irgendwie glaube ich, er hat da nicht mehr soooo den Nerv.

Einmal meinte er zu seiner Zahnarzthelferin-Praktikantin:
„Also, wenn Du dir DAS ansiehst – ein normaler Mensch hätte da längst Schmerzen. Herr Giesemann, tut das nicht weh?“
„Nein.“

Dafür wirkt bei mir keine Betäubung richtig und ich habe schon Schmerzen, wenn der Zahnarzt nur einen BLICK in meinen Mund reinwirft.

„Herr Giesemann, das kann nicht sein, ich hab Ihnen schon das starke Zeug gegeben….und sie sagen es tut immer noch weh?!“
JAAAAAA!

Lustig waren auch die Selbstgespräche, die er während der Behandlung immer führte.
„Mhmmmm. Ahja. Hm. Tja….das sieht ja nicht so gut aus. Oh. Mhm. Verdammt. Oh Mist, jetzt blutet des da rein. Ach Mist.“

Und ich saß da und konnte nur die Augen verdrehen und mir denken KLAPPE ZU! ICH WILLS NICHT WISSEN!!!!!

Und eines Tages hatte er Urlaub und ich musste zu Sokrates gehen. Da war ich ohne Termin und kam nach einer Viertelstunde schon dran, was ziemlich gut war. Die Betäubung wirkte und die Behandlung verlief ganz gut. Aber Sokrates ist mir unsympathisch, so ein junger Erfolgstyp mit trainierten Oberarmen. Das Gegenteil von Typen wie mir. In der Praxis hängen Bilder von Helmut Newton und alles ist so dezent arty farty. Ich wollte schreiben „so ein bißchen schwul kulturell bla“, aber das soll nicht homophob rüberkommen. Sokrates und sein Partner wirken eben wie das Klischee zweier schwuler, FDP-wählender Yuppies. Und alle in dieser Praxis sind so freundlich und serviceorientiert. Das macht mich mißtrauisch. Da war mir der andere knurrige alte Typ lieber. Sokrates empfahl mir auch gleich eine Zahnzusatzversicherung und meinte, ich benötige diverse Kronen und so Zeug. Ich kann keine einzige bezahlen. Ich glaube er will meine Kohle. Wir werden sehen wie das weitergeht. Vielleicht sollte ich einfach an die Uniklinik gehen und mir die Zähne von Studenten machen lassen.

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An einem Mittwoch Anfang August spielen Cannabis Corpse in Frankfurt. Ja, NICHT CANNIBAL sondern CANNABIS Corpse. Die kommen auch aus Amiland, klingen wie Cannibal Corpse, nur während es bei den legendären, indizierten, DeathMetal-Göttern aus New York nur um Blutvergießen und Gemetzel geht, handeln die Texte ihrer Epigonen Cannabis Corpse von Blutvergießen, Gemetzel und Kiffen.
„Hello Frankfurt. How´s the weater report? We expect three Meters of Bongwater tonight. So next song is called MUMMIFIIIIIIEEEED BYYYY BONGWATERRRRRR!“

Cannabis Corpse haben keine Vorband, was sehr angenehm ist, dann kann man sich voll und ganz auf den Hauptact konzentrieren. Sie spielen in einem kleinen Laden vor ungefähr dreissig zahlenden Gästen, alle mindestens Ende zwanzig und die meisten langhaarig und bärtig. Und sie sind GUT. Lässt man mal die Rauschmittelverherrlichung außen vor, die bei ihnen einfach ein sehr alberner Witz ist, bleibt monotoner (und das meine ich positiv!) grunziger Deathmetal. Ich lasse eine Stunde die nicht vorhandenen Haare kreisen.

Danach sitzen wir noch fast zwei Stunden vor der Kneipe am Bordstein und labern über Metal und Gott und Satan und die Welt.

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Dann brechen wir auf zum Nachtbus und unterwegs entdecken wir eine Eckkneipe, die noch geöffnet hat, „Susi´s Eck“. Und gehen da rein. Drinnen steht DAS Publikum, was um diese Zeit unter der Woche halt noch in der Kneipe ist und NICHT studiert. Und wir. Susi herself begrüßt uns auch gleich sehr freundlich, eine untersetzte Mittfünfzigerin, die garnicht unsympathisch ist, so der Muttertyp eben.

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Der Witz ist, daß es in Susi´s Eck richtig entspannt und gemütlich ist. Eigentlich sind wir ja nur aus Spaß an der Absurdität hier gelandet, aber es ist echt locker. Irgendeine Classic-Rock-Compilation läuft, die Leute rauchen, trinken ihr Bier und chillen. Irgendwann gegen zwei Uhr morgens schließt Susi die Tür ab, da klopfen plötzlich noch drei türkische Herren um die vierzig, fünfzig, die auch dann auch noch da rumhängen, saufen und an dem Spielautomaten hängen.

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Sommerfest im Wohnheim. Bedeutet erstmal: Arbeit. Aufbauen, Eltern Hallo sagen usw., mit Bewohnern durchs Gedränge wuseln, Abbauen und Singen. Singen?

Jaaa, in dem dörflichen, ausgelagerten Stadtteil, in welchem ich arbeite, gibt es ein paar Leute, die spielen gern irgendwelche Evergreens auf den Partys und Festen des Ortes. Also auch im Wohnheim und auch bei unserem Sommerfest. Und da ihre Sängerin nicht konnte, fragten sie an, ob nicht jemand vom Personal das machen wollte. Meine Kolleginnen wollten und so gab es Gruppenzwang. Und so steht das ganze Team der hauseigenen Tagesstruktur-Einrichtung auf der Bühne und darf Trällern. Es darf NIE rauskommen, daß ich auf einer Bühne „Junimond“, „Ein Kompliment“ und „I Will Survive“ wiedergegeben habe. Das wird meine gesamte Karriere und meinen Ruf FÜR IMMER ruinieren!

Das nächste Mal lassen wir die Bewohner einfach selbst singen. Das wäre der Real Deal.

Außerdem bin ich eh der Meinung, daß viele unserer Bewohner super wären als Rockstars. Zum Beispiel O., unser tauber Autist. Krach macht ihm nichts aus, das ist schonmal eine gute Vorraussetzung. Er geht hin, wo er hinwill, er isst und trinkt was er sieht und erreichen kann (Kaffee, Desinfektionsmittel), er onaniert wann und wo er will und es macht ihm auch nichts aus, ob er sich dabei Kacke vom Unterleib ins Gesicht schmiert. G.G. Allin, nur in echt.

Ach, das klingt jetzt wieder so negativ. Ich mag den Typ ECHT, der ist super und es wäre viel besser wenn ER berühmt wäre und nicht so ein alberner Junkie wie G.G. Allin, der so tut, als wäre irre.

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In krassen Gegensatz zu solchen lustigen Unternehmungen steht die Arbeitswoche. Da ist wenig Platz für Muse und Kultur. Morgens wird aufgestanden, dann gearbeitet und dann kommt man abends nach Hause und hat wenig Energie, z.B. noch in dieses Blog zu schreiben.

Und oft in letzter Zeit befällt mich angesichts meiner Arbeit Wut auf das System. Ob man es will oder nicht, wir sind alle eine Gemeinschaft. Ob in Frankfurt, Deutschland oder letzten Endes der gesamte Erdball. Und ob ich es will oder nicht, ich sitze mit jedem FDP-Wähler in einem Boot und wir müssen irgendwie miteinander klarkommen.

Der Banker im Anzug, der morgens in der S-Bahn neben mir sitzt ist genauso mein Nächster, wie der Junkie, der sich zur selben Zeit auf der Treppe vorm Hauptbahnhof die letzten Gehirnzellen durch die Crackpfeife bläst. Zu sagen „ich verkehre nur in meiner kleinen linken Punkrockwelt“ ist völliger Quatsch. Ist vielleicht hilfreich für die Freizeit, um abzuschalten, aber letzten Endes ist dies nicht die Realität. Klar umgebe auch ich mich vor allem mit Leuten, die leben und denken wie ich. Sonst würde ich ja durchdrehen. Aber letzten Endes gehören auch Leute dazu, die ich jetzt nicht unbedingt mag.

Und so eben auch die Leute, die ich auf der Arbeit betreue. Schwerst- und Mehrfachbehinderte. Aber während diese Gemeinschaft für jeden Schwachsinn Geld ausgibt, bleiben für diese Menschen oft nur schöne Worte übrig.

Klar ist die Situation diesbezüglich bei uns VIEL VIEL besser als anderswo und auch VIEL VIEL besser als früher. Aber wir könnten viel weiter sein.

In dieser Zeit geht es oft um „EIGENVERANTWORTUNG“. Dieser eigentlich positiv besetzte Begriff, der im Grund emanzipatorisch geprägt ist, wurde in den letzten Jahren von den neoliberalen (wieder so ein Wort: Was ist an Ausbeutung „liberal“?!) Arschgeigen umbesetzt und bedeutet heute:

„Wenn es dir scheiße geht ist das dein Problem. Wir nehmen zwar gerne von dir, solange alles gut ist, aber wenn du ein Problem hast sind wir raus. Aber wir nennen das mal Eigenverantwortung, weil das so schön nach Freiheit klingt. Obwohl in dieser Welt deine Freiheit nicht existent ist, wenn du keine Kohle hast.“

Und so wurden viele weitere schöne Begriffe vor allem in die Arbeit mit Menschen mit Behinderung eingebracht. „Integration“ und „Inklusion“, „Empowerment“ und „Selbstbestimmung“. Man sagt nicht mehr „Behinderter“, man sagt „Mensch mit Behinderung“ oder „Mensch mit Einschränkung“.

Nichts gegen neue Begriffe, die diesen Menschen das abwertende Stigma des Kranken nehmen. ABER. In der Praxis nutzt das garnichts. Den Menschen, die ich betreue ist das scheißegal. Deren Selbstbestimmung, ihre Integration oder gar Inklusion würde gefördert werden, wenn ich Zeit hätte, mal mit einem Bewohner zum Rewe zu gehen, damit er sich das kaufen kann was er will. Selbstständig, selbst aussuchen, selbst bezahlen.

Aber ich habe dafür auf der Arbeit oft keine Zeit, weil wir nicht genug Personal haben, das sich in dieser Zeit um die anderen Bewohner des Wohnheims kümmert. Dafür müsste die Gesellschaft tatsächlich etwas TUN und mehr Geld investieren. Das will aber fast keiner. Da könnte man jetzt ehrlich sein und sagen „Ja, tut uns leid, aber Behinderte sind uns eben nicht so viel wert wie überhöhte Gehälter oder Steuersenkungen für Besserverdienende.“

Das wäre immer noch nicht nett, aber zumindest ehrlich.

ABER wir sind ja so eine NETTE Gesellschaft, deshalb tarnen wir diesen Umstand, indem wir uns supitolle neue Begriffe ausdenken, die vorgeben, uns würde die Selbstbestimmung und die Integration der Menschen mit Behinderung wirklich sehr am Herz liegen.

Integration, Inklusion, Selbstbestimmung. Mag alles positiv sein, ist leider nur NICHTS wert ohne Personal, welches genug Kapazitäten hat, dies umzusetzen. Und damit sind diese Begriffe nichts weiter als Heuchelei, die mich nur wütend macht.

Ich nenne das „Die Integration der schönen Worte“.

Ich arbeite überwiegend mit Menschen zusammen, die echt engagiert sind. Das sind keine ausgebrannten Pflegekräfte, denen alles egal. Die sind nicht abgestumpft. Die sind motiviert, obwohl einige von ihnen als diplomierte Sozialarbeiter auf Erzieherstellen arbeiten und dementsprechend Gehalt UNTER ihrer Qualifikation bekommen (obwohl sich die Arbeitgeber in diese Fällen gern damit schmücken, hochqualifizierte Kräfte zu beschäftigen).

ABER wie sollen wir unseren pädagogischen Förderauftrag durchsetzen, wenn in dem Moment, in dem ich mit Hr. X. zum Rewe gehen will, zwei andere Bewohner Stuhlgang haben und ich damit erstmal vierzig Minuten beschäftigt bin? Und niemand da ist, der an meiner Stelle mit Hr. X. zum Rewe geht weil die restlichen Kollegen damit beschäftigt sind Entwicklungsberichte zu schreiben oder eben ein paar andere Bewohner zu beaufsichtigen, die halt leider den WC-Reiniger trinken, wenn niemand aufpasst?

Liebe Sozialpolitiker. Wenn ihr irgendwas für uns tun wollt: Eure tollen neuen Begriffe sind schön und gut – aber gebt uns mehr Geld für mehr Personal. Das würde helfen.

Ansonsten geht und habt Geschlechtsverkehr mit euren Eltern.

||||MoooN|||| – LOOKS LIKE WE´RE IN FOR SOME NASTY WEATHER

Logbuch.

||||MoooN|||| – CLOZAPIN

Zur Zeit erlebe ich irgendwie nicht genug um drüber schreiben zu können. Drum mache ich lieber nach Feierabend Krach und nehme mich dabei auf.

||||MoooN|||| – SPACE JUNK BLUES

||||MoooN|||| – OSZILLATOR

||||MoooN||||

Zur Zeit beschäftige ich mich wieder mehr mit Musik. Das hier ist eine Live-Aufnahme aus meiner Wohnung, vielleicht werde ich so auch mal auftreten.

Rhinitis ist ein primäres weibliches Geschlechtsorgan. ALTAA!

Die Woche endet mit einem Spontanbesuch bei Fiona und Julia. Beide sind einigermaßen übernächtigt – ich selbst habe aber auch nicht besonders viel geschlafen, zudem tut mir der Nacken weh, denn in der Stammlokalität lief am Abend vorher METAL. Also so METAL-Metal, Judas Priest und Cannibal Corpse und so. Da kann man den Kopf nicht ruhig halten. Und so liegen wir erst vor Fionas Fernseher rum, bis sie auf die Idee kommt, was zu kochen. GUTE Idee! Aber erstmal darf ich Fotos aus Japan ansehen, z.B. von einem Mumin-Café.
„Jo, kuck mal, da sitzt ein Mumin am Tisch! Und schau, da sieht es so aus als würde der Kellner gerade eine Bestellung von dem Mumin aufnehmen! Jo, schau doch mal! MUMINS!“

kueche

Dann krieg ich leckere Reispampe zu essen, ohne einen Finger dabei zu rühren (dafür, das sei zu meiner Ehrenrettung erwähnt, spüle ich danach aber auch ab). Fiona verlangt dann auch, daß ich mit Stäbchen esse. Wie ist eigentlich so die Situation in Bezug auf die Epidemiologie von Adipositas in Japan? Würde mich nicht wundern, wenn das da nicht so das Problem wäre. Weil es dauert ECHT LANGE, irgendwas mit Stäbchen zu essen. Ich kriege es GARNICHT hin und greife schließlich zur Gabel. Fett werden mit Ess-Stäbchen erscheint mir echt als unmöglich.

„Jo, ich hab dir Ess-Stäbchen aus Japan mitgebracht. Du isst ab jetzt alles mit Stäbchen und lernst das gefälligst.“
„Äh. Auch mein Frühstücksmüsli?“
„Ja!“.

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Die Nacht auf Montag ist geprägt von echt komischen Träumen. Und passenderweise wache ich am nächsten Morgen total erkältet auf. Im Sommer! Was soll das denn?!

Immerhin ist nun die Chance gekommen, mein schlechtes Karma vom letzten Mal, als ich mich schwächlicherweise krankgemeldet habe, auszugleichen. Und so gehts los auf die Arbeit und durch den langen Tag. Ist wie immer mit laufender Nase und konstantem „Ich-könnte-jetzt-sooo-pennen“-Gefühl kein Spaß, vor allem weil es auf der Arbeit an diesem Montag irgendwie echt stressig ist. Aber ich überlebe den Tag. Zusätzlich wird es nach dem verregneten Wochenende richtig schwül-warm gegen Mittag und auf dem Heimweh drückt zusätzlich zum Schleim auch noch die Luftfeuchtigkeit auf mein Hirn.

Ich gehe tatsächlich noch in die Kirche, wo es schön kühl ist, und werde belohnt mit einer Messe, bei welcher der sie abhaltende Geistliche tatsächlich ein echt guter Performer ist. Er ist so charismatisch und bringt das, was er sagen will, so gut rüber, daß es mir beinahe Angst macht. Ein Glück daß er für eine vergleichsweise harmlose Organisation arbeitet und nicht für Scientology.

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DIE haben doch tatsächlich ein paar Räumlichkeiten direkt in der Frankfurter Innenstadt gemietet, direkt an der Hauptwache, wo ihr Tocherunternehmen, die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM)“ eine Ausstellung über die Schrecken der Psychiatrie in Deutschland betreibt. Vor der Tür verteilen die Arschgeigen Flyer und wenn man es WEISS und danach sucht, findet man ganz unten links auf den Flyern, ganz klein gedruckt die Beschriftung „Scientology Kirche“.

Daß die Psychiatrie sich im Laufe ihrer Geschichte nicht immer mit Ruhm besudelt hat, ist ja mal unbestritten. Spätestens seit der Antipsychiatriebewegung in den 70ern hat sich das aber ziemlich stark gebessert. In Italien wurden damals sogar ALLE psychiatrischen Einrichtung aufgelößt. Das wissen die wenigsten Menschen meiner Generation. Verletzung von Menschenrechten gibt es überall. Priester vergewaltigen Kinder, Polizisten hauen unschuldigen Demonstranten auf die Fresse, selbsternannte Ghettokids verprügeln Schwule und Rentner, die Welt ist schlecht. Und klar gibt es Psychiater und Krankenpfleger in geschlossenen Einrichtungen, die in hohem Bogen da rausgeschmissen gehören.

Aber es gibt da VIELE Leute, und zwar Leute wie MICH, die da arbeiten und jeden Tag wirklich wertvolle Arbeit machen und Menschen helfen, die sich sonst vor den Zug werfen würden.

Diesen Menschen (zu denen übrigens JEDER von uns irgendwann einmal gehören kann) Angst zu machen und sie somit daran zu hindern, sich Hilfe zu suchen, ist einfach die letzte Scheiße vor dem Herrn.

Und vor allem, liebe Scientologen, wisst ihr was? Ihr redet von Menschenrechten?! Wollt ihr mich verarschen?! Das einzige was mich noch wütender macht, als der Versuch, hilflose Menschen für faschistoide Sekten zu gewinnen, ist, dasselbe mit einem solch schamlosen Maß an Doppelmoral und Heuchelei zu betreiben.

Leider ist die „Ausstellung“ schon geschlossen worden. Das nächste Mal nehmen wir die Guy Fawkes-Maske mit. We do not forgive. We do not forget. Und so. Verpisst euch aus meiner Stadt!

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Meine Erkältung zieht sich. Am Dienstag hagelt es noch mehr Krankmeldungen auf der Arbeit und so nehme ich mir umso mehr vor, die Woche durchzuhalten. Am Montag abend jammere ich eine Bekannte im Facebook voll, die verlangt dann „Lad wenigstens ein Bild hoch, auf dem du richtig leidend aussiehst“. Gesagt getan. Ich sehe wirklich schön krank drauf aus, verschwitzt, leidender Hundeblick.

Und so kommt es, daß meine Teilzeit-Kollegin, die Montags und Dienstags immer frei hat, Dienstagmittags (als ich tatsächlich schon auf dem Weg der Besserung und recht guter Dinge bin) auf der Arbeit bei meiner Chefin anruft und ganz aufgeregt meint „Oh je, ich hab im Facebook gesehen, der Johannes ist total krank, der kommt bestimmt nicht mehr die ganze Woche….soll ich heute kommen? Und wie machen wir das am Donnerstag, wenn die anderen auch nicht da sind?!“.

Worauf meine Chefin den Hörer weglegt und meint „Äh Johannes? Alles okay bei dir?“
„Bißchen erkältet aber ansonsten gut, ja, wieso?“
„Och nix.“

kraaaank

Wir lernen: Keine Witze über die eigene Gesundheit in sozialen Netzwerken machen, wenn Kollegen nicht eingeweiht sind.

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Mittwochabends besucht mich die Elektrakomplex-Kollegin Magdalena. Die hat die letzten drei Wochen damit verbracht, alleine durch Schottland zu wandern und vermisst das nun total. Wie so oft hat sie einen etwas manischen Blick. Sie ist durch das lange Wandern durch die Natur nun voll auf dem Hippie-Trip und borgt sich meine Akustikgitarre, um Cat Stevens-Songs zu lernen. MEINE ARME GITARRE!!!!!

Nach ihrem Besuch schraube ich noch ein wenig an Vocals rum, die sie vor einer Weile aufgenommen hat, und schon ist ein neuer Elektrakomplex-Track fertig.

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Und weil ich grade dabei bin, mache ich noch einen Todesstern-Track mit dem Thema „Erkältung“ und nehme ein albernes Video auf.

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Und so vergeht die Woche irgendwie. Ich verpasse meinen Zahnarzttermin, aus Versehen oder eben unterbewusst gewollt und fühle mich dann schlecht, weil Termine-verpassen irgendwie blöd rüberkommt. Verpeilt sein ist uncool. Dabei war ich mir FAST sicher, daß der am Donnerstag war. Und nicht, wie es in meinem Kalender steht, Dienstags. Aber da hab ich nicht reingeschaut, wozu auch, ich war mir ja FAST sicher.

Freitags falle ich dann um neun Uhr abends ins Bett und schlafe bis neun Uhr morgens am nächsten Tag durch. Dann ist die Erkältung auch FAST weg, bis auf den nervigen Husten. Am Samstag geht dann erstmal garnix. Schreiben? Musikmachen? Keine Energie, keine Inspiration, kein Nix.

Abends dann Homies treffen. Treffpunkt ist Konsti, dann wollen die in irgendeine Kneipe. Weil ich trödele, komme ich nach. Als ich an der Konsti bin und Dani anrufe, wo denn diese Kneipe ist, erfahre ich, daß ich nach Sachsenhausen muss. Oah. Für Nicht-Frankfurter: Alt-Sachsenhausen ist das lokale Ballermannviertel. Ein abolut ekelhafter Un-Ort voller Jungesellenabschieden und Kneipen, in denen IM BESTEN FALLE die Onkelz laufen. Nach jedem Eintrach-Heimspiel ist dieser Ort überlaufen. Und ich habe auch noch mein Hawaiihemd an….oah…..ich sehe aus als würde ich dort hingehören. Scheiße.

sax

„Ja, du musst an tausend Junggesellenabschieden vorbei, hier in der Kneipe ist aber keiner, keine Angst.“

Ich HASSE Alt-Sachsenhausen. Im Bus dorthin steht neben mir ein sehr übergewichtiger Typ mit Netto-Billig-Turnschuhen, Halbglatze, Brille und einem schwarzen Shirt mit einem Tribal drauf und darunter in Gothic-Buchstaben die Aufschrift „Wild Thing“…Sorry, man soll Leute nicht nach dem Aussehen beurteilen, vielleicht ist er ein treusorgender Familienvater – und fett war ich ja auch mal und kann es jederzeit wieder werden – aber er sieht eben aus wie das Ich-bin-ein-verklemmter-Spießer-aber-Samstags-fahre-ich-nach-Sachsenhausen-und-lange-besoffen-Frauen-an-den-Hintern-Klischee.

Ich zwänge mich an den wirklich unzähligen Junggesellen(/innen-)abschieden vorbei und erreiche eine gar mittelalterlich anmutende….(Rock-?) Kneipe?

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Die Homies sitzen in einem separaten Raum wo sich auch ein paar Typen in Lack und Leder herumdrücken. Typen, die aussehen wie normale Bürohengste, die eben Hemd und Krwatte gegen Latexoberteile, Netzärmel und Lackhosen getauscht haben. Und einer sitzt mit verbundenen Augen auf einem Stuhl und ich hoffe, daß das hier nicht irgendeine peinliche, klischeehafte Fetisch-SM-Aktion ist. NEIN, ich erfahre, daß dies der Stammtisch „schwarzes Rhein-Main“ ist und die hier grade einen JUNGGESELLENABSCHIED machen und gleich eine Stripperin kommt. UAH!

Wenn das ein Gruftie-Stammtisch ist – wo sind die leichtbekleideten Gothic-Chicks? Also meiner Meinung nach ist der einzige Grund, Goth zu sein, an genau DIE ranzukommen. Aber ich glaube ich verstehe das einfach nicht genug.

Im Hintergrund läuft laut Rammstein und ASP, und ASP ist ja nun wirklich der hinterletzte Schlagermist. Rammstein sind lustige, nette Popmucke, aber man muß sich da auch nicht ein ganzes Album geben (den Klassiker, das Debüt „Herzeleid“, mal ausgenommen).

Und dann kommt die Stripperin. Achtziger-Jahre-Klischeerock ertönt und dann ist da eine Dame, die wohl auch schon in den achtzigern diesen Job gemacht hat – blonde Dauerwelle, Strapse, Fuck-me-Boots, die über die Knie gehen und Silikontitten. Daß ich das Wort „Titten“ benutze soll deutlich machen, daß es in diesem Zusammenhang nicht um „Brüste“ geht sondern eben um TITTÖÖÖÖN. Achja, und ein starrer Koks-Blick.

Die tanzt dann da so rum vor dem Typ, der auf einem Stuhl sitzt. Die Augenbinde nimmt sie ihm am Anfang ab (Pech für ihn) und nun findet diese Auszieh-Sache statt, mit Sahne-auf-den-Popo-sprüh-Action und Eiswürfel und all dem Quatsch.

Dann ist es irgendwann (zum Glück) vorbei und sie verabschiedet sich mit „viel Spaß, feiert noch schön, Jungs!“ ins Hinterzimmer.

Nachdem dann zum dritten Mal „Ich Will Brennen“ von ASP durchgelaufen ist, beschließen wir, aufzubrechen.

Und dann kommt der Typ, den die Stripperin umtanzt hat, mit einem Äppler-Bembel zu uns, meint, wir hätten ja auch was von der Show gehabt und ob wir nicht was dazugeben wollen.

„Alter, du müsstest UNS was geben, wenn schon….“

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Dani und Toto müssen unbedingt noch Currywurst und Pommes essen, Michi muß noch pinkeln. Dann schaffen wir es irgendwann, aus Sachsenhausen rauszukommen und fallen in der Stammlokalität ein, wo Samstags immer Metal oder ähnliches Geschrei läuft.

Gegen vier Uhr nachts wanke ich verschwitzt und mit schmerzendem Nacken nach draußen und laufe zum Nachtbus. In selbigem falle ich auf einen Sitz und schlafe fast ein.

street

Eine Dame setzt sich neben mich und nickt mir freundlich zu. Der Bus fährt schließlich los, da bietet sie mir einen Kaugummi an. Ich lehne freundlich mit dem Hinweis auf zahllose lockere Zahnfüllungen ab. Und biete ihr im Gegenzug was schleimlösendes an, was ich noch in der Tasche habe.

„Neee du…danke, haha. Aber die Kaugummis sind echt lecker, Waldfrucht.“
„Ja, aber geht echt nicht.“
„Ja, wenn du was mit den Zähnen hast is es scheiße.“
„Ich war lange nicht beim Zahnarzt.“
„Oh. dann solltest du hingehen. Es wird nicht besser.“
„Jajaja ich weiß doch. Aber manchmal denk ich, die finden eh immer was. Jedesmal wenn ich hingehe, krieg ich gleich sechs Termine oder so. Und wenn ich dann das nächste Mal hingehe, findet er was neues, was ganz dringend gemacht werden muß und so geht das immer weiter….vermutlich bis in alle Ewigkeit.“
„Manche Leute müssen ja nie hingehen. Mein Chef zum Beispiel, der war schon seit fünfzig Jahren nicht beim Zahnarzt, der hat garnix an den Zähnen.“

Das sind die richtigen Gesprächsthemen für halb vier Uhr nachts.

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Und schon wieder Sonntag. Abendessen bei Fiona, aber diesmal werde ich nicht bekocht, sondern hole mir was beim Chinamann. Wir gehen hoch zu Scüm-Gitarrist Basti, der im selben Haus wohnt, streicheln seine dicke Katze G.G. und schauen „Die Nacht Der Reitenden Leichen“, einen SEHR albernen Horrorfilm aus den siebzigern. Der wird irgendwann trotz all der unfreiwilligen Komik sehr langweilig und ich gehe nach Hause.

horr

Und schon ist das Wochenende wieder vorbei. Zwei Tage gelebt und nun wieder funktionieren. Bah. Ich gehe natürlich viel zu spät ins Bett und dann liege ich wach, weil ich mich so sehr sehne nach jemandem, der neben mir liegt, und sei es nur eine dicke Katze….

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Montag. Fünf Stunden geschlafen. Schlechte Laune ohne Ende. Ich sehe aus dem Fenster. Strömender Regen. Ich stehe in der U-Bahn und könnte allen auf die Fresse hauen. Wo ist das Ende der Welt wenn man es mal braucht?

regen

elektrakomplex.