Archiv für Juli 2011

Der Fahrplan durch die Nacht.

Maria hatte sich den ganzen Abend schon mit diesem jungen Herrn in einer Ecke herumgedrückt. Das war nichts besonderes, das passierte manchmal. Wir alle wollen unser Bedürfnis nach Nähe gestillt wissen.

Irgendwann begannen sie dann, sich zu küssen und all das.

„Wo ist denn Maria?“
„Äh, kuck mal hinten im Raucherbereich. Die ist….beschäftigt…“
„Haha, stimmt ja, der Typ. Ich geh mal hin, gaffen.“

Gegen vier Uhr morgens sah ich den Herrn, mit dem sich Maria vergnügt hatte, an der Bar stehen. Wo war Maria? Ich machte mich auf den Weg in den Raucherbereich. Der Weg führte vorbei an der langgezogenen Bar. Im Hintergrund schallte die Musik von der Tanzfläche durch den Club, der einfach nur aus ein paar umgestaltete Kellerräumen bestand. Irgendein sehr derbes Metalcore-Geschrei lief gerade.

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Maria saß allein im Raucherbereich auf einer Bank. Ich setzte mich neben sie und stubste sie an der Schulter.
„Hey, alles okay?“
Sie drehte sich um zu mir und ich sah Tränen in ihren Augen. Und plötzlich fiel sie in meine Arme und begann richtig arg zu schluchzen und zu weinen.
„Ich hab das nicht gewollt Jo! Ich wollte nie ein schlechter Mensch sein! Es tut mir leid….ich mache immer nur Scheiße…“
„Äh. Was ist denn passiert?“
„Kein Wunder daß es mir immer so beschissen geht. Ich habs ja nicht anders verdient!“
Sie schlug ihr Handgelenk fest auf die Kante des Tisches vor uns und weinte dann wieder.

Irgendwann bekam ich aus ihr heraus, daß der junge Herr, mit dem sie herumgeflirtet und -geknutscht hatte, ihr schließlich wohl gestanden hatte, daß er eine feste Freundin hatte. Und sie sich nun plötzlich unglaublich schuldig fühlte, weil sie mit jemandem rumgemacht hatte, der in einer Beziehung war.

„Sag mal hast du sie noch alle?! Das ist doch nicht dein Problem….ER ist das Arschloch….du konntest das doch garnicht wissen….und selbst wenn…..“

Aber sie war nicht zu trösten, weinte und schluchzte. Und ehrlich gesagt mochte ich es, sie im Arm zu halten. Auch ich finde Nähe gut, auch wenn die Umstände nicht so perfekt waren.

Dann kam auch noch der betreffende Herr, der wohl etwas überrumpelt war von ihrer Reaktion. Während sie noch ihr Gesicht in meinem Arm vergraben hatte, sah ich ihn entgeistert an.
„Was zur Hölle….?!?!?“
Aber er blickte nur verwirrt zurück und berührte sie dann kurz an der Schulter.
„Hey…Maria….“ begann er zögerlich.
„Geh bitte! Bitte geh weg!“

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„Halt! Bleibense da stehen!“
„Äh….ich bin vom sozialpsychiatrischen Hilfsdienst. Ich will zu Frau Kovac.“
„Jaja, is ja gut. Aber sie müssen was überziehen. Wir haben den Norovirus hier.“
„Na super.“

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Die Schwester reicht mir einen grünen Krankenhauskittel, eine Kappe und eine Gesichtsmaske. Klasse, so erkennt mich unsere fast demente Bewohnerin bestimmt.

Ich habe ihr Wäsche zum Wechseln mitgebracht. In der Uniklinik kann man nämlich nur dann Wäsche waschen, wenn man GAR NIEMANDEN hat. Selbst in der geschlossenen Station nicht. Also wird das Geld des sozialen Systems verschwendet, indem Leute wie ich eineinhalb Stunden ihrer Fachkraftarbeitszeit bezahlt bekommen, um zur Uniklinik zu fahren, ein paar Hosen dazulassen, und wieder zurückzufahren.

Immerhin bekommen Leute wie Frau Kovac so wenigstens ein wenig Besuch. Wenn ich nicht hinfahren MÜSSTE, würde ich nun gerade nämlich andere Dinge tun, die auch erledigt werden müssen.

Frau Kovac ist aus der geschlossenen Station in Höchst zu uns ins Wohnheim gekommen. Sie hat da geschlagene acht Monate verbracht. Acht Monate, bis die Ärzte dort beschlossen haben, daß sie resistent gegen ihre Behandlung sein müsse, weil sie keine Besserung zustande gebracht haben.

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Sie ist Kettenraucherin. Das Problem ist, daß sie nicht merkt, wenn ihre Kippen runtergebrannt sind. Sie raucht gnadenlos die Filter mit. Am Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand sind Nekrosen dort, wo die Kippen die Haut ihrer Finger verbrannt haben. Schwarzes, verbranntes Fleisch. Im Krankenhaus war das scheinbar allen egal. Im Wohnheim bekommen wir es hin, die Nekrosen mit Salbe zu behandeln und Frau Kovac beim Rauchen Gesellschaft zu leisten. Innerhalb von drei Monaten sind die Nekrosen nicht mehr schwarz, sondern nur noch Narbengewebe. Man muss sich vorstellen, daß die das in einem KRANKENHAUS nicht behandelt haben, aber wir es in einem offenen Wohnheim geschafft haben, in dem oft nur eine einzige Person Dienst hat. Also entweder wir sind besonders gut, oder im Krankenhaus Höchst sind die entweder total unfähig oder völlig überlastet.

Frau Kovac ist Ende fünfzig. Sie ist sehr klein, ich habe das Gefühl, ich überrage sie um das dreifache. Außerdem wiege ich ungefähr dreimal soviel wie sie, und das stimmt zu diesem Zeitpunkt wirklich. Sie ist irgendwann aus der kroatischen Pampa nach Deutschland gekommen um zu arbeiten. Im Gegensatz zu Frau E., über die ich vor einigen Wochen geschrieben habe, ist sie keine zurückhaltende, nachdenkliche Person. Sie teilt mit Frau E. die Herkunft und die Diagnose, das ist aber schon alles. Nein, Frau Kovac merkt man ihre Herkunft an ihrem Temperament deutlich an. Ein Kollege, selbst halber Pole, meinte nur „Das ist das Feuer des Balkans, Johannes!“.

Sie ist nicht mehr in der Lage, sich selbstständig anzuziehen oder sich selbstständig zu waschen. Und sie HASST es, dazu gezwungen zu werden.

Wir sind nicht unmenschlich oder grob, aber Menschen verwahrlosen zu lassen ist einfach keine Option. Vor allem, da Frau Kovac inkontinent und ihr Bett jeden Morgen uringetränkt ist. Sie dann dazu zu bringen, aufzustehen, ist eine Kunst für sich. Meistens ziehe ich sie nach einigen vergeblichen Versuchen, sie zum Aufstehen zu bewegen, vorsichtig an den Händen nach oben. Dann steht sie auf und geht mit hoch erhobenen Fäusten auf mich los, während sie mich auf kroatisch auffordert, Geschlechtsverkehr mit meinem weiblichen Elternteil zu praktizieren (immerhin erkenne ich seitdem, wenn jemand auf kroatisch meine Mum beleidigt). Sowohl sie als auch ich haben Glück, daß sie nicht größer und schwerer ist.

Man kann jemanden nicht in einem vollgepinkelten Bett liegenlassen. Die Feuchtigkeit kann Druckstellen auf der Haut verursachen und dann behandelt mal einen solchen Menschen wegen Dekubitus. Viel Spaß.

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Das klingt nun so, als sei diese Frau eine streitsüchtige Furie. Und selbst wir als Fachleute vergessen in der täglichen Arbeit oft, daß solche Menschen sich vor allem auf diese Weise verhalten, weil sie Angst haben. Schizophrenie geht immer mit Halluzinationen einher. Mit visuellen oder akustischen Sinnestäuschungen, und oft sind diese sehr bedrohlich für die Betroffenen. Stellt euch vor, ihr sitzt abends zu Hause und plötzlich kommt aus dem Nichts eine Stimme, die ihr WIRKLICH hört. Ihr denkt, sie kommt aus dem Radio oder dem Fernseher – aber beide sind ausgeschaltet. Diese körperlose Stimme ist da und beleidigt euch oder fordert euch auf, Dinge zu tun. Schlimm genug. Also ICH würde vollkommen durchdrehen vor Angst. Mir erzählte einmal eine Frau in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Offenbach, sie habe gedacht, Hannibal Lecter würde in ihrem Keller sein. Und sie lies dann immer den Fernseher an, damit er dachte sie habe Besuch und sie sei nicht allein, denn dann wäre er wohl hochgekommen….ich will diese Ängste nicht haben. Auch wenn man es als Betroffener nicht wirklich NACHVOLLZIEHEN kann, kann man doch nachvollziehen, daß unter diesen Umständen extremes Verhalten kein Zeichen von Bösartigkeit ist.

Und dann seid ihr auch noch in einer fremden Umgebung, wo ihr die Sprache nicht versteht und dann kommt dieser dicke Typ mit Vollbart und Glatze in euer Zimmer, reißt euch aus dem Bett, zieht euch nackt aus und stellt euch unter die Dusche (So war es natürlich nicht, aber aus ihrer Sicht wohl schon, wieso sollte sie sich sonst so verhalten haben?). Jeder von uns würde in Panik verfallen
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Während ich dann ihr Bett neu beziehe, schlägt sie bisweilen weiter auf mich ein, so daß ich irgendwann dazu übergehe, sie solange einfach aus ihrem Zimmer auszusperren. Sie steht dann draußen und hämmert fluchend gegen die Tür.

Es kostet zwei Kollegen von mir jeweils ihre Brille, als sie versuchen, Frau Kovac zu duschen oder sie dazu zu bewegen, eine Inkontinenzhilfe anzuziehen. Ich verliere einige Male deutlich die Nerven, als ich vor ihr kniee, während sie auf der Toilette sitzt und ich ihr Socken anziehen will – und sie dann plötzlich beginnt, auf meinen Kopf einzuschlagen. Ich stehe dann eben auf und schreie sie an. Bis unsere Ergotherapeutin meint, ich solle das nicht tun, denn das würde die anderen Bewohner verunsichern. Ja, dann wechsel du doch ihre vollgepisste Hose und laß dir dabei die Brille zerbrechen. Scheiß Basteltanten.

Ein Kollege schlägt dann einfach auch mal zurück, streitet das aber ab und schrammt ganz knapp an einer Abmahnung vorbei.

Einmal verschmiert Frau Kovac ihren Stuhlgang im ganzen Zimmer und ich verbringe eine geschlagene halbe Stunde meines Dienstes (eine Stunde, die ich eigentlich einfach nicht habe, ich bleibe an diesem Tag genau diese halbe Stunde länger) damit, sauberzumachen.

Nach ein paar Jahren Drecksjobs im fremden Land hat Frau Kovac, eine einfache, damals noch junge Frau weit weg von ihrer Heimat, angefangen zu trinken. Erst zu trinken, und dann zu saufen. Während ihre Schwester, die mit ihr nach Deutschland gekommen ist, es geschafft hat zu heiraten und sich eine zumindest bescheidene Existenz aufzubauen, ist Frau Kovac selbst immer unpässlicher geworden und irgendwann war es wohl so schlimm, daß sie von ihrer Familie ins Krankenhaus gefahren wurde.

Einmal zeige ich ihr Fotos ihrer Heimatstadt im Internet und versuche so, eine Beziehung zu ihr aufzubauen.
„Sie sind katholisch oder?“
„Katholisch….ja….dobro….“
„Und haben viel gearbeitet?“
„Ja….immer gearbeitet…Weihnachten gearbeitet, Ostern gearbeitet….gute katholische Leute…“

Für einfache katholische Menschen vom Land, die nie viel von der Welt gesehen haben außer ihrem Dorf und dann der für sie bizarren und oft feindlichen fremden westlichen Welt (in der sie sich nur umso mehr an ihre Wurzeln klammern) ist „Schizophrenie“ kein Kompliment.

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Als Frau Kovac bei uns einzieht, spricht sie nur noch Bruchstöcke Deutsch. Auf ihrem Arztbrief steht „Nikotinabusus“. Sie hat Lungenprobleme und so versuchen wir, ihren Nikotinkonsum einzuschränken. Das ist eine einigermaßen harte Sache für eine psychisch schwer erkrankte Kettenraucherin. Und so steht sie alle fünf Minuten vor dem Stationszimmer und bettelt „Zigarette! Zigarette!“. Ihre Kippen sind in einer Schublade im Stationszimmer. Irgendwann weiß sie, wo, geht einfach zu dem Schrank und nimmt sich eine heraus. Sie dann daran zu hindern und aus dem Stationszimmer zu schieben artet meistens in regelrechte Kämpfe aus. Das ist für mich, der ich ungefähr doppelt so groß und dreimal so breit wie sie bin, kein größeres Problem. Aber meine weibliche Kollegin hat damit richtige Schwierigkeiten.

Nachdem Frau Kovac irgendwann anfängt, immer weniger zu essen und zu trinken und wir die Pflege und Betreuung mit unserem Personalschlüssel einfach nicht mehr bewältigen, bringen wir sie wieder in die Klinik. Und so stehe ich nun hier vor ihr und sie grinst mich an, als ich kurz den absurden Mundschutz anhebe um ihr zu zeigen, wer ich bin.
„Dobar Dan, Frau Kovac!“
„Eh….der Dicke!“

Einige Wochen später erkennt die Uniklinik, daß die Diagnose „F20.0 – paranoide Schizophrenie“ ein Fehler war. Frau Kovac hat Chorea Huntington. Eine degenerative Erkrankung des Nervensystems. Das bedeutet für uns: Wir können uns noch so sehr anstrengen, ihr Zustand wird sich immer weiter verschlechtern. Chorea Huntington endet immer tödlich. Viele Patienten entwickeln Wahnvorstellungen. Daher werden sie wie Frau Kovac oft fälschlicherweise als schizophren diagnostiziert.

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Frau Kovac kehrt nicht zu uns zurück, sondern zieht vom Krankenhaus direkt in ein richtiges Pflegeheim.

Ein paar Wochen später, als wir die Formalitäten ihres Umzugs in der Dienstbesprechung erörtern meint unser Chef zu den Kollegen, denen Frau Kovac die Brillen zerstört hat:

„Seien Sie der Frau nicht böse. Die hat die Hölle noch vor sich.“

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Es war ungefähr ein Uhr nachts. Wir saßen im Dunkeln auf der Mauer unserer Schule. Ich erinnere mich tatsächlich nicht, ob es damals noch meine Schule war oder ich sie schon mittelfingerzückend verlassen hatte. Es war ein Wochentag und wir hatten beide Ferien und nichts zu tun.

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Damals fuhr ich oft gegen zehn Uhr abends aus dem Randbezirk von Augsburg, in dem ich mit meiner Mum und meinen Geschwistern wohnte, mit dem Fahrrad in die Stadt hinein, besonders in den Sommerferien, wenn ein lauer Wind über der Altstadt lag. Manchmal gingen wir in irgendwelche Kneipen oder Cafés, meistens saßen wir herum und langweilten uns. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, empfinde ich eine Mischung aus Nostalgie, Sehnsucht – und der Trostlosigkeit, die damals in der Luft lag. Zumindest empfand ich diese so. Wir hatten alle Träume und Illusionen, die völlig utopisch waren. Wahrscheinlich hat die jeder Teenager. Aber damals war das nicht schlimm, denn wir hatten ja noch alle Zeit der Welt unsere Träume wahrwerden zu lassen.

Nachdem ich zum zweiten Mal die Schule hingeschmissen hatte und drei Monate in Augsburg einfach nur rumgegammelt hatte, zog ich nach Frankfurt. Die Person, die heute meine Spezialfreundin ist, war damals sehr verliebt in mich und hatte mir eine Unterkunft dort organisiert.

Das war für einen Typen wie mich damals total überfordernd. Erstens fand ich es sowieso völlig bizarr, daß jemand verliebt in mich sein sollte. Ich war immer ein dicker Teenager gewesen. Kein weibliches Wesen hatte sich je für mich interessiert.

Und dann gleich eine Frau, die zweiundzwanzig Jahre älter war als ich.

Als ich sie einmal in Frankfurt besuchte (bevor ich dort hinzog), brachte sie mir eine Rose mit zum Bahnhof. Ich kapierte das einfach nicht.
„Was willste denn mit der Rose?“
„Ach….nix. Vergiss es….“
„Okay.“

Davor hatte sie mich in Augsburg besucht. Meine Mutter, die an diesem Wochenende bei ihrem damaligen Lebensgefährten übernachtete, bot ihr an, in ihrem Bett zu schlafen. Das tat sie nicht, sondern in meinem. Mama wird sich ihren Teil gedacht haben.

Als ich dann in Frankfurt wohnte, wollte ich eigentlich erst nicht mit ihr zusammen sein. Ich wollte massenweise Mädels in meinem Alter. Doch ich kannte niemanden außer ihr, hing nur mit ihr herum und außerdem hatten wir Sex. Nach zwei Monaten kam ich zu dem Entschluß, daß wir nun ja auch genausogut ein offizielles Paar sein könnten. Wir gaben uns die Hand darauf und so war es für die nächsten drei Jahre und ich bereue keinen Augenblick davon. Vor allem wenn man bedenkt, daß wir es geschafft haben, unsere Seelenverwandtschaft nach dem Ende der Beziehung in eine tiefe familiäre Freundschaft zu transformieren.

Für Josef, mit dem ich damals nachts auf der Mauer vor dem Gymnasium bei St. Anna gesessen hatte, ist es nicht so gut gelaufen. Seit meinem Umzug hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Vor einem Jahr erfuhr ich, daß er sich das Leben genommen hat. Er schnorrte sich gegen elf Uhr abends am Bahnhof Augsburg-Morellstraße bei einer Frau eine Zigarette und lief dann auf den Gleisen einem Zug entgegen.

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Als ich achtzehn Jahre alt war, gab es nicht viele Dinge, die mir wichtig waren. Ich hatte die Schule hingeschmissen, jobbte in einem Bio-Supermarkt, wo ich Regale einräumte und in einem Plattenladen, wo ich Fenster putzte. Letzteres tat ich inoffiziell und bekam einen riesigen Schrecken, als plötzlich zwei Typen um die fünfzig vor mir standen, die mir ihre Kripo-Dienstausweise vor die Nase hielten. Ob die mich nun wegen Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung verhaften würden?

Allerdings war ihnen völlig egal, was ich da hinter der Theke tat, sie waren nur auf der Suche nach einem Menschen, der meinem Chef wohl Diebesgut in Form von Vinyl angeboten hatte.

Am Wochenende hing ich meistens in der einzigen Disco-ähnlichen Lokalität Frankfurts ab, in welcher Metal gespielt wurde. Es war die Zeit, in der Korn und Limp Bizkit noch cool waren und natürlich die große Zeit der Deftones, die gerade ihr ultradepressives und daher total angesagtes „White Pony“-Album veröffentlicht hatten. All diese Musik lief dort und ich konnte mich damit identifizieren, mit dem jugendlichen Suhlen in Selbstmitleid in den Texten dieser Bands (heute ist es halt ein erwachsenes Suhlen in Selbstmitleid, haha).

Natürlich war ein wichtiger Faktor meiner Anwesenheit dort auch die Anwesenheit gleichaltriger weiblicher Wesen. Aber ich hatte keine Chance. Ich war dick, schüchtern und trank keinen Alkohol, der die Schüchternheit vertrieben hätte.

Ich fuhr manchmal mit dem Auto meiner Mutter dorthin und der Höhepunkt des Wochenendes war, wenn mich irgendwelche Mädchen fragten, ob ich sie nicht nach Hause fahren könne – um vier Uhr morgens im Industriegebiet von Augsburg, wo kein Bus fuhr.

Eines frühen Samstagmorgens nahm ich zwei achtzehnjährige Mädchen nach Inningen mit, einem Vorort von Augsburg. Es war noch dunkel, als wir dort ankamen und sie mich fragten, ob ich nicht Lust habe, mit ihnen durch das dort angelegte Labyrinth in einem Maisfeld zu laufen. Na klar hatte ich Lust dazu.

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Als wir dann da drin waren, fing es an, leicht zu regnen. Es war aber August, also nicht kalt. Dafür war es dann doch unheimlich, vor allem als mir ein Gedanke kam. Es war mitten im Jahr zweitausend, und eine US-amerikanische Fernsehserie namens Akte X war noch halbwegs aktuell – und ich war damals ein großer Fan davon.

„Sagt mal, fängt so nicht jede zweite Akte X-Folge an? Irgendwelche dummen naiven Jugendlichen machen nach der Party irgendeinen Quatsch im Wald oder auf einem Feld und am nächsten morgen findet man ihre Leichen oder eben nicht mal das, weil sie vom UFO entführt werden?“

Leider kam das UFO nie.

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Und man hört nur das Surren der Rolltreppe in der Station und ab und zu ein Husten. Bestimmt zwanzig Menschen warten hier nun schon auf die U-Bahn. Keiner spricht ein Wort. Es ist, als gäbe es eine Übereinkunft zu grimmigem Schweigen ob der sich anbahnenden langen Arbeitstages.

Ein leichter Wind weht aus dem Tunnel. Ich sitze auf einem dieser Metalldinger mit Gitter-Sitzfläche. Die Dinger haben mich schon diverse Knöpfe meiner Hosen gekostet. Also die Knöpfe an den hinteren Taschen („Arschtaschen“?), die sich immer zwischen den Sitzflächen-Gitter-Maschen verheddern und dann abreißen wenn ich aufstehe.

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Eine Frau setzt sich neben mich. Sie ist etwa in meinem Alter und nicht unattraktiv. Ich kann ihr Parfüm riechen. Es weckt in mir den Wunsch nach weiblicher Nähe.

Zu Beginn der Sommerferien verkehrte die Linie U4 plötzlich in einem anderen Takt als davor. Seltener. Das erschien als zumindest nachvollziehbar, wenngleich ich glaube, daß auf dieser Linie ein „Ferienfahrplan“ eine alberne Ausrede zur Kosteneinsparung ist (mir sind nie Schulkinder in der U-Bahn aufgefallen). Irgendwann sah ich mir diesen in blassblauerfarbe gedruckten „Ferienfahrplan“ genauer an und stellte fest, daß es sich keineswegs um einen solchen handelte, sondern um den „Fifa-WM-2011-Fahrplan“. Ja, genau. Oder besser: Ja, WIE BITTE? Weil WM ist fahren WENIGER Züge?! Was ist denn das für eine Logik?!

Vor allem galt dieser ausgehängte „WM“–“Fahrplan“ nur bis zum 17.07.2011. Der Tag, auf den dieses Datum viel, hinkte schon vor einer Weile winkend an uns vorbei und dennoch hat sich der Fahrplan meiner U-Bahn-Linie nicht wieder normalisiert.

Bleibt das jetzt so? Für immer? Einfach so, ohne Erklärung?

Für manchen Leser mag dies ein völlig sinnloser lokalpolitischer Absatz sein, der in einer kostenlosen, werbefinanzierten Stadtteil-“Zeitung“ besser aufgehoben ist.

Aber der Fahrplan der U4 am Werktagmorgen ist sehr wichtig für mich. Die Beständigkeit des U-Bahn-Fahrplans ist ein wichtiger Grundpfeiler meiner seelischen Stabilität!

Die Neuro-Lounge.

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Wir sitzen in Janas WG-Zimmer in Bornheim, hören Musik und unterhalten uns. Bisher haben wir uns erst zweimal getroffen, uns gut verstanden. Viel mehr ist da aber eigentlich nicht.

Sie sitzt an ihrem PC und sucht Musik raus. Dann checkt sie ihre E-Mails und wird plötzlich still. Sie setzt sich sprachlos auf ihr Bett und starrt sehr apathisch in die Luft.

„Hey….alles okay…?“
„….Nein….“
„…Was ist los?“
„Ich glaube du solltest jetzt besser gehen.“
„Äh….okay….“

Und dann gehe ich, weil ich ihr meine Anwesenheit nicht aufdrängen will, wo es ihr gerade recht schlecht zu gehen scheint. Später wird sie mir sagen, daß sie sich gewünscht hätte, daß ich bleibe.

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Franz Menze ist ein recht großer Mann, einsdreiundneunzig, hundertzehn Kilo schwer. Seine Körperhaltung ist stets recht defensiv, sein Gang langsam. Wenn er von der Straßenbahnhaltestelle zum Wohnheim läuft, scheint er wie die Ruhe in Person den Weg entlangzuschreiten. Er redet meist mit ausdrucksloser Mine, ab und zu zeigt er ein dünnes Lächeln, wenn etwa bei der Tablettenausgabe der Herr vom anderen Ende des Ganges (des Wohnheim-Ganges, nicht des Flusses muahahaha) erzählt, „er“ habe heute nacht „wieder gestanden“. Er gestikuliert so gut wie garnicht.

Sein Zimmer ist völlig schmucklos. Es enthält die schon vor seinem Einzug vorhandenen Möbel (Bett, Tisch, Schrank), einen Fernseher (auf dem Hr. Menze ZDF ansieht, Volksmusiksendungen oder was sie sonst so bringen an harmloser Unterhaltung) und nach einer Weile ein Foto, das ihn selbst zeigt, welches ihm vom Personal des Wohnheims zum Geburtstag geschenkt wurde.

Meist kehrt Hr. Menze gegen achtzehn Uhr aus der Tagesstätte zurück und isst dann gleich zu Abend. Wenn ich manchmal gegen zwanzig Uhr noch bei ihm klopfe, um mit ihm Wäsche waschen zu gehen oder ihm Tabletten zu bringen, sitzt er meist auf einem Stuhl am Tisch, vor dem Fernseher. Und trägt abgesehen von Jacke oder Mütze noch genau in der Kleidung, die er den ganzen Tag angehabt hat. Naja, zumindest seine Schuhe wechselt er manchmal.

Kaum zu glauben, daß dieser Mann psychotisch gewesen ist. Schizophrenie, sogar mit Fremdaggressionen. Er soll seine eigene Mutter attackiert haben, die seitdem keinen Kontakt mehr mit ihm hatte. Und nun sitzen wir im Auto und fahren genau dahin, um ein paar Sachen zu holen. Ich kann mir nettere Ausflugsziele vorstellen.

Hr. Menze hat immer bei seiner Mutter gelebt. Er ist jetzt fast sechzig Jahre alt, war als Kind auf einer Sonderschule wegen „Minderbegabung“ oder irgendeiner albernen Diagnose. Er war ein einfacher Mensch, der jahrzehntelang in einem Frankfurter Schwimmbad gearbeitet hat und von seinen Kollegen geschätzt wurde. Ein einfacher Mann, der ein einfaches aber nicht unzufriedenes Leben führte. Eigentlich nicht die Zielgruppe für das Produkt chronische Schizophrenie. Doch, halt, zufriedenes Leben? Wenn man mit fünfzig noch bei seiner Mutter lebt? Wenn man ein Leben lang die Rolle als angepasster Idiot gespielt hat? Vielleicht kommt er der Zielgruppe doch ein wenig nahe.

Hr. Menze spricht sehr wenig. Nur das Allernötigste, in einer heiseren, leisen Stimmlage. Und so erklärt er mir, wo seine Mutter wohnt und ich lenke den Dienstwagen durch Frankfurts Einbahnstraßendschungel.

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Schließlich stehen wir vor der Wohnungstür und klingeln. Hr. Menzes Mutter öffnet uns. Sie ist weit über achtzig, wirkt aber erstaunlich fit und vor allem geistig sehr präsent. Ich stelle mich mit professioneller Selbstsicherheit vor und versuche, so souverän zu wirken wie es irgendwie geht.

Die Begrüßung zwischen Hr. Menze und seiner Mutter ist sehr distanziert. Sie berührt ihn kurz an der Schulter. Dann setzt er sich in einen Sessel im Wohnzimmer, so wie er wahrscheinlich immer da saß, wenn er all die Jahre von der Arbeit gekommen ist. Bevor er erkrankt ist. So als wäre nichts gewesen, sitzt er da und lässt mich alles regeln.

Seine Mutter sucht in der Wohung kurz übriggebliebenen Kleidungsstücke zusammen. Das dauert nicht einmal zehn Minuten. Hr. Menze spricht währenddessen kein einziges Wort. Dann erkundigt sich die alte Dame noch kurz über die Lage des Wohnheims, in dem ihr Sohn jetzt lebt und daraufhin brechen wir auch schon wieder auf. Die Verabschiedung zwischen ihr und Hr. Menze ist genauso distanziert wie bei der Ankunft.

Wir haben keine Mühe, alles zum Auto zu tragen.

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Die Spezialfreundin steht vor dem Eingang der Neurologie und raucht. Seit vier Tagen ist sie nun hier. Nachdem sie am Freitagabend in die Ambulanz gegangen ist, weil sie auf einem Auge doppelt gesehen hat, dann gegen ärztlichen Rat wieder heimgefahren ist und sich schließlich am Sonntag doch einweisen hat lassen, nachdem das rechte Auge begann, in eine völlig andere Richtung zu kucken als das linke, teilt sie sich nun das Zimmer mit einer knapp sechzigjährigen Polin, die schwer an Parkinson erkrankt ist.

Sie sieht ziemlich irre aus, mit dem einen schielenden Auge. Definitiv gewöhnungsbedürftig. Und bei allem Ernst, der in der Lage liegt, hat ihr Gesicht etwas von Alfred E. Neumann.

Grazyna, die Zimmergenossin der Spezialfreundin, wird regelmäßig von ihrem Sohn besucht. Der hat etwa mein Alter, ein blonder Typ mit Pferdeschwanz, der sich sehr gehemmt gegenüber seiner schwerkranken Mutter verhält. Sie begrüßen sich mit verklemmten Pseudoumarmungen. Es ist deutlich, daß sie ihr ganzes Leben lang die strenge, harte Mutter für ihn war und daß die neue Situation, in welcher sie nun schwach und hilfebedürftig ist, beide total überfordert. Grazyna kann nur sehr, sehr langsam laufen, fällt nachts aus dem Bett und wie sich das für eine Dame ihrer Generation und Sozialisation (polnisch katholisch) gehört, hat sie Hemmungen, den Schwesternruf zu betätigen und um Hilfe zu bitten – und das Problem ist, daß sie bei ALLEM Hilfe benötigt. Und so schüttelt ihr die Spezialfreundin das Bett zurecht, hilft ihr auf die Toilette und lädt ihr das Handy auf (mit Parkinson-Tremor ein Handy zu bedienen ist nicht so einfach).

Aus irgendeinem Grund hat Grazyna auch Hemmungen, ihren Sohn zu bitten, ihr Handyguthaben mitzubringen, also bittet die Spezialfreundin mich, ihr welches zu kaufen wenn ich zu Besuch komme.

Ein wenig blöd ist das Timing des Gehirns der Spezialfreundin. Denn in ein paar Tagen soll die Releaseparty für das Album ihrer Band stattfinden. Extra Club gemietet, großes Konzert veranstaltet. Und wie es aussieht wird sie bis dahin kaum genesen sein. In den Wochen davor hat sie sehr viel Stress gehabt. Proben, Konzertvorbereitungen, CDs pressen lassen, gedruckte Bandshirts abholen, Catering für die anderen Bands organisieren – und dabei noch der tägliche Hustle (jetzt hab ich auch endlich mal einen Hiphop-Terminus verwendet Yeah!) auf der Arbeit. Vielleicht war das ihrem kleinen lieben Kopf einfach mal zuviel.

Wir sitzen im Eingangsbereich der Neurologie herum, eine Art Foyer mit Pflanzen, kaltem Licht aus Neonröhren und metallenen Sitzgruppen wie an einer Bushaltestelle und essen Hanutas aus dem Süssigkeitenautomaten. Die Spezialfreundin nennt es „die Neuro-Lounge“.

Hier sitzt sie frühmorgens, wenn sie nicht mehr schlafen kann, und trinkt einen Kaffee aus dem Automaten und geht dann kurz vor die Tür, rauchen.

Krankenhäuser sind unglaublich deprimierend und ich verstehe die Spezialfreundin so gut, als sie mich mitten in der Nacht weinend anruft, weil sie Heimweh hat. Es ist April, und tatsächlich ist das Wetter in diesen Tagen nicht besonders endorphinauslösend. Es regnet Schneematsch, der Himmel ist jeden Tag grau.

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Wer schonmal im Krankenhaus lag, weiß, daß die Tage unerträglich lang werden können. Doch die Spezialfreundin muß ca. hunderttausend verschiedene Untersuchungen absolvieren. Zum Beispiel kommt der Arzt, der sie am Freitag in der Ambulanz behandelt hat (und den sie angezickt hat ob der unglaublichen Wartezeit) mit ein paar Studenten vorbei und haut ihr mehrere Male recht schmerzhaft mit dem Hammer aufs Knie um die Reflexe zu testen („Das ist jetzt die Rache dafür, daß ich Sie so angemacht habe am Freitag, oder?“) und ein Oberarzt will, daß sie auf einem Bein auf dem Balkon (der alle Zimmer der Station an der Außenseite des Gebäudes umgibt) an allen anderen Krankenzimmern vorbeihüpft („Was denken Sie eigentlich, was die Leute in den Zimmern von mir denken?!“ „Nix, das ist eine neurologische Untersuchung!“).

Dann gibt es noch ein paar echt fiese und schmerzhafte Untersuchungen, in denen durch das Induzieren von elektrischer Ladung in den Körper der Zustand der Nervenleitungen gemessen wird. Spaß ist anders.

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Da immer klarer wird, was die Ursache der Doppelbilder ist, bekommt sie jeden Tag literweise Cortison in den Körper gepumpt – und zum Glück verträgt sie es sehr gut und es HILFT tatsächlich. Nach einigen Tagen schielt das Auge nicht mehr ganz so stark, und auch die Doppelbilder-Symptomatik geht zurück

Die Spezialfreundin wird nach etwas mehr als einer Woche entlassen. Diagnose: Zwei dutzend Entzündungen im Gehirn. Oberbegriff: Multiple Sklerose. Plus einem gutartigen Tumor, der beobachtet werden muß.

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All dies ist nun vier Jahre her und ihr geht es seitdem gut, aber multiple Sklerose ist unberechenbar und es kann jederzeit zu einem weiteren Schub kommen. Und je nachdem, in welchem Gehirnareal die Entzündung liegt, die dann ausbricht, können alle möglichen Behinderungen auftreten. Das ist alles nicht unbelastend für die Betroffenen, aber Frau Spezialfreundin geht bemerkenswert undramatisch damit um.

„Ich brauch euch junge Leute um mich herum, und ich geb euch gerne was von meiner Weisheit ab. Ihr müsst schließlich irgendwann meinen Rollstuhl schieben.“

Fairer Deal.

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„Sind sie sicher, daß sie sonst nichts mitnehmen wollen?“
Ich deute auf die Bücherregale und das Geschirr in den Schränken über der Spüle.
„Nein, das ist alles unwichtig.“
Na gut, umso besser für mich, muß ich nichts schleppen.

„In der Wohnung ist noch total viel Zeug, also auch Bücher und so….der will bestimmt noch Sachen mitnehmen. Fahrense doch mal am Samstag wenn Sie Spätdienst haben mit dem da hin und holen sie, was er noch braucht.“

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So lautete die Order vom Boss. Und nun stehen wir da und die Ausbeute besteht aus einer gefüllten Stofftasche, in die locker noch ne Menge reinpassen würde.

Hr. Hoß ist nach einigen Monaten Klapse (sorry, aber ich WEIGERE mich, die akutpsychiatrischen Stationen der Uniklinik als „Klinik“ zu bezeichnen, wenn ihr wissen wollt wieso – geht da mal rein) direkt zu uns ins Wohnheim gezogen. Er hat es nicht hinbekommen, allein zu leben. Lag tagelang im Bett, hat sich nicht gewaschen, nur getrunken und sein bißchen Hartzkohle am Automaten verzockt. Und dann noch chronische Schizophrenie. Seine gesetzliche Betreuerin (ein netter Euphemismus für „Vormund“) hat ihn dann zu uns vermittelt.

Die Wohnung ist ungefähr so (nicht) sauber wie meine, nur sehr viel unordentlicher. Überall liegen Stapel von Papieren rum, alte Zeitungen, leere Lebensmittelverpackungen….nur keine leeren Flaschen. Die gibt es in Wohnungen von Leuten, die ihren Lebensunterhalt mittels Hartz IV beziehen nicht. Zehn leere Bierflaschen machen ungefähr eine volle an der Trinkhalle.

„Wollen Sie nicht wenigstens die Gitarre da mitnehmen?“ Ich deute auf eine Gitarrenruine, die in der Ecke steht, ohne Saiten, ohne Mechaniken.
„Ach, die hat jemand hier stehenlassen, der mal bei mir gepennt hat…den kenn ich aus der Kneipe an der Ecke. Mir könne ja gleich mal rübergehen und fragen, ob die die für ihn aufbewahren.“

„Okay, dann haben wir alles, oder?“
„Ja.“
Er blickt sich noch einmal in der Wohnung um, dann treten wir auf den Gang und die Tür fällt ins Schloß. An der Haustür wirft er ohne Zögern den Schlüssel in den Briefkasten und tritt ohne sich umzusehen auf die Straße.

Hr. Hoß ist so groß wie ich, trägt einen weißen Rauschebart. Seine Jacke spannt sich über einen nicht unbeträchtlichen Bauchumfang. Wir müssen ein interessantes Bild auf der Straße abgeben, zwei dicke Typen mit langen Bärten. Wahrscheinlich wie der Nikolaus (er) und sein Praktikant (ich).

Wir laufen zu der Eckkneipe und betreten sie. Eine Frau von um die fünfzig steht hinterm Tresen und trocknet gerade Gläser ab.

Hr. Hoß geht auf den Tresen zu. „Hallo. Das hier gehört dem Henry…“
„Kein Interesse.“
„Vielleicht können Sie ihm die aufheb…“ „Kein Interesse. Ich will nichts davon wissen.“
„Äh. Okay.“

Wir lassen das Stück Holz an der Mülltonne stehen.

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Irgendwann im Sommer 2001 sitze ich spätabends in der U-Bahn und höre laut das aktuelle Dr. Dre-Album über Kopfhörer. Ich höre dieses Album den ganzen Sommer lang. Jeden Tag. Ich lebe erst seit einigen Monaten in Frankfurt und fühle mich noch wie ein Abenteurer in der großen Stadt. Es hat alles noch etwas Besonderes. Die U-Bahn, die hohen Häuser. Außerdem ist es ein sehr heißer trockener Sommer. „Chronic: 2001″, so ist besagtes Album betitelt, passt da sehr gut. Die melancholischen, live-eingespielten Basslinien, die Texte, die zwischen Sehnsucht, Sex und Schußwaffen angelegt sind und der klare Westcoast-Sound, der Frankfurt so wirken lässt wie L.A….besonders oft höre ich das traurige „Big Ego´s“, wenn ich morgens zu meiner Arbeit in einem trostlosen Industriegebiet fahre, oder wenn ich abends in der S-Bahn beinahe einschlafe.

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„Entschuldigung, fährt die Bahn zur Konstablerwache?“
Ich bejahe und die Person setzt sich gegenüber von mir hin. Und beginnt zu erzählen. Er habe vor, sich morgen vom Maintower zu stürzen. Na super, danke für diese Information.
„Tu es nicht.“
Wir reden eine Weile darüber, dann steigt er aus.

Zuhause angekommen, denke ich nach. Irgendwas sollte ich tun, oder? Was, wenn er sich morgen tatsächlich vom Maintower wirft und ich dann in der Zeitung davon lese? Ich würde mich ziemlich schuldig fühlen, den Tod eines Menschen in Kauf genommen zu haben.

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Also rufe ich die Polizei an.
„Ja, guten Abend, ich hab grade jemanden in der U-Bahn getroffen, der hat mir erzählt, er wolle sich morgen von einem Hochhaus hier stürzen.“
„Öh…okay. Wie heisst die Person und wo wohnt sie?“
„Äh. Keine Ahnung.“
„Und von welchem Hochhaus will sich der Mann stürzen?“
„Äh. Hab ich vergessen.“
„Mhm. Na das hilft uns weiter. Wo haben sie den getroffen?“
„In der U-Bahn. Er ist am Hauptbahnhof ausgestiegen.“
„Was hatte er denn an?“
„Äh….ich glaube eine gelbe Jacke.“
„Okay, danke für ihren Hinweis, wir gehen dem nach.“

Ein paar Minuten nach dem Gespräch fällt mir ein, daß es der Maintower war, wo sich der Mann runterstürzen wollte. Also rufe ich nochmal an.

„Ja, guten Abend, ich hab gerade mit einem Kollegen von ihnen gesprochen, weil sich jemand morgen von einem Hochhaus stürzen wollte, mir ist jetzt eingefallen welches Hochhaus das war, das war der Maintower.“
„Äh ja, danke. Und äh…aber was sollen wir jetzt machen?“
„Keine Ahnung, SIE sind die Polizei.“
„Wir halten die Augen offen, Danke nochmal, schönen Abend noch.“


Dr. Dre – Big Egos Ft. Hittman – MyVideo

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high

In der letzten Zeit wenn ich abends nach Hause komme, bin ich meistens unglaublich müde. Ich habe Lust auf garnichts und starre müde auf meinen PC, spamme das Blog all over Facebook und versuche dann, noch etwas zu schreiben oder Musik zu machen, was meistens misslingt. Dann gehe ich irgendwann ziemlich frustriert ins Bett und schlafe recht schlecht.

Eigentlich könnte ich ja zufrieden mit mir sein, nachdem ich acht Stunden lang damit verbracht hab, im Chaos eines Behindertenwohnheims Sachen zu tun. Aber das reicht mir nicht. Ich will doch noch was großes erschaffen. Der Minderwertigkeitskomplex ist nicht totzukriegen und er macht mich fertig. Ich weiß, daß es totaler Quatsch ist, und daß es vielleicht etwas damit zu tun hat, daß ich als Kind meinem Erzeuger nie gut genug war. Aber dieses Wissen beeinflusst leider mein Gefühl nicht. Ich treibe mich an, versuche, mich zu Großtaten zu zwingen – das klappt natürlich nie. Und dann überanstrenge ich mich und es macht PENG, die Sicherung fliegt raus und ich gehe los und habe einen Freßanfall.

Und verschwende so das Geld des sozialen Systems (also EUER Steuergeld!), indem ich mir eine teure Therapie bezahlen lasse und mich dann nicht dran halte.

Jetzt könnte man sagen: Okay, wenn man was reißen will im Leben, muß man eben Opfer bringen. Nichts gibt es umsonst… Einerseits ist es gut, wenn ich mich zu Dingen zwinge. Dieser Text wäre anders vielleicht garnicht entstanden. Andererseits macht es mich fertig. Gut wäre ein Mittelweg….aber das hab ich noch nie hinbekommen. Es bleibt spannend.

Häschen, Neurologie, Normalität und Hardcore.

Die Nacht bringt unsere Emotionen hervor. Vielleicht sind nachts die Seelen der Menschen einfach nicht so geblendet, so daß sie aus den Körpern hervorsteigen. Vielleicht werden unsere Seelen vom Schein der Sterne oder vom Anblick des Mondes an die Oberfläche gezogen. Vielleicht sind es aber auch nur Alkohol und Drogen, die die Schutzmechanismen aufweichen, mit denen wir tagsüber unsere Gefühle verbergen. Mein Samstagnacht-Heimweg ist meistens entweder geprägt von der Taxi Driver-Atmosphäre in der Frankfurter Innenstadt (Rotten rumgröhlender besoffener junger Männer mit Frauen in kurzen Röcken) oder eben von erschöpften Gesichtern müder Menschen, denen klar ist, daß das Wochenende fast vorbei ist und am Montag wieder der unglamouröse Wochentrott losgeht, in dem man trotz Anstrengung am Limit keinen Orden für die Rettung der Welt bekommt.

Die erste U-Bahn Richtung Bornheim fährt um viertel nach Vier. Die zwei Stationen kann man aber auch in zwanzig Minuten laufen. Oder es wie meine Nachbarin machen, die prinzipiell das Taxi nimmt, das dauert fünf Minuten und kostet zehn Euro. Oder man steigt in den Nachtbus, über welchen ich ja schon diverse Male geschrieben habe.

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Der Heimweg zu Fuß führt meist durch einen Park, in dem nachts ganz viele Häschen rumhoppeln. Die sind sehr süß, wollen sich aber nicht streicheln lassen und sind zu schnell, als daß man das gegen ihren Willen tun könnte. Ich habe mal eine Frau rumgekriegt, indem ich mit ihr nachts Häschen gucken gegangen bin. Naja, zumindest hat das nicht geschadet. Sie war nicht aus Frankfurt und glaubte mir nicht, daß es hier Häschen gibt.

(Also ehrlich gesagt wollte ich sie nicht rumkriegen, es ist dann halt so passiert, ich hab die süßen Häschen also NICHT instrumentalisiert für mein…ihr wisst was ich meine….ich hab sie zumindest nicht BEWUSST instrumentalisiert….)

Gestern war ich schon fast zuhause, da ging ich an einer jungen Frau vorbei, die weinend auf den Stufen des Eingangs einer schon geschlossenen Kneipe saß, die Knie angezogen, das Gesicht zwischen ihnen verborgen, heftig schluchzend. Ich weiß nicht, was man in solch einer Situation tut. Ich bin vorbeigegangen. Vielleicht ist es aufdringlich, stehenzubleiben, sie an der Schulter zu berühren und zu fragen „Hey, alles okay?“ (jaja, blöde Frage, aber man muß doch irgendwie anfangen…).

Letzten Endes hätte ich das vielleicht nur getan, um mein eigenes Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen, nachts auf dem Heimweg in die leere Wohnung?

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„Ist hier eigentlich IRGENDJEMAND normal?!?!“ schimpft Frau M., als sie mit ihrem Rollstuhl über den Gang in Richtung ihres Zimmers rollt um sich dort die Zähne zu putzen. Gute Frage eigentlich. Währenddessen läuft Frau S. hinter ihr her und ruft mit ziemlich hoher Stimme immer wieder den Vornamen von Frau M., was diese morgens so garnicht verknusen kann. Denn Frau M. ist ein Morgenmuffel und ich verstehe sie SO gut. Frau S. hingegen ist dies nicht.

Sie ist trotz ihres Alters von achtunddreißig Jahren nur ca. einen Meter und vierzig groß und wirkt wie ein kleines Mädchen – und ist als solches wohl in den MDMA-Topf gefallen oder so. Ich hab noch niemanden getroffen der so konsequent und IMMER so dermaßen naturstoned ist.

„Miiiiiiiiiriiiiiiiiiiiaaaaaaaaaaaaammmm!“ schreit sie über den Gang. „Miiiiiiriiiiiiaaaaaaammmm!“
Das ist der Vorname von Frau M. und Frau S. hat eine Tonlage, die man noch im Keller hört. Frau M. und Frau S. teilten sich einst ein Zimmer, seitdem ist Frau M. die wichtigste Person im Leben von Frau S., eine Liebe, die nicht erwidert wird. Frau S. ist das aber egal.

„Komm laß mal die Miriam in Ruhe, iss mal lieber dein Müsli!“ meine ich, doch Frau S. lacht nur wie eine Hexe. „Ahahahahahahahahahaha. Miiiiriiiiiiam!“.
„LASS MICH JETZT IN RUHE!“ kreischt Frau M..
„Johannes, was mach ich denn, wenn der Pan Tau nicht mitkommen will, vom Bodensee?“
Stimmt ja, da war ja noch eine Person am Tisch.
„Äh WAS?!“
„Na, wenn der Pan Tau nicht mitkommen will!“
„Häh?! WER?! Wovon redest du?“
Dieselbe Person, eine leicht autistisch veranlagte dürre Dame über vierzig, ist auch der Meinung, ihr Freund Dirk Nowitzki würde gegenüber im Neubaugebiet wohnen. Sie trifft ihn immer beim Einkaufen.

Ich überlasse die Damen ihrem Frühstück bzw. ihren Zahnbürsten und verziehe mich ins Büro. Da kommt von draußen ein hohes Heulen, ein „Wuuuuuuuooooooouuuuuu!“, das wie ein epileptischer Anfall klingt. Ich stürze nach draußen.
„Was ist dieses Geräusch?!“
Ich blicke mich um und kann die Quelle nicht identifizieren. Ich erinnere mich, daß ein anderer Bewohner heute nicht in die Werkstatt gegangen ist, weil er morgens eine Reihe von Anfällen gehabt hat. Verdammt. Ich stürze in Richtung seines Zimmers. Und bemerke einen weiteren Bewohner, der AUCH nicht in der Werkstatt ist, weil er einen verbundenen Finger hat. Und der seelenruhig auf einem Stuhl sitzt und „Wuuuuuuuuuuuuuoooooooouuuuuuuu“ macht und mich angrinst.
„Machst du dieses Geräusch?!“
„Wuuuuuuuuuuuuoooooooooooooouuuuuuuuuuuuuuu!“
„ALTA!!!!“

„Morgen?“ fragt Frau S., als ich in ihr Zimmer komme um ihr die Zähne zu putzen.
„Äh, was ist morgen?“
„Do-nes-tag!“
„Äh ja, richtig.“
„Wauwau!“
„Ja, morgen kommt die Logopädin mit dem Hund.“
„Aua aua!“
Sie zeigt auf ihren Unterarm, an dem sie sich selbst immer dieselbe Stelle aufkratzt.
„Langweilig. Hol mal deine Zahnbürste.“

schaffe

Im Aufenthaltsraum sitzt Tim, ein externer Klient, vor der Kiste mit seinen Sachen drin, auf dem Boden. Tim mag alles was Krach macht. Er ist schwerhörig. Nicht DESHALB. Es ist andersrum. Krach kann er hören und findet ihn deshalb toll. Er öffnet den Deckel der Kiste, nimmt sie mit beiden Händen und kippt alles aus. Dann wirft er BUMM die Kiste weg. Er nimmt sich eine Dose voller Wäscheklammern, schüttelt diese hin und her und hebt den Geräuschpegel im Raum damit um ein vielfaches. Ich lasse ihn allein. Der Aufenthaltsraum ist neben dem Büro und so höre ich von drüben in regelmäßigen Abständen ein lautes BUMM, wenn Tim irgendwas weggeschmissen hat. Das hebt er dann wieder auf und wirft es wieder weg. Sofern der Aufschlag auch genug Krach macht. BUMM!
„Wuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuoooooooooooooooooooooooouuuuuuuuuuuuu!“
„Miiiiiiiiriiiiiiiiiiiiiiiiaaaaaaaaaaaaaaammmmmmmmmm!“
„Und der Pan Tau kommt mit vom Bodensee?“

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Als wir nachts um halb vier in der Wohnung der Spezialfreundin ankommen, ist unsere Stimmung völlig undefinierbar. Nach den zehn Stunden in den Wartezimmern der Uniklinik, nachdem der diensthabende Arzt um zwei Uhr nachts weder nach einem CT noch nach dem EEG rausfinden hat können, was der Grund dafür ist, daß die Spezialfreundin auf einem Auge doppelt sieht, hat sie sich entschlossen, gegen ärztlichen Rat nach Hause zu gehen.

Wir haben ein Taxi genommen, weil die Vorstellung, jetzt noch auf die erste Bahn zu warten total absurd ist.

Wir essen noch eine Pizza und ein bißchen Schokolade und dann gehen wir zu Bett. Ich bette mich auf ihrem Sofa im Wohnzimmer (haha, jetzt hab ich fast ausversehen „Wahnzimmer“ geschrieben muahahaha), sie sieht in ihrem Schlafzimmer noch fern („cool, immerhin seh ich jetzt das Fernsehbild doppelt…“) und irgendwann schlafen wir tatsächlich ein.

Am nächsten Morgen sind die Sorgen nicht verschwunden. Die Hoffnung, über Nacht wäre die ganze Sache einfach verschwunden wie ein böser Traum, den man nach dem Aufwachen abschüttelt und vergisst, wird nicht erfüllt. Die Spezialfreundin sieht immer noch doppelt mit dem rechten Auge.

Auch die Tatsache, daß bei der Untersuchung am Abend vorher nichts Wesentliches entdeckt wurde, ist kaum beruhigend. Meine größte Sorge, sie können einen Schlaganfall bzw. eine Gehirnblutung haben, ist noch längst nicht damit aus der Welt, daß ein diensthabender Neurologe zwei Uhr nachts beides nicht entdeckt hat. Ärzte machen Fehler, sind überarbeitet, übermüdet, Computertomographen können falsch eingestellt sein, oder falsch bedient werden um halb zwei Uhr nachts. Oder eine Blutung oder ein Gefäßverschluß im Gehirn wird einfach nicht gesehen, weil er/sie von irgendetwas anderem (Narbengewebe, Daumen des Arztes auf dem Rötgenbild) verdeckt wird. Die Spezialfreundin geht recht locker mit der Situation um („…ich räum jetzt erstmal auf, ist ja doppelt soviel Unordnung hier wie sonst…“) aber ich bin mir sicher, daß es ihr nicht besonders geht. Und auch ich habe Angst vor der nicht entdeckten Hirnblutung und davor, daß sie plötzlich einfach umkippt. Aber das sage ich ihr nicht.

Sie ist sich aber sicher, nicht wieder ins Krankenhaus zu wollen und aus irgendeinem Grund bin ich zu….zu unwissend, um sie dazu zu drängen. Zu unwissend oder zu sehr ihrer Selbsteinschätzung vertrauend. Würde die Situation nochmal vorkommen würde ich sagen: „Hier, ab ins Krankenhaus. Keine Widerrede.“.

Aber zu diesem Zeitpunkt ist die Sorge nicht stark genug in mir. Ich habe sowas einfach noch nicht erlebt und habe schlichtweg keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Man muß wissen, daß sie zweiundzwanzig Jahre älter ist als ich. Sie ist die von uns mit der Lebenserfahrung. Und so vertraute ich ihrer Einschätzung, es würde reichen, am Montag wieder in die Neurologie zu gehen, wenn es sich nicht gebessert hätte bis dahin. Am Wochenende würde im Krankenhaus eh nichts passieren.

(Rückblickend war ihre Einschätzung übrigens richtig. Es war keine Hirnblutung und am Wochenende wäre wirklich nichts passiert im Krankenhaus. Sie wäre aber in der Nähe von Ärzten gewesen und wäre es wirklich eine unentdeckte Hirnblutung gewesen und das HÄTTE es sein können, wäre es echt fatal gewesen, zuhause rumzuhängen….)

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Also fahre ich erstmal nach Hause und glaube ihr, als sie sagt „Fahr du mal nach Hause, ich brauch ein bißchen Zeit für mich, ich komm schon klar.“

Abends nach der Bandprobe fahre ich gerade mit dem Auto nach Frankfurt rein, als mein Handy klingelt. Ich bin auf dem Weg in eine Kneipe, es ist Samstagabend, Partytime und so. Die Spezialfreundin ist dran.

„Hey, wie siehts aus?“
„Kannst du bitte kommen….es ist alles so komisch….es ist nicht besser geworden….aber du kannst ruhig auch erstmal ausgehen und dann zu mir kommen…ich will nur nicht alleine sein…“

Als ich ankomme, fragt sie mich „Kuck mal, mein rechtes Auge…das ist doch ein bißchen so, als würde es in eine andere Richtung schauen, oder?“
Das stimmt. Die Stellung ihrer Augen ist ganz leicht ungleichmäßig. Aber nicht so, daß es auffällig ist, wenn nicht darauf achtet. Also schlage ich vor, das erstmal zu ignorieren und uns nicht verrückt zu machen und am Ende Symptome einzubilden.

Ein weiteres Mal nächtige ich auf ihrem Sofa.

Am nächsten Morgen ist die Sache mit den Augen schlimmer geworden. Das rechte Auge der Spezialfreundin schielt tatsächlich ein wenig. Das geht jetzt schon ein bißchen in Richtung „Halbseitenlähmung“ und bei dem Begriff denkt die heilpädagogische Fachkraft, die ein BISSCHEN, aber nicht zuviel Ahnung von Medizin hat, natürlich einmal mehr an Schlaganfall.

Wir brauchen Rat von jemandem, den wir kennen und dem wir vertrauen. Es ist uns klar, daß jeder Arzt sagen würde „Ab ins Krankenhaus!“, allein schon weil er verantwortlich wäre, wenn er es der Spezialfreundin nicht raten würde und dann tatsächlich was ist. In Pflege- sozialen- und medizinischen Berufen lernt man das: Erstmal selbst absichern und Verantwortung nach Möglichkeit an die nächste Instanz abwälzen. Lieber einmal zuviel den Notarzt rufen als einmal zuwenig, denn dann kannst du eine Anzeige an den Arsch kriegen wegen unterlassener Hilfeleistung.

Ich rufe Basti an, den Gitarristen meiner Band. Der verdient sein Geld damit, nachts Krankenwagen durch Frankfurt zu lenken und Leuten das Leben zu retten. Und Basti sagt uns auch nur das, was wir nicht hören wollen:

„Was?! Doppelbilder?! Das ist ne neurologische Störung. Alter, ab ins Krankenhaus!“

Und so packt die Spezialfreundin eine Tasche und ich fahre sie zur Uniklinik.

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Und einmal mehr sitzen wir im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld an der Konsti. Das beheimatet das selbstverwaltete Faites Votre Jeu-Zentrum, in dem meine Homies Scüm schon zum zweiten Mal eine Show veranstalten (Merke: Als echtern, truer Hardcore-Typ geht man nicht zu Konzerten sondern zu SHOWS).

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Das heisst: Ein Großteil der Anwesenden kennt sich und überraschenderweise ist auf Hardcore-SHOWS in Frankfurt mittlerweile sogar die Frauenquote einigermaßen erträglich. Nach Gesprächen über Zahnärzte mit Nina aus Mainz, die uns auch über das helle Alkoholmixgetränk in ihrer Cola-Zero-Flasche aufklärt (Sekt mit Red Bull uaaaah), über Magenprobleme mit Michi, nach Langeweile bei Gesprächen über Unikram (redet über was wo ich mitreden kann!) gabs dann auch noch Musik.

Micha, der Sänger von Pogo´s Projekt wirft Kondome ins Publikum (ich hab zwar nicht kapiert wo da der Zusammenhang war aber schadet ja nix), Michael Action spielen Stoner-Core-Geschrei und ich darf Scüms „Kleinigkeit“ mitbrüllen und krieg so meine eine Minute und dreissig Sekunden Ruhm an dem Abend. Dann haue ich ab. Von Party zu Party.

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Irgendwann um halb vier sitze ich dann im Nachtbus, den Kopf müde gegen die Scheibe gelehnt. Ein Typ mit Slipknot-Shirt und weiblicher Begleitung mit dem unvermeidlichen „People=Shit“-Patch auf der Umhängetasche steigen ein und sie fragt mich „Darf ich mich neben dich setzen?“. Ich schätze beide so um die achtzehn Jahre. Er ist ein ziemlich großer Typ und sie recht klein, einen Zopf, ein Tattoo um das rechte Handgelenk und die unvermeidlichen SVV-Narben an beiden Armen. Boah Leute MÜSST ihr immer das Klischee erfüllen?

Als eine andere junge Frau neben uns, die keinen Sitzplatz hat, jammert, sie sei so fertig, steht sie auf.
„Hier, setz dich hin.“
„Äh…ne, danke es geht schon.“
„Hier, du hast gejammert. Setz dich jetzt hin.“
„Ne, du kannst ruhig da sitzen bleiben, ich bin doch keine Oma.“
„Nein, ich setz mich jetzt nicht mehr hin. Du musst dich jetzt setzen sonst ist das unhöflich.“
Ihr Freund (der mit dem Slipknot-Shirt) mischt sich ein.
„Setz dich wieder hin, sie will nicht.“
„Nein, ich setz mich jetzt nicht mehr hin. Sie ist unhöflich.“
So geht das geschlagene fünf Minuten und ich überlege schon, ob ich einfach meine Beine auf dem freien Platz hochlegen soll.
Dann mischt sich ein anderer Fahrgast ein.
„Also jetzt setz ich mich da hin. Das kann man ja nicht mitanhörn.“
„Boah, hast du zufällig noch ein Bier dabei?“
„Nein.“
„Oah da ist ein Kiosk! Hey, Fahrer, anhalten, wir müssen zum Kiosk!“
„Cool wäre auch ein Nachtbus der durch den MCDrive fährt, oder?“

Ist hier eigentlich irgendjemand normal?!
Miiiiiiiiiriiiiiiiiiiiiaaaaaaaaaaaaaaammmmmmmmmmmmmmm!

Durch das schwarze Loch…

Es gibt einen Film, der „Das Schwarze Loch“ heißt. Der wurde von Disney produziert und so kaufte mir meine Mutter als ich klein war eine Hörspielkassette desselben. Im Großen und Ganzen ist der Film nicht unbedingt sooo für Kinder. Ein Forschungsraumschiff hat die gesamte Galaxis nach extraterrestrischem Leben abgesucht, jahrelang, aber NICHTS gefunden. Und als die Crew gerade völlig enttäuscht auf dem Weg zur Erde ist, treffen sie auf eine Singularität, ein sogenanntes schwarzes Loch. Und nachdem sie sich knapp davor retten konnten, eingesaugt zu werden, finden sie am Rande des schwarzen Loches ein riesiges Forschungsschiff liegen, das Jahre zuvor in den Weiten des Weltalls verschwand. Von der Besatzung ist nur noch der Kommandant übrig, ein genialer aber hochpsychotischer Wissenschaftler, der seine gesamte Crew in zombieartige Androiden verwandelt hat, die ihm zu Diensten sind. Er hegt den Traum, mit seinem Schiff DURCH das schwarze Loch zu fliegen. Sein treuester Diener ist ein riesenhafter Roboter mit Machetenarmen, der im Verlauf des Filmes einige Leute eben damit zerstückelt.

Wieso ich darüber schreibe? Weil ich manchmal denke, daß die Storyline eine Metapher für unser Leben ist. Das mag jetzt ein wenig melodramatisch sein, aber ich mag Melodramatik.

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„Simmer hier ganz unten?“

Das fragt der Typ, der im Erdgeschoß aus dem Fahrstuhl steigt, ein Mann deutlich über sechzig, zerfurchtes Gesicht, billige Turnschuhe und irgendso eine billige Kappe vom Netto. Ein Outfit also, das perfekt zu seinem ziemlich breiten offenbacher Dialekt passt.

„Simmer hier ganz unten?“

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Und Fr. P. und ich kichern. Offenbach Nordring, ein Wohnblock wie hingekotzt, vor der Tür eine trostlose Straße und auf der anderen Seite ein großflächiges Brachgebiet voller Schutt. Hier gibt es keine Bäckerei oder sowas, nur Trinkhallen, vor denen schon um sieben Uhr morgens die ersten Alkoholleichen stehen, die nochmal eine Stufe trostloser wirken als die Kaschemme vor unserer Tür in der vergleichweise UPPERCLASS-mäßigen Höhenstraße. Offenbach Nordring.

„Simmer hier ganz unten?“

Ja, sind wir. Ganz unten.

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„Wo bist du?“
„In der Uniklinik, im Wartezimmer.“
„Was ist los?!“
„Ich sehe doppelt auf einem Auge, ich wollte zum Augenarzt, aber da hatte Keiner mehr auf am Freitagnachmittag. Also ich bin jetzt in die Uniklinik, so gegen vier, dann war ich da drei Stunden, aber die haben nix gefunden, jetzt sitz ich grade im Wartezimmer in der Neurologie, in der Ambulanz.“
Es ist gegen halb acht Uhr abends.
„Okay, ich komm dahin ja? Ich bring dir was zu Essen mit.“

Das Wartezimmer der neurologischen Ambulanz ist nicht voll. Außer meiner Spezialfreundin sind da noch ein Ehepaar, beide um die sechzig, eine junge Studentin und ihr Freund, beide Anfang zwanzig. Ich komme rein und drücke der Spezialfreundin das Baguette mit Mozarella und Tomaten in die Hand.
„Hier, wir haben uns alle schon angefreundet.“
Sie wirkt aufgekratzt, und stellt mir die anderen Anwesenden vor. Die Stimmung ist trotz der Umstände einigermaßen gut. Das Ehepaar ist da, weil der Mann stationär aufgenommen werden soll. Sollte. Denn bisher ist wenig passiert, er hat den Termin gegen siebzehn Uhr gehabt.

Die Studentin ist mit ihrem Freund gekommen, weil sie ihre Beine nicht mehr spürt und wurde von der Notaufnahme hierher geschickt. Dementsprechend ist ihre Stimmung nicht euphorisch. Die Spezialfreundin ist hektisch und überspielt ihre Verunsicherung mit fröhlichem Rumgeplapper. Aber wenn man sie kennt, merkt man, daß es ihr nicht besonders geht. Na klar. Doppelbilder auf einem Auge, woran denkt der Laie? Schlaganfall. Aber das hätten sie da in der Augenklinik eigentlich merken müssen, oder? Trotzdem mache ich mir Sorgen. Zum Glück ist das Wartezimmer nicht voll, wir sind alle zuversichtlich, daß es bald schneller gehen und alle der Reihe nach drankommen werden.

Nette Hoffnung. Im Minutentakt treffen Rettungswagen mit Leuten auf Tragen ein, alle Schlaganfallverdacht, akut, und das geht natürlich vor, zumindest vor den Leuten, die sich im Wartezimmer noch angeregt unterhalten.

Und es wird später und später und NICHTS passiert. Das Warten wird unerträglich. Niemand kommt und sagt „okay Leute, passt auf, das wird echt OBERLANGE dauern. Und mit OBERLANGE meine ich OBERLANGE“…Man sollte meinen, daß das alles nicht so schlimm ist, denn wir waren ja im Krankenhaus, alles unter Kontrolle, im Notfall sofort ein Arzt zur Stelle, was soll schon passieren? Aber die Ungewissheit, was denn nun ist, hat die Spezialfreundin einen Schlaganfall? Und dann Schritte, ah, jetzt kommt die Schwester, jetzt gehts weiter hier! – aber dann sind das doch nur nochmal zwei Sanitäter mit Notfällen. Irgendwann kommt ein Typ rein, den die Spezialfreundin zufällig kennt, irgendsoein Künstlertyp. Lustigerweise fertig ausgebildeter Psychiater, der aber nicht praktiziert, sondern sein Leben mit dem Produzieren von Videoinstallationen verbringt. Der sagt, er habe seit zwei Wochen Kopfschmerzen. Er bleibt zwei Stunden und meint dann „Na, wenn das so lange dauert geh ich nach Hause und komm morgen wieder“ und geht dann wieder.

Irgendwo am anderen Ende des Ganges in einem Zimmer liegt offenbar jemand, der ziemlich verirrt ist und der in mehrminütigen Abständen immer „Haaaaalloooo?!“ durch die Ambulanz ruft. „Haaaaaalllllooooo!!!“. Vielleicht kommt das aber auch nur von der Psychiatrie, die gleich nebenan ist.

neuro

Die einzige Zerstreuung sind die Gänge aufs Klo („Coool sie haben Sterillium auf dem Klo….oh…gleich mal schnüffeln….hach…..i love the smell of Sterillium in the evening….smells like……victory….“) oder ins Foyer, wo ein Automat steht, an dem man Kaffee, Cola und Schokoriegel bekommt („bringst du mir ein Duplo mit?“)

Die Studentin fäng irgendwann an zu weinen, weil sie es nicht mehr aushält. Gegen elf Uhr abends darf der Herr Ende fünfzig endlich auf seine Station und dies auch nur weil er Schmerzen hat und diese auch äußert. Die Spezialfreundin ist immer noch zappelig und vordergründig guter Dinge, trotz der Tatsache, daß sie offenbar eine nicht unwesentliche neurologische Störung im Gehirn hat. Dieses Verhalten ist ein Fehler. Denn klar denkt sich der diensthabende Arzt „Ach, die sitzt da rum, unterhält sich, hat keine Schmerzen, ist in der Nähe – die können wir ruhig da sitzen lassen und uns um wichtigeres kümmern“. Womit er – im Nachhinein betrachtet – ja auch recht hat.

Gegen halb zwei Uhr nachts darf die Spezialfreundin zum Arzt. Als ich allein im Arztzimmer sitze, bete ich für sie, wobei ich nicht genau weiß, an wen oder was ich mein Gebet richten soll. Ich denke mir nur „Liebes Universum oder Gott oder wer auch immer da ist: Bitte beschütze meine liebe Spezialfreundin!“

Mittels CT und EEG kann kein Schlaganfall festgestellt werden. Nachdem die Untersuchungen gegen halb vier Uhr morgens beendet sind, will der Hr. Doktor sie dabehalten. Und dies obwohl sie sich, wie sie später erzählte, mit ihm gezankt hat während der Untersuchung.
„Das hat ja ewig gedauert.“
„Denken sie, mir macht das eben grade Spaß?!“
„Sie werden dafür bezahlt, und erzählen Sie mir jetzt nix von Spaß….“
…ungefähr so muß es gewesen sein.

Sie entscheidet sich, gegen ärztlichen Rat und ohne klaren Befund nach Hause zu gehen, unterschreibt den entsprechenden Wisch und wir sind gegen halb fünf Uhr morgens im Bett.

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Dunkle Wolken über der Stadt. Ich sehe mir oft den Himmel an, wenn ich unterwegs bin und betrachte die Wolken, wie sie so dahinziehen. Der Himmel hat auch schon vor hunderten Jahren genauso ausgesehen. Und so offenbart der Blick in den Himmel eine Weite und ein Gefühl von Zeitlosigkeit, daß ich bisher nur am Meer hatte. Vielleicht auch ein Trost, daß all der Scheiß hier unten garnicht so wichtig ist, daß der ganze Dreck all das Drama nicht wert ist angesichts der Tatsache, daß es die Wolken noch lange geben wird, wenn ich schon längst Staub bin.

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Wir leben alle am Abgrund. Am Rande des schwarzen Loches. Der Abgrund, diese schwarze Wand, die auf uns alle zurast. Der Tod, das Ende unserer Existenz, unseres Bewusstseins, unserer Persönlichkeit. Je nachdem, was man glaubt. Ich versuche ja zur Zeit, an einen Gott zu glauben, aber so richtig gelingt mir das nicht. Wir tun einen Großteil der Dinge, um unsere Fahrt auf diese schwarze Wand zu vernachlässigen. Das verschafft uns Zeit, ein paar kostbare Augenblicke in diesem kurzen Leben, dafür kostet es uns wiederum an anderer Stelle Zeit und Mühe. Die Gesundheit zu pflegen, Sport zu treiben, zum Arzt zu gehen, gesunde Ernährung, sich von Drogen fernhalten. Zugegeben: Einige dieser mühevollen Aktivitäten verbessern die Lebensqualität schon in sich und verursache positive Gefühle. Mir selbst jedoch bereiten sie zur Zeit große Mühe und an vielen Tagen habe ich keine Lust zu kämpfen.

Das ist natürlich schlecht, denn die Konsequenzen zeichnen sich ziemlich schnell ab. Bei mir ist das natürlich die schlechte Ernährung gepaart mit latenter Maßlosigkeit in selbiger. Zehn Kilo zunehmen in drei Wochen ist also durchaus möglich. Und mein Seelenklempner rät mir zu immer drastischeren Maßnahmen dagegen. Ich solle meine freie Zeit möglichst durchplanen, um keine Leerlaufphasen zu haben, in denen ich ans Essen denke. Nur…was mache ich, wenn ich abends schlagkaputt von der Arbeit komme, mit diesem unglaublichen Gefühl der Leere in mir und wenn ich keine Lust mehr habe, irgendwelche Menschen zu sehen?

Freunde sind eine Hilfe. Es ist immerhin beruhigend, daß sie mich auch mögen, wenn ich ein Junkie bin. Zum Glück habe ich mir eine Sucht gewählt, die mich finanziell nicht ruiniert und bei deren Auslebung ich mir nicht das Hirn wegballer und nicht meinen Job verliere, solang es nicht RICHTIG schlimm wird. Man muß das Positive sehen. Doch die meisten Leute verstehen die Problematik nicht und können auch nicht helfen. „Reiß dich heute einfach mal zusammen.“ Okay, danke für den Ratschlag. „Da kann ich auch nichts mehr zu sagen.“ Stimmt ja auch.

Ich könnte auch in ne Klinik für Essstörungen gehen. Ist auch nicht so der Burner, sechs Wochen weg von Arbeit, das verursacht sicher KAUM Probleme. Außerdem HASSE ich Therapeuten und Pflegepersonal, das sind alles gemeingefährliche Irre, die dir das Gehirn waschen wollen….wobei…..vielleicht wäre ein Waschgang bei sechzig Grad garnicht mal schlecht.

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Ich kenne eine Person, die ist schwer geistig und körperlich behindert, Epileptikerin und autoaggressiv. Und die junge Frau ist nicht so geboren. Nein, in ihrer Akte liegt ein Aufnahmebericht der Uniklinik, datiert auf einen Tag, als sie gerade einige Wochen alt war. Diagnose: „Battered Child Syndrom“ – „Verprügeltes Kind Syndrom“.

bcs

Die junge Frau ist so schwer behindert, weil ihre Eltern sie kurz davor schwer mißhandelt haben. Und als wäre dies nicht bitter genug, passiert das scheinbar so oft, daß es einen geläufigen Ausdruck dafür gibt. Da will man doch nur kotzen. Siehe oben: Wir leben am Rande des schwarzen Loches.