Archiv für Juni 2011

Rumgefummel an Genitalien, Psychosen, PAAAAARTEEY! und mal wieder der Feldberg.

Fr. E. bekommt immer erstmal eine Valdispert-Tablette. Valdispert enthält Baldrian und wirkt vermutlich so garnicht bei einer Person, die mal Tavor-abhängig gewesen ist. Aber so ist der Plan.

Sie hört jeden Tag und fast ständig Stimmen, die sie beleidigen oder sie auffordern, sich das Leben zu nehmen. Normalerweise verläuft Schizophrenie in Schüben und selbst die chronische Variante enthält Phasen, in denen Patienten, die medikamentös gut eingestellt sind, einigermaßen frei von Halluzinationen leben können.

Nicht so Fr. E.. Sie hört die Stimmen ständig. Seit Jahren. Und wenn es zu schlimm wird, kommt sie aus ihrem Zimmer geschlichen und bittet sehr freundlich um ihre Bedarfsmedikation.

Fr. E. ist eine sehr schüchterne Person. Sie bedankt sich IMMER beim Personal, wegen allem, spricht immer sehr leise und ist immer sehr höflich. Das passt zu ihrem Äußeren. Sie wiegt nicht mehr als fünfzig Kilo – und das bei einer Körpergröße von fast einem Meter und siebzig. Also haben wir angefangen, ihr Süssigkeiten zuzustecken und aufs Zimmer zu bringen, auch gegen ihren Willen. Diese Form der Sonderbehandlung ist ihr unglaublich unangenehm, aber wir sind da sehr streng, weil es uns selbst auch ziemlich unangenehm wäre, einen unserer Bewohner wegen Unterernährung in die Klinik bringen zu müssen. Das würde irgendwie ein schlechtes Licht auf uns werfen.

Fr. E. ist mit etwa dreissig Jahren aus Kroatien nach Deutschland gekommen und hat irgendwelche Aushilfsjobs gemacht, bis es ihr immer schlechter ging. Psychische Krankheiten sind in dem Kulturkreis, aus welchem sie stammt nicht gerade etwas, was einem Anerkennung verschafft. Deshalb ging sie erstmal nicht zum Arzt, sondern behandelte sich selbst mit dem am weitverbreitesten und am leichtesten zu beschaffenden Sedativum, Alkohol. Irgendwann wurde es dann so schlimm, daß sie es irgendwie zum Psychiater geschafft hat, der verschrieb ihr dann erstmal was zur Beruhigung, also Tavor = Lorazepam, ein Benzodiazepin mit hohem Abhängigkeitspotential. Fr. E. wurde dann auch prompt süchtig. Den Entzug hat sie auch irgendwie hinbekommen. Der kalte Entzug von Benzodiazepinen ist auch kein Spaziergang, es heißt, er sei härter als der von Heroin.

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Sie hat es geschafft, Klinikaufenthalte auf das allernötigste zu beschränken und auch in das Wohnheim ist sie nur eingezogen, weil unser Chef jahrelang ihr zuständiger Sozialarbeiter war und sie ihm vertraut. Ärzte, Krankenhäuser und sonstige offizielle Stellen meidet sie wie der das Weihwasser den Teufel.

Und deshalb bekommt sie nun, wenn sie ihre Bedarfsmedikation fordert, weil es ihr scheiße geht, nicht sofort eine Tavor.

Weil sie sonst zwei pro Tag nehmen würde. Nein, sie bekommt auf ärztliche Anordnung erst Valdispert, das absolut nicht wirkt, dann wird eine Stunde gewartet, dann bekommt sie NOCH eine Valdispert, dann wird NOCHMAL eine Stunde gewartet, und wenn es dann nicht besser ist (ist es nie), bekommt sie 25mg Promethazin. Das wirkt ein bißchen, aber auch nicht richtig. Also kriegt sie nach ner Stunde NOCHMAL 25mg Promethazin und wenn es dann nach NOCHMAL einer Stunde immer noch schlimm ist, kriegt sie nach fünf Stunden endlich eine Tavor. Was impliziert, daß sie die Schübe, wo es richtig schlimm ist, einfach aushalten muß, denn nach fünf Stunden sind die meistens vorbei.

In der Zeit sitzt sie meistens wie ein Gespenst im Raucherzimmer und vernichtet ihren Tabakvorrat. Aus den Gesprächen der anderen Bewohner hält sie sich IMMER raus. Sie läuft vor allem ins Raucherzimmer, um mal eine andere Tapete zu sehen, denn auch in ihrem eigenen Zimmer ist sie nie ohne Kippe in der Hand anzutreffen.

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Es war eine Dienstagnacht Ende Oktober und wir saßen in der Souterrainwohnung, die sich Fr. J. mit ihrer Mitbewohnerin Fr. L. teilte. Wir hatten aus irgendeinem Grund alle frei und langweilten uns zu Tode. Es war zwei Uhr morgens, als wir beschlossen, mit dem Auto auf den Feldberg zu fahren. Ich hatte das Auto von Fr. Att ausgeborgt und so fuhren wir los.

Als wir Oberursel hinter uns ließen und in die Wälder des Taunus eindrungen, zog Nebel auf die Straßen, je mehr Höhenmeter wir auf der Serpentinenstraße zum Feldberggipfel gewannen, desto schlechter wurde die Sicht.

Fr. Atts damaliges Auto, ein schnuckeliger Fiat, verfügte nur über ein Kassettendeck, aber mit einem Adapter konnte man einen Discman anschließen. Leider hatten wir nur Musik, die Fr. Att immer auf dem Weg zur Arbeit hörte – eine MP3-Disc mit Neurosis und Soundtracks von Horrorfilmen. Und so fuhren wir, das Thema von „Rosemaries Baby“ hörend, durch den dichten Nebel nachts durch den Wald. Als ich kurz ausstieg um zu pinkeln, war das echt ein bißchen komisch. Ich rechnete jeden Moment damit, daß aus dem dunklen Wald eine große Klaue mit leuchtenden Augen auf mich zukommen und mich zerfleischen würde.

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Oben angekommen taten wir wenig, als einmal rumzulaufen (die beiden hatten nichtmal was zu kiffen dabei, wir waren wirklich richtig, richtig langweilig) und dann wieder wegzufahren, weil es so kalt und die Aussicht auch nicht vorhanden war. Aber immerhin hatten wir so den langweiligen Abend rumgekriegt und konnten ins Bett gehen mit dem Bewusstsein, wenigstens irgendetwas unternommen zu haben.

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Fr. E´s Geschichte ist traurig, aber nicht so traurig wie die von Hr. G., der etwa fünfundsechzig Jahre alt ist, früher mal Personalchef eines Krankenhauses gewesen ist und eine Familie hatte, Frau und Tochter. Da er über Jahre hinweg immer komischer wurde, haben die ihn irgendwann verlassen. Auch er hat sich mit Alkohol behandelt, verlor Job und Wohnung und landete auf der Straße. Eines Nachts stach er während eines psychotischen Schubes in einem Obdachlosenasyl auf einen anderen schlafenden Mann ein, weil er meinte, er müsse das christliche Abendland vor den Juden beschützen (wir lernen: Antisemitismus ist nichts anderes als eine Form der Psychose). Der, kein Angehöriger der jüdische Religion, überlebte zum Glück.

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Hr. G. verbrachte die nächste fünf Jahre in der Forensik. Es dauerte lange, bis man ihn behandeln konnte, sämtliche Neuroleptika schlugen nicht an und Hr. G. weigerte sich lang, sich von seiner Tat zu distanzieren. Jetzt lebt er in diesem Wohnheim, hat sehr strikte Bewährungsauflagen und ist einer der höflichsten Menschen, die ich kenne. Er ist IMMER pünktlich und zuverlässig, beschwert sich nie. Gleichzeitig ist er aber auch sehr distanziert. Er meidet tiefgehende Gesprächsthemen. Er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie und lebt sein Leben, indem er täglich an allen therapeutischen Maßnahmen teilnimmt (Bewährungsauflage) und nachmittags eine Stunde lang spazieren geht. Sonntagmorgens sieht er sich den Gottesdienst im ZDF an.

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Christine und ich blicken ins Lagerfeuer. Die ganze Szenerie hat etwas surreales. Mitten im Niddapark unter der Autobahnbrücke lodert das Feuer, Fackeln stecken im Boden und Lichterketten werfen bunte Farben auf unsere Gesichter. Direkt unter der Brücke sitzt eine Band. Die besteht aus einem Typ mit Schlagzeug, einem Anderen, der mit einer Art Gitarre arabische Klänge aus einem Verstärker (irgendwo steht ein Generator) ertönen lässt und dazu fünf Leuten mit Trommeln. Irgendwo steht auch ein Tisch mit einer Anlage, über die Richie irgendwelches Technozeug zusammenmischt.

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Ich erfahre, daß es eigentlich zwei Parties sind, die zufällig zusammenkommen und sich eben auch ganz gut ergänzen. Die Leute von der Band sind mit so einem Ami-Pickup/Truck gekommen, der großkotzig neben ihrem Buffett steht. Davor schwenken irgendwelche Hippieleute bunt leuchtendes Zeug in der Luft herum. Sieht cool aus.

Magdalena steht davor und sieht ihnen zu, während ich den Teller mit gegrilltem Tofu leeresse, den Christine in der Hand hält und dazu noch einen Schluck aus ihrer Wasserflasche (ihre EIGENE PFANDFLASCHE!) nehme. Danke Christine!

Chris schenkt mir einen der „Atomkrieg – Ja Bitte!“-Aufkleber und als wir anfangen, über irgendein Buch zu reden, kommt Nina zu uns und fängt an, uns über die gesamte westliche Bildungsbürgerliteratur zuzutexten. Achja, es ging um Liebe und Tod und mein Punkt war, daß Tod ein SUPER Thema für Bücher ist und mich Liebe meistens zu Tode langweilt. Daraufhin werde ich auch über Shakespear aufgeklärt und über Effi Briest. Und über Tolstoi.

„….das ist wie in Anna Karenina!“
„Worum gehts denn da?“
„Naja, mit der identifiziere ich mich ja schon.“
„Was hat die denn gemacht?“
„Och die hat sich am Ende vor den Zug geworfen.“

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„Hr. S., Sie müssen Ihre Tabletten nehmen, so siehts aus.“
Ich hatte es nett gesagt, aber Hr. S. schlugt mit der Faust auf den Tisch und schrie mit ganzer Kraft „NEIN VERDAMMT!“

Als Hr. S. eingezogen war, war er sehr auf seine Unabhängigkeit bedacht gewesen. Also bekam er die Tabletten von uns ausgehändigt und nahm sie auf seinem Zimmer selbstständig ein. Beziehungsweise nahm sie NICHT ein, wie einige Tage zuvor klar geworden war, als er dies während einer sehr unbeherrschten Minute einer Kollegin unter die Nase gerieben hatte, nach dem Motto „Ätschibätsch!“.

Jetzt riss er sich wieder zusammen und versuchte, sich zu erklären. Er sei nur unfreiwillig hier, er habe Schulden und könne eben keine Wohnung mehr mieten und nach seinem letzten Klinikaufenthalt habe man ihn hierher gedrängt. Und das hier sei ja eigentlich auch nichts anderes als eine offene Psychiatrie (hatte er recht) und er wolle nicht in der Psychiatrie sterben.

An diesem Abend kam er noch klar, aber ein paar Tage später verschwand er erst eine Weile lang, kehrte dann ziemlich psychotisch zurück und zerstörte den Fernseher im Nichtraucherzimmer. Dann rief die Kollegin die Polizei und die fuhren ihn in die Uniklinik, wo er so geistesgegenwärtig war, der Unterbringung (=Einweisung gegen seinen WIllen) durch den Richter zu entgehen, indem er der Behandlung zustimmte. Zwei Tage später verließ er die Uniklinik gegen ärztlichen Rat, stand wieder bei uns vor der Tür und die ganze Sache ging mehr oder weniger von vorne los.

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Montagmorgen auf Arbeit.

„Und, wie siehts aus mit den Frauen Johannes?“
„Ach komm, hör mir auf.“
„Ja, ist bei mir auch so.“
„Haste dich nicht letztens mit der einen getroffen….zum Stickertauschen?
„Achja, aber mit der war ich ja mal zusammen vor ein paar Jahren….neeeneenee….das wäre ja ein Abstieg. Weisste, wenn man sich einmal im Niveau hochgefickt hat…..“

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Ein paar Jahre vorher, da war ich noch ziemlich dick, habe ich mit einer Bekannten „Außer Atem“ gesehen, den Film in dem Jean-Paul Belmondo den Kriminellen Michel spielt, der einen Polizisten erschießt und dann in Paris auf der Flucht ist, aber immer noch Zeit für seine Affäre mit der Studentin Patricia hat. Die Treffen sich ab und zu und haben ziemlich unverbindlichen, schnellen Sex.

Als der Film vorbei war, bemerkte ich gegenüber meiner Bekannten, daß dieser ungezwungene Umgang mit Sexualität – und vor allem dessen Zurschaustellung – ziemlich innovativ gewesen sei zur damaligen Zeit („Außer Atem“ ist von 1960). Daraufhin bemerkte meine Bekannte „Ich glaube darauf hätte ich jetzt auch Lust“.

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Ich begriff ziemlich schnell, was sie damit gesagt hatte, aber es überforderte mich. Ich begann zu zittern und wusste nicht wirklich, welche Reaktion nun von mir erwartet wurde. Ich druckste rum, dann bemerkte sie „Hey, du zitterst ja total.“

Schließlich bekamen wir sowas wie eine Umarmung hin, ich begann, ihr durch die Haare zu streichen. Das war am ganzen Abend eigentlich das absolute Beste, diese wunderbaren naiven Berührungen, die einfach nur körperliche Nähe und Zärtlichkeit sind.

Nach etwa zwanzig Minuten war dieser Zauber allerdings verflogen, und da wir unterschiedliche Dinge wollten (ich bin pervers, sie nicht) und keiner von uns irgendwelche Verhütungsmittel besaß, beschlossen wir den Abend mit Rumgefummel an Genitalien und dann fuhr ich sie zurück nach Darmstadt.

Am nächsten Tag telefonierten wir, ließen den Abend Revue passieren und stellten klar, daß wir beide keine Beziehung mit dem/der jeweils Anderen wollten. Dabei machte ich den Fehler, zu erklären, daß ich sowieso nicht soviel Spaß gehabt hätte. Im Verlauf des Gesprächs entschloß ich mich zu kompromißloser Ehrlichkeit und erklärte ihr, daß sie zu dick für mein Schönheitsideal sei. Wohlgemerkt wog ich zu diesem Zeitpunkt etwa 130 Kilo.

Diese Wahrheit werde ich nie wieder gegenüber einem anderen Menschen aussprechen, denn es führte zu NICHTS, außer daß sie sehr verletzt war.

Rettung, Erlösung, Weihrauch, Atomkrieg und ein Schmetterling….

Und ich sehe aus dem Fenster der S-Bahn und sehe den abendlichen Himmel. Langgezogene Wolkenformationen, durchdrungen von den letzten Sonnenstrahlen, malerisch wie auf einem romantischen Gemälde.

Neben mit sitzt Fee und wir diskutieren darüber, welches der Paare in unserem gemeinsamen sozialen Umfeld wohl am ehesten heiraten und Kinder kriegen würde. Weil die biologische Uhr tickt und manche unserer Freunde haben die magische Dreissig-Marke schon hinter sich gelassen. Ich bin ja eh dafür, spät Kinder zu kriegen und damit der Trisomie eine Chance zu geben.

Plötzlich spricht mich der Mann, der auf der anderen Seite neben mir sitzt, auf Englisch an. Der Pigmentierung seiner Hautfarbe nach zu urteilen, stammt er aus irgendeinem afrikanischen Land. Er hält mir einen Zettel hin und bittet mich, ihm zu erklären, was da draufsteht. Es ist ein Arbeitslosengeld 2 – Leistungsbescheid, in dem von der Arbeitsagentur übernommene Mietkosten sowie der überwiesene Barbetrag aufgeführt sind.

„Didn´t they tell you what it is?“
„No!“

Heute Sozialberatung in der S-Bahn Frankfurt-Mainz, 20h-21h mit J. Giesemann, Heilerziehungspfleger.

In Rüsselsheim steigt er aus.

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In Rüsselsheim bewarb ich mich einmal für eine Stelle an einer Förderschule. Ich fuhr an einem kalten Dezembernachmittag dorthin. Ich nahm die S-Bahn, und ab dem Bahnhof dort fuhr ich mit dem Bus. Es war in einer Zeit, in der meine Stimmung generell sehr, sehr düster war und so saß ich in diesem Bus, der eine geschlagene halbe Stunde lang durch Rüsselsheim fuhr. Schlimmer geht ja immer, aber mal ehrlich, Rüsselsheim ist schon sehr deprimierend. Nichts als Wohnblöcke, es sieht in etwa aus wie in Frankfurt-Nordweststadt, nur daß es eben nicht Frankfurt ist sondern Rüsselsheim, am Arsch der Welt, wo nur alle zwanzig Minuten (an Werktagen, tagsüber!) ein Bus fährt und jede schönere Gegend unerreichbar ist. Ich beschloß, mir das nicht jeden Tag anzutun.

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Fee ist eine der unabhängigsten Personen die ich kenne. Meinungen von anderen gehen ihr meistens am Arsch vorbei und obwohl sie Filmwissenschaften studiert und auf Filmfestivals rumhängt, kann sie es ziemlich gut vermeiden, eine dieser „ich-studiere-Kultur!“-Existenzen zu sein.

Wir verbrachten letztes Jahr einen Tag gemeinsam, sahen uns den Film „Elling“ an und ich kochte Reis und Gemüse für uns. Zu dieser Zeit aß ich immer sehr, sehr scharf. Ich war damals gewöhnt, daß Essen im Mund wehtut. Um ehrlich zu sein, war der Reis an diesem Tag selbst für mich zu scharf. Man konnte das Gericht wirklich nur mit sehr viel Joghurt zu sich nehmen. Fee, die sich auf das Essen gefreut hatte, nahm einen Löffel zu sich und wurde sehr, sehr, sehr böse. Sie war echt richtig sauer und demonstrierte mir dies die gesamte nächste Stunde lang, bevor sie mir dann irgendwann verzieh. Ich habe es übrigens gegessen, wenn auch mit Schmerzen und Schweißausbrüchen.

Nun sitzen wir also in der Bahn Richtung Mainz. Wir überqueren den Rhein und blicken auf die breite Wasserfläche, in der sich das Gleißen der untergehenden Abendsonne spiegelt.

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Unser Ziel ist das „Performance Art Depot“, wo eine Freundin von Fee in „Wenn Du Mich Rettest…“, einem Stück, welches VIER STUNDEN lang läuft („Dauerperformance“) und während dieser das Publikum kommen und gehen und selbst teilnehmen kann, spielt.

Am Abend vorher habe ich Fees Freundin, Lea, in der Küche von Fee´s WG kennengelernt und genau wie Fee war mir Lea auch sympathisch, obwohl sie eine „Kunst und Kultur“-Existenz ist. Sie beschrieb mir, es würden während des Stückes Briefe an Menschen vorgelesen, welche die Performenden NICHT gerettet hätten, es sei jedoch nicht ganz so tränenrührseelig. Nunja, unser Plan ist, die letzten beiden Stunden anzusehen und gerade als wir uns gesetzt haben, beginnt Lea, auf der Bühne einen Brief an ihre durch Suizid verstorbene Jugendfreundin vorzulesen und wir alle bekommen einen Tiefschlag direkt in die Magengrube.

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„Was zur Hölle tue ich hier?!“

„Zur Hölle“ passt ganz gut, denn ich habe die Hostie gegessen und ich bin PROTESTANT! Und nehme an der katholischen Eucharistie teil, also mein Ticket in die Hölle. Zum Glück hat die katholische Kirche das Fegefeuer abgeschafft.

Trotzdem, was TUE ich hier, in der KIRCHE?!

Ich bin christlich aufgewachsen, zwar evangelisch, aber im großen und ganzen ist das ja derselbe Dachverband, oder? Allerdings konnte mir seit meiner Pubertät keiner wirklich glaubhaft machen, daß es so etwas wie Gott gibt, daß Jesus Christus, der in der Bibel beschrieben wird, wirklich der „Sohn“ dieses Gottes ist (also nicht wirklich der „Sohn“, aber wir überlassen die Interpretation der heiligen Trinität mal den Theologen). Ich hab mich konfirmieren lassen, weil man das halt so macht und weil es da Geld geschenkt gab. Großartig nachgedacht habe ich damals nicht darüber und im Laufe der Jahre wurde ich zum ziemlich nihilistischen, beinharten Atheisten, der an die Evolution und den Urknall glaubt.

Beides steht ja jetzt nicht wirklich im Gegensatz zum Glauben an Gott. ABER. Ich hielt es lange Zeit für SEHR absurd, an etwas Göttliches zu GLAUBEN. Meine Meinung war: Es gibt nichts übernatürliches, alles was uns als übernatürlich erscheint, wird die Wissenschaft eines Tages erklären und beherrschen können und dann ist es nicht mehr übernatürlich. Wie eben den Urknall. Oder das Multiversum. Oder diese ganzen völlig irren Erkenntnisse, die uns Relativitäts- und Quantentheorie liefern. All diese Erkenntnisse sind so jenseits meiner Vorstellungskraft, so völlig absurd, daß ich beschlossen habe, es sei schon fast weniger durchgeknallt (jedenfalls nicht irrer), an Gott zu glauben.

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Ich meine, wer von Euch glaubt WIRKLICH, es habe PENG gemacht und dann sei das Universum entstanden? Und ja, ich weiß, die Frage nach dem VOR dem Urknall stellt sich nicht, weil die Zeit erst mit dem Urknall entstanden sei….äh….abgesehen davon…die Menschheit hat es gerade mal mit Ach und Krach bis zum Mond geschafft. Wisst ihr wie groß das Universum ist? Und wir behaupt wir wüssten, wie es entstanden ist?! Das ist so, als behauptete jemand, der es in seinem Leben niemals weiter aus seinem Bett geschafft hat als mal kurz einen Fuß auf den Boden davorzustellen, er kenne sich in seiner Stadt gut aus. Oder so.

Tut mir leid, aber da liegt der Glaube an Gott schon wesentlich näher, auch wenn noch niemand eine linear anwendbare Sprache entwickelt hat, um ihn zu beschreiben (eine solche linear anwendbare Sprache ist beispielsweise die Mathematik in Bezug auf die Relativitätstheorie – man kann die ganze Sache darstellen und beschreiben – aber ist das wirklich ein „Beweis“? Mal ganz abgesehen davon, daß sich hierbei die Frage stellt, wie man „Beweis“ definiert….aber das führt zu weit).

Ich war also im katholischen Gottesdienst, in der heiligen Messe, und zwar mehrmals. Ich ging hin voller Unruhe, Selbstvorwürfen und totmüde, heißhungrig und aufgewühlt nach der Arbeit – und ich fühlte mich tatsächlich besser danach.

Wieso also die katholische Kirche – als Protestant?

Ich finde es irgendwie schön, daß die katholische heilige Messe so feierlich ist und ein wenig ritueller als die evangelischen Gottesdienste, die ich kenne. Ich empfinde die katholische Kirche natürlich generell als eine Institution, die Jesus so nicht gewollt haben kann, mit einem Haufen alter verbitterter und selbstgerechter Pharisäer an der Spitze. Aber das macht die Messe und den Glauben an sich ja nicht schlecht – oder?

Ich finde es eine wirklich schöne Geste, den anderen Anwesenden die Hand zu schütteln und ihnen „Friede sei mit dir“ zu wünschen. Vor allem wenn man selbst gerade großen Unfrieden mit sich und der Welt hat, ist das sehr wirkungsvoll und beruhigend.

Und ich mag den Geruch von Weihrauch.

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Nachtrag, ein paar Tage nach dem Schreiben dieses Absatzes:
Jetzt bin ich mir dieser ganzen Sache doch nicht so sicher. Lieber doch Atheismus? Suche ich nur Gemeinschaft und Ritual oder Ruhe und Besinnung anstatt spiritueller Erkenntnis? Es bleibt spannend….

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Es hat etwa zwanzig Grad in Frankfurt. Der Himmel ist bewölkt, es ist schwül. Die Luft ist stickig, so daß ich morgens auf meinem Weg zur Arbeit in der U-Bahn anfange zu schwitzen in meinem Kapuzenpulli. Nun ist es kurz vor sechs Uhr abends und ich sitze an einer Haltestelle auf der Eschersheimer Landstraße und lese. Der Verkehr macht Krach, dies ist eine der meistbefahrensten Straßen Frankfurts und vor mir halten im Minutenabstand die Züge vier verschiedener U-Bahn-Linien.

Ich bin zur früh dran für meinen Seelenklempnertermin. Und ich hasse es, dort im Wartezimmer zu sitzen und am Ende andere Patienten zu treffen. „Tag auch. Und was für einen Dachschaden haben Sie so?“

Und so hänge ich hier so, auf den unbequemen Stühlen der Haltestelle Fritz-Tarnow-Straße und lese noch fünf Minuten lang in „Paradies“, A.L. Kennedys Roman über Hannah Luckraft, eine hoffnungslose Trinkerin, die in diesem Buch von einer Abscheulichkeit in die nächste rutscht und sich auf möglichst würdelose Weise selbst zerstört. Das passt zur Zeit ein wenig zu mir. Vielleicht sollte ich sowas nicht lesen, denn es zieht mich runter, weil ich mich selbst in der Protagonistin erkenne, auch wenn Hannah Luckraft mit ihrem Alkoholismus ein Level erreicht hat, das WEIT über meiner Sucht liegt.

Ungefähr zehn Minuten lang sitze ich dort und lese und dann landet plötzlich ein bunter Schmetterling auf den aufgeschlagenen Buch, verweilt dort kurz und flattert einige Sekunden später weiter.

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Ganz oft geht es darum, Härte auszustrahlen nach außen.

„Ich bin so geworden, weil ich so werden musste, hart und unnachgiebig, provozierend und GEGEN EUCH, weil ich nie zu Euch gehören durfte.“

Vielleicht hängt deshalb der große „Atomkrieg – JA BITTE!“-Patch an meiner Umhängetasche, vielleicht höre ich zum Teil deshalb Musik, die sehr hart, nihilistisch und brutal nach außen anmutet. Vermutlich ist es Selbstschutz in einer Welt, in der Härte nach wie vor einer der höchsten Werte ist. Leistung, schneller weiter HÄRTER. Frauen wollen Männer, die „Fels in der Brandung“ sind, Chefs wollen Mitarbeiter, die nicht von Erkältungen oder psychischen Problemen zu Krankmeldungen getrieben werden, sondern Belastungen aushalten.

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Leider bin ich nicht der Fels in der Brandung, eher das Staubkorn in der Brandung. Es braucht nicht viel, um mich aus dem Konzept zu bringen.

Daher höre ich zur Zeit nicht mehr ganz so oft Pantera oder Hatebreed. Es wirkt wie eine Lüge. Ich rasiere mir keine Glatze mehr und ziehe nicht mehr die Bomberjacke an. Das ist eine Lüge. Verdammt, ich nehme jeden Tag Antidepressiva, wie kann ich da Härte ausstrahlen?! Aber was ist die Alternative?

Vermutlich ist die Ausstrahlung von Härte auch ein emotionales Schutzschild vor all den schlimmen Meldungen in den Nachrichten. Leid und Tod und unerklärliche Krankheiten, die auch DICH jederzeit treffen könnten. Die ganzen Grausamkeiten, denen ein Großteil der Menschheit ausgesetzt ist, und die wir uns in unserer scheinbar heilen westlichen Welt nicht einmal wirklich vorstellen können. Ganz ehrlich, manchmal lese ich die Zeitung und ich merke wie es mich lähmt vor Angst und dann hilft eben die „scheiß drauf, ich fürchte NICHTS denn ich bin selbst NOCH BÖSER als die Welt“-Einstellung.

Meine Hochzeit. Oder: Wie überlebe ich diesen Samstag?

Ihr könnt Euch sicher sein. Falls ich jemals heiraten sollte, dann wird das nicht so eine langweilige, trockene Scheiße, bei welcher meine Zukünftige und ich vor dem Standesbeamten sitzen und zwei Papiere unterschreiben und uns dann eine Sekunde lang küssen.

Entschuldigung, aber dann kann man ja es gleich sein lassen. Wenigstens eine katholische Kirche sollte drin sein, um der Sache zumindest ein bißchen Tiefgang und Leidenschaft zu verleihen.

Falls ich jemals heiraten sollte, mein liebes soziales Umfeld, liebe Familie, dann, das kann ich jetzt schonmal ankündigen, wird das so sein:

Eine Zeremonie in der dunkelsten Nacht des Jahres im Wald, alle Anwesenden sind nackt und mit getrocknetem Schlamm eingerieben. Anwesend sind ein katholischer Geistlicher und ein Priester der Church Of Satan. Die Szenerie wird untermalt von den Radiowellen des Jupiter, die über drei große Ampeg-Bassboxen mit voller Lautstärke abgespielt werden. Alle Anwesenden tragen EEG-Scanner, die ihre Hirnaktivitäten abnehmen. Die werden gesammelt von einem eigens dafür geschriebenen Programm in einen Algorythmus umgewandelt, der die Farbe der Beleuchtung der Waldlichtung steuert. Es muß ein klarer Himmel sein, so daß man die Milchstrasse deutlich sieht.

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Beide Priester befragen uns nach dem Ja-Wort und ob wir bereit sind, unsere Liebe bedingungslos und ohne jede Einschränkung dem jeweils anderen zu schenken.

Danach schneiden meine Frau und ich uns beide die Pulsadern auf und trinken jeder mindestens einen halben Liter vom Blut des Anderen – und zwar direkt aus der Vene. Daraufhin reiben wir uns die Gesichter mit dem Blut ein.

Dann werden mehrere Bach-Choräle gesungen oder abgespielt und darauf folgend küssen meine Geliebte und ich uns mindestens zehn Minuten lang ohne Pause, bevor wir vor den Augen aller Anwesenden den Akt der Liebe vollziehen, und zwar auf dem Waldboden, während die Hintergrundstrahlung des Sonnensystems als Radiowellen über die Bassverstärker dröhnt.

Wir lieben uns so, daß wir danach mindestens blutende Biss- und Kratzwunden haben, und wenn wir damit fertig sind vollziehen alle Anwesenden einen mindestens einstündigen Urschrei-Ritus.

Natürlich kann eine Hochzeit auch auf andere Art und Weise intensiv sein, genau so wie eine flüchtige Berührung manchmal sehr viel erregender sein kann als hemmungsloses Aneinanderrumgereibe. Jedenfalls sollte es kein Ort sein, der schon institutionalisiert ist als Heiratszone. Also kein Standesamt. Eine Kirche wäre allerdings okay, aber da wirklich auch eine katholische. Ich bin während meiner Jugend zu oft in vollkommen nüchtern und schmucklos eingerichteten evangelischen Gotteshäusern vor Langeweile fast eingeschlafen. Das brauch ich nicht, wenn ich LIEBE. Obwohl, vielleicht genügt ja dann die bloße Liebe und man braucht gar keinen großen Klimbim.

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Und an einem weiteren Tag sitzt du zuhause. Als du morgens aufwachst, siehst du durchs offene Fenster die Wolken, die von der gerade aufgehenden Sonne langsam aufgelöst werden. Noch vor dem Wecker hat dich der Großstadtverkehr geweckt. Du wühlst dich aus dem verschwitzten Bett und versuchst die übriggebliebenen Traumfetzen aus dem Kopf zu schütteln. Aufstehen, Fenster schließen. Kaffee. Und dann plötzlich kommt alles wieder, das Versagen am Tag vorher, der Schritt in Richtung Abgrund, den du gemacht hast.

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Du schaffst es zu duschen, die Zähne zu putzen, dich anzuziehen. Doch dann, als du los mußt zur U-Bahn merkst du „Nein. Ich kann nicht.“ und rufst auf der Arbeit an und meldest dich krank. Doch direkt danach „Was habe ich getan?“ NEIN! Das kannst du nicht machen. Wenn du dich krankmeldest, kannst du dich gleich in die Klapse einweisen lassen. Und plötzlich kommt der Heulkrampf. Und es ist gleich halb acht Uhr morgens an einem Montag. Niemand ist da um dir zu helfen, denn alle sind gerade auf dem Weg in eine neue stressige Woche.

Nach einer Weile beißt du die Zähne zusammen. „Ich muß auf die Arbeit“. Das Auto ist in der Werkstatt und mit der Bahn schaffst du es nicht mehr rechtzeitig. Also tut es ein Taxi für dreissig Euro. Du kommst fünf Minuten zu spät und versuchst, den Kollegen eine Geschichte zu erzählen, die nicht völlig abwegig ist, aber auch nicht deinen gesamten desaströsen Zustand offenbart.

Und du kriegst den Tag irgendwie rum, auch wenn du die ganze Zeit einfach nur losheulen willst, du lachst gekünstelt über die Witze irgendwelcher Leute und schaffst es abends sogar, clean zu bleiben.

Anders als am Tag darauf, an dem du von der Arbeit kommst und der Suchtdruck geradezu überwältigend ist. Und da ist NICHTS sonst, auf das du auch nur ein wenig Lust hast. NICHTS.

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Um am nächsten Morgen dieselbe Show, nur daß du diesmal wirklich nicht zur Arbeit gehst, aber genau weißt, daß das ein Desaster ist. Deine Kollegen werden deine Arbeit machen müssen. Blablabla Depression. Vielleicht bist du nur faul. Jetzt muß aber mal was passieren. Klinik oder so.

Im Wartezimmer meines Hausarztes habe ich Angst. Was wird nun passieren? Was wird er sagen? Mir eine Einweisung schreiben? Es ist die Ungewissheit, die mich fertigmacht.

citalopram

Der Arzt erhöht das Citalopram, kann aber ansonsten wenig machen.

„Doch, klar, eine Reha oder eine Kur können wir beantragen. Wann waren Sie jetzt nicht bei der Arbeit? Heute? Okay. Sollen wir morgen auch noch aufschreiben?“
„…Ich weiß nicht….“
„Okay, heute und morgen und falls es am Montag nicht geht, ich bin ja da….“

sicko

Nach Hause und weiter mit der Sucht. Abends hat zum Glück der Seelenklempner Zeit für dich und ist richtig nett.

„Also für die Noteinweisung reicht es nicht. Wir können über eine stationäre Therapie so in ein paar Monaten mal nachdenken. Aber erstmal muß der Karren jetzt aus dem Dreck.“
„Ja, aber es MUSS JETZT ETWAS PASSIEREN! MEINE EXISTENZ IST GEFÄHRDET!“
„Nein, keinen Druck jetzt. Erholen Sie sich morgen nochmal. Und bleiben Sie clean.“

Am Abend besuchst du Magdalena und sitzt in ihrem kargen WG-Zimmer. Sie erzählt und redet über viele Dinge. Du willst ihre Nähe. Nicht unbedingt Sex, aber schon körperliche Nähe.
„Du hast ein körperliches Bedürnis, oder?“
„Haben wir das nicht alle?“ (eine blödere Antwort hätte dir nicht einfallen können, oder?)
„Naja.“

Das ist unmißverständlich und du erhöhst den Abstand. Dann bietet sie dir an, bei ihr zu pennen.

„Was?! Versteh ich nicht. Grade eben hast du mich abblitzen lassen und jetzt sagst du sowas?“
„Naja, weißte…Sex. Ich habe lieber Sex mit Leuten die ein wenig stumpf sind.“
„Na….wo ist das Problem?“

Aber sie hat recht. Es war besser so, das endet ja doch jedesmal in einem emotionalen Drama.

Auf dem Heimweg kommt der Suchtdruck wieder und du bist zu schwach um „NEIN!“ zu sagen. Du suchst nach dem einen REWE in Bornheim, der um kurz vor zwölf noch auf hat und kaufst Dinge, die du in dich reinstopfst bis dir schlecht ist. Soviel zum Thema Cleanbleiben.

Der nächste Morgen. Die Sonnenstrahlen lachen dich aus. Ein weiterer Morgen im Leben eines Junkies. Du hast Probleme damit, gerade ein völlig nutzloser armer Irrer zu sein. Das passt nur schwer in dein Selbstbild. Du musst nachmittags auf der Arbeit anrufen um dich für den darauffolgenden Montag wieder gesundzumelden und hast totale Angst vor den Stimmen der Kollegen und dem Unterton, den sie haben werden, wenn sie mit dir reden. Und dann erst am Montag, wenn du wieder hin musst. Die Blicke der Kollegen ertragen.

Den ganzen Tag ist da dieses furchtbare Gefühl. Hoffnungslosigkeit. Motivationslosigkeit. Und am liebsten würdest du es betäuben, aber du weisst, daß es dann nur noch schlimmer werden würde und du es wieder betäuben müsstest usw….

Es ist halb vier Uhr nachmittags und dein Tag ist noch nicht einmal annähernd geschafft.

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Am Abend danach sitze ich in der überraschen sauberen, aufgeräumten und ziemlich gemütlichen Wohnung von Fr. H.. Der Boden ist mit dicken Teppichen ausgelegt und vor dem Wohnzimmerfenster hängen dicke Vorhänge. An den Wänden sind sehr ordentlich und akkurat Poster von allen möglichen Filmen und Frank Zappa aufgehängt. Und eine gestreifte dicke Katze schleicht herum und miaut mich an.

Fr. H. ist knapp über vierzig und laut eigener Aussage Punkrocker seit sie dreizehn Jahre alt ist. Und hat alles mitgemacht, so auch JEDE Droge. Beide ihrer Unterarme sind voller Narben. Und wie sie selbst sagt, macht sie immer noch nicht langsamer. Sie spielt mir einen Haufen Psychedelic-Rock-Platten vor und kifft dabei und erzählt mir Dinge aus ihrem Leben, gegen welches meines wirklich unglaublich langweilig ist. Ob ich tauschen wollte? Nein. Ich glaube nicht. Sie hat es bisher wohl geschafft, trotz vieler Drogen und einem ziemlich exzessiven Partyleben die Kontrolle zu behalten. Und ich verliere die Kontrolle ja schon bei ein wenig Schokolade.

Nach zwei Stunden gehe ich dann nach Hause und falle ins Bett.

Am nächsten Morgen werde ich gegen sieben Uhr wach. Draußen ist noch kaum Verkehr. Die Straße ist feucht, anscheinend hat es nachts geregnet. Es geht ein leichter Wind, der durch die Zeitungen in der Auslage am Kiosk gegenüber weht. Ein älterer Herr betritt gerade die Trinkhalle, davor steht sein Einkaufswägelchen. Er hat wohl auch nicht mehr schlafen können und genehmigt sich jetzt einen ersten Schnaps, um den langen Samstag irgendwie zu überstehen.

Und wie überstehe ich den langen Samstag?

FRESH FRUIT FOR EVERYONE. Und Beef.

Dieser Text entsteht on the road, oder besser gesagt ON THE RAIL. Ich sitze im InterCity zwischen Hamburg und Hannover und lasse die norddeutsche Pampa draußen am Fenster an mir vorbeifliegen.

zug

Ich bin sehr selten auf Hochzeiten, aber seit meine Mutter wieder geheiratet hat, ist die Familie um ca. fünfzig Prozent angewachsen und die Feierlichkeiten häufen sich. So musste meine Mum auch erst eine Stieftochter bekommen, um sowas wie Oma zu werden. Wobei man als Klugscheisse anmerken darf, daß die Tochter des Mannes meiner Mum nicht wirklich ihre Stieftochter ist, genauso wenig wie diese offiziell meine Stiefschwester ist. Dazu müsste meine Mutter sie erst adoptieren bzw. ihr Mann meine Geschwister und mich. Nichtsdestotrotz reisen wir zu ihrer Hochzeit an, was eine einigermaßen unspektakuläre Geschichte ist, da die Anzahl der geladenen Gäste überschaubar bleibt. Trotzdem gibt es natürlich eine Feier mit Buffet in einem Restaurant und DA fangen für jemanden wie mich die Probleme an.

Über meine Probleme, nicht wesentlich mehr Nahrung aufzunehmen als es im Allgemeinen als nötig erachtet wird bzw. ohne das Maß der Kalorienzufuhr zu überschreiten die man zur Aufrechterhaltung von ca. 82 Kilogramm Körperbewicht benötigt, habe ich schon ausführlich geschrieben. Zur Zeit klappt dies, indem ich mich SEHR strikt an meine eigene Essensstruktur halte. Und nein, ZU WENIG esse ich eigentlich nicht.

Nun haben wir aber eine Hochzeit, wo es massenweise sehr leckere, hochkalorische Speisen umsonst gibt und jeder der Anwesenden das oben beschriebene Maß an Kalorienzufuhr zeitlich begrenzt ignoriert. Also könnte ich mir sagen „Na gut, auf Feiern isst man eben viel, ignorier deine Disziplin mal“.

Würdet ihr zu einem Alkoholiker sagen „Na komm, ein Bier kannste ja trinken…“?

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Vielleicht versteht ihr das Problem. Ich schlage mich also ganz okay durch, muß mich aber den ganzen Nachmittag lang extrem zusammenreißen, und Spaß ist das halt leider nicht. Erst nehme ich mir vor, nur einen Teller Häppchen zu essen. Dann überbrücke ich mit Obstsalat, während der Rest der Anwesenden inklusive meine Geschwister links und rechts neben mir echt reinhauen, Kuchenstücke, Baguette, süße Cremes, Flammkuchen, Fisch, Tiramisu… Und ich bekomme dann auch sofort wieder Heißhunger, also erlaube ich mir doch noch einen zweiten Teller und fühle mich natürlich schlecht, weil ich es nicht geschafft habe, meine Vorsätze durchzuhalten. Dann erlaube ich mir noch ein kleines Stück Kuchen und eine Schale Zitronencreme. Danach geht das Schuldgefühl so halb, weil ich mir selbst eingestehen muß, daß eine ZU große Enthaltsamkeit wieder zum gegenteiligen Effekt, nämlich einem großen Rückfall, führen wird. Gegen halb sechs wird die Feier aufgelöst und ich fühle mich schon am rettenden Ufer, doch dann wird noch ins Zuhause des Brautpaares zu „leckerer Suppe, Baguette, zu Trinken usw.“ eingeladen. Und als wir dann da hinfahren fühle ich mich richtig scheiße. Ich weiß daß ich keine Kraft mehr habe, zu widerstehen und daß ich kurz vor einem großen Rückfall bin, inklusive drei Tagen tiefster Depression danach – wie beim letzten Mal.

Wir kommen an und es gibt Chips, Cola, zwei lecker duftende heiße Suppen (Hähnchencurry und Spargelcreme). Ich essen EINEN geriffelte Chip und bin zuversichtlich, daß ich es schaffe – bis ich dann doch vor einem Teller Suppe sitze. Aber der große Knall kommt nicht, ich verzeihe mir selbst, denn ich hatte keine andere Chance. Aber ein schlechtes Gewissen bleibt den ganzen Abend, trotzdem schaffe ich es den „Scheiß drauf, jetzt ist es eh egal“-Effekt mit dem großen Rückfall zu vermeiden und an diesem Abend trotz Hungergefühls nur noch Obst zu essen.

In letzter Zeit werde ich oft zum Grillen eingeladen. Jetzt wisst ihr, warum ich oft absage. Dieser Kampf mit mir selbst ist mir einfach zu anstrengend.

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Bisher war ich ja jeder Jahr auf dem Au-Fest, das Open Air, mit dem der Tag der Besetzung der „Au“ in Rödelheim gefeiert wird. Dieses Jahr wurde ich von einer Freundin gewarnt, dort nicht aufzutauchen, man würde mich nicht reinlassen. Im Dezember habe ich in diesem Blog ein paar ziemlich deutliche Worte darüber verloren, was ich von dem doch deutlich erhöhten Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen (vor allem Alkohol) in der Punk- und Hardcore-“Szene“ halte. Das habe ich damit verknüpft, daß ich auf einem Konzert in der Au war, auf welchem zumindest dem Alkohol in hohem Maße zugesprochen wurde. Und ich beschrieb, daß ich WEISS, daß in Teilen des Umfeldes der Bands die dort spielten, auch der Konsum illegaler, meiner Meinung nach gefährlicher Substanzen üblich ist. Ich schrieb NICHT, daß dies bei diesem Konzert oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Au der Fall war. Ferner stellte ich in dem selben Text ein paar lustig gemeinte Vermutungen über die Beziehungen zwischen einer weiblichen Person und dem Sänger einer englischen Punkband an und nannte die beiden auch beim Namen.

Letzteres tut mir leid, ich habe mich entschuldigt und den Text geändert. Ich musste lernen, daß nicht jeder sein Inneres so in der Öffentlichkeit auspacken will, wie ich dies tue. Ich erfuhr leider auch von dem Ärger über DIESE Sache nur durch dritte und erhielt auf meine Entschuldigungsmails an die betreffende Person keinerlei Antwort. Da betreffende Person auch im Umfeld der Au aktiv ist, vermischte sich das wohl mit dem Ärger darüber, ich hätte die Au öffentlich eine Drogenhöhle genannt und nun bin ich, der kleine Yohazid, dessen Blog von ca. fünfzehn Menschen gelesen wird (die mir alle persönlich bekannt sind), Persona Non Grata dort. Eigentlich ganz cool, oder? Ich meine, wenn ich keine Aufmerksamkeit wollte, würde ich dieses Blog nicht betreiben. Und nachdem ich diesen oben beschriebenen Faux Pas begangen hatte, hatte dieses Blog an einem Tag bis zu ZWEIHUNDERT Hits.

Ich habe sogar beschrieben, aus welchen völlig subjektiven Gründen ich den Konsum von Alkohol und bewusstseinsverändernden Substanzen ablehne (wenn man mal davon ausgeht, daß man Meinungen in „subjektiv“ und „objektiv“ einteilen kann).

Ich meine, ich respektiere dieses Verhalten sogar. Die Au ist der Ort der Leute, die diese seit Jahren unter großem Arschaufreißen betreiben und wenn sie mich nicht reinlassen würden, weil ihnen die Farbe meines T-Shirts nicht passt oder weil der Typ an der Tür an gerade diesem Tag keinen Bock auf meine Augenfarbe hat, dann würde ich dies akzeptieren. Es ist IHR Ort mit IHREN Regeln und wenn mir die nicht passen muß ich halt selber die Eier und die Energie aufbringen, ein Haus zu besetzen und Bands zu buchen.

Aber ich nutze es trotzdem aus, um mich zum Szene-Outlaw zu stilisieren. Hihi.

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Eine Sache, welche ich zur Zeit einigermaßen obsessiv betreibe, ist Sport. Keine Ahnung wieso. Wer mich kennt weiß, daß ich immer Phasen habe, in welchen ich manche Aktivitäten geradezu manisch betreibe, bevor sie sich auf ein normales Maß reduzieren oder ich genug davon habe und ins Gegenteil zurückfalle. Dies wird diesmal allerdings hoffentlich nicht geschehen. Um ehrlich zu sein, ich mag das Scheißegal-Gefühl, das ich habe, wenn ich durchgeschwitzt vom Laufen aus dem Park nach Hause komme, aber bis dahin sind es vierzig zum Teil wirklich schmerzhafte Minuten, in denen ich mich die Steigung im Günthersburgpark hochquäle und versuche, die Fünf-Kilo-Mädchenhanteln eine Viertelstunde lang rauf und runter zu wuchten. Wenn mein Knie mal nicht mitmacht, gehe ich Schwimmen, aber dafür eine ganze Stunde lang – und ihr glaubt nicht WIE LANGWEILIG es ist, eine Viertelstunde hin- und herzuschwimmen.

Am liebsten laufe ich übrigens, wenn es richtig warm ist. Je mehr ich schwitze, desto leichter scheint es mir zu fallen und der Sonnenwind scheint mich mit Energie zu versorgen (jaja, ich WEISS, daß der vom Magnetfeld der Erde neutralisiert wird blaaa). Außerdem liegen dann mehr leichtbekleidete Frauen im Park rum und das lenkt ganz gut ab, wenn die Beine bei der Steigung anfangen wehzutun. Ich weiß auch nicht, ob ich ohne Mp3-Player laufen könnte. Wahrscheinlich nämlich nicht.

sol

Laufen zu gehen hebt mein Selbstbewusstsein. Ich meine, daß ich dazu in der Lage bin und die Willenskraft besitze, es regelmäßig zu tun und auch weiterzulaufen, wenn es mal wehtut oder schwer ist. Kurios ist, daß ich ausgerechnet joggen gehe, eine Sache, zu der mich mein Erzeuger in Kindheitszeiten gezwungen hat. Er könnte jetzt sagen „Ja, siehste, meine Erziehungsmethoden waren doch richtig.“

Ich sage: „Lieber Erzeuger, deine Erziehungsmethoden haben dazu geführt, daß ich fast dreissig Jahre alt werden mußte, um diese Sache aus freien Stücken zu tun. Arschloch.“

Zusätzlich habe ich begonnen, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde meine Gitarre zu spielen – von ÜBEN will ich erstmal garnicht sprechen. Denn das hieße, zum Klick Tonleitern zu üben. Geht definitiv GARNICHT NULL. An Tagen ohne Arbeit spiele ich eine Stunde lang Gitarre und auch das wird dann am Ende manchmal anstrengend. Oft kommen auch die „Wofür?!“-Gedanken. Die schiebe ich dann weg. Manchmal gewinnen sie aber die Überhand und ich verbringe den Nachmittag unter der Bettdecke und denke darüber nach, mehr Citalopram zu nehmen.

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Wir sind auf der Arbeit, also auf der Flucht. Ist doch so. Ganz ehrlich, mein Job ist okay, es gibt echt viele viel schlimmere Erwerbstätigkeiten, aber morgens beim Aufstehen denke ich mir schon recht selten „YEAAAAH endlich wieder arbeiten!“. Dabei hat mein Job sogar schöne, interessante, lustige und bisweilen gar poetische Seiten. Aber lieber wärs mir trotzdem, ich könnte zuhause bleiben, gitarrespielen, lesen, Filme sehen und schreiben.

Wieso also tun wir uns das an? Na, ganz einfach, weil wir auf der Flucht vor den negativen Konsequenzen sind, die eintreten, wenn wir zuhause bleiben. Mahnungen vom Vermieter, weil die Miete ausbleibt und irgendwann die Räumung der Wohnung. Mal ganz davon zu schweigen, daß man bis dahin ja auch von irgendwas leben muss. Und alles, was man so essen und trinken (Wasser kommt irgendwann auch nicht mehr aus der Wand, wenn man nicht bezahlt) muß, im Supermarkt zu klauen, erscheint mir als nerviger, als einfach arbeiten zu gehen. Wir sind also durchaus auf der Flucht, wenn wir auf der Arbeit sind. Es sei denn, wir gehören zu dem äußerst beneidenswerten aber wohl auch sehr sehr kleinen Teil der Bevölkerung, die völlig in ihrer Arbeit aufgehen und sich gar keine großen Gedanken machen, ob sie bezahlt werden oder nicht. Also ich kenne niemanden, dem es so geht.

Meine erste bezahlte Arbeit hatte ich mit achtzehn Jahren. Damals schmiss ich die Schule hin. Nach den Osterferien 1999 (in denen war ich volljährig geworden) stampfte ich ins Sekretariat des humanistischen Gymnasiums bei St. Anna in Augsburg und antwortete auf die Frage der Sekretärin „Was kann ich für Sie tun?“ mit „Ich meld mich jetzt mal ab.“. Das kam dort nicht täglich vor, also erntete ich einen Blick der halb bewundernswert war, und halb sagte „Du Idiot. Du wirst schon noch sehen.“

Ich dachte ein wenig, die Welt liegt einem achtzehnjährigen Typen mit ein wenig musikalischem Talent zu Füßen, ich wollte rausgehen und zeigen, was ich erreichen kann, statt in dem kleinen Augsburg zu versauern und Dinge lernen, von denen ich nicht wusste, wofür ich sie jemals benötigen würde.

Erstmal blieb ich aber in Augsburg kleben. Meine Mum verlangte von mir, nicht einfach nur rumzuhängen, sondern was zu arbeiten. Also fing ich an, in einem Bio-Supermarkt (oder sagt man „Reformhaus“ dazu?) Regale einzuräumen. Das war oberöde. Noch heute hasse ich den Geruch von Dinkelbrot am frühen Morgen. Uaaah. Die Geschäftsführer waren zwei ziemlich verklemmte Öko-Geschäftsleute mit latent tuntigem Gestus. Als ich einmal Dinkel-Nudeln zu Dunkel-Dinkel-Nudeln einsortierter wies einer der beiden mich mit den Worten „Da war ein Fauxpas!“ (schreibt man das so?) auf den Fehler hin. Ja, damals hatte es noch was, ich fühlte mich cool, working class und so. Unterschicht, und alle großen Karrieren fangen ja mit Drecksjobs an.

Heute habe ich es zu Gesprächen gebracht wie „Da am Oberschenkel ist noch ein bißchen Kacke – ach nein, das ist ein Leberfleck…“.

Ich arbeitete auch einmal in einem Laden für Platten und DJ-Equipment. Damit konnte man zumindest ein BISSCHEN angeben. Der Laden war bei mir um die Ecke, direkt an einer der größten Ausfallsstrassen von Augsburg ins Umland. Also am Stadtrand, in einer eigentlich völlig verschlafenen Wohngegend. Ich erinnere mich, daß die Kundschaft äußerst rar war. Der Besitzer war ein Typ, der Afro- und Cosmicplatten (das sind zwei damals in Italien bis Süddeutschland recht beliebte, heute völlig zurecht vergessene Genres elektronischer Musik) sammelte und ab und zu Funk und Soul auflegte und tagsüber bei BMW arbeitete. Den Laden hatte er durch einen aufgelösten Bausparvertrag finanziert.

Ich erinnere mich, an manchen dieser Sommertage, an denen das Ozon beinahe sichtbar in der Luft stand und die Abgase des Staus auf der großen Straße durch die offene Tür wehten, hinter der Theke gesessen und laut Morcheeba oder Kraftwerk auf die Straße schallen gelassen zu haben. Oder ich übte irgendwelche Cuts. Irgendwann hatte ich zumindest raus, die Platte anzuhalten, wenn grade die Nadel des Plattenspielers über der Kickdrum war und sie dann kurz vor- und zurückzubewegen, was dieses schöne bugugugu-Geräusch machte.

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Übrigens haben meine Sister und ich beschlossen, eine Rapcrew zu gründen. Die FRESH FRUIT FOR EVERYONE-Posse. Vielleicht rappen wir einfach auf Englisch, mit unserem Nazi-Akzent. Da gibts glaub ich nen Markt für.