Archiv für Mai 2011

Chaos Over Nordhessen. Tourbericht.

TAG EINS. INTO THE GREAT WIDE GOLDEN.

Der erste Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Einer meiner Hausnachbarn sieht mich mit meiner großen Tasche aus dem Haus gehen und fragt „Na, sindse auf Reise?“

Ich bin müde. Natürlich, es ist ein Montagmorgen und ich habe mich am Wochenende schön gejetlagt, meinen Schlaf-Wach-Rythmus verschoben und am Sonntag noch lange bei Fr. N. abgegammelt, anstatt früh ins Bett zu gehen. Ich weiß nicht ob ich mich auf die Woche freuen soll, weil es mal eine schöne Abwechslung zur täglichen Routine werden wird, oder ob ich sie fürchten soll, weil Gruppenfreizeiten immer sehr anstrengend sind.

Im Wohnheim angekommen wird erst einmal gepackt. Und es ist (natürlich) mehr Zeug als man denkt. Pflegematerial (Inkontinenzeinlagen, Einwegwaschlappen, Handschuhe, Hautdesinfektion, Flächendesinfektion), Überleitsysteme (wo man nen Tropf aufhängen kann), Orthopädisches ZEUG (Beinschienen, Fußorthesen usw.), Handtücher, Waschlappen, einen Toilettenaufsatz, einen Duschstuhl…und dann die Koffer und Reisetaschen jedes einzelnen Bewohners. Und so ist der große Bus voll und als schon garnichts mehr reingeht, merken wir, daß wir noch einen Rolli irgendwo unterbringen müssen und quetschen und schieben und bekommen dann tatsächlich auch alles rein, aber nur knapp. Und so fahren wir mit einem bis obenhin vollgepackten Mercedes-Sprinter und einem noch volleren Ford Tourneo-Kastenwagen los Richtung Ferienwohnung, nach Nordhessen. Fünf Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderung und drei Betreuer.

road

Auf dem Weg schlafe ich auf dem Beifahrersitz einige Male fast ein. Das geht ja gut los. Unser Ziel ist eine Ferienwohnung auf einem Bauernhof bei Wabern, schön weit jenseits des Randes der Welt. Als wir die erreichen, hat Herr S., der etwa ein Meter fünfzig große türkische Autist (der taub ist, weil er sich fortwährend selbst auf die Ohren schlägt) es geschafft, so an seiner Inkontinenzeinlage rumzuspielen, daß alles daneben geht und seine Hose völlig durchnässt ist. Das geht ja gut los. Das erste, was wir in der Ferienwohnung machen, ist ihn in die Badewanne zu setzen, noch bevor wir den Bus ausladen. Der Kollege schließt die Badtür mit den Worten „Du kannst erstmal hierbleiben, zu trinken haste ja jetzt genug“.

Die Ferienwohnung ist sehr schön und der romatische Ausblick von der Veranda auf die sehr malerische mitteldeutsche Landschaft entschädigt für die Mühen der Anfahrt. Das Haus mit den beiden Ferienwohnungen liegt auf einem Bauernhof, außerhalb eines Dorfes in der Nähe von Wabern, einer Kleinstadt in Nordhessen. Lange können wir das aber nicht genießen, die Autos müssen ausgeladen werden und dann ist da noch Herr S., der gerade anfängt, seinen Kopf ziemlich fest gegen den Rand der Badewanne zu schlagen. Wichtig ist: Erstmal Kaffee machen!

ausblick

Hierauf werden die Zimmer bezogen und die Fixierung, in der Hr. S. immer seine Nacht verbringt, wird an seinem Bett befestigt. Das dauert eine Weile.

Es sind tatsächlich zwei übereinanderliegende Wohnungen, die wir in Beschlag nehmen, da die untere zu klein ist. In der oberen nächtigen Fr. V., Hr. S. und ich.

Dann wird eine Einkaufsliste gemacht fürs Abendessen und ich mache mich allein los in den Nachbarort. Sogar vom Rewe dort hat man eine schöne Aussicht!

Als ich wiederkomme hat der Kollege schon den Grill angeworfen, und Hr. S. hat seine zweite von drei mitgenommenen Hosen vollgepinkelt. Die anderen Klienten sind einigermaßen entspannt, bis auf die üblichen Ausfälle beim Essen – Becher umgeworfen, lustlos im Essen rumgestochert, alles in allem verläuft das aber nach Plan. Gegen Ende des Abendessens zieht mein Namensvetter Hr. J., der alles geil findet was Krach macht, noch seine „ich-headbang-gegen-die-Kopfstüpfe-meines-Rollstuhls-und-beweise-daß-mein-Kopf-härter-ist-als-erstere“-Show ab.
Kommentar Kollege: „Joe, egal was du nimmst, nimm WENIGER!“
Kommentar anderer Kollege: „Oder gib uns was ab.“
Und Hr. J. lacht sich kaputt und schlägt mit seiner Schnabeltasse im Rythmus von etwa 80 Bpm auf den Tisch.

Mittlerweile ist es fast halb neun Uhr abends und Kollege A. bringt Hr. S. zu Bett und fixiert ihn. Hr. S. wird die ganze Nacht kein Auge zumachen und bis zum nächsten Morgen wach daliegen, vor sich hinbrummeln und sich mit der fixierten Hand gegen die Stirn und das Bettgestell hauen.

Bis alle umgezogen sind, die Zähne geputzt bekommen haben und im Bett liegen ist es fast elf und die Kollegen und ich sind auch für heute fertig mit der Welt.

Bevor ich ins Bett falle stehe ich auf der Veranda und sehe den schönsten Sternenhimmel seit langem. In Frankfurt sieht man die Sterne nicht, was eigentlich schade ist. Ein dunkles Blau, übersäht mit kleinen glitzernden Punkten, und man kann sich durchaus vorstellen, wie ein Lied wie „Weißt du wieviel Sternlein stehen“ entstanden ist. Gute Nacht, liebe Milchstrasse.

Ich schlafe im Zimmer neben Hr. S und ein Zimmer weiter nächtigt die ebenfalls gehörlose Fr. V., die mit der ungewohnten Umgebung auch so ihre Probleme hat. Wobei es bei ihr weit positiver ausfällt – gegen ein Uhr nachts wache ich auf, weil sie im Bett liegt und einen ziemlich lauten Lachanfall hat, als hätte sie gerade weiß Gott was geraucht. Eine Stunde später steht sie in meinem Zimmer und schaltet einfach so das Licht an, worauf ich sie ins Wohnzimmer bringe, ihr den Fernseher anschalte und ihr dann gestikulierend klarmache, daß es mir egal ist was sie nun tut, ich aber schlafen werde. Wieder eine Stunde später steht sie mit ihrem Zahnputzbecher in meinem Zimmer. Halb vier Uhr morgens ist selbst für mich ein bißchen früh zum Zähneputzen und als ICH mich um fünf aus den Federn quäle, liegt sie wieder im Bett und schläft seelenruhig. Hr. S. nicht.

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TAG ZWEI. OSAMA IS DEAD.

Als ich im Wohnzimmer der Ferienwohnung sitze und meinen Kaffee inhaliere macht es BONG und ich sehe, wie eine kleine Kohlmeise gegen das Fenster fliegt. Guten Morgen auch!

Der zweite Tag beginnt mit der Erkenntnis, daß es kompliziert ist, mit einer Gruppe von Schwerst- und Mehrfachbehinderten zu leben und zu wohnen, wenn die Infrastruktur des Wohnheims fehlt. Da wäre schonmal das Problem des Essens. Im Wohnheim trägt jeder Bewohner beim Essen eine große Serviette (die alle nur „Lätzchen“ nennen), weil man ansonsten bei vielen Bewohnern unmittelbar nach der Mahlzeit die Kleidung wechseln müsste. Wir haben einen Bewohner, dem ich immer DREI Lätzchen umbinde, was meistens doch nichts hilft, da er sich ziemlich viel bewegt (Euphemismus für „zappelt“) beim Essen. Diesen Bewohner haben wir aber nicht auf der Freizeit dabei.

Im Wohnheim kommen die Lätzchen nach der Mahlzeit direkt in die Wäsche und werden dann ebenso direkt von der Hauswirtschaft gewaschen, die meistens auch nach dem Essen das Schlachtfeld genannt Boden säubert.

Fünf Bewohner sind mit auf der Freizeit, jeder von denen braucht bei jeder der drei Mahlzeiten am Tag ein Lätzchen, macht schonmal fünfzehn pro Tag. Macht an drei ganzen und zwei halben Tagen etwa sechzig Lätzchen, das sind mehr, als die Wohngruppe insgesamt besitzt, also haben wir höchstens zwanzig dabei und waschen die unter dem Wasserhahn aus und benutzen sie mehrmals, bis wir am Mittwoch bei den Besitzern des Hauses waschen können.

Als wir Hr. S. aus dem Bett holen, merken wir, das die Menge an Flüssigkeit, die er über Nacht ausgeschieden hat das Fassungsvermögens seiner Inkontinenzeinlage deutlich übersteigt. Unter dieser ist noch ein zusätzliches Stecklaken, aber da er keine Minute diese Nacht geschlafen und sich nur in der Fixierung hin- und her gewunden hat, ist das verruscht und somit einerseits naß, andererseits unnütz geworden. Also muß das auch mit Wasser ausgewaschen werden, genau wie das Laken, das dem Haus gehört. Die feuchten Fixierungsgurte lassen wir dann einfach mal trocknen.

...

Hr. S. ist nachts fixiert, weil er unter ausgeprägten Autoaggressionen leidet. Tagsüber fixiert er sich selbst, indem er sich selbst die Hände in alles einwickelt, was er finden kann. Also nie die Jacke einfach so liegen lassen. Sobald er nichts hat, in das er sich einwickeln kann, beginnt er, sich unkontrolliert ins Gesicht und gegen den Kopf zu schlagen, daher hat er ja auch kein Gehör mehr.

Vor einiger Zeit war ein Kollege mit Hr. S. im Zoo und hat ihm dort eine Plüschschlange besorgt, die seitdem sein favorisierter Selbstfixierungsgegenstand ist. Die Schlange ist sein Freund und passt auf, daß er sich nicht verletzt. Sozusagen eine Art Schutzengel, auch wenn sie keinen Namen hat. Die Schlange geht überall dorthin, wo Hr. S. hingeht und es ist ein Wunder, daß sie noch nicht mit ihm verwachsen ist.

Hr. S. hat außerdem eine Laktosetoleranz und ca. 200 verschiedene Allergien. In diesem Zusammenhang ist ein bißchen blöd, daß er den Zwang hat, sich alles was so rumsteht, in den Mund zu stecken. Wir vermuten, daß sein Geschmackssinn sehr stark desensibilisiert ist, und er so nach starken gustatorischen (= Klugscheißerausdruck für „geschmacklich“) Reizen sucht. Vor allem Reinigungsmittel mag er gern. Sollte man also nicht einfach rumstehen lassen. Die Nummer des Giftnotrufs hängt im Wohnheim im Büro.

Außerdem kaut er nicht, er schluckt alles einfach ganz, was schon zu Situationen geführt hat, in denen er blau angelaufen ist, weil das geschluckte Apfelstück ein wenig zu groß für seinen Hals war. Blau ist als Gesichtsfarbe eher unpassend.

Hr. S. ist offensichtlich stark verunsichert in der neuen Umgebung und spielt sich noch mehr im Schritt herum als sonst, worauf die Windel verrutscht und die nächste Hose zum Glück nur deshalb nicht durch ist, weil der Kollege klug war, und ihm ein Handtuch unter der Hose um die Hüfte gewickelt hat.

Nachdem alle aus den Betten geholt worden sind (Pflege machen ohne Lifter und in Betten, die etwa vierzig Zentimeter hoch sind, ist auch eine interessante Erfahrung) und gefrühstückt haben, haben wir eine Weile Zeit für uns. Während die Kollegen auf dem Sofa eindösen, schleppe ich meinen übermüdeten Körper zum Joggen in die Hügel des Edertals. Die Natur ist zwar schön, doch für einen ungeübten Nicht-Sportler wie mich ist das Aufundab sehr anstrengend. Bergab gehts ja noch.

Dann Mittagessen und dann wieder Pflege und dann machen die meisten Bewohner Mittagsruhe. Hr. T., der zwar körperlich der am schwersten behinderte von Allen, geistig jedoch fast garnicht behindert ist (er lebt in einer ähnlichen Realität wie meine Kollegen und ich – im Gegensatz z.B. zu der Realität des Hr. S., dessen Welt vor allem aus sich hauen, komische Geräusche machen, sich in seine Schlange einwickeln und onanieren besteht), äußert wiederholt, wie sehr es ihn nervt, laufend im Radio vom Tod Bin Ladens zu hören. Das wird natürlich der Running Gag. „Hey, weißt du schon das Neueste?“

Fr. M., die eine zarte, vierzig Kilo leichte und nur knapp über einem Meter große Person ist, fühlt sich wie zu Hause, sie hat ein Bett, auf dem sie auch quer liegen kann (die kleinste Person hat das größte Bett) – zu Hause hat sie es nicht so luxuriös. Sie spricht nur in ihrer eigenen, etwas bizarren Sprache. Das hindert sie nicht daran manchmal die Zähne zu fletschen und mit ihrer zarten Stimme loszuschimpfen wie eine Gewitterhexe, wobei sie auch noch jedesmal dramatisch drohend den Zeigefinger zückt. Sie bewegt sich mit einem Rollstuhl fort – oder krabbelnd auf dem Fußboden. Und heute hat sie gleich morgens einen epileptischen Anfall, allerdings nur einen „kleinen“ Grand Mal, sie ist danach nicht erschöpft oder so.

Ich finde eine halbe Stunde Zeit zum Gitarrespielen, bevor es weitergeht. Alle aus dem Bett, Schuhe anziehen, Jacken anziehen, dann auf zum ersten Ausflug. Alle in den großen Bus, zwei große Rollstühle nebeneinander gequetscht und ich darf fahren.
„Johannes, kannst du überhaupt diesen Bus fahren?“
„Klar, ich war gestern damit an der Tanke, bevor wir los sind…..“
„Ich will hier RAUS!“

Wir fahren zum Edersee, zu einem „Baumkronenweg“, wo man auf langen Stegen über dem Wald von oben in die Baumkronen gucken kann. Klingt spektakulärer als es ist und zusätzlich müssen wir mit den Rollstühlen und den beiden anderen, die dazu sehr schlecht zu Fuß sind, über einen hügeligen Waldweg. Das war nicht unanstrengend. Hr. S., der die ganze Nacht in seinem Bett Party gemacht hat, schläft fast im Gehen ein.

Und gerade als ich im Baumkronenweg stehe und vom höchsten Punkt die schöne Aussicht auf den Edersee habe, ruft mich ein Typ von der Agentur für Arbeit an. Die böse Bürokratie findet mich also auch HIER. Weil mein befristeter Arbeitsvertrag noch nicht verlängert ist, in drei Monaten ausläuft und ich mich aus Korrektheit formal als arbeitssuchend gemeldet habe, wollen die lauter nervige Details von mir.

Dinge, wie dieses sind bedrohlich, denn sie führen einem die Zerbrechlichkeit der eigenen materiellen Existenz vor Augen. Und plötzlich kommen die ganzen Gefühle der Unzulänglichkeit hoch. Mach ich meinen Job gut? Wird mein Vertrag entgegen dem Beteuern meiner Chefin doch nicht verlängert, weil ich zuviele Krankheitstage habe? Mache ich nicht auch manchmal Mist auf der Arbeit? Bin ich unvorsichtig, weil ich schon Bedarfsmedikation vergessen habe, als ich mit Klienten spazieren gegangen bin?

In einem meiner früheren Jobs fuhr ich mit einem Klienten zu einem Ausflug los, stand im Stau, und merkte, daß ich vergessen hatte, die Bedarfsmedikation einzupacken. Was tun? Normalerweise: Umkehren. Es war aber schon spät und wir würden es nicht mehr bis zum Ausflugsziel schaffen.

Die Bedarfsmedikamente wirkten in diesem Fall gegen epileptische Anfälle. Bei dem damaligen Klienten mußte man im Falle eines Anfalls sofort 15mg Diazepam rektal verabreichen, und sofort den Notarzt informieren. Denn es hätte sonst zu einem Herzinfarkt kommen können. Allerdings war der Herr seit Jahren anfallsfrei.

Also entschloß ich mich, nicht umzukehren. Diese Menschen kommen so selten aus ihrer Wohngegend heraus und sehen so wenig von der Welt, daß es mir das geringe Risiko wert war. Ich hatte trotzdem ein sehr schlechtes Gefühl dabei. Es passierte nichts, nochmal Glück gehabt. Aber das nächste Mal werde ich umkehren.

Solche Dinge passieren, können die berufliche Laufbahn sofort beenden, mal ganz abgesehen davon, daß ich mir, wenn in diesem Fall etwas passiert wäre, jahrelang Vorwürfe gemacht hätte und wahrscheinlich alleine schon deshalb meinen Job aufgegeben hätte.

Doch zurück in die Gegenwart. Wir fahren zurück zu unserer Ferienwohnung und bereiten das Abendessen vor. Auf dem Weg hat wieder diese schöne, malerische Landschaft einen Auftritt. Dort, wo die Sonne durch die Wolken scheint, leuchten die Rapsfelder in einem goldglänzendem Gelb.

Abendessen. Wir machen Salat und der Kollege grillt Fleisch. Es gibt auf dieser Freizeit jeden Abend Grillfleisch mit verschiedenen Beilagen und die Kollegen lachen mich aus, weil ich dazu nein sage und mir ein Käsebrot schmiere. Kamannixmachen. Fr. M. schaut neidisch auf mein Käsebrot und ich blicke ein bißchen neidisch auf ihre Wurst mit Weißbrot und dem Glas Cola. Sie darf essen soviel sie will, da sie vor einigen Monaten NICHTS gegessen und in Folge dessen unter die dreissig-Kilo-Marke gerutscht ist und das nun wieder reinholen sollte.

Und vor dem Ins-Bett-Gehen telefoniere ich noch mit Susanne und genieße den klaren Sternenhimmel, der noch schöner ist als gestern.

Dann ist plötzlich meine Nachbarin Jasmin auf der Mailbox, die mich informiert, es gehe meiner Ratte Tink, nach der sie gesehen hat, sehr schlecht. Tink hat seit geraumer Zeit einen Tumor am Bauch, der mittlerweile wohl annähernd soviel wiegt wie der Rest ihres Körpers, Tennisballgröße hat und vor ein paar Tagen leicht zu bluten begonnen hat. Jasmin sagt, die ganze Sache würde nun echt schlimm bluten und eitern und es sei soweit, mit Tink zum Tierarzt zu gehen. Ich rufe sie an und autorisiere sie schweren Herzens dazu. Aber ich bin nicht einmal traurig, denn ich fühle mich weit weg von zuhause und allem, was dort passiert…

Der Tag endet mit Fr. V., die mich gegen ein Uhr nachts weckt, indem sie in meiner Tür steht und den Kopf gegen den Türstock schlägt. Na Danke. Da ich schonmal wach bin, wechsel ich Hr. S. die Inkontinenzeinlage und fall wieder ins Bett, nur um noch zweimal von Fr. V. auf ähnliche Weise geweckt zu werden.

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TAG DREI. HOME IS WHERE THE FART IS.

Hr. S. muß rasiert werden und duschen. Und Zähneputzen. Rasieren und Zähneputzen HASST Hr. S. und es ist eine Art Special-Operation, das mit ihm zu machen. Er windet sich, schiebt die Hand des Betreuenden mit aller Kraft von sich weg und, was bei der Rasur das blödeste ist: Er zieht ruckartig den Kopf zur Seite, so daß man es fast nicht vermeiden kann, ihn zu schneiden und sich selbst mit Rasierschaum einzusauen. Außerdem macht er immer diese blubbernden Geräusche mit dem Mund, wobei seine Speichelentwicklung recht hoch ist. Soll heißen: Man kann es nicht vermeiden, von ihm angespuckt zu werden. Dann hat er noch Zahnfleischbluten und die Speichelspritzer, die sich auf dem Spiegel des Badezimmers materialisieren, sind rot.

Da er die erste Nacht durchgemacht hat, hat er nun richtig gut geschlafen, ist glänzend ausgeruht, was auch nicht ganz unanstrengend ist.

Der Vormittag verläuft wie gestern. Frühstück machen, Essen anreichen, Küche und Essraum putzen, dann gehe ich laufen, dann Mittagessen, danach Pflege, Mittagsruhe, halbe Stunde Gitarrespielen und dann fahren wir mit allen zum Rewe einkaufen. Zurück im Domizil mache ich mit Fr. V. Salat. Richtig Lust dazu hat sie nicht, sie steht neben mir mit dem Gesichtsausdruck der sagt „Hoffentlich läßt er mich gleich gehen, dann setze ich mich wieder aufs Sofa und hab meine Ruhe. Wie, jetzt will er, daß ich die Tomate probiere? Denk er, ich weiß nicht wie ne Tomate schmeckt? Na gut, tun wir ihm den Gefallen, er braucht vielleicht auch ein Erfolgserlebnis.“.

Dann gesellt sich auch Hr. S. zu uns, der wohl nur auf einen unbeobachteten Moment wartet, in dem er sich irgendwas laktosehaltiges in den Mund stopfen kann. Das Salatblatt, welches ich ihn probieren lasse spuckt er direkt wieder aus. Balsamicoessig mag er aber, also schenke ich ihm ein bißchen in einen Becher ein, da sitzt er dann vor, nimmt ab und zu einen kleinen Schluck, wickelt sich in die Schlange ein und ist ganz zufrieden.

Im Wohnzimmer krabbelt Fr. M. aufs Sofa, nimmt ihre kleine Kindergitarre, die auf Open D gestimmt ist und spielt mit dem Daumen eine Weile lang immer dieselben Saiten, was ein wenig orientalisch klingt.

Das Abendessen ist das übliche Gemetzel, wobei mich langsam zur Weißglut bringt, daß Fr. V. ihr Essen generell mit einer Bocklosigkeit zu sich nimmt, die ihresgleichen sucht. Das merkt man daran, daß es ihr scheißegal ist, ob alles wieder aus dem Mund fällt. Und Fr. V. KANN essen, ohne eine Riesensauerei zu veranstalten. Das Blöde ist, daß sie taub ist, und deshalb nicht hört, als ich sie anschnauze, ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte. Schade eigentlich.

Nachbarin Jasmin schickt mir eine SMS, daß Tink nun im Rattenhimmel sei.

Dann sind irgendwann fast alle ins Bett gebracht, die Kollegen kucken mit Hr. T. Fußball und auch Fr. V. sitzt, schon in Schlafanzug und Bademantel, bei uns. Sie ist aber nicht an Fußball interessiert, sondern daran, in der Gegend herumzugucken und alle paar Minuten eine Mischung aus Lachanfall und Quieken von sich zu geben. Immerhin ist sie zufrieden.

Heute nacht wache ich wieder von einem BUMM auf, Fr. V. hat meine Zimmertür aufgepfeffert, und lässt sich keineswegs von meinem entgeisterten Blick irritieren. Sie geht zu meinem Bett und tastet mit ihrem Arm nach mir, will sagen „Komm mit!“.

Ich folge ihr in ihr Zimmer, da liegt ihre Decke auf dem Boden. Sie legt sich ins Bett und wartet drauf, daß ich sie zudecke und pennt dann weiter. Das wiederholt sich diese Nacht dreimal, bis ich mich gegen halb sechs entschließe, einfach wachzubleiben.

wohnzimmer

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TAG VIER. CARRY ON.

Der vorletzte Tag ist von allgemeinen Ermüdungserscheinungen geprägt. Ich dusche Hr. S und Fr. V., damit wir uns das morgen vor der Abreise sparen können. Hr. J., unser Headbang-Spezialist wird nicht gewaschen, da er zu groß ist für die Badewanne, bzw. aufgrund seiner Spastik echt Schmerzen hat, wenn man ihn da reinquetscht. Mittlerweile hat auch jeder von den fünf mitgereisten Bewohnern einmal Stuhlgang gehabt, bis eben auf Hr. J., der wohl einfach ein Heimscheißer ist.

Fr. M. hatte am Tag davor Stuhlgang, da rief der Kollege der mit ihr auf dem Klo war laut „Yeah, sie hat gekackt! Kackitanz! Yippieh!“.

Mittlerweile leide ich wirklich unter Schlafentzugserscheinungen, was sich in einer deutlich herabgesetzten Toleranzschwelle gegenüber den Spuckaktivitäten des Hr. S. und dem Essensverhalten der Fr. V. bemerkbar macht. Ich merke, daß es mir heute wirklich was ausmacht, Speichel mitten in die Augen zu bekommen, als ich Hr. S. die Zähne putze und als Fr. V. ihr Frühstück wieder auf dem Boden und ihrer Hose verteilt will ich am liebsten ihren Teller nehmen und ihn auf den Boden knallen und sie anschreien „Machs doch gleich so! Keine halben Sachen hier!“.

Heute wollen wir einen Stadtbummel mit der Gruppe machen. Statt Kassel entscheiden wir uns für das ebensoweit entfernte Schwalmstadt. Daß dies ein Fehler ist, merken wir, als wir ankommen. Wir laufen die Bahnhofstrasse runter und suchen sowas wie eine Fußgängerzone zum Bummeln. Nachdem wir etwa zweihundert Meter in eine ruhige Altstadtstrasse vorgedrungen sind und weder Läden noch mehr als eine Handvoll Passanten gefunden haben, fragen wir eine Eingeborene. Diese erklärt uns, Läden gebe es dort an der Bahnhofstrasse. Ja geil. Einen Roßmann, zwei Apotheken, eine Handvoll Cafés und weiter weg (soll heißen: Um die Ecke, wo die Altstadt aufhört) einen Rewe sowie eine KIK-Filiale entdecken wir. Uns fallen überdurchschnittlich viele Jugendliche auf, die diese Fun-Shirts tragen, die es bei KIK gibt.

Wir wollen Eisessen, waren aber so unprofessionell, Hr. S.´ Laktasetabletten (damit er das Laktosehaltige Eis essen kann, ohne sich und uns den ganzen Abend mit Durchfall zu quälen) vergessen zu haben, und wir haben auch keinerlei Servietten oder Lätzchen dabei, was ein echtes Problem ist, ob des Massakers, welches jede Mahlzeit ist. Und dann auch noch Eis….

Beides wird besorgt, es gibt ja zum Glück die zwei Apotheken und die Roßmann-Filiale. Dann besetzen wir einen Tisch an einem der Eiscafés und bestellen, von den Passanten neugierig beäugt. Hr. T. bemerkt dann auch treffend „Die gucken alle so blöd!“.

Das Eisessen geht ohne größeres Chaos vonstatten. Obwohl wir in einem kleinen Kaff sind, ist es hier an der Hauptverkehrsstrasse ungefähr so wie an der Konsti in Frankfurt. Wir sitzen in LKW-Abgasen und dem Smog der Strasse. Sehr idyllisch.

Die Heimfahrt und der Abend verlaufen wie bekannt. Immer wieder eine Herausforderung ist es, den Rollstuhl von Fr. M. auf die Rückbank des Busses zu wuchten. Wir sind ja mit zwei Autos angereist, die Ausflüge unternehmen wir aber mit dem Sprinter, da gehen alle rein, wenn kein Gepäck dabei ist. Bis auf den Rollstuhl von Fr. M. der nicht klappbar ist, und uns bei jedem ein- und ausladen einiges an Nerven und Bandscheiben kostet.

Das Abendessen ist auch Business as usual. Als die beiden Kollegen vor der Freizeit angekündigt haben, daß sie nicht kochen, sondern einfach jeden Abend grillen werden, habe ich das für einen Scherz gehalten. Die Beiden ziehen es allerdings echt durch.

In dieser Nacht stehe ich, als ich schon im Bett liege, nochmal kurz auf, um die Tür der oberen Ferienwohnung, die ich mit Fr. V. und Hr. S. bewohne, zuzuschließen. Ich schließe ab, da Fr. V. ja jede Nacht aufwacht und durch die Gegend rennt. Wäre nicht gut, wenn sie im Dunkeln aus der Wohnung laufen und versuchen würde, die steile Steintreppe nach unten allein zu gehen. Oder gar unten ankommen würde und beschließen würde, die Gegend zu erkunden. Das wäre ihr zuzutrauen.

Weil ich ein blödes Gefühl habe, sehe ich nochmal zu Hr. S. rein. Der liegt seit zwei Stunden fixiert im Bett. Bei ihm muß man auch erhöhte Aufmerksamkeit investieren, da er Epileptiker ist. Zwar seit Jahren anfallsfrei, jedoch muß im Falle eines Anfalles sofort die Bedarfsmedikation verabreicht und der Notarzt geholt werden, da er sonst ersticken könnte.

Hr. S. ist noch wach und hat scheinbar die letzten beiden Stunden damit zugebracht, sich in seiner Fixierung hin und herzuwinden. ich bemerke, daß er mit dem Kopf sehr nahe am hölzernen Kopfende des Bettes liegt und, sollte er das rausfinden, mit dem Kopf dagegenschlagen könnte und das ziemlich sicher auch tun würde. Also beschließe ich, die Fixierung zu ändern, schlage die Decke zurück und sehe, daß er es geschafft hat, sich aus seiner Windel rauszuwinden. Aber der Gott der Heilerziehungspflege ist mir gnädig und es ist noch alles trocken.

Also fixiere ich Hr. S. fester, als mir lieb ist, damit er erstens nicht mit dem Kopf gegen den Bettrahmen schlagen und zweitens sich nicht nochmal aus seiner Windel herauslavieren kann. Komischerweise scheint ihn die feste Fixierung so zu beruhigen, daß er recht schnell einschläft.

In dieser Nacht werde ich nur einmal von Fr. V. geweckt. Wir machen Fortschritte.

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TAG FÜNF. DIE LETZTEN CHAOTEN.

Der Tag der Abreise beginnt um fünf Uhr morgens. Wir müssen die beiden Ferienwohnungen um zehn Uhr vormittags besenrein übergeben und angesichts der Tatsache, daß wir in den letzten Tagen zu dieser Zeit nur knapp mit dem Frühstück durch waren, erscheint es notwendig, früh anzufangen und SCHNELL zu arbeiten.

Um es kurz zu machen, wir schaffen ab dem Zeitpunkt des Aufstehens konstant durch. Ich habe selbst noch Schlaf in den Augen, als ich Fr. V. und Hr. S. anziehe, wasche und beginne, ihre Koffer zu packen, ihre Betten und meins abzuziehen, das Fixierungssystem von Hr. S. abzumontieren und einzupacken. Gegen sieben Uhr morgens sind die beiden soweit fertig, ich setze sie ins das Wohnzimmer der oberen Wohnung vor den Fernseher und packe, während Fr. V. vor dem Morgenmagazin in einem Sessel einpennt.

Dann unten für alle Frühstück machen, noch im Schlafanzug, in der einen Hand die eigene Kaffeetasse, mit der anderen Eier aufschlagen und das Rührei zubereiten, während die Kollegen die anderen Homies aus dem Betten holen und waschen, Medikamente verteilen, und Hr. J. Flüssigkeit über seine Magensonde zuführen. Zum kurzen Schlachtbriefing in der Küche meint einer der Kollegen, nur mit Shorts und T-Shirt bekleidet, die Kaffeetasse in der einen, eine Medikamentenbox in der anderen Hand „Die letzten drei Chaoten. Los gehts.“

Das Frühstücksgemetzel aufräumen, Geschirrspülen, Küche putzen, alles einpacken, Hr. T., Hr. J. und Fr. M. die Zähne putzen und tatsächlich sind wir gegen halb elf durch mit allem. Wir haben in fünf Tagen drei große Müllsäcke mit benutzten Windeln, gebrauchten Einwegwaschlappen und Handschuhen produziert, die die Kapazität der Restmülltonne der Ferienwohnungen bei weitem übersteigen. Wir beschließen, die danebenzustellen und beim Auschecken die Vermieter zu fragen, ob das okay so ist. Drei Säcke voller vollgekackter Windeln in den sowieso schon überpackten Autos mit zurück nach Frankfurt zu nehmen, erscheint uns als nicht sooo spaßig.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich bereits ziemlich im Arsch. Ich bin noch müder als am Tag davor und will nur noch nach Hause. Die Kollegen allerdings beweisen erstaunliche Nehmerqualitäten, ziehen alles ruhig und gelassen durch, während ich zunehmend dünnhäutiger werde. Meinen Respekt Jungs. Die beiden wurden allerdings auch nicht jede Nacht von Fr. V. geweckt.

Da es erst halb elf Uhr vormittags ist, beschließen wir, einfach noch einen Abstecher nach Kassel zu machen und dort zum Mäckes zu gehen. Also aufsitzen, die entsprechenden Bedarfsmedikamente je nach Mitfahrer auf die beiden Fahrzeuge verteilen und los gehts über die Landstrasse quer durch Nordhessen.

Heute spielt HR3 nur DEUTSCHE Musik und wir wundern uns im Bus, wieviel beschissene deutschsprachige Musik es gibt. Da freut man sich sogar schon, wenn mal die Ärzte laufen.

Dann fahren wir also ohne Karte oder irgendeine Wegbeschreibung nach Kassel, finden sogar die Innenstadt und dann fragen wir uns, wo wir nun die Filiale irgendeiner Fast Food-Kette finden sollen. Normalerweise kann man sich ja in keiner deutschen Großstadt bewegen, ohne über eine drüberzustolpern, aber es scheint als wolle Kassel uns ärgern.

Schließlich finden wir eine Burger King-Filiale am Kasseler Hauptbahnhof. Der letzte Akt des Chaos. Essensschlacht wie immer. Als die Kollegen grade für alle Burger holen, löst Fr. M. die Bremsen ihres Rollstuhles und will irgendwo hinfahren. Mitten am Kasseler Hauptbahnhof. Als ich sie aufhalte, steht Hr. S. am anderen Ende des Tisches auf, geht zu dem Regal mit den benutzten Tabletts und trinkt aus einem Becker, in dem noch ein wenig Cola ist und schüttet sich einen Teil davon über die Jacke und seine Schlange. Ich sehe es, bin aber nicht schnell genug bei ihm. Fr. V. steht dann auch auf und will scheinbar lieber den RE nach Frankfurt nehmen, als mit uns mitzufahren…Später beim Essen spuckt sie Pommes auf den Boden, hebt die dann von dort aus und steckt sie sich wieder in den Mund.

kshbf

Schließlich haben alle gegessen. Zurück in die Autos und dann: „Nächster Halt Frankfurt, Wohnheim!“

Nach fünf Minuten stehen wir mitten in Kassel in einem riesigen Stau. Nach einer gefühlten Ewigkeit sind wir auf der Autobahn und ich drücke das Gaspedal des Sprinters durch.

Jack Kerouac würde nun schreiben „wir waren in Bewegung und der mächtige alte Kontinent ächzte unter den Rädern des Autos…“.

Um vier Uhr nachmittags kommen wir an. Zu diesem Zeitpunkt tragen alle Bewohner ihre Inkontinenzeinlagen seit mindestens acht, Hr. S. und Fr. V. seit ungefähr ELF Stunden. Normalerweise sind die Dinger nach fünf Stunden voll und fassen keine Flüssigkeit mehr und alles läuft raus. Hr. S. ist also komplett eingenässt, wird von mir als allererstes ausgezogen, aufs Klo gesetzt und beginnt, seine Rückkehr mit Onanieren zu feiern. Seinen zweiten Einstand begeht er damit, daß er in der Wohngruppe aus einer Flasche Duschgel trinkt, die dort achtlos liegengelassen wurde.

Die Windel von Hr. T. ist auch durch, er fährt mit seinem Elektrorolli in sein Zimmer und hinterlässt dort eine Pfütze.

Hr. J. wird vom Kollegen abgeduscht, dann laden wir die Autos aus, reinigen die Sitzbank des Sprinters von Urin, räumen die Koffer aus, fahren mit den Autos tanken, montieren das Fixierungssystem von Hr. S. an seinem Bett….und als wir alles geschafft haben ist es halb sechs Uhr abends und wir seit zwölf Stunden ohne Pause am Arbeiten.

In der U-Bahn nach Hause schlafe ich erstmal ein. Für die nächsten zwei Tagen will ich nichts mehr sehen oder hören von Nordhessen oder Behinderten. Ab Montag bin ich wieder für euch da.