Archiv für April 2011

notes from the subway.

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Der Wecker klingelt um fünf Uhr morgens. Wobei „klingelt“ das falsche Wort ist. Mein Handy weckt mich. Es ist das billigste, das es bei Saturn zu erwerben gibt. Man kann nur unter sieben Klingeltönen auswählen, die alle gleich furchtbar sind, und die eben auch die Wecktöne sind.

Nein, ich muß nicht wirklich so früh aufstehen. Aber es gibt viele Dinge zu tun und so verwerfe ich den verlockenden Gedanken, noch eine halbe Stunde liegenzubleiben. Schlafen kann ich auch wenn ich tot bin. Ich quäle mich von der Matratze in die oberen Atmosphärenschichten meiner Wohnung. Es ist kalt, also schalte ich die Heizung an. Ja, es ist schon April, aber mir ist kalt und ich HASSE es, morgens zu frieren. Der Betrag, den die Mainova monatlich von meinem Konto abbucht ist dementsprechend hoch. Kamanixmachen.

Die zweite gezielte Handlung nach dem Einschalten der Heizung ist das Einschalten meines PCs. Dann wanke ich in die Küche und schalte den Wasserkocher ein. Während der das Wasser erhitzt, versuche ich trotz meines schlaftrunkenen Tremors, das Windows XP-Kennwort einzugeben. Dann wieder in die Küche, heißes Wasser in die Tasse mit den vier Löffeln Instantkaffeepulver füllen, dann ins Bad, die Hälfte mit kaltem Wasser aufgießen, damit der Kaffee nicht allzu heiß ist, und ich sofort beginnen kann, in großen Schlucken zu trinken.

Dann beginne ich, Tinks Käfig sauberzumachen, alte Zeitungen und Klopapier raus, auswischen, altes Futter und Wasser wegkippen, Wasserspender und Futterschalen abspülen, neues Wasser rein, neues Futter rein (Trockenfutter, Müsli, Obstteile und auf einen Teller Joghurt mit Zucker vermengt, daneben Brot, Honig, Käsescheibe und ein bißchen Wurst), neue Zeitungen rein, den Boden unter und um den Käfig herum abwischen und kehren und dann ist schonmal locker ne Dreiviertelstunde um.

Der Kaffe tut seine Wirkung, ich wanke aufs Klo, wo ich zehn Minuten sitze und dabei irgendeine Musikzeitschrift lese. Danach zurück zum PC, versuchen, die Musik runterzuladen, von der ich gerade gelesen habe. Dann neuen Kaffee machen.

Nun Gitarre nehmen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde spielen ist umso schwieriger geworden, seit ich auch noch versuche, regelmäßig im Park rennen zu gehen und einen bürgerlichen Beruf auszuüben. Ach, es ist immer die Arbeit, die alles durcheinanderbringt.

Ich schalte also das vierte Black Sabbath-Album an und versuche, erst Hole In The Sky und danach Symptom Of The Universe mitzuspielen. Bei Hole In The Sky klappt das ein bißchen (ich rede jetzt nicht vom Gitarrensolo, schon klar, oder?), bei Symptom Of The Universe muß ich noch den Mittelteil üben. Wie sagt Fr. S., die studierte Musikerin immer so schön: „Wenn du wirklich besser werden willst mußt du einzelne Läufe langsam und mit Click üben.“

Mag ja sein, aber das halte ich ca. fünf Minuten aus, ohne vor Langeweile zu sterben.

Dann sitze ich nochmal zehn Minuten auf der Toilette und dann ist auch schon fast Zeit, duschen zu gehen. Vorher onaniere ich, das nimmt ca. zehn Minuten in Anspruch und hat mich schon oft morgens in Zeitnot gebracht. Aber auf manche Dinge kann man nicht verzichten, ich will ja auch einigermaßen entspannt auf der Arbeit ankommen.

Und so verlasse ich das Haus. Frankfurt ist NICHT New York (auch wenn es das gerne wäre) und Bornheim ist NICHT Brooklyn, trotzdem hole ich mir ein wenig von diesem Feeling (zumindest so wie ich es aus irgendwelchen TV-Serien kenne), indem ich Gang Starr auf dem Mp3-Player hab.

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Und so weht der charakteristische Wind durch die U-Bahnstation Höhenstrasse, als die U4 Richtung Bockenheimer Warte sich nähert und Luft durch den Tunnel vor sich herschiebt. Im täglichen Leben findet Action morgens als Jagd auf den Anschluß der nächsten S-Bahn oder des Busses statt. Meine Arbeitsstelle liegt in einem Frankfurter Vorort, noch zu Frankfurt gehörend, aber eigentlich im dunklen Wetteraukreis liegend. Und so hoffe ich täglich darauf, an der Konsti die S-Bahn noch zu erwischen. Wenn ich die verpasse, weil ich zu lahm war, nehme ich irgendeine Bahn zur Hauptwache und steig da dann in die U2 um, welche ich in Nieder-Eschbach für den Anschlußbus verlasse. Wenn die U2 nur ein bißchen zu spät ist, verpasse ich den Bus und muß eine geschlagene Viertelstunde in Nieder-Eschbach warten. Das ist morgens das Schlimmste, was passieren kann. Wenn man eh schlecht gelaunt und unausgeschlafen (normaler Zustand vor zwölf Uhr morgens) ist und dann im öden Nieder-Eschbach warten muß….oder ich erwische die U-Bahn davor und muß auf den Bus, den ich sonst knapp verpasst hätte eine Viertelstunde warten, weil ich dan DAVOR knapp verpasse.

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Das alles sind vollkommen banale Großstadttrivialitäten, aber ich bin jeden Morgen damit beschäftigt und wenn meine U-Bahn ausfällt oder wesentlich verspätet ist wenn ICH mal rechtzeitig bin, dann bricht für mich eine Welt zusammen. Wenn ihr in Frankfurt einen Typen seht, der gegen halb acht Uhr morgens an der Hauptwache steht, laut „Fick Fick Fick!“ vor sich hinzischt und verächtlich auf die U-Bahngleise spuckt, dann bin das ziemlich sicher ich. Eines Tages nahm ich meinen Kaugummi aus dem Mund und warf ihn gegen das Fenster der ZU FRÜH abfahrenden U-Bahn. Ich will nicht wissen, was die Leute um mich rum gedacht haben. Wahrscheinlich nicht viel. Ein weiterer Irrer fällt kaum auf.

An einem anderen morgen war ich so übermüdet und daher SO genervt, daß ich laut Musik hörte und anscheinend laut schmatzend mit offenem Mund Kaugummi kaute, bis sich die junge Frau, die neben mir saß, zu mir wandte und, als ich den Stöpsel aus dem Ohr nahm, meinte „Entschuldigung. Könntest du bitte den Mund zuschließen beim Kauen?“. Und zwar laut alle anderen Fahrgäste hörbar. Ich wäre fast im Boden versunken vor Scham. Ich musste noch mehrere Stationen in der Bahn bleiben und die Blicke der anderen Pendler ertragen. Ich war spät dran, sonst wäre ich ausgestiegen und mit der darauffolgenden Bahn weitergefahren.

Wie reagiert man in so einer Situation? Ja, man entschuldigt sich freundlich lächelnd und gelobt Besserung. Das ist zumindest die adäquate erwachsene Reaktion. Wie reagiert der fünf Jahre alte Klein-Hanni?

„Haben Sie nichts Besseres zu tun als um acht Uhr morgens Leute in der U-Bahn zu belästigen und Ihnen vorzuschreiben, wie sie kauen sollen?!“

Oh, und dann sehe ich jeden morgen einen Typen, der so ein richtig DUMMES Gesicht hat. Allein sein Gesicht macht mich aggressiv! Eines morgens, als ich richtig schlecht gelaunt war, bekam ich keinen Sitzplatz in der Bahn, weil die davor ausgefallen war und ich musste eine geschlagene halbe Stunde lang stehen. Und dieser Typ stand neben mir, und zwar ZU NAH für meinen Geschmack. Ich musste ständig den Impuls unterdrücken, ihn wegzuschubsen und „Komm mir nicht zu nah mit deinem DUMMEN GESICHT!“ zu brüllen.

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause schlafe ich dagegen regelmäßig ein. Trotz Musik mit voller Lautstärke sinkt mein Kopf gegen das Fenster und hinterlässt dort einen Fettfleck. Das Schaukeln der Bahn, meistens ist es auch noch warm da drin, tut sein übriges und mir fallen die Augen zu. Nur um an der Konsti aufzuschrecken, aufzuspringen und aus der Bahn zu hetzen. Das erinnert mich an Zeiten, in denen ich bisweilen Samstagnächte im Schlachthof in Wiesbaden verbringen zu pflegte und morgens mit der ersten Bahn zurück gefahren bin. Völlig übernächtigt, dazu meist mit Tinnitus und einem steifen Nacken vom Headbangen. Und das zog sich jedesmal. Und die Gedankenkette war stets dieselbe. „Nicht einschlafen. Nicht einschlafen. Nicht einschlafen. Nicht einschlafen. Nicht einschlafen Nicht einschlafennnn tsssssss SCHEISSE ICH MUSS AUSSTEIGEN!!“

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Eine Weile lang nächtigte ich in solchen Fällen in Wiesbaden in der WG einer Kollegin, mit der ich oft dort unterwegs war. Das war sehr bequem. Sie machte nachts noch Nudeln und am nächsten Morgen lecker Frühstück. Ich schlief im Zimmer ihrer Mitbewohnerin, die meist bei ihrem Freund war, hatte morgens das Bad für mich und konnte sonntags ausgeschlafen und geduscht nach Hause fahren. Bißchen blöd war, daß ich ziemlich verliebt in sie war, nie jedoch nur den Hauch einer Chance auf mehr als Freundschaft hatte. Da auch meine Autoaggressivität Grenzen hat, hörte ich dann irgendwann auf, mit ihr auszugehen.

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Als ich noch neu in Frankfurt war, träumte ich von verlassenen U-Bahn-Tunneln oder welchen, die in andere Dimensionen führten oder in andere Welten. Ich träumte von einem geheimen Unterirdischen Gangsystem, das die Stadt durchzieht…Wenn jemand irgendeine Ahnung hat, wo der Einstieg hierzu ist, kontaktiert mich!

Exzess, Party und 196km/h zwischen Würzburg und Ulm

„Ist der Yilmaz auch da?“

Das fragt der Typ am Säuferkiosk eine andere der dort immer abhängenden armen Seelen. Obwohl sein Äußeres auf einen Migrationshintergrund schließen lässt (das hab ich hübsch politisch korrekt ausgedrückt, oder?) spricht er in einem fränkischen Dialekt, fast hochdeutsch, wäre da nicht das rollende R. Seinen Körperbau könnte man als „untersetzt“ bezeichnen, und er trägt Kleidung, die nicht direkt abgerissen ist, die ich aber in diesem Stil oft an Menschen gesehen habe, die z.B. chronisch psychisch krank sind. Eben das, was es bei Netto am Wühltisch gibt, billige Sportschuhe, Trainingshose usw., Allerweltsunterschichtskleidung. Womit ich nicht sagen will, daß er aussieht wie jemand, der kein Geld hat. Sondern wie jemand, der kein Geld hat und dem es auch egal ist. Die Punker, die mich ab und zu auf der Zeil anschnorren haben auch kein Geld, aber ihnen merkt man zumindest manchmal noch an, daß da noch etwas ist – daß es ihnen noch in gewissem Sinne wichtig ist, wie sie auf andere Menschen wirken.

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„Yilmaz nach Hause.“ (-telefonieren?) antwortet die andere arme Seele. Dafür in einem harten migrantischem Akzent. Der Antwortende ist ein hochgewachsener, eher dürrer dunkelhäutiger Typ, der oft hier vor der Alki-Kaschemme abhängt, einfach da steht, mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Hosentaschen vergraben.

„Gestern habe ich wieder Scheiße gebaut.“ antwortet ersterer. Dann nimmt er sein Bier und seine Kippenschachtel vom Tresen, und ich kann endlich auch einkaufen.

Ja, Scheiße bauen. Mache ich auch gerade. Um ehrlich zu sein, in dieser Situation unterscheidet mich sehr, sehr wenig von den beiden Saufbrüdern. Oder gar von den Crackheads auf dem Bahnhofsvorplatz. Vielleicht trennt mich die Qualität und der Wirkungsgrad der Selbstzerstörung von ihnen, ein Prinzip jedoch nicht. Auch ich halte es nicht mehr aus und brauche Stoff. Ich war monatelang clean. Mit Mühe zwar, aber es hat geklappt. Und dann bricht es durch, mit aller Gewalt. Schon die ganzen letzten Tage war es da, es wurde immer stärker, jeden Tag konnte ich es bisher abwenden. Doch nun ist der Moment gekommen, in dem ich meine Wohnung verlasse und auf die Strasse laufe, um Stoff zu besorgen. Ich tue es, weil ich anfange zu zittern, in meiner Wohnung auf und ablaufe und kurz davor bin, den Kopf an die Wand zu schlagen.

Der Kontrollverlust ist beispiellos. Ich konsumiere wie im Wahn, rein mit dem Stoff. REIN! Ich will weg aus dieser Welt, bitte beam mich weg. Beispiellos ist auch das schlechte Gewissen, das unmittelbar danach folgt. Ich habe noch den ganzen Abend vor mir. Und jetzt? Ich kann nicht noch mehr essen. Wie soll ich den Abend herumbringen?! Ich fühle mich schlecht, ohne Ende schlecht. Nichts was ich jetzt täte könnte mich ablenken. Ganz im Gegenteil, wenn es mir jetzt auch noch gut gänge, dann würde das ja bedeuten, daß der Kontrollverlust positiv war. Das war er aber eben nicht und er soll keine positive Bedeutung bekommen.

Das alles muß möglichst schnell raus. Ich gehe zur Toilette, stecke mir den Finger in den Hals und versuche, das, was ich eben in mich hereingestopft habe, zu erbrechen.

Es funktioniert nicht. Mein Magen ist zu stabil oder mein Würgereflex zu schwach. Außer ein bißchen Schleim kommt nix raus. Na toll, nicht mal zur Bulimikerkarriere reichts.

Der Abend vergeht irgendwie mit Flennen, suizidale SMSe an Freunde schreiben und Ablenkung und irgendwann gehe ich ins Bett und schlafe ein.

Die nächsten beiden Tage sind furchtbar. Meine Gedanken rasen, sie fragen sich, was den Rückfall ausgelöst hat. Und so steht JEDER Aspekt meines Lebens auf dem Prüfstand, auch jeder positive. Ich hinterfrage meine gesamte Identität und habe Angst, Dinge, die ich mag sein lassen zu müssen („Ich habe vor dem Rückfall gitarregespielt. War das vielleicht schuld?! Bitte nicht! Ich will nicht damit aufhören!!“). Mein Therapeut hat mir geraten, bei einem Rückfall zwanzig Euro zu verbrennen. So, daß es mir auch wirklich wehtut. Das tue ich diesmal nicht, ich denke, es ist sinnvoller, zu spenden. Doch gerade als ich die zwanzig Euro spenden will, kommt mir der Gedanke, daß ich mich ja dadurch besser fühlen könnte. Und das will ich nicht. Und so werden aus den zwanzig Euro hundert, damit es auch richtig wehtut. Dann rasiere ich mir den Rauschebart ab. Bärte machen so einen Anschein von Weisheit. Und „weise“ ist das LETZTE, wonach ich mich grade fühle…

Nein, besser gehen darf es mir erstmal nicht, und so fühle ich mich erstmal zwei Tage lang ziemlich scheiße. Am dritten lenkt mich die Arbeit ab, und ich darf abends beim Seelenklempner beichten und mein Gewissen erleichtern. Dennoch habe ich die ganzen nächsten Tage das Gefühl, in einen Abgrund gesehen zu haben und ich kriege das Rufen der Dämonen, die am Boden des Abgrunds sitzen, nicht aus dem Kopf. Sie wollen, daß ich zu ihnen komme. Und so merke ich die Kraft, die mich in den Abgrund zieht, wieder deutlicher und das macht mir ANGST. Ich hoffe es wird irgendwann leichter.

Keine Ahnung, was Yilmaz an diesem Abend getan hat.

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crash

Eine Woche später sitze ich im Auto, Richtung Augsburg, meine Ex-Heimat. Wobei ich dieses Nest nicht „Heimat“ nennen würde. Home is where the heart is, und mein Herz war irgendwie nie da.

Es ist Ostern, da fährt jeder zu den Verwandten, zumindest in unserer scheinbar heilen Mittelstandswelt. Zusätzlich feiert der Mann meiner Mum noch seinen sechzigsten Geburtstag am Ostermontag, es ist also ein Doppelfeiertag. Da hat er auch SEINE Mutter eingeladen, und da die in Wiesbaden wohnt, fällt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, die alte Dame nach Augsburg zu chauffieren. Übrigens in einem Mietwagen. Mum und ihr Mann haben den für sie und mich angemietet, sie wollen der alten Dame eine Reise in dem durchgerosteten Ford, den ich mir mit Fr. S. teile, ersparen. Vielleicht auch die Polizeikontrollen, die unweigerlich folgen, wenn man mit diesem Auto einem Gesetzeshüter unter die Augen fährt.

Das mit dem Mietwagen ist okay, denn während unser fast-Oldtimergefährt nur 150km/h zustande bringt und dabei dann auch halb auseinanderfällt, macht der angemietete Opel Astra….naja. Enttäuschende 196 km/h bringt er auf den Tacho. Früher traute ich mich ja nie, wirklich schnell zu fahren. Mittlerweile glaube ich, daß es egal ist, ob man sich mit hundertfünfzig Sachen überschlägt oder mit hundertachtzig. Die Gesprächsthemen zwischen der alten Dame und mir sind auch einigermaßen begrenzt, und so mache ich, daß wir vorankommen und baue einen beinahe-Unfall, als plötzlich jemand vor uns nur hundertdreissig fährt. Schrecksekunde, Adrenalin, und wir sind wieder wach.

Die Landschaft zwischen Würzburg und Ulm ist häßlich und langweilig. Langweilige Wiesen mit Büschen und sonst nix. Besser wird es erst, als wir schon bald da sind und die bayerische Grenze passieren. Saftige grüne Wiesen links und rechts der Fahrbahn, hohe Wälder und beinahe (Achtung jetzt kommt ein grauenvolles Wort, welches ich nur verwende, weil mich seine Häßlichkeit so fasziniert) PITTORESKE Dörfer, die malerisch zwischen Hügeln liegen.

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Die alte Dame, Fr. J., ist wirklich alt, noch eine Altersklasse über meinen Großeltern, und so verzeiht man auch, daß sie manchmal vergisst, daß sie Dinge schon öfter erzählt hat. Bei unserem letzten Besuch in Augsburg nahm ich das Ganze mit sehr professioneller Contenance hin, bis ausgerechnet meine Mum am gemeinsamen Abendbrottisch hemmungslos zu kichern anfing, als uns Fr. J. zum wiederholten Male dieselben nicht sooo wichtigen Details ihrer letzten Urlaubsreise berichtete. Als Mama anfing zu lachen, war es dann auch bei mir vorbei, denn in dem Moment war es wirklich ein bißchen wie in einem Loriot-Sketch.

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Zwei Tage vorher sitzen wir im Proberaum und versuchen, ein Schlagzeug zusammenzubauen. Seit einer Weile spiele ich in Michas Band „Pogo´s Projekt“ mit. Erst Bass, dann Gitarre, und dann habe ich bei einer Probe Schlagzeug gespielt und es hat so halbwegs funktioniert. Micha kenne ich aus Scüm-Zeiten, er ist ein alter Kumpel von Scüm-Drummer Dikusch und war bei ganz vielen Scüm-Gigs dabei und hat Boxen getragen. Micha hat ne Hantelbank zuhause, und während wir uns immer zu zweit mit der Bassbox abmühten, kam er mit der 412-Gitarrenbox in einer Hand hereingeschlendert und fragte ganz locker „Wo soll die hin?“. Micha ist Altenpfleger und ein ziemlich nüchterner, netter No-Bullshit-Kerl, der es nicht nötig hat, das Maul groß aufzureißen.

Dikusch hat ursprünglich auch bei Pogo´s Projekt Schlagzeug gespielt, hat aber selten Zeit, da er ein vielbeschäftigter Mann ist und sich neben Arbeit, Sport und seiner baldigen Rolle als Familienvater vor allem eben auf Scüm konzentriert. Als er also nicht auftauchte, setzte ich mich hinters Schlagzeug. Pogo´s Projekt spielen Michas Songs, relativ direkter, simpler Streetpunk mit deutschsprachigen Texten. Die Anforderungen sind also nicht allzu hoch.

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Wir proben im selben Raum wie Scüm. Dort stehen die Überreste eines Drumkits herum, welches eine andere Band dort nie mehr abgeholt hat. Damit ich nicht schon wieder Dikuschs Riesen-Schlagzeug verstellen muss, bauen wir das nun auf. Aus zwei kaputten Crash-Becken wird eine Hihat zusammengebaut, die zwar nicht unglaublich toll klingt, aber laut genug ist. Die Snare hat keine Kette (für nicht-Musiker: die Kette an der Snare ist das, was macht, daß es statt BONG ein kurzes TSCHACK gibt, wenn man draufhaut), also borgen wir die von Dikusch, genauso entwenden wir eine von seinen ca. acht Fußmaschinen. Das einzige Restproblem ist nur, daß wir keinen Teppich haben, die Bassdrum also ständig wegrutscht. Da wird der halbvolle Bierkasten davorgestellt, das hilft ein BISSCHEN.

Schlagzeugspielen macht Spaß. Reinhauen, KRACH! Zu schade, daß Micha mir eröffnet, er hätte Kontakt zu einem ECHTEN Schlagzeuger aufgenommen, der nächste Woche kommen soll. Naja. Was solls.

Am selben Abend feiert Scüm-Gitarrist Basti am Main in seinen Geburtstag rein. Seit sechs Uhr abends hängen er und die Homies am Mainufer herum und trinken. Als ich gegen halb zwölf dazustoße, sind schon alle recht gut dabei. Basti hat eine Ukulele mitgebracht, auf der wird „The Final Countdown“ interpretiert, und irgendwann wird in eine Papiertüte gekotzt, die Basti dann durch die Gegend und auf Leute zu schmeißen droht, was zu Fluchtreflexen bei allen Anwesenden führt, weil Basti der Typ ist, der sowas dann auch macht.
„Ey geil, damit kann ich voll unser Lager verteidigen!“

Christine bittet mich, ihren Äppler zu halten und drückt mir einen kaputten Becher in die Hand der meine Hose volltropft. Diesmal hat sie nicht die Pfandflasche ihrer Eltern ausgeborgt, nein, sie ist jetzt erwachsen und hat schon eine eigene Pfandflasche dabei.

Irgendwann wird es kalt am Main und die ersten Feiernden werden fahnenflüchtig und gehen nach Hause. Es bleibt der harte Kern, der noch Party machen will. Erst heißt es, wir gehen zu Scüm-Sänger Richie. Der winkt ab und macht deutlich, daß er und Herzdame Jasmin dies NICHT zulassen werden. Sämtliche „ist doch egal ob du das willst oder nicht“-Sprüche verhallen ungehört. Dann gehen wir eben zu Basti. Der aber ist sehr betrunken und will nur noch ins Bett, schlafen. Es ist ersichtlich, daß er für heute fertig ist mit dem Tag und so löst sich das Grüppchen auf. Am Ende werde ich gefragt, ob ich noch mit nach Altsachsenhausen kommen will, aber das steht außer jeder Diskussion. Altsachsenhausen – wenn ihr mich jemals dort feiernd antrefft erschießt mich bitte. Ich meine das ernst.

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Auch die hübsche weibliche Person, mit der ich ein paar Tage lang regen SMS-, Facebook- und ReismitGemüsekoch-Kontakt hatte, und mit der ich im Laufe des Abends einige tiefe Blicke austauschte, geht mit ins Ballermann-Viertel und lässt sich durch mein „Meine Tür steht dir offen – auch um einfach nur auf dem Sofa zu pennen!“ nicht beeindrucken. Dafür ruft sie mich um 04:25AM an. Sie ist gerade im Taxi auf dem Weg nach Schwanheim und erzählt mir wiederholt, daß ihre Hose am Reisverschluss platzt. Und daß sie mich mag und wir uns die nächsten Tage mal treffen sollten.

Wenn ich dies alles so aufschreibe bin ich zwiegespalten. Das alles war Spaß für mich. Leider ist dieser Spaß nie möglich, ohne daß Alkohol in rauen Mengen fließt. Und dies macht es für mich schwer. Mein Dämon ist nicht der Alkohol. Aber die Vorgesetzten des Alkohol-Dämons und meines Dämons sind dieselben: Die Maßlosigkeit, die Betäubung, die Selbstzerstörung. Insofern bin ich bemüht, mich fernzuhalten. Doch wie kann ich mit den Menschen, die ich mag, feiern?

Ich habe gesehen, in welchen Abgrund einen diese Dämonen ziehen können. Nicht nur an mir vor vier Jahren, als ich fast 140 Kilo wog, Bluthochdruck hatte und wahrscheinlich kurz vor Diabetes stand. Ich habe in einer psychiatrischen Einrichtung gearbeitet und es gesehen. Kaputte Leben, Leben ohne Spaß, grau, ohne positive Erinnerungen. Leben, in denen es nur noch einen schmerzhaften Nihilismus gibt, ein großes NICHTS, das man nur noch weiter betäuben muss um es auszuhalten. Ich will dort nicht hin.

Doch wieso ist diese Form der Selbstzerstörung vor allem in meinem Umfeld so verbreitet? Wieso ist mein Umfeld mein Umfeld?

Menschen die Dinge erlebt haben oder eine gewisse Einstellung zum Leben haben, werden oft angezogen von anderen, den es ähnlich geht. Es geht um Sozialisation. Wir alle bevorzugen Menschen mit ähnlicher Sozialisation. Viele meiner Bekannten kenne ich, weil sie einen ähnlichen Musikgeschmack haben, von Konzerten, aus Clubs oder weil ich mit ihnen Musik gemacht habe. Musik ist etwas sehr persönliches und spiegelt die Persönlichkeit wieder. Wieso mag ich (unter anderem) sehr extreme Musik? Weil meine Persönlichkeit in mancher Hinsicht sehr extrem ist (wieso das der Fall ist, darüber können sich nun die Hobbyfreudianer unter euch streiten) und extreme Musik mir hilft, manche Gefühle auszuleben. Ich will ja nicht amoklaufend durch die Strassen laufen, ich höre lieber Napalm Death. Ich will mir nicht die Pulsadern aufschneiden, dafür gibt es Joy Divison.

Ich WEISS, daß viele Menschen, die einen ähnlichen Musikgeschmack haben, in ihrem Leben einige traumatische Erfahrungen gemacht haben. Diese Erfahrungen führen dazu, daß man sich verschließt. Und das bedingt, daß man manchmal sehr starke Reize benötigt, um Dinge zu fühlen. Also laute, extreme Musik. Das soll nicht heißen, daß laute, extreme Musik nur von solchen Menschen gehört wird, oder daß sie nur diese Funktion hat. Es soll auch nicht heißen, daß in extremer Musik nicht auch sehr viel Schönheit und Tiefgang steckt, also Dinge, die das Leben jedes Menschen bereichern können. Ich will lediglich eine Tendenz aufzeigen, die ich meine beobachtet zu haben.

Viele dieser Menschen sind eigentlich sehr gehemmt. Und da in unserer Kultur vor allem Alkohol als ein weitverbreitetes Medikament zum Lösen von Hemmungen benutzt oder meinetwegen auch mißbraucht wird, entwickelt ein großer Teil dieser Menschen eine Neigung zu erhöhtem Alkoholkonsum.

Viele dieser Menschen haben Neigungen zu depressiven Gefühlen. Sie wollen, wie ich auch, oft dieser Welt entfliehen, da sie sich bedrängt und überfordert fühlen von Anforderungen und den Erwartungen dieses Universums. Insofern neigen sie zu eher maßlosem Konsumverhalten von Stoffen, die ihnen diese Flucht aus der Realität ermöglichen.

Hat man nun eine soziale Gruppe, in der viele dieser Menschen zusammenkommen, ist das gleichzeitig gut und schlecht. Gut, weil man sich vielleicht verstanden fühlt und auch verstanden wird unter Menschen, denen es ähnlich geht. Schlecht, weil sich negative Verhaltensweisen wie Alkohol- und Drogenkonsum verstärken oder gar glorifiziert werden.

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Beim letzten Familientreffen erzählte mir meine kleine Schwester, daß sie als Teenager in unserem Viertel zwei Freundinnen hatte, deren große Brüder ziemlich asoziale Schläger waren und daß ich es wahrscheinlich ihren Connections zu verdanken hatte, damals nicht von ihnen auf die Fresse bekommen zu haben. Danke Elli!

Anscheinend hat sie auchmal, als sie irgendwelchen Ärger hatte, erwähnt, daß sie zwei große Brüder hat. Daraufhin wurde sie aufgefordert „Na, dann hol doch deine zwei großen Brüder!“.

Sie hat das nicht gemacht, weil sie die berechtigte Befürchtung hatte, daß SIE dann eher Christoph und mich verteidigen hätte müssen. Danke Elli!

Naja, ich trainier jetzt meine Oberarme und wenn irgendjemand nochmal meiner Schwester blöd kommt gibts auf die Fresse. Ich hab das Gefühl, ich muss da mal was nachholen.

Die kurze Nacht von Esra 141.

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Es war die Nacht, in welcher der Pulsarstern, um den die Station kreiste, seinen Strahlungszyklus umbrach. Das tat er einmal alle paar Monate und war ein Phänomen, das nicht erklärt werden konnte. Die Forscher vermuteten eine Anomalie im Plasmafluß der Protosphäre des Sterns, bewiesen werden konnte das bisher jedoch nicht.
Die Menschen hatten das System vor einigen Jahrzehnten kolonialisiert, das Herzstück war die Station Nehemia, ein gigantisches Bauwerk aus Titanium, in welchem mehrere hunderttausende Menschen lebten und arbeiteten. Das System enthielt mehrere äußerst lebensfeindliche Gesteinsplaneten, die jedoch voller wertvoller Rohstoffe waren. Diese Rohstoffe wurden abgebaut, zur Station transportiert und von dort über den großen Weltraumhafen von Nehemia zur Erde und den anderen großen Bevölkerungszentren der Menschheit verschifft.

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Der Zyklus von Esra 141, wie der Pulsar nach seiner Entdeckerin benannt worden war, war maßgeblich für die Einheit, durch die die Zeitzone der Station bestimmt wurde. Man hatte festgestellt, daß es am positivstens für die psychische Gesamtkonstitution der Bevölkerung war, wenn sich die „Tages“zeiten an den Stunden orientierten, in denen Esra besonders hell leuchtete, und sein Licht durch die großen gehärteten Fenster der Hauptsegmente und Gänge von Nehemia flutete. Dies schien ein genetisches Überbleibsel aus der Zeit zu sein, als die Menschheit noch die Erde bewohnte und sich am Tag-Nacht-Rythmus des Heimatplaneten orientierte. Mittlerweile war der Himmel der Erde verdunkelt, doch die Evolution hatte die Verbindung von Licht und psychischer Gesundheit noch immer nicht aus dem genetischen Erbe der Menschheit getilgt.

Und so musste die Uhrzeit der Station mit jeder Veränderung des Zyklus von Esra 141 ebenso umgestellt werden. An diesen Tagen lagen die meisten Arbeiten auf Nehemia brach und wer nicht unbedingt arbeiten musste, um das Funktionieren der Station zu ermöglichen, bekam frei, um sich möglichst leicht auf die Veränderung des Zeitrythmus einzustellen.

An diesem Tag feierte eine Bekannte von mir ihren Abschied. Sie würde Nehemia verlassen, um in einem anderen, mehrere Reisewochen entfernten System eine Stelle in einer kulturellen Institution anzutreten. Ich war zu der Party eingeladen und plante auch hinzugehen. Viele bekannte Gesichter würden anwesend sein und da ich sonst nichts vorhatte, machte ich mich auf den Weg. Die Party fand nicht in einem der Wohnsegmente von Nehemia statt, sondern in einem an diesem Tag stillgelegten Segment des Raumhafens. Manche der Menschen zogen es vor dort zu leben, wo die anderen arbeiteten. Dies hatte den Vorteil, daß die Mieten dort nicht besonders hoch waren. Die Kehrseite war, daß die Raumhafen- und Produktionssphären der Station nicht so gut gegen die stellare Strahlung abgesichert waren und die Notsysteme im Unglücksfall dort zuerst geopfert werden würden, um den Betrieb in den Wohnsegmenten aufrechtzuerhalten.

Ich hatte den ganzen Tag in meinem Quartier zugebracht. Hinter mir lag eine stresserfüllte Woche voller Arbeit und ich genoß das Nichtstun. Meine Wohneinheit hatte ein Fenster und durch dieses sah ich den ganzen Tag das unregelmäßige Flackern von Esra. Vor einem Zykluswechsel schwankte seine Leuchtkraft immer.

Erst sehr spät zog ich mich an, nachdem ich viel Zeit damit zugebracht hatte, Gitarre zu spielen, Essen zu kochen und andere Dinge zu tun, die man an freien Tagen so tut. Freie Tage waren selten hier draußen im All. In letzter Zeit hatte sich in mir eine Melancholie ausgebreitet. Zu Beginn war das Leben auf Nehemia noch aufregend gewesen, doch mit den Jahren wurde Routine daraus. Wie die meisten Menschen lebte ich für die wenigen freien Tage, die mir zustanden, und dann wusste ich nichts mit mir anzufangen.

Die Station war durchzogen von einem Netz von Transportröhren. Die Kapseln, die in ihnen fuhren, konnten die Bewohner an fast jeden Ort der Station bringen. Da der Raumhafen an diesem Tag nur zum Teil geöffnet war, war das Transportsystem in diesem Teil von Nehemia größtenteils stillgelegt. Ich konnte so nur in die Nähe des Veranstaltungsortes gelangen, und musste von dort aus zu Fuß durch menschenleere und nur schwach beleuchtete hohe Gänge laufen.

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Wo man sich in den Wohnsegmenten der Station Mühe gegeben hatte, eine angenehme und ästhetische Umgebung für die Bewohner zu schaffen um ihnen den Aufenthalt im Weltraum zu erleichtern, waren die Gänge hier schmutzig und völlig schmucklos. Ab und an begegnete ich anderen Bewohnern, die wohl ähnliche Aktivitäten wie mich in diese nun verlassene Gegend führten. Rechts und links der Gänge lagen große Beladehangars, auf deren Flugfeldern dunkle verlassene Raumfrachter auf den nächsten Werktag warteten, wenn hier wieder hektische Aktivität das Bild beherrschen würde.

Ich hörte die Musik schon mehrere Gänge entfernt. Lautes Geschrei verriet mir, daß die Band, die spielen sollte, schon mit ihrem Programm begonnen hatte. Der Gang machte eine Biegung und ich sah eine große Drucktür, in deren Mitte sich ein kleines rundes Fenster befand. Durch das Fenster schien grünliches Licht und der Krach kam ohne Zweifel von dort drinnen. Ich drückte an der Tür, doch sie öffnete sich nicht. Ein paar Meter weiter war eine zweite Drucktür, doch auch die war verschlossen. So stand ich einige Minuten herum und überlegte was zu tun sein. Ich nahm mein Handy und versuchte einige Bekannte, die schon drinnen sein mussten, anzurufen. Doch keiner von ihnen ging ans Telefon – kein Wunder bei dem Krach. Ich kannte die Band und ihre Mitglieder, und ich erkannte die Songs ganz deutlich von draussen. Nachdem ich drei Songs ratlos herumstehend mitangehört hatte und mir kalt wurde (die Gänge hier waren nicht beheizt), öffnete sich plötzlich die vordere Drucktür und eine Gestalt lief auf den Gang, mit einem Telefon am Ohr. Der Mann beachtete mich nicht.

„Party?“ fragte ich ihn und deutete nach drinnen. Er nickte geistesabwesend und ließ mich durch die Tür nach innen, während er telefonierte und jemandem den Weg hierher beschrieb.

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Ich fand mich wieder in einem etwa hundert Quadratmeter großen Raum, an dessen Ende die Band spielte. Es waren ungefähr dreissig Leute anwesend, die sich im großen Raum verteilten, einige bildeten einen Halbkreis um die Ecke des Raumes, in der die Band ihre Instrumente aufgebaut hatte und nickten im Takt. Viele Anwesende kannte ich, ich tauschte Begrüßungen und Umarmungen aus und sah dann wie die meisten anderen der Band zu. Scüm spielten ihr übliches Schrei-Skate-Hardcore-Set.

Die Person, dessen Abschied der Anlaß der Party war, kannte ich flüchtig. Wir hatten uns ein paarmal unterhalten und nannten ein ähnliches soziales Umfeld unser eigen. Ich sagte Hallo, versuchte ein oberflächliches Gespräch zu beginnen, allerdings wurde sie dann ziemlich schnell von jemandem, der sie besser kannte abgelenkt, und schlimm war das nicht, wir hatten uns eh nichts zu sagen.

Nachdem die Band fertig war, saß ich mit meiner Nachbarin, die ebenfalls anwesend war, auf einem Sofa und diskutierte darüber, daß ich mir unmöglich die Haare wachsen lassen könnte, da sie vorne an der Stirn schon langsam licht wurden und sich die deutlichen Ansätze für Geheimratsecken zeigten (“Ansätze?!”). War und ist mir im übrigen egal.

Die Party war nicht soooo aufregend. Neben uns auf dem Sofa lag ein Betrunkener, der von irgendwelchen anderen Gästen irgendwann angemalt wurde, und dann begann die zweite Band zu spielen. Sie spielten poppige, elektronische Musik ohne Schlagzeuger, dafür mit einem Drumcomputer, mit Texten, die ein mittelständisches Studentenleben thematisierten. Mädchen tanzten hüpfen vor ihnen und es war ziemlich schlimm. Christine, eine Bekannte, brachte mir irgendwann eine Flasche Wasser (ich hatte sonst nichts alkoholfreies zu trinken gefunden) und forderte die leere Flasche schließlich wieder zurück. Die Flasche sei eine Pfandflasche und Eigentum ihrer Eltern, welches sie nicht veruntreuen wolle.

Richie, der Sänger der ersten Band, kündigte an, er und einige andere würden die Party verlassen und in das Atelier fahren, das er sich mit einigen anderen teilte. Dort sei eine andere Abschiedparty im Gange, für eine andere Person, die ebenfalls in der nächsten Woche das Sonnensystem um Esra 141 verlassen würde. Das Atelier befand sich am anderen Ende der großen Station und nun, mitten im Nachtzyklus dorthin zu kommen, würde eine Weile dauern.

Schließlich waren wir ein gutes Dutzend, das die Party verließ. Ein Herr, der mit uns ging, entwendete noch einen Kasten Bier von hinter der Bar. Dann liefen wir sehr laut durch die dunklen Gänge, an den verlassenen Andockstutzen des Raumhafens vorbei, zum nächsten Haltepunkt des Transportsystems, der um diese Zeit noch bedient wurde.

Wir kamen an ein paar großen Fenstern vorbei und das Licht des pulsierenden Sterns Esra 141 beleuchtete die Szenerie. Durch die Gänge schallte unser lautes Gerede und betrunkenes Gegröhle hallte von den hohen Titaniumwänden wieder.

Wir fanden kaum alle Platz in der Transportkapsel. Während die meisten von uns alberne Dinge redeten, alkoholgetränkten Unsinn, den ich diesmal ausnahmsweise garnichtmal so negativ wahrnahm, führten auf der Sitzbank hinter mir die Mitbewohnerin von Richie und ein anderer Bekannter ein tiefgehendes Gespräch über Schuld und das Konzept von Vergebung im biblischen Kontext.

Wir mussten mit der Kapsel bis zum zentralen Knotenpunkt des Transportsystems fahren, und dort in eine andere Kapsel umsteigen. Dieser Knotenpunkt lag im Herzen der Station und da dort jeder vorbeikam, der irgendwohin musste, hatten sich hier eine Menge Bars, Kneipen und Restaurants angesiedelt. Es war dort also sehr belebt. Viele Bewohner der Station nutzten die freien Tage zum Ausgehen. In solchen Nächten kam es alkoholbedingt oft zu Schlägereien, die auch die vermehrte Präsenz des Sicherheitsdienstes der Station nicht verhindern konnten. Sich hier allein aufzuhalten erforderte immer ein Mindestmaß an Umsicht, um nicht in etwaige Streitereien hineingezogen zu werden, doch befand ich mich in einer solch großen Gruppe, daß dies kein Thema war. Wir drängten uns mit all den Gestalten der Nacht vor den Kapseln und diskutierten, in welche Kapsel wir einsteigen mussten. Schließlich stopfen wir uns mit vielen von ihnen in eine der vielen Transporteinheiten, argwöhnisch beäugt von all den anderen Fahrgästen, die sie wohl fragten ob sich ein wenig Angst vor uns haben sollten oder lieber über uns lachen sollten.

kapcom

Letztendlich schafften wir es bis zu besagtem Atelier, wo die dort angesetzte Abschiedsparty in den letzten Zügen lag. Es waren nur noch etwa zehn Menschen vor Ort, in einem Raum lief Techno, wo zwei oder drei Gestalten tanzten, dann gab es da noch eine Küche, in der auf einem Tisch Essen stand. Frühlingsrollen und ein Reisgericht, sowie Chips und die üblichen Partysnacks. Unsere Gruppe fiel ein bißchen wie ein Schwarm Heuschrecken über das Buffet her. Wir entschuldigten uns später bei der Gastgeberin, doch sie winkte ab, schließlich hätten wir ihre Party wiederbelebt.

Irgendwie kam ich mit einer Frau ins Gespräch. Bis auf ein Piercing in der linken Augenbraue sah sie sehr unscheinbar aus. Sie war in der Transportkapsel zu uns gestoßen, da sie ein Mitglied unserer GANG kannte. Sie wollte eigentlich in einen Club in der Nähe, kam dann aber mit uns. Sie trug Jeans und einen schwarzen unauffälligen Mantel, hatte lange braune Haare und eine randlose Brille verlieh ihrem Gesicht einen nicht uninteressanten kantigen Charme.

Wir saßen in dem Raum, in welchem die Musik lief, nebeneinander auf zwei Stühlen, ich hatte eine Schale mit Reis und Gemüse auf meinem Schoß und genoß die Stärkung nach dem langen Abend. Das Licht hier war angenehm halbdunkel, an der Wand hing eine bunte Lichterkette und in einer Ecke stand eine ausgemusterte Waschmaschine, aus deren Waschtrommel es rot leuchtete.

Ich begann ein Gespräch mit ihr. Gespräche mit Menschen auf Parties fangen ja immer mit dem üblichen Smalltalk an – “Ja, und was machst Du so wenn Du nicht hier bist?”, “Achja, von dem Film hab ich auch schon gehört….”, “Und woher kennt Ihr euch?”….usw.

Sie erklärte, sie sei nicht in der Lage, Smalltalk zu betreiben, auch wenn sie wisse, daß dies der übliche Weg sei, Menschen kennenzulernen. Ich entgegnete, daß ich nichts gegen tiefgehendere Gespräch einzuwenden habe, ganz im Gegenteil, daß die meisten Menschen es jedoch als distanzlos empfänden, von Fremden auf tiefgehende Themen angesprochen zu werden und deshalb Gespräche über unverfängliche und oberflächliche Themen ein nicht ungeschickter Weg seien, die Bereitschaft zur Kommunikation auszuloten und so zu ernsteren Themen überzugehen.

Sie gab mir recht, beharrte jedoch, daß das nichts für sie sei. Ich stellte ihr also unumwunden eine sehr tiefgehende Frage – wie sie ihr Leben beurteile.

Sie antwortete, sie wolle darüber nicht reden und auch nicht nachdenken, denn dies würde sie zu sehr deprimieren, und sie könne dann den Abend nicht mehr genießen. Auch wolle sie nicht darüber reden, was sie beruflich mache. Ich antwortete, daß mich das erst recht neugierig machte.

Während wir redeten, begann im selben Raum ein anderer Partygast, auf einer Gitarre Lieder zu spielen und zu singen und die, die noch da waren saßen um ihn herum und sangen mit. Schließlich griff noch jemand zu einer Trommel, die im Raum herumstand und begleitete den Sänger.

Gerade als unser Gespräch in Gang kam und interessant wurde, entschuldigte sie sich, sie müsse auf die Toilette. Sie stand auf, ich blieb im Raum sitzen und schließlich kam jemand anderes herein und setzte sich auf ihren Stuhl. Was sagt man in solch einer Situation?

“Entschuldige bitte, aber da saß eine nicht uninteressante weibliche Person, die nur kurz zur Toilette musste, aber dann wiederkommen wollte, bitte setz dich nicht hierhin, denn sonst wird der Fluß der Weiterführung unseres Gesprächs gestört…” ?!

Das wärs gewesen, so beredt war ich allerdings in dieser Situation nicht. Und so stand ich ebenso auf, in der Hoffnung, das Gespräch mit ihr an einem anderen Ort weiterführen zu können. Dann wurde ich in der Küche aber in ein anderes Gespräch verwickelt und sie begann, im dem Raum, wo wir begonnen hatten, mit anderen zu tanzen. Schließlich begann sie, sich mit einem weiteren Herrn angeregt zu unterhalten. Ich bin nicht der Typ, der solch einen Konkurrenzkampf nötig hat.

Aufgrund der Umstellung der Uhrzeit auf der Station brach der neue Tag viel früher an als sonst und während man das die Veränderung im Zyklus von Esra 141 schon deutlich durch die Fenster in den Gängen der Station bemerken konnte, stieg ich in der Transportsystem und fiel nach einem Frühstück zuhause in mein Bett und dann begann auch schon die nächste Woche.

puls