Archiv für März 2011

paranoia.

mapec.

Mardraum.

feldb

Wir fuhren durch dichten Wald. Die Straße schlängelte sich den Berg hoch und im Wald lag auf dieser Höhe tatsächlich noch Schnee. Die Pfade zwischen den Bäumen waren vereist und die noch kalte Frühlingssonne sendete ihre Strahlen zwischen den Tannen zum Boden.
Die Interferenzen wurden stärker, je näher wir dem Rand kamen. Seit ein paar Jahren wusste man, daß sie von den starken elektromagnetischen Feldern ausgelöst wurden, die unterhalb der Kante wogten.

Die Straße war tatsächlich asphaltiert. Sie war auch vor einigen Jahren angelegt worden, um es den schweren LKWs möglich zu machen, all die Ausrüstungsgegenstände zu transportieren ohne das Risiko einzugehen, mitsamt der Piste die steilen Hänge herunterzurutschen.
Ich blickte zu Lisa, die auf dem Beifahrersitz saß und schweigend aus dem Fenster in die weiten Wälder blickte.

“Woran denkst du?”

“Ich bin traurig.”

“Worüber?”

Sie legte mir ihre warme Hand auf den rechten Arm.

“Na, daß unsere gemeinsame Zeit fast vorbei ist.”

Ich ergriff kurz ihre Hand und drückte einmal fest zu, ohne den Blick von der Straße zu wenden.

“Daran denken wir heute noch nicht, okay?”

Doch auch in mir entstand ein Gefühl der tiefen Melancholie, als ich daran dachte, daß unsere gemeinsame Zeit fast vorbei war und die Nächte, in denen wir gemeinsam eingeschlafen und fest aneinandergeklammert gemeinsam aufgewacht waren, bald nur noch Erinnerung sein würden – wie die Erinnerung an einen schönen Traum nach dem Aufwachen.

bigfoot

Während wir beide in unsere Gedanken versunken waren und schwiegen, lenkte ich den Wagen die Serpentinenstraße hoch. Und dann sah man zwischen den Bäumen die Spitzen der großen Kräne, die direkt an der Kante aufgebaut waren, der hohen Sensorenmasten, die ihre Signale ins wogende Nichts unterhalb der Kante sendeten und schließlich, nach einer letzten engen Kurve, lag das ganze Areal Sieben vor uns. Die Straße führte zwischen lang aneinandergereiten Containeraufbauten, in denen Labors, Büros und nichtzuletzt die Operationszentralen untergebracht waren bis zur Zeltstadt, in der die hunderten Wissenschaftler, Soldaten und Arbeiter lebten, die das ganze Projekt am Leben hielten.
Die Mitte des Areals war ein befestigter, großer Steinbau, ein an eine Raumstation erinnerndes ovales Gebäude, aus dem die hohen Sendemasten und der Kontrollturm aufragten.

Davor lag der Parkplatz, auf dem reger Betrieb herrschte. Viele LKW wurden be- und entladen, gepanzerte Militärfahrzeuge wurden gewartet und vom angrenzenden Flugfeld hoben regelmäßig Helikopter und senkrechtstartende Erkundungsjets ab, was einen konstant hohen Geräuschpegel verursachte.

Wir parkten am Rande der Szenerie und stiegen aus. Obwohl es langsam Frühling wurde und eine wärmende Sonne schien, war es hier oben ziemlich kalt und ein starker Wind wehte, so daß wir unsere Jacken bis ganze oben zuknöpften. Lisas lange Haare flogen im Wind, bis sie eine dicke Wollmütze über ihren Kopf zog.

“Warst du schonmal hier?” fragte ich sie.

“Ich war in Nummer Sechs. Aber das ist nicht so groß wie hier, und die Strahlung ist dort so stark, daß man nicht einfach zur Kante gehen kann.”

“Komm, laß uns runtersehen.”

Ich lief voraus, zwischen den LKWs durch, zu einem Weg, der zwischen Zelten und Containern vom Parkplatz wegführte. Nach ein paar hundert Metern endete die Zeltstadt und ein freier Platz führte bis zur Kante, die mit einem provisorischen Geländer gesichtert war. Hier wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit hektisch gearbeitet, Kräne ließen Sonden in den Abgrund herab und über allem lagen dichte Abgaswolken von Generatoren und den Motoren der Baumaschinen. Die an den Maschinen arbeitenden Frauen und Männer beachteten uns nicht. Sie waren es gewohnt, daß Besucher von außerhalb den Abgrund sehen wollten.

Wir gingen zur Aussichtsplattform, eine große, mit hohen Geländern umzäunte Stahlkonstruktion, die etwa zwanzig Meter weit über den Abgrund herausragte. Sie wurde durch Stahlseile gehalten, die an einem Mast im Boden verankert waren. Ein Warnschild informierte Besucher, daß sie die Plattform auf eigene Gefahr beträten, und daß es bisweilen zu Strahlungsanstiegen aus dem Abgrund kommen konnte, die in seltenen Fällen auch die Plattform erreichten. Für solche Fälle war auf der Plattform ein System installiert, daß eine Vorwarnzeit von in der Regel etwa dreissig Sekunden gewährleistete. Doch der Abgrund, das hatte die Vergangenheit gezeigt, hielt sich nicht an die Regeln menschlicher Systeme.
Wir betraten trotzdem die Plattform. Der Wind wurde sehr stark. Unter unseren Füßen blickten wir ins wogende Nichts, einen Strom aus Magnetismus und Strahlung, in den bisher keine menschliche Maschine eindringen konnte – bzw. aus dem bisher keine Sonde zurückgekehrt war, nicht einmal besonders teure, strahlungsresistente und gehärtete Systeme.

Dies war der Rand der Welt, und über dem Mardraum küssten wir uns und hielten uns eng umschlungen.

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“Wieso mach ich das eigentlich immer? Ich mach das nie wieder.”

Das von dem Typen zu hören, der die Anlage aufbaut und alles abmischen soll, ist nicht besonders ermutigend. Besonders, da ich weiß, daß ich ihn nerven werde, mit meinen zwei Gitarren, dem Keyboard, der Loopstation, dem externen CD-Player und den zwei Mikros und dem ganzen Zeug, das einen Haufen Rauschen produzieren kann und wird.

Mit düsteren Gesichtern stehen er und sein Kumpel im Jukuz in Aschaffenburg über dem Mischpult, während Scheisse Minelli, Nervous Breakdown und ich wartend herumgammeln. Erst suchen sie Kabel, dann werkeln sie am Sicherungskasten herum und schließlich entdecken sie, daß eines der Kabel, das vom Sicherungskasten (der hinter der Bühne ist) bis zum Mischpult (das auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes steht – sehr intelligent konstruiert) führen soll, einfach abgeschnitten wurde. Würde man mich fragen, würde ich einfach mal eben ein Kabel quer durch den Raum legen und mit Tape festmachen, damit die Sache weitergehen kann. Aber diese Jungs mögen offensichtlich keine halben Lösungen, sie holen eine Bohrmaschine, bauen mal eben die Bühne auseinander und verlegen gleich ein neues Kabel. Das dauert.

Und so hängt man ab, isst nicht unleckere Kartoffelpampe, und diskutiert darüber, ob Elfen Flügel haben oder nicht. Jeder, der den Raum betritt, wird mit dieser Frage konfrontiert und mindestens viermal kommt die prompte Antwort “Bei Herr der Ringe habense doch auch keine Flügel…” während der gesamte Raum “DAS SIND ELBBBBBBEN DU DEPP!!!!” schreit. Wir merken uns: Leute die in Hardcorebands spielen sind keine Nerds und haben von Elfen keine Ahnung.

Schließlich das alte Spiel. Ganz schnell alles aufbauen, halbwegs Soundcheck machen und auf die Improvisationsfähigkeit des Mischers vertrauen. Das nächste Mal will ich bitte das Mischpult auf der Bühne haben und das ganze selber machen. Ich geb ja zu, daß es als Nichteingeweihter schwer ist, nachzuvollziehen, was ich da genau tue, aber es wäre einfach okay gewesen, jeden Regler so hoch wie möglich zu schieben und so der Sache ihren Lauf zu lassen. So wird mein ganzer Gig etwas holprig und vor allem zu leise.

Etwa zehn Minuten nach Beginn meines Auftritts ist der Raum, der vorher gut gefüllt war, fast leer. Doch die Leute kommen wieder, als ich anfange, nachvollziehbare Songstrukturen zu fabrizieren. Ich überziehe meine Zeit natürlich, aber ich krieg noch die Biege und höre dann halt irgendwann auf, als ich nach fünfundvierzig Minuten endlich warm geworden bin. Irgendwann veranstalte ich selbst was, wo ich so lang spiele wie ich will.

In der Mitte des Raumes sitzt ein Punkertyp, der sichtlich betrunken immer in meine Ansagen reinbrüllt. Ich finde es ja gut, wenn solche Leute im Publikum sind, das trägt zur Kommunikation bei, lockert die Atmosphäre und ist unterhaltsam für alle anderen. Dadurch wird mein Konzept, möglichst apokalyptisch rüberkommen zu wollen aber deutlich unterminiert. Den Vogel schießt der Typ jedoch ab, als er mich auffordert, ein Lied über Japan zu singen und meint…

“Erst die Welle und dann das Feuer im Atomkraftwerk, näch, umgekehrt wäre besser gewesen oder? Ich mein, erst das Feuer und dann die Welle zu löschen…..”

Und ich sitze auf der Bühne und lache eine Minute lang nur.

Schließlich beschimpft er mich als Hippie, worauf ich mit einem grinsenden “Fick deine Mutter!” antwortet. Und dann geht die alte Leier los. Er steht auf, kommt nach vorne und sagt mir ernst, ich solle seine Mutter aus dem Spiel lassen. Altaaaa. Die Sache mit der Mutter. Du Depp. Denkst du, ich hätte ernsthaft wirklich deine Mutter beleidigt, indem ich grinsend “Fick deine Mutter!” gesagt habe? Dieses ewige “Oh, ich bin bereit über alles Späße zu machen aber wenn du meine Mutter beleidigst muß ich ihre Ehre beschützen….” Boah. Leute.

Ich sollte übrigens loswerden, daß ich tatsächlich Geld bekommen habe, und zwar mehr als ich verdient habe, und daß die Mädels und Jungs von der verantwortlichen Konzertgruppe echt obernett und superhilfsbereit waren, allen voran Paul, der mich eingeladen hat.
“Soll ich dir irgendwas tragen helfen? Ist alles okay bei euch?”….usw.

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Tief in der unterfränkischen Provinz, im malerischen Miltenberg am Main, lebt Mapec. Mapec ist ein Typ um die fünfzig Jahre, ein Alt-78er, der damals, 2002, meine erste CD für ein unterfränkisches Dichterfanzine besprach und mich deshalb kontaktierte. Seitdem kennen wir uns.
Mapec machte lange Zeit Kabarett, schreibt Gedichte, malt Bilder, macht Geräusche und ist im Großen und Ganzen einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die Kunst und Politik wirklich ernst nehmen. Das wirkt altbacken in einer Zeit, in der das sonst kaum noch jemand tut, in dem alles, was keine Selbstironie enthält, schon fast arrogant wirkt. In der es den meisten Menschen meiner Generation schon fast peinlich ist, eine wirklich ernste Meinung zu den Zeitgeschehnissen zu haben.

2004 traten wir gemeinsam in Frankfurt auf, mit einem völlig trockenem Programm, bestehend aus etwa eineinhalb Stunden nur Gedichten, gesprochenen Texten und ein bißchen Musik. Es kamen dann auch etwa zwei Leute, die noch nichtmal zahlten, da der Eintritt frei war. In den Jahren danach nahmen wir die EP “Leonie lebt” auf, auf welcher ich Mapecs Texte mit Beats unterlegte und schließlich konzipierte er mit einem Bekannten das Projekt “Traurige Kühe”, für welches jeder seiner Bekannten jeweils eine Zeile für eine Textkollage beisteuerte, die er einsprach und mir zuschickte, ich legte wiederum Beats darunter.

Im Alltags-nicht-Kunst-Leben macht Mapec für einen Wohlfahrtsverband Sozialberatung und ist einer der wenigen völlig unironischen Linken, die ich kenne, die nicht auf der manchmal etwas albernen furzideologischen Schiene rumfahren. Übrigens der einzige sich selbst so bezeichnende Linke in meinem Bekanntenkreis, der offen religiös ist.

Das wirklich großartige an Mapec ist, daß er sich begeistern kann – und andere begeistern kann. Wenn ich manchmal denke “Wofür mach ich Musik, wofür schreibe ich dieses blöde Blog, interessiert doch eh keine Sau, ist doch alles fürn Arsch…” – dann kann ich mit Mapec telefonieren und bin danach inspiriert, weiterzumachen, weil ich weiß, da ist jemand, der das ernst nimmt, und der sich den ganzen Mist auch wirklich antut. Das ist selten.

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Die Welt war leer. Gott hatte endgültig genug gehabt. Die Straßen waren leer, Autos standen verlassen auf den Straßen, Türen standen offen, Duschen in einsamen Badezimmern liefen noch. Badewannen, in die gerade Wasser eingelassen worden war, liefen über und überfluteten Wohnungen, in denen noch Töpfe mit kochendem Wasser auf Herdplatten standen, die irgendwann Brände auslösten, nachdem das Wasser verdunstet war und die Sicherungen nicht von selbst den Geist aufgaben.

Atomkraftwerke, in denen es keine automatische Notabschaltung gab, havarierten und verstrahlten die verlassene Erde. Flugzeuge, deren Besatzungen plötzlich ins Nichts verschwunden waren, stürzten in Städte und lösten Brände aus, die Jahrzehntelang schwelten. Die Erde wurde in eine dichte Wolke aus giftigem Smog gehüllt. Doch die Natur hatte Zeit. Viel Zeit. Sie würde sich ihr Terrain zurückerobern und hatte Geduld damit.

Im Leben nach dem Tod war es irgendwie surreal. Es war nicht wie auf einer Wolke, sondern irgendwie wie im echten Leben, nur daß man eben wusste, daß es nicht das “echte” Leben war. Doch vielleicht das DIES das “echte” Leben, und das Leben davor nur ein Traum gewesen oder das jenseits und der Tod eigentlich eine Geburt.

Ich wollte noch ein paar Dinge von der Erde holen, die ich mit ins Jenseits nehmen wollte. Die Verbindung ins Jenseits war ein Kellertreppe, mit einer Gittertür am oberen Ende, wie bei mir auf der Arbeit – damit Rollstuhlfahrer, die kein Gefahrenbewusstsein hatten, nicht aus Versehen herunterfallen konnten.

Ich stieg aus der Unterwelt nach oben, holte ein paar Dinge, und sah zu, daß ich wieder wegkam von den sterbenden Überresten der Zivilisation.

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