Archiv für Januar 2011

Kaffee, Exorzismus, asexuelle Ex-Bulimikerinnen – und die Suche nach Erlösung.

Der Sonntag begann mit einer vollen Kaffeetasse, die mir in der Küche aus der Hand glitt. Sie kam mit der Kante und dann mit dem Henkel schräg auf dem Boden auf, so daß die Trägheitskräfte des Kaffees und die Hebelwirkung des Henkels die Tasse in eine schnelle Drehbewegung versetzten, was wiederum die Flüssigkeit in der Tasse selbst beschleunigte, welche hierauf in weitem Bogen durch die gesamte Küche geschleudert wurde. Dies bedeutet: ALLES war voller Kaffee. Sogar an der DECKE sind Kaffeespritzer, die Wände sind voll davon.

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In den letzten Jahren ist es mir gelungen, Ausbrüche von Jähzorn deutlich zu vermindern. Qualitativ und quantitativ. In früheren Jahren bin ich mehrmals pro Woche wirklich SEHR ausgerastet. Stühle durch die Wohnung werfen, Geschirr zerschlagen vor Wut, all das war keine Seltenheit. Im Schnitt benötigte ich etwa alle paar Monate ein neues Handy, weil das alte den Arbeitsvertrag fristlos kündigte, nachdem es zum wiederholten Male auf den Boden geschleudert wurde. Es kam sogar vor, daß Leute mit der Polizei drohten, weil ich nachts auf offener Straße rumbrüllte.

Auch an diesem Tag gelang es mir zuerst, meine Wut in Zaum zu halten. Ich meine, es gibt jetzt Schlimmeres auf der Welt als verschütteten Kaffee. Aber es macht dann KLICK und dann spüre ich die ganze Ungerechtigkeit der Welt auf mich einbrechen. Ich wollte doch nur Kaffee trinken und nun muss ich die ganze Küche putzen, nur wegen einem kleinen Augenblick der Unachtsamkeit. Gibt es eine größere Ungerechtigkeit auf dieser Welt? Nein. Eben. Also putzte ich erstmal. Ich schimpfte zwar, aber kam soweit ganz gut klar mit der Situation.

Schließlich sah ich mich in meiner Wohnung um und bemerkte all den Staub und den Dreck, der sich in der letzten Woche hier angesammelt hatte. Und da hatte ich die fixe Idee, ich müsse jetzt ALLES SOFORT putzen. Bzw. die Welt erwarte von mir, daß ich dies tue, ansonsten wäre ich ein ekelhafter Messie, der morgen in der Klapse landet, weil er nicht mehr mit dem Leben klarkommt.

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Also begann ich widerwillig, die Wohnung zu saugen. Ich hatte keine Lust. Je mehr ich saugte, desto mehr Staub fiel mir auf. Man muss dazu sagen, daß ich in der ganzen davorliegenden Woche aufgrund von Arbeit, Überstunden und sonstigen Verpflichtungen meine Wohnung kaum bei Tageslicht gesehen hatte. Sonnenscheinan einem Sonntag ist ja was schönes, aber die Sonne leuchtet all den Dreck so gut aus, daß man ALLES sieht. Im Funzellicht meiner Glühbirnen wirkt dagegen alles nicht sooo verschmutzt.

Also wurde die Arbeit immer mehr, und dann machte es KLICK und die ich-raste-jetzt-nicht-aus-Sicherung flog mit einem funkensprühenden Knallen raus. PCHHHHHT!

Fazit: Rumgeschreie (=Nachbarn bestätigt in ihrem Glauben, ich sei ein psychotischer Vollirrer), kaputte Lampe => Scherben überall => noch mehr Arbeit => noch mehr Ausrasten => Staubsauger halbkaputt (vom vor-Wut-Reintreten).

Irgendwann war dann der Adrenalinvorrat in meinem Hirnstoffwechsel erschöpft und ich beschloss, einfach nur die Scherben aufzukehren. Alles andere geht mir am Arsch vorbei. Bin ich halt ein irrer Messie, der nie eine Frau abbekommt. Who cares….ich kehre muahaha, scheiß Wortspiel.

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Zur Zeit arbeite ich mit Maria, einer Freundin von mir, an einem Elektroprojekt namens „Elektrakomplex“.

Maria ist eine Frau, die ich bei einer Geburtstagsparty kennenlernte und die mich dort ein wenig nervte durch betrunkenen Hyperaktivismus („Kommt wir gehen noch da hin, auf jetzt, ihr lahmer Haufen, los jetzt….“ – so ging es den ganzen Abend).

Später mailten wir, merkten, daß wir einen ähnlichen Knall haben und schließlich trafen wir uns und hatten sowas wie Sex, wobei es der Begriff „Exorzismus“ wohl besser trifft. Oder „Katharsis“.

Danach vergingen einige Wochen in denen wir uns nicht trafen, aber den Plan fassten, Musik zu produzieren. Maria ist eine Künstlerin. Keine Intellektuelle, dieser Begriff wird viel zu sehr mit Betulichkeit und Affektiertheit gleichgesetzt. Maria findet Dinge gut und tut sie. Und tut sie vor allem ganz offen, ohne Scham. Von unserem ersten Exorzismustreffen hat sie Fotos gemacht. Beziehungsweise ich habe sie dabei fotografiert. Sie macht Buttons mit Abbildungen ihrer Vagina darauf und trägt diese auch. Maria masturbiert während wir telefonieren und erklärt mir, sie lasse absichtlich die Vorhänge dabei offen.

Um ehrlich zu sein reizte mich an dem Gedanken, mit ihr Musik zu machen vor allem der Fakt, daß ihre exhibitionistische Ader sie dazu brachte, ziemlich pornographische Texte aufzunehmen. Und Sex, so wissen wir alle, sorgt immer für Aufmerksamkeit und sowas brauchen komplexbehaftete Menschen wie ich.

Maria geht es nicht um Pornographie. Sondern um Erlösung. Das Thema ist die Schuld, mit der wir alle durch unsere christliche Erziehung belastet sind. Schuld und die Kälte unserer Eltern. Insofern bekommen Marias Texte, in denen sie davon spricht, Geschlechtsverkehr mit ihrer Mutter haben zu wollen, einen ziemlich traurigen Hintergrund. Und ehrlich gesagt bin ich mir selbst nicht sicher, ob es in Ordnung ist, eine solche Zurschaustellung seelischen Schmerzes pornographisch auszuwerten, wie wir es auf den ersten Elektrakomplex-Tracks taten. Jeder von euch kann sich diese auf Youtube anhören und selbst entscheiden.

Gestern trafen wir uns sehr spontan. Erst war sie sich nicht sicher, ob sie einen weiteren Exorzismus durchführen wollte, schließlich begannen wir damit – und stockten, als mir klar wurde, daß dies vielleicht SIE erlöse, MICH jedoch nicht. Wir begannen ein ziemlich tiefgehendes Gespräch, nackt auf dem Boden meines Wohnzimmers sitzend, darüber sinnend, wie wir beide Erlösung finden könnten. Wobei es mir sehr schwer fiel, meine Gedanken zu äußern. Zu verklemmt. Und plötzlich sah mich Maria mit weit aufgerissenen Augen an.

„Ich bin wirklich Maria Magdalena. Ich kann auch dich erlösen! Du glaubst mir nicht, oder?“

In diesem Moment wollte ihr mein christlicher, spiritueller Teil glauben. Der andere Teil fröstelte ob des Gedankens, gerade Zeuge eines psychotischen Schubes zu werden. Maria fing sich jedoch wieder – oder mich…

Als wir schließlich den Exorzimus fortsetzten, begann Maria plötzlich bitterlich zu weinen. Sie sagte, sie hätte den Dämon in mir gesehen und dieser hätte sie dazu gebracht, in Tränen auszubrechen. Der Märtyrer in ihr empfinde Schmerz.

„Welcher Dämon?“
„Dein Dämon.“

Nach einigen weiteren Versuchen und Verklemmtheiten („darf ich dich berühren?“) brachen wir den Exorzismus ab.

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Im März 2008 besuchte ich Frau Wolfseule in Freiburg. Ich befand mich in dieser Zeit in einer Art persönlichen Krise. Ich hatte meinen Job hingeworfen, weil ich ernst Probleme mit meinem eigenen Gehirn hatte. Ich arbeitete als Springer bei einem Träger der behinderte Kinder an verschiedenen Frankfurter Schulen betreute. Das heißt, ich war jeden Tag an einer anderen Schule und betreute einen anderen Schüler. Eines Morgens, als die bösen Geister sehr in meinem Kopf wüteten, fand ich die Schule, zu der ich sollte einfach nicht. Ich drehte durch, knallte mein Handy auf den Boden, ging zur nächsten Telefonzelle, rief meinen Vorgesetzten an und sagte, daß ich nie wieder zur Arbeit käme.

Und so besuchte ich erst meine Mutter in Augsburg, wo sie damals noch lebte. Nach drei Tagen beschloss ich, mich auf den Weg nach Freiburg zu machen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem Zug von Augsburg nach Freiburg zu gelangen. Die eine ist, mit Fernzügen über Karlsruhe zu fahren, was ein sehr großer Umweg ist – quasi ein Bogen anstatt der geraden Strecke. Die preisgünstigste Variante ist, von Augsburg nach Ulm und dann weiter mit Regionalzügen auf einer einspurigen Strecke vier Stunden lang durch den Süden von Baden-Württemberg zu eiern.

Ich war arbeitslos, hatte also Zeit und kein bißchen Geld übrig – entschied mich daher also für die zweite Möglichkeit. Allein schon, weil ich es für relativ abstoßend halte, einen Umweg zu fahren nur weil noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine elektrifizierte Bahnstrecke quer durchs Ländle zu bauen.

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Also saß ich da, in einem dieselgetriebenen Schienenbus. Und saß und saß und saß und betrachtete bei frühlingshaftem Sonnenschein die Landschaft von Oberschwaben, die schwäbische Alb mit ihren Felsen und die Bahnhöfe von Blaubeuren, Schelklingen, Ehingen(Donau), Munderkingen, Riedlingen, Herbertingen, Mengen, Sigmaringendorf, Sigmaringen, Hausen im Tal, Beuron, Tuttlingen, Immendingen, Geisingen, Donaueschingen, Hüfingen Mitte, Döggingen, Löffingen, Rötenbach(Baden), Neustadt(Schwarzw.),Titisee, Hinterzarten, Kirchzarten, Freiburg-Littenweiler, Freiburg-Wiehre….es zog sich.

Die Person, die ich besuchen wollte, ist eine Internetbekanntschaft. Frau Wolfseule produziert komische Krach-irgendwas-Freak-Musik und veröffentlicht diese auf einem selbstbetriebenen Internetlabel. Zudem bezeichnet sie sich in allen ihren Internetpräsenzen als „asexuelle Ex-Bulimikerin“. Jaja, noch so jemand, der nicht mit dem grundlegendsten Bedürfnis der Menschheit (wenn wir Atmen mal übersehen) klarkommt. Außerdem macht sie sehr liebe Videos, in denen sie als „Punk-Oma“ durchgegenderte Märchen für Kinder erzählt.

Sie ist die Frau mit dem extremsten Musikgeschmack, die ich kenne – auch wenn sie sich, glaube ich, nicht selbst als „Frau“ bezeichnen würde. Intellektuelles Genderdingens, ihr wisst.

Außerdem ist Frau Wolfseule überzeugt davon, dumm und häßlich zu sein. All die Fotos von ihr im Internet, die eine ziemlich interessante junge Frau mit etwas verwuscheltem Haar zeigen, seien nur nachbearbeitet, in Wahrheit sei ihr Gesicht ein Akne-Schlachtfeld wie die Ebene von Verdun. Mittlerweile hat sie auch einen Germanistik-Magister, aber das macht ja jeder mit Links, nicht wahr, sie ist also echt voll strunzdumm. Also wie gesagt, noch so eine Existenz, deren Selbstbewusstsein irgendwie unterm Bett rumkriecht und sich dort in den Schlaf weint.

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Frau Wolfseule holte mich in Freiburg am Bahnhof ab. Viel häßlicher als auf den Bildern war sie nicht, ich konnte sie berühren, ohne daß schleimgefüllte Eiterbeulen aufbarsten und mir die Jacke versauten. Frau Wolfseule trägt nur schwarz („Schwarz ist das neue Schwarz“), und wirkte auf den ersten Moment ein wenig unsicher und steif im Umgang, aber das war ich wohl auch.

Nun ist es so, daß ich Frauen wie sie prinzipiell interessant finde, und hey, sie macht „Musik“, noch dazu extreme Musik – cooooool! Bei Wolfseule schminkte ich mir meine romantischen Projektionen jedoch sofort ab und wollte einfach ein paar angenehme Tage haben.

Sie wohnt in einem kleinen, L-förmigen WG-Zimmer in einem ziemlich gesichtslosen Freiburger Reihenhaus-Stadtteil. Ihr Zimmer ist voll mit Büchern, Platten und Plattenspieler, einem Notebook, einem Leuchtturm-Modell und Fotos von Leuchttürmen. Frau Wolfseule hat nämlich einen Leuchtturm-Fetisch. Sie liebt die Dinger und so wie ich das verstanden habe, ist ihr großes Lebensziel, eines Tages in einem dieser Dinger zu wohnen, mit vielen Büchern und ihrem Notebook (man erzählt sich auch, sie habe eine Leuchtturm-Tattoo auf dem Rücken aber das zeigt sie keinem). Sie ist eine der wenigen Personen, die ich kenne (mich eingeschlossen), die nicht ständig von ihrem unerfüllten Verlangen nach hochromantischer Liebe und unglaublich ekstatisch geilem Sex reden. Seit ich Kontakt zu ihr habe ist sie auch so konsequent im Bejahen ihrer Asexualität, daß ich ihr diese Sache mittlerweile komplett abnehme und sie manchmal ein wenig darum beneide. Auch wenn sie manchmal über irgendwelche Schwärmereien spricht, die aber recht harmlos wirken – wie die einer Zwölfjährigen, die sich damit nachts in den Schlaf träumt.

(Liebe Frau Wolfseule, aber du weißt schon, daß Leuchttürme…also….ich will dir nicht zu nahetreten aber…..daß Leuchttürme ein Phallussymbol sein können…..muahahaha….sorry. Ich konnte es mir nicht verkneifen).

In Frau Wolfseules Zimmer befanden sich außerdem ein Becher voller benutztem Pinsel-Auswasch-Wasser, der auf einem der Bücherregale stand. Sowie eine Gitarre, die direkt davor lehnte. Wer kann natürlich nicht anders als nach der Gitarre zu greifen? Ja. Und was passierte? Ja. Das schmutzige graue Wasser ergoss sich über mehrere importierte englischsprachige Originalausgaben, die Frau Wolfseule von ihrem geliebten Vater ausgeliehen hat.

Ein Jahr später hatte sie ihm dies immer noch nicht gestanden. Ich gebe zu, daß ich jede Schuld von mir wies, angesichts der Tatsache, daß der Becher VOLL und WACKLIG auf einem Bücherregal stand.

Frau Wolfseule machte uns erstmal ziemlich leckere Kürbissuppe, danach gingen wir in die Kneipe, wo sie manchmal auflegt (komischerweise sind die Leute dort noch nicht komplett schwerhörig) und diskutierten über Dinge wie Antispeziezismus und Gender-Problematiken, zu denen ein etwas stumpfer Metalhead wie ich naturgemäß nicht sooooviel sagen kann.

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Am nächsten Tag gingen wir durch Freiburg mit den komischen Bächlein, und als sie einen Termin bei so einer Art Studentenjob-Beratungsstelle wahrnahm, nutzte ich die Zeit, dort kacken zu gehen. Die Beratungsstelle war in einer umgebauten Altbauwohnung, die Toilette war das, was einst wohl das Bad gewesen war – nur die Badewanne war mit einer Metallplatte versperrt. Zu doof, vielleicht würden manche der die Beratungsstelle frequentierenden Studenten die Wartezeit auch zur Körperpflege nutzen…

Schließlich brachte mich Frau Wolfseules weltverbessernde Ader noch dazu, im Chinamann-Imbiss am Hauptbahnhof Tofu zu essen und dann verließ ich Freiburg Richtung Heimat.

Im Mannheim stieg ein etwa vierzehnjähriger Türke in den Zug ein und erzählte mir, er habe die Nacht durchgemacht und seinen Geldbeutel verloren und müsse deshalb schwarzfahren bis Mörfelden. Er sei schon dreimal vom Schaffner aus dem Zug geworfen worden und jedesmal wieder nach Mannheim zurückgefahren und versuche es jetzt erneut. Er müsse aber dringend noch für seine Eltern einkaufen. Schließlich wies er per Handy (das hatte er nicht verloren) seinen Kumpel an, Brot, Käse und Ayran zu besorgen, da er erst nach Ladenschluss in Mörfelden ankommen würde. Er hat es nach Mörfelden geschafft.

Der afghanische Winter.

Eine Weile lang wohnte ich mit einer Kunststudentin zusammen. Nein, nicht mit einer, die Kunstpädagogik oder Kunsthandwerk oder Kunstgeschichte studierte, nein, mit einer echten verrückten Künstlerin von der örtlichen Hochschule für bildende Kunst. Ich war jung und dachte mir, daß es bestimmt interessant und cool sei, mit einer Künstlerin zusammenzuleben (naja, INTERESSANT war es dann auch wirklich).

April war auch noch gebürtige Afghanin. Zwar in Deutschland aufgewachsen, aber doch ziemlich afghanisch aufgewachsen. „April“ wurde sie genannt, weil ihr bürgerlicher afghanischer Name so ähnlich klang, aber weit kompliziert auszusprechen war.

Damals war mir leider nicht klar, daß alle, die verrückt genug sind, bildende Kunst zu studieren und dabei auch noch so gut sind, an der Kunsthochschule genommen zu werden, ordentlich einen an der Klatsche haben. Ich meine das haben wir alle, aber bei April war der eine an der Klatsche nicht allein. Sie hatte da mehrere.

Das begann schon in der ersten Nacht, nachdem sie eingezogen war und mir durch die geschlossene Tür ihres Zimmers zurief, daß der Kunststoff des Bodens bei ihr Kopfschmerzen verursache.

April besaß ca. zehn Millionen Dinge, aber KEIN einziges Möbelstück, nur eine Matte, auf der sie schlief. Sie war eine kleine, ziemlich dürre Erscheinung mit einem Wust aus schwarzem langem Haar auf dem Kopf und exzentrischer Kleidung, irgendwo zwischen Gotteskriegerin, indischer Hausfrau und Hippietussi.

Sie erzählte mir bei Gelegenheit, sie habe in ihrem Leben schon so ziemlich jede Droge ausprobiert und ich glaubte ihr das schon allein aufgrund des Ausmaßes ihrer Verpeiltheit. April tat tausend Dinge auf einmal. Yogakurse, Fotographieren, dies und jenes. Sie kam immer und überall zu spät, vergaß alles, durfte bei der Stadtbücherei nicht mehr ausleihen, da sie Bücher prinzipiell nicht zurückbrachte und hatte ca. tausend Gläubiger, die ihr hinterherstiegen. Und in meiner jugendlichen Naivität fand ich das alles erstmal sehr interessant, lieh ihr oft Geld (das ich aber auch tatsächlich immer wiederbekam) und fand unsere kleine WG sehr cool.

Definitiv krass war die häusliche Ordnung in der Wohnung. Ich war damals noch weit unordentlicher, als ich es jetzt, im weisen Alter von 28 Jahren bin, aber April schlug mich um Längen und mühelos. Sie schnippelte und schälte Gemüse in die Spüle und säuberte diese NIE. Wir waren beide überzeugt, daß es eh keinen Sinn mache, ordentlich zu sein, da der jeweils andere ja die Ordnung eh nicht halten könne. Und so nahm das Chaos seinen Lauf. Wir hatten NIE sauberes Besteck. Wir hatten einen großen Stapel schmutzigen Geschirrs neben der mit Gemüseresten gefüllten Spüle. Auf den Tellern und in den Töpfen verschimmelten und faulten die Essensreste. Im untersten Fach des uralten Kühlschranks stand stinkendes Kondenswasser. Wir betraten beide sowohl Küche als auch Bad nur noch mit Schuhen, weil in beiden Räumen die Böden zu ekelerregend waren.

Das war alles noch relativ witzig. Nervig war, daß April unglaublich sensibel war, sich wegen jedem Scheiß gestört fühlte, aber selbst völlig unsensibel nachts laut Musik hörte, wenn ich morgens früh aufstehen musste oder eben alle drei Monate die Küche kehrte und mir dann vorwarf, ich würde nie etwas im Haushalt tun. April verlor ihren Schlüssel, lieh sich meinen und war dann zum vereinbarten Zeitpunkt nicht zuhause, so daß ich vor verschlossener Tür stand. Und April zahlte bisweilen einfach ihre Miete nicht bzw. sehr verspätet.

Da sie keine Vorhänge besaß, zog sie sich immer bei Licht im Zimmer um und war dann sehr geschockt, als sie dann plötzlich ein Gesicht am Fenster bemerkte (wir wohnten im Erdgeschoß), einen Typen, der sich die nackte Frau wohl mal näher ansehen wollte.

Eines Tages kam ihre Mutter zu Besuch, die ungefähr so aussah, wie sich ein kleiner deutscher Spießbürger wie ich eine alte afghanische Frau vorstellt. April erzählte mir danach, ihre Mutter hätte ihr vorgeschlagen, mich zu heiraten. Wir würden ja eh schon zusammen wohnen. In Afghanistan sind die da nicht so gefühlsduselig.

April hatte es irgendwann geschafft, ein Stipendium der deutschen Studienstiftung an Land zu ziehen und eines Tages bat sie mich um Hilfe. Sie müsse jedes Jahr einen Bericht an das Gremium verfassen, und in diesem darlegen, welche künstlerischen Tätigkeiten sie im jeweiligen Jahr durchgeführt habe. Sie benötige meine Hilfe dabei. Also setzte ich mich an ihr Macbook (ja, die gute Frau konnte nicht mit ihrem Computer umgehen, aber immerhin hatte sie ein MACBOOK) und betrachtete die unformatierte halbe Seite, die sie bislang zu Datei gebracht hatte.
„Wann musst du es denn einreichen?“
„Naja, so vor drei Monaten war der Abgabetermin.“
Sie reichte es genau so ein wie es war und es war okay.

Ein anderes Mal war sie in heller Aufregung, da sie einige Herrschaften der Studienstiftung auf irgendeiner Veranstaltung treffen sollte.
„Na, die haben doch bestimmt meinen Lebenslauf in der Bewerbung fürs Stipendium gelesen!“
„Na und?“
„Da steht drin, daß ich Abitur gemacht habe!“
„Na und?“
„Denkst du echt, ich hätte Abitur?!“

Immerhin konnten wir super streiten. Meistens machte sie mich wegen irgendeiner Nichtigkeit von der Seite an, weil sie schlechte Laune hatte („Ich glaube du bist ganz schön eitel!“) und ich blaffte zurück und im Handumdrehen hatten wir einen klasse Konflikt mit Schreien und Allem was dazugehört.

Ich muß zugeben, daß das im Rückblick nicht besonders schlimm klingt, aber schließlich nervte und belastete mich Aprils Art mit der Zeit schon ganz schön erheblich, so daß ich sehr froh war, als sie schließlich auszog. Ich bin auch nur ein kleines Sensibelchen.

Damals wohnt wir im Frankfurter Gallusviertel und waren voller Lokalpartiotismus. Gallus ist anders als Bornheim. Der Anteil an dunklen Hautfarben in der Bahn ist sehr hoch und im Nachtbus, der auch noch weiter bis ins noch asozialere Höchst fährt, erlebte ich ein ums andere Mal skurrile Situationen.

Da war z.B. der sehr betrunkene Studententyp der im Nachtbus laut „die scheiß Kanacken!“ vor sich hinfluchte. In Frankfurt!! Unglaublicherweise passierte nichts. Dann der Typ, der sich neben mich setzte, den Kopf auf die Lehne der Sitzbank vor uns legte und plötzlich plätscherte es und er hatte da mal eben hingekotzt.

An der Ecke Mainzer Landstrasse/Rebstöckerstrasse, wo ich aus der Bahn oder dem Bus stieg, lag ein indisch-pakistanischer Internet-Al-Kaida-Copy-Shop, ein Penny-Markt, vor dem immer ein sehr betrunkener Obdachloser vor sich hinvegetierte und dann war da noch eine griechisch-türkische Imbissbude, an der ich z.B. mitbekam, wie der Mann hinter dem Tresen den Müllsack mit beiden Händen in die Tonne stopfte und dann zurück an die Arbeit ging und Döner machte, ohne sich die Hände zu waschen. Ich hab trotzdem da immer gegessen. Ist gut fürs Immunsystem.

Ach und dann war da noch das Haus, in dem fast nur Roma oder Sinti (oder wie auch immer die politisch korrekt genannt werden) wohnten und immer auf der Strasse in großen Trauben (so ab zwanzig bis dreissig Leuten) standen. Frauen in komischen Kleidern, Typen, ca. ein Meter sechzig groß und dabei hundertfünfzig Kilo schwer, in nagelneuen BMW´s mit diesen Kurzzeit-Nummernschildern und kleine Jungs mit zurückgegeltem Haar in Anzug und Fliege.

Und ja, ich hatte ein paarmal den doch sehr unkorrekten und in seinem Ursprung wohl latent rassistischen Gedanken, daß man einigen dieser Leute die mehreren Generationen Inzucht ansähe.

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Themawechsel.
Es ist nicht so, daß ich prinzipiell etwas gegen den Winter hätte. Winter ist okay, echt. Ich mag es, morgens durch die verschneite Frankfurter Vorstadtlandschaft zur Arbeit zu fahren und dabei nordischen Black Metal zu hören. Oder, wie letztens, Negura Bunget, rumänischen Black Metal. Und es ist auch okay, lange Unterhosen zu tragen und die dann auf der Arbeit ausziehen zu müssen weil es sonst zu warm wird. Ich hab auch nichts dagegen, meine Armeestiefel zu tragen, die nur mit drei Paar Socken nicht ganz fürchterlich unbequem sind und welche anzuziehen fünf Minuten dauert, wodurch ich im Winter jeden Morgen nur die U-Bahn erwische die nach jener fährt, die ich eigentlich nehmen wollte.

Und ich liebe ja Weihnachtskitsch. Das ist irgendwie eine Prägung von den US-Weihnachtskomödien, die ich als Kind immer gesehen habe. „Kevin allein zu Haus“ und so. Je Ami-kitschiger desto besser. Bunte blinkende Lichter, Massen von Lametta. Golden, Pink, Glitzer.
Dagegen hasse ich diesen protestantischen deutschen Öko-Weihnachtsschmuck. Strohsterne bringen mich zum Kotzen. Oder UAAAAAH Weihnachtsbäume mit weißen Lichtern ohne Lametta. Total ekelhaft. Schlimmstenfalls noch ECHTE Kerzen….
Aber zurück zum Winter. Schnee ist schön. Verdeckt den ganzen grau-schwarzen Großstadt-Betondreck und dämpft die Geräusche. Macht die Bahnfahrt durch Deutschland an Heiligabend romantisch. Wintermärchen und so.

Zusätzlich läuft auf Weihnachten hin zumindest offiziell alles lockerer. Also nicht wirklich, die letzten Tage vor den zwischen-den-Jahren-Schließzeiten sind ja immer die stressigsten. Aber das ist nicht so schlimm, denn man freut sich auf die freie Zeit (ja, ich habe auch schon Schichtdienst gehabt, da wars halt nicht so), und das macht alles weniger nervig.

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Aber ab Neujahr ist dann Schluß mit lustig. Man ist noch garnicht richtig erholt und dann beginnt das neue Jahr, Vorgesetzte kommen daher mit Jahresplanungen und was alles so geschafft werden muss, dabei ist man noch garnicht richtig erholt. Es wird NOCH kälter und im Gegensatz zu der bunteblinklichterdurchsetzten Muckeligkeit vor Weihnachten wird das Tageslicht ebenso kalt wie die Temperaturen. Januar und Februar sind die Tiefpunkte des Jahres. Und euren Karneval könnt ihr euch mal schön in euren kackeverkrusteten Enddarm einführen.

Ich habe ja an anderer Stelle schonmal erwähnt, daß ich ein grummeliger deutscher Melancholiker bin, der mit der lauten mediterranen Art oft wenig anfangen kann. Ja, woran liegt das wohl? Wir Deutschen legen Wert auf Pünktlichkeit. Und zwar nicht weil wir kleinliche Pedanten sind. Das sind wir. Aber die Sache mit der Pünktlichkeit ist einfach die: Wenn man in einem äquatorial gelegenen Landstrich verabredet ist und die andere Person erscheint nicht, setzt man sich in die Sonne und chillt. Hier steht man dumm rum und friert sich den Arsch ab, während man warten muss.

Das Paradoxe an uns grummeligen Deutschen ist, daß wir den Winter romatisieren. Wintermärchen und so. Dabei kommen wir nicht mit dem Winter klar. Wir frieren, unsere Eisenbahnen bleiben liegen und auch damals in Russland haben wir es nicht so gebacken bekommen. Insofern sind wir einfach neidisch auf die Südländer, weil sie nicht frieren müssen.

Was ist also so großartig am Sommer? Das fängt einfach schon damit an, daß Frauen weniger anhaben. Jaja, ich weiß, ihr haltet das jetzt für eine primitive hormongesteuerte, schlimmstenfalls latent chauvinistische Äußerung. Aber es ist halt echt so, daß es bei der Bewältigung des langen Alltags hilft, gutaussehenden Frauen hinterherzukucken. (Grade eben wird mir klar, daß ich das schonmal an anderer Stelle ausgeführt habe, aber egal).

Und dann gibt es da die lauen Sommerabende, an denen man mit offenem Fenster dasitzt und unter dem Fenster den coolen Smog der Großstadt vorbeiziehen riecht und irgendwelchen US-Westcoast-Rap hört.
Dann ist Autofahren noch weniger kalt (unser Auto hat keine Heizung mehr) und überhaupt. ÜBERHAUPT! Achja, lieber Winter: Grüße auch von Jenne, sie will auch, daß du dich verpisst.

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Man versucht als aufmerksamkeitsbedürftiger Internetnutzer, wie ich einer bin, ja immer, irgendwas zu machen, was die Leute beachten. Soll heißen, zum Beispiel Dinge zu schreiben, die die Leute auch lesen. Und was geht immer? Genau, Sex.

Ich hab also versucht, Pornographie zu schreiben. Funktioniert ganz gut soweit, nur das Problem ist, daß ich dann immer Dinge schreibe, die mich selbst anmachen. Und abgesehen davon, daß das keiner lesen will, weil ich so der oberverdorbene dirty young man oh baby yeah! bin, ist das Problem das, daß ich dann immer anfange zu onanieren und danach habe ich erstmal kein Interesse mehr an Sex-Dingen. Eine halbe Stunde lang oder so. Jetzt könnte ich sagen, na gut, okay, schreibst du halt währenddessen, aber ich krieg mit einer Hand nie so richtig viel getippt.

Opa, Disorder, Hardcore und leider nichts über Sex.

Opas Tür steht immer offen...

Bevor mein Großvater in Rente ging, war er Leiter einer Polizeiinspektion in Augsburg. Sehr Punkrock ist das ja nicht, aber was ist für Kinder cooler, als wenn der Opa Polizeichef ist?

Hieß, wir durften Polizeiautos von innen ankucken und in Opas Keller mit echten Polizeimützen spielen. Außerdem hatte er Verbindungen (neudeutsch würde man sagen CONNECTS) zu den Amikasernen, derer es damals noch drei in Augsburg gab. Opa nahm meinen Bruder und mich mit zu irgendwelchen we-are-family-Veranstaltungen, wo die US-deutschen Beziehungen gefeiert wurden und diverses Militärequipment beider Seiten ausgestellt wurde. Politisch korrekt oder nicht, wir fanden es damals ziemlich cool, Panzer und Helicopter von innen anzusehen.

Opa hatte irgendwann mal Schreiner gelernt, bevor er dann in den frühen fünfziger Jahren, lange vor dem Wirtschaftswunder, zur Polizei gegangen ist. Und so baute er uns aus Holz Schwerter und wir liefen damit durch die Gegend und kletterten auf der örtlichen Burgruine rum. Mit meinem Großvater fuhren wir mit dem Fahrrad zum Augsburger Flughafen, wenn dort irgendwelche Ausstellungen waren oder wir machten einfach Nachtspaziergänge durch die Pampa am Augsburger Stadtrand. Dies geschah meistens, wenn wir bei Oma und Opa übernachteten. Er schaffte es auch, meinem Bruder und mir zu verklickern, wir sollten Nachtwache halten, wie eben auf dem Schiff. Und zwar erklärte er uns, man könne ganz besonders gut Feinde hören, die sich dem eigenen Lager näherten, indem man sein Ohr auf die Matratze lege und in sie reinhöre. Das erschien mir damals sehr logisch.

Wir sind diverse Male mit meinen Großeltern in den Urlaub gefahren und es war nie langweilig. Opa hatte ein Schlauchboot in Kanuform, und damit paddelten wir auf Südtiroler Alpenseen wenn ein Sommersturm aufzog und sangen Seemannslieder. Wir lieben die Stürme. Oder wir fuhren zu Burgruinen, erkundeten diese und sammelten Glitzesteine – wertlose Bergkristalle, die wir dann als Schätze einsteckten.

Opa liebt die Alpen. „Auf den Bergen wohnt die Freiheit“, das ist sein Wahlspruch. Und so waren wir da oft. Ich habe tatsächlich noch die Erinnerung als ich zum ersten Mal bewusst die Alpen wahrnahm und extrem beeindruckt war, WIE GROSS die Berge tatsächlich sind.

Meine Begeisterung für Bergwanderungen und alle Aktivitäten mit meinem Großvater nahm drastisch ab, als ich in die Pubertät kam, und damit waren all diese Dinge vorbei. Erst seit einer noch nicht allzu langen Zeit ist mir klar, daß diese Dinge für mich als Kind sehr, sehr toll waren.

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Die Stimmung im Haus meiner Großeltern war sehr locker. Wir durften mit allem spielen und ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, daß Opa jemals wirklich geschimpft hätte. Das kam erst, als ich in die Pubertät kam und mein Dasein als rebellierender Jugendlicher, der sich die Haare färbt, nicht mehr mit seiner konservativen, nachkriegszeitgeprägten Lebensart zu vereinbaren war.

Opa und Oma, die ich heute noch so nenne, sind die Eltern meiner Mutter. Auch in dieser Familie gibt es natürlich zahlreiche Neurosen, darüber-spricht-man-nicht-Probleme und den ganzen traumatischen Mist, den die Generation meiner Großeltern, die als Kinder aus den Ostgebieten fliehen mussten, angesammelt haben und nie losgeworden sind.

Trotz allem herrscht in der Familie meiner Mutter eine herzliche, warme Art, miteinander umzugehen, nicht zuletzt durch Opas großherzige Haltung den Menschen gegenüber.

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Im krassen Gegensatz dazu stand die Situation in meinem Elternhaus. Die Vater meines Erzeugers war ein verknöcherter Haustyrann, der nach seinem Krebstod im Alter von 72 Jahren diese Rolle an meinen Erzeuger vererbte.

Die gesamte Familie, meine Geschwister, ich und auch meine Mutter hatte immer nur Angst vor der unberechenbaren Cholerik des Mannes, dessen genetische Eigenschaften ich geerbt habe. Seine verachtende, zynische, gewalttätige und einfach nur psychopathische Art beschrieb ich ja desöfteren in früheren Kapiteln

Meine Mutter verließ ihn erst nach langen, langen Jahren eines furchtbaren Zustandes, nach unzähligen grauenvollen Ereignissen und nachdem wir alle schon völlig traumatisiert waren. Sie ertrug es nur mit Alkohol, wir Kinder ertrugen es irgendwie.

Das bezeichnende für die Situation unserer Gesellschaft ist, daß es in dieser Lage tatsächlich überhaupt keine Hilfe von außen gab. Für uns Kinder war die Situation zwar schlimm, wir kannten es ja aber auch nicht anders. Zusammen mit dem Dogma meiner Großeltern „Nicht beklagen!“, mit dem diese den Krieg überlebt hatten, wäre es uns nie eingefallen, irgendwo Hilfe zu suchen. Nach außen waren wir die vorbildliche Familie, die Kinder auf guten Schule, die Eltern Akademiker, ein eigenes Haus usw… kein Lehrer sah irgendein Problem – außer das meiner schulischen Fehlleistungen, die aber auf meine Faulheit zurückgeführt wurden.

Ich war in der Grundschule ein richtig guter Schüler gewesen. Und kaum kam ich ins Gymnasium, wurde ich richtig schlecht. In der Familie wurde das ebenso mit meinen Unwillen und meine Faulheit erklärt, nicht etwa damit, daß mein Vater bisweilen meine Mutter verdrosch, regelmäßig psychopathische Ausraster hatte, meine Mutter eine Flasche Weinbrand im Kleiderschrank hatte und regelmäßig weinte.

Die offenen Konflikte, die zwischen meinen Eltern ausgetragen wurden, waren für uns Kinder furchtbar. Gewalt war nicht selten ein Mittel der Konfliktlösung für meinen Erzeuger. Und in regelmäßigen Abständen erklärte er mir, daß es sein größter Fehler gewesen sei, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Nett von dir, Papa.

Ein Bild, daß ich nicht vergessen kann, weil ich es zu oft gesehen habe, sind die verheulten Augen meiner Mutter, während sie die Küche aufräumt. Wir zogen aus dem Haus meines Erzeugers aus, während dieser arbeiten war. Ohne sein Wissen. Meine Mutter hatte zu große Angst vor seiner Reaktion.

Mama hat gegenüber Oma und Opa lange die Situation verschwiegen. Als sie sich schließlich ihnen anvertraute, waren diese erstmal überfordert.

Später erzählte mir Opa: „Wenn er mir in diesem Moment unter die Augen gekommen wäre, hätte ich ihm die Schaufel auf den Kopf geschlagen.“

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Zurück in die Gegenwart.

Mein Seelenklempner riet mir, bei Fressanfällen zwanzig Euro zu verbrennen. Damit es mir auch echt wehtut. Er schlug mir auch grinsend vor, bei ihm fünfzig Euro zu deponieren, und falls ich davor zurückschrecke, den Zwanziger in Flammen aufgehen zu lassen, würde er mit mir den Fünfziger verbrennen.

Die meisten Menschen sehen die Sache mit der Ess-Sucht nicht so tragisch. Sie sagen „Ja und, du rauchst dafür nicht und säufst nicht.“ Das verkennt allerdings das Problem. Schlimmer geht immer. Über meine kleine Eating Disorder habe ich ja schon ausführlich im Kapitel „Fett und Zucker“ geschrieben.

Freitagabends also brannte der Zwanzigeuroschein mit einer blau-grünen Flamme hier auf meinem Schreibtisch, und ich fühlte mich dadurch ca. fünf Minuten lang ein bißchen weniger schuldig.

Dabei habe ich diesmal echt gekämpft. Ich habe Weihnachten überstanden, ohne mich vollzufressen. Ich habe nicht gehungert oder so, sondern echt normal gegessen. Auch am Freitag. Und schließlich hat der Fressteufel auf der Schulter doch den Engel abgestochen und ich bin gegen halb zwölf Uhr abends noch aus dem Bett aufgestanden, habe mich angezogen und mir Schokolade (viel!) am Kiosk besorgt und die sinnlos in mich reingestopft. Würde geht anders.

Die Depression ist sowieso schön präsent in den letzten Tagen und es ist die Zeit für „The Rise Of Citalopram“. Cooler Songtitel, oder?

Das schlimme ist, daß es mir nach einem Kontrollverlust tagelang schlecht geht. Es ist wie eine Welle, die jedes Selbstbewusstsein wegspült. Eine Welle zwanghafter Gedanken, die jeden Aspekt meines Lebens auf den Prüfstand stellt. „Wieso kam es so? Was war der Auslöser? Was hast du davor gemacht? Gitarregespielt? Ist Gitarrespielen der Auslöser? Bitte nicht! Ich will das nicht sein lassen müssen! Metal gehört? Bitte nicht! Ich will das nicht sein lassen müssen!“ usw… Nach zwei bis drei Tagen kann ich dann auch wieder in den Spiegel blicken.

Das Ängstigende an einem Kontrollverlust ist ja, daß man weiß, wo es enden kann. Bei Ess-Sucht ist das ja zum Glück keine kurzfristige Angelegenheit, aber auch das kann in die Klapse führen. In meinem Job kennt man Leute, bei denen Kontrollverluste der direkte Weg in die Station 93.4 der Frankfurter Uniklinik sind oder waren und da wollt ihr echt nicht hin (die Türen dort sind zugesperrt).

Auch Fressen kann böse enden: Mit Diabetes und Herzinfarkt. Wenn man schonmal 140 Kilo gewogen hat und der Arzt einem Blutdruckmittel verschrieben hat, weiß man das.

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Gestern war Hardcore-Show im Faites Votre Jeu, im alten Naziknast in der Klapperfeldstrasse an der Konsti. Scüm haben eingeladen und da ich seit drei Proben bei „Pogo´s Projekt“ Bass „spiele“, durfte ich dort auch die Bühne betreten, eben mit Pogo aka Micha, dessen Streetpunksongs wir runtergerotzt haben. Micha ist einer der friedlichsten Typen die ich kenne, aber wenn er im Unterhemd auf der Bühne steht und rumschreit könnte man angesichts seines Hantelbank-Oberkörpers auch Anderes denken. Micha ist übrigens Vater des Gedankens, daß alle Leute, die einen nicht mögen oder einen dumm anmachen (Chefs, Arbeitskollegen usw.) einfach nur sauer und eifersüchtig sind, daß sie nicht mit einem ins Bett dürfen.

Wir machten also den unspekatkulären zwanzig-Minuten-Opener des Abends, gefolgt von einer Band namens „StörFUNK“ (ich drohte ja an, die Szene-Kontroversen um dieses Blog noch zu erhöhen, indem ich schreibe, eine andere Band, deren Name mit „Stör-“ beginnt, habe auf Einladung von Scüm im linken Klapperfeld gespielt aber das wäre albern) (oder doch nicht?) (doch) und Scüm, die immer besser werden, obwohl Bassist Paul kein Distortion-Pedal verwendet muahahaha.

Unglaublich war der hohe Frauenanteil im Publikum. Bei einer Hardcore-Show! Alter! Und die meisten waren HÜBSCH! In diesem Sinne dürfen sich Frauen, die gestern da waren ruhig bei mir melden und….

Insofern Danke an Scüm, die mir trotz des letzten Blogeintrags nicht auf die Fresse hauten, für den netten Abend.

Apropos letzter Blogeintrag. Mir wurde zugetragen, einige „Szene“-Angehörigen betrachteten diesen angesichts meines Gemeckers über Drogen- und Alkoholkonsum als „denunziatorisch“. Habe ich irgendjemanden konkret beschuldigt, illegale Substanzen zu konsumieren? Nein. Und zu eurer Sauferei: Klar liegt es mir fern zu urteilen. Aber diese „Szene“ ist auch meine Szene. Und insofern versuche ich natürlich, das, was mich daran stört, deutlich auszusprechen. Meine Beweggründe, wieso es mich stört, habe ich dargelegt. Die sind persönlich, aber auch Hardcore ist für mich etwas persönliches. Verhaltensweisen, die mich stören, auszusprechen und zu kritisieren, hat nichts mit „Szenepolizei“ zu tun. Sonst dürfte niemand mehr irgendwas kritisieren und wir wären alle eine happy Kommune ohne Meinungsfreiheit und ohne Individualität.

Also nochmal: Wenn ihr euch am Wochenende besauft, ist das natürlich euer, haha, Bier. Wenn aber Konzerte einer Musikrichtung die ich liebe, nur noch hierfür dienen, und statt eines gemeinsamen Erlebens der Musik (die bei härteren Musikrichtungen oft kathartische Wirkung hat) nur noch ein kollektives Betäuben und Abschalten stattfindet, nehme ich mir heraus zu formulieren, daß mich dies stört. Wenn das ein Problem ist…

sunday wishful sunday

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Oft geht es ja einfach um die Sehnsucht. Viele Dinge, die wir erstreben, sind in der melancholischen Sehnsucht eines Sonntagnachmittags strahlender und glänzender als im Schein des realen weißen Januarlichts.

In den letzten Tagen hat mich eine Filmszene sehr bewegt, und zwar in Michael Manns „Heat“ von 1995. Eigentlich als relativ blutiges Epos zwischen Al Pacino als bekokster Supercop Vincent Hanna und Robert DeNiro als in sich gekehrter, für seine Leute sorgender Supergangster Neil McCauley angelegt, findet sich in diesem Machwerk eine sehr kitschige Szene:

Der Gangster McCauley verliebt sich in die völlig unschuldige Buchhändlerin Eady, was sich mit seinem Leben natürlich kein bißchen vereinbaren lässt. In einer Szene stehen die beiden auf Eady´s Balkon über den Lichtern des nächtlichen L.A. (daß in Realität keine Buchhändlerin ein Haus in solcher unglaublicher Lage besitzt lassen wir jetzt mal außer Acht, es ist immerhin ein Hollywood-Film) und Eady fragt McCauley „Are you lonely?“ worauf dieser antwortet „I´m….alone, not lonely. And you?“ und Eady antwortet:
„Very lonely.“, worauf sie sich küssen.

(Ihr die Ihr das lest: Wenn irgendeine/r von Euch verbreitet, daß ich auf solchen Kitsch stehe, muss ich denjenigen oder diejenige leider eliminieren, kapiert?).

Die Realität ist ja selten so bewegend und unkompliziert wie im Film. Im Film (wir reden jetzt von Hollywood!) hat niemand Mundgeruch oder Blähungen. Die Verliebten gehen sich nicht auf den Geist, weil der eine irgendwelche nervigen Angewohnheiten hat, wie z.B. den Klodeckel offenzulassen. Sie sind nicht hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, nicht allein zu sein und dem Bedürfnis nach einem eigenen Raum, in den niemand sonst eindringt.

In der Realität ist es ja schon oft so, daß man am Sonntagabend, wenn die lange und anstrengende Woche vor einem liegt mit all ihren Pflichten, Herausforderungen und unangenehmen Termin, jemanden da liegen haben will, der gut aussieht, einen streichelt und einem sagt, daß man okay ist – oder der einem im besten Fall sagt, daß man ganz toll ist.

Wenn man dann am Montagabend nach Hause kommt, will man aber niemanden da haben, der die Kreise stört, sondern in Ruhe zu Abend essen und mit keinem reden, weil man schon den ganzen langen Tag gelabert hat. Zumindest mir geht es oft so.

Bleibt die Sache mit dem Sex. Wollen wir ja alle. Die Frage ist, ob wir Sex wollen, weil Sex so unglaublich geil ist, oder weil Sex einfach ein Indikator dafür ist, daß wir begehrt werden. Nach allem was ich weiß, ist beides der Fall. Wobei ich bisher feststellen durfte, daß Sex meistens ein ganz guter Zeitvertreib, jedoch selten RICHTIG GEIL ist.

Außerdem ist es halt schon immer nervig, danach jedesmal den Boden wischen und die Handschellen desinfizieren zu müssen. (Das war jetzt für die unter euch, die gerne indiskrete Details lesen, mehr gibts aber nicht davon in diesem Kapitel – und, zugegeben, die Verwendung des Wortes „jedesmal“ da oben ist richtig übertrieben ähem).

Achja, und das Problem ist, daß zumindest ich immer anfange mich in Leute zu verknallen, mit denen ich Sex habe. Zumindest so ein bißchen, am Tag danach. Nicht weil ich echt verliebt wäre, sondern, weil ich mich zurücksehne nach dem Gefühl begehrt zu werden. Weil dieses Gefühl natürlich halt ziemlich gut ist. „Wie eine warme Dusche.“, pflegt Nathalie zu sagen, und das stimmt.

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Letzte Woche war ich beim Zahnarzt. Ich bin ja einigermaßen traumatisiert von Zahnarztbesuchen, seit ich mit zwölf oder so beim Zahnarzt war und der einfach ohne Betäubung drauflosgebohrt hat, bzw. gespritzt hat und gespritzt hat und ich immer noch Schmerz gefühlt habe. Nun ja. Daraufhin war ich SEHR lange nicht beim Zahnarzt und dies rächt sich nun. „Einfach nur mal zur Kontrolle“ gibts bei mir nicht. Es ist immer eine tiefe Füllung oder gar eine Wurzelbehandlung.

Und dazu bin ich einfach ein Weichei. Das schlimmste bisher war die Entfernung eines Weißheitszahns. Und das war nur der erste von VIEREN! Beim Fädenziehen eine Woche danach meinte der Kiefernchirurg „Herr Giesemann, sie sind ja wie ein kleines Mädchen!“.

Mein Zahnarzt ist okay, so ein Alt-68er mit Fotos aus seiner wilden Zeit an der Wand und einer großen PACE-Flagge über dem Tresen. Als ich das erste Mal bei ihm war und sagte „Ich sollte Ihnen sagen, daß ich Zahnarztphobiker bin.“, meinte er nur „Ja, ich auch.“.

Bisher hat er seinen Job ziemlich gut gemacht, dafür, daß mein Mund eh eine Dauerbaustelle ist. Dafür nehme ich auch in Kauf, daß er während der Behandlung manchmal Dinge vor sich hinmurmelt wie „Oh. Mist.“, „Verdammt!“, „Nein, scheiße, jetzt blutet des da rein!“. Oder bei Besichtigung der Baustelle „Aha, viel zu tun.“ loslässt.

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Tink, meine kleine Mitbewohnerin, wird alt. Drei Tumore hat die Tierärztin gezählt, einer davon ist schon recht groß. Dazu hat sie einen Ausschlag am Rücken, den ich eine Weile lang täglich mit einem speziellen Shampoo eingerieben und gewaschen habe. Ratet mal was Tink HASST. Richtig, Baden oder Waschen. Ein Gefiepe und Gezappel ist das jedesmal, und ein Michvollgekackezurrache. Der Ausschlag wurde dann besser und ich glaube, daß man ihr diese Todesangst in ihrem Alter nicht antun muss, wenn es nicht richtig schlimm ist. Tink ist schon deutlich über das Rattendurchschnittsalter raus, und nichtsdestotrotz, trotz Tumoren und Ausschlag baut sie jede Nacht an ihrem Nest rum und beginnt Rekordversuche, wieviel Zeitungspapier man möglichst geräuschvoll in das kleine Häuschen reinkriegt (viel!).

Tink teilte ihren Käfig ja mit drei anderen Ratten. Unter anderem mit Suki, die immer gesund war, aber schon gestorben ist. Tink war DIE Ratte, die von Anfang an kränklich war und dennoch sieht es so aus, als würde sie von den dreien die älteste werden (Eve, die dritte Ratte lebt noch bei Julle, mit einem Kaninchen zusammen). Tink hatte schon in jüngeren Jahren einen Tumor außen am Körper (als sie noch mit Eve und Suki zusammenlebte), der dann über Nacht plötzlich weg war. Ihre Käfiggenossinen sind das Problem mit Tinks Gesundheit nicht sonderlich appetitlich, aber sehr pragmatisch angegangen und haben den Tumor wohl operativ mit ihren Zähnen entfernt.

Ratten sind by the way echt clever. Zumindest Tink. Als einmal Eddie, Jasmins Hund vor ihrem Käfig stand, war sie völlig ungerührt und hat ganz cool begonnen, Heu in die Gitterstäbe zwischen sich und Eddies Schnauze zu stopfen.
„Glotz nicht so. Du kommst hier nicht rein.“

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Die oben erwähnte Sonntagsmelancholie bekommt man auch durch Haushaltsdinge in den Griff. Da wäre zum Beispiel das Schmieren von Pausenbroten für die folgende Woche. Ich habe irgendwann begonnen, sonntags immer die Brote für die ganze Woche zu schmieren und sie dann eingepackt im Kühlschrank zu lagern. Ist sehr viel praktischer, als jeden Tag nach Feierabend noch alles rauszuräumen zu müssen. Anscheinend findet ein Großteil meines sozialen Umfeldes das echt eklig. Doch, ob ich die Dinge nun getrennt oder zusammen im Kühlschrank liegen habe ist doch echt egal, oder? Außerdem schmecken die Brote freitags genausogut wie am Montag. Und ich hatte noch keine Salmonellenvergiftung oder ähnliches.

Also kann die böse Woche kommen, sobald genug Brote geschmiert sind. Die Woche wird schnell böse, wenn man zu hohe Ansprüche stellt, vor allem an sich selbst. Die Wohnung soll sauber und ordentlich sein, im Job will man nach Möglichkeit in jeder Minute hundert Prozent Vollgas geben, nach Feierabend bitte tollen Sex haben und dabei darf die Arbeit an der Rockstar-Karriere nicht zu kurz kommen.

Letzte Woche haben mich all diese Ansprüche in ein kleines Tief gerissen. Die Wohnung sauber…naja. Das ist so eine Sache. Die hundert Prozent Vollgas auf Arbeit? Gerade wenn man wie ich im sozialen Bereich arbeitet, ist es schwer, diesen Anspruch fallenzulassen, denn alles was man NICHT macht oder versucht, fehlt den Menschen, die man betreut. ABER. Ständig hundert Prozent zu geben, an vierzig Stunden in der Woche, macht einen fertig.

Man kann nur scheitern und geht jeden Tag unzufrieden mit sich selbst nach Hause, worauf man am nächsten Tag NOCH mehr machen will, um das gefühlte Versagen vom letzten Tag wettzumachen….und schließlich wacht man morgens auf und fühlt nur Horror vor dem langen Tag, an dem man nur versagen kann. Der Mann meiner Mutter sagte unlängst etwas, das wir uns alle zu Herzen nehmen sollten: „Siebzig oder Achtzig Prozent reichen locker. Ist immer noch mehr, als die meisten Leute hinkriegen.“

So vermeidet man vielleicht das Ausbrennen, welches dann WIRKLICH zu selbstgerechter Untätigkeit bzw. einer selbstgerechten Scheißegal-Haltung führt, die dann wirklich Schaden anrichtet.

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Zurück zum Sonntag. An einem Januarsonntag kann man zum Beispiel mit Jenne und Nathalie am Main spazieren, ein paar Tage bevor der ganze Schnee schmilzt und die Strassen in graue Matschpampe verwandelt. Die Lichter der Stadt leuchten gegen halb sechs Uhr abends in der einsetzenden Dunkelheit, auf der einen Seite das Museumsufer mit seinen angestrahlten Gründerzeitvillen und nördlich die Lichter der Innenstadt, die noch nicht abgebaute Weihnachtsbeleuchtung und dann die Lampen im Geländer des Holbeinstegs, die ihn wie einen futuristischen Raumschiffgang erscheinen lassen – wäre da nicht der liegengebliebene Müll der Silvesternacht, die Kartonverpackungen von Böllern, die sich langsam in der Feuchtigkeit des Schnees auflösen und dann fast nicht mehr von Hundekacke zu unterscheiden sind.

Dann geht man irgendwo an der Hauptwache in einem Kaffee einen überteuerten Salat essen, während im Hintergrund völlig unpassende House/Techno-Mucke läuft und sich das Personal laut streitet. Hierauf geht man nach Hause, hängt noch mit Nathalie und Richie in Jasmins Wohnung nebenan rum, geht dann ins Bett, kann nicht einschlafen, sitzt nochmal bis ein Uhr nachts auf Jasmins Sofa rum und kuckt noch einen albernen Tarantino-Film. Um dann am nächsten Morgen nach drei Stunden Schlaf aus dem Bett zu fallen und zur Arbeit zu kriechen.

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Eine letzte Erkenntnis will ich mit euch teilen, die ich letztens während der Arbeit hatte. Und es ist eigentlich seltsam, daß mir diese Erkenntnis erst nach fast zehn Jahren in diesem Job kam: Geistige Behinderung macht nicht fröhlich und unbeschwert. Menschen mit kognitivem Defizit (leider gibt es nur diese abwertende Beschreibung für geistige Behinderung) sind keineswegs unsensibler als Menschen ohne eine sogenannte Behinderung. Sie sind in der Regel auch nicht fröhlicher. Und die böse Welt belastet sie nicht weniger als uns, die wir uns „gesund“ nennen. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall.

In diesem Zuge will ich auch dafür plädieren, das Wort „dumm“ nicht mit kognitiven Einschränkungen gleichzusetzen, sondern es eher auf die stumpfen bekoksten Arschköpfe anzuwenden, die uns regieren, die das Fernsehprogramm machen und die Bildzeitung verfassen. Und bin mir außerdem sicher: Die Dummen haben die Kohle. Aber bestimmt ficken sie echt schlecht.

zeitenwende