Archiv für Dezember 2010

epiphanie

die fanatiker-version von „erlöser“…

regenzeit…

zombie silvester

live footage of wasted years

filmed by ms. dazzlefire at raumstation, frankfurt.

bei der nächsten revolution…

Siegen, Frankfurt, XXX

Kalt wirde es schon nach ca. einer halben Stunde im Auto. Der alte Ford Sierra von Frau Att besitzt keine funktionstüchtige Heizung mehr. Obwohl ich zwei Paar Socken trage, nehme ich bereits bei Gießen meine Zehen nicht mehr wirklich wahr.

Das Ziel ist Siegen, wo Jochen in einer Kneipe einen Gig klargemacht hat. „Schneefall im Siegerland“ sagt der Wetterbericht, aber ein bißchen Schneefall stoppt Yohazid nicht. Ich bin ca. 40 Kilometer vor Siegen, als der Schneefall einsetzt. Aber da ich quasi schon fast am Ziel bin (wie ich denke), fahre ich weiter. Die Straßenverhältnisse werden jedoch immer schlechter, bald ist nur noch eine Höchstgeschwindigkeit von 60km/h gefahrlos möglich, und wir reden hier von der Autobahn!

Dennoch bin ich guter Dinge, zwar ein wenig angespannt, denn ich muss am nächsten Tag arbeiten, aber dann dauert die Rückfahrt eben ein wenig länger und ich bekomme eben nicht ganz soviel Schlaf. Halb so wild.

(Wenn man wie ich ein Mensch ist, dessen Gehirn manchmal nachts nicht aufhört, Schwachsinn in Gedankenform zu fabrizieren, weiß man, daß man auch mit nur drei Stunden Schlaf einen Arbeitstag übersteht. Manchmal sogar besser als wenn man ausgeschlafen ist, denn die Müdigkeit legt sich manchmal wie ein angenehmer Schleier über die Wahrnehmung und trennt einen von der bösen Welt.)

Als es dann wirklich nur noch mit 40km/h weitergeht, fängt es an zu nerven. Aber ich bin fast in Siegen. Und dann nehme ich die Ausfahrt und kaum bin ich von der Autobahn runter wird es echt glatt und ich fahre fast in den Graben. YEEEHAAA Adrenalin! Die paar Kilometer nach Siegen rein wird es dann NOCH übler, Schnee Schnee Schnee überall und das Auto rutscht mehr als daß es fährt. Es geht auch noch bergab in die Innenstadt – Schlittenstyle!

Ich erreiche das „New Orleans“, die Kneipe in der wir spielen sollen, grade mal so, will auf einen Parkplatz fahren und bleibe mitten in einer Ausfahrt stecken. Winterreifen? Ja, hinten sind welche drauf (Heckantrieb) und vorne Allwetterreifen, aber die sind halt immer drauf und dementsprechend ein wenig abgefahren. Als ich grade so da rumruckel mit durchdrehenden Reifen, kommen drei Bundeswehrsoldaten des Weges (ist das Chaos so groß daß sie schon die Bundeswehr einsetzen?!) und schieben mich an, so daß ich zwar noch in der Ausfahrt stehe aber eben so, daß noch ein Auto neben mir durchkommt.

Nun wird mir aber bereits klar, daß ich ein Problem mit den Heimweg haben werde. Ich beschließe, einfach das Auto so wie es steht, stehenzulassen und stapfe durch den Schnee in die Kneipe. Da in Frankfurt KEIN NULL NO Schnee liegt, trage ich auch noch nur die Adidas und hab schon nasse Füße. Ich HASSE es, nasse Füße zu haben!

Die Kneipe ist leer und auf der Leinwand läuft Bundesliga. In der Ecke sitzt das Bundeswehrschneekommando und isst Pizza. Und an der Bar stehen Jochen, der Veranstalter Martin (ein etwas irrer Freak mit Rauschebart, der hier ab und zu LESUNGEN macht) und ein anderer alter Freak, der Rotwein süffelt.

Jochen hätte ja mal nicht gedacht, daß ich es schaffe. HEY! NICHTS HÄLT YOHAZID AUF! Aber ich muss mal kurz meine Chefin anrufen und kurzfristig morgen Urlaub nehmen, da ich sonst auf der Rückfahrt in Schnee und Eis sterbe. Und ich werde NICHT mit nassen Füßen sterben, es sei denn auf einer wirklich wichtigen Mission zur Rettung der Menschheit. Unter diese Kategorie fällt die Fahrt ZU einem Gig, aber nicht die Fahrt VON einem Gig nach Hause.

Zum Glück hat meine Vorgesetzte ein Einsehen und nach einigen Telefonaten ist das geregelt. Was es nicht weniger unangenehm macht, denn ich bin eigentlich jemand, dem es wichtig ist, seine Pflicht zu tun.

Zum Glück wohnen Jochens Eltern in Siegen und er signalisiert mir sofort, daß ich bei ihm pennen könne. Aber mittlerweile ist schon eine halbe Stunde seit dem offiziellen Beginn des Konzertes vergangen und es ist noch niemand erschienen, außer den Bundis und einem sich betrinkenden Typen an der Bar. Soundcheck geht auch noch nicht, denn Bundesliga muss erst vorbei sein. Alles in allem ist es ein wenig trostlos. Ich hasse es, weg von Zuhause zu sein und nicht heimfahren zu können!

Ein Kumpel von Jochen kommt noch und gesellt sich zu uns. Jochen haut nochmal kurz ab, um durch den Schnee zu seinem Proberaum zu stiefeln und ein Kabel für die Anlage zu holen. Währenddessen erzählt mir sein Kumpel, so ein Kiffertyp mit langen Haaren, was für eine trostlose Stadt Siegen sei, und wie traurig er es finde, hier gestrandet zu sein. Das hebt meine Laune natürlich ungemein. Dann lade ich die Gitarren aus dem Auto aus, das (wir erinnern uns) halb vor einer Einfahr steht, und als ich grade wieder reingehen will, erklingt eine Stimme von einem Balkon gegenüber. Dort steht eine Frau mittleren Alters im Bademantel und wünscht sich wohl, daß ich ihr Haus anzünde.

„Sie können da aber nicht stehenbleiben!“
„Äh. Hm. Also. Was soll ich machen?“
„Fahren Sie da weg!“
„Die Einfahrt ist doch frei!“
„Ne, da kommen wir bei dem Schnee nicht raus. Fahren Sie weg!“
(Ich bin mir übrigens sicher, daß sie die Anrede „Sie“ NICHT großgeschrieben gemeint hat, soviel Respekt hätte sie nicht gehabt)
„Es tut mir leid aber ich KANN da nicht wegfahren. Ich stecke fest!“
„Das ist mir egal. Dann müssen Sie sich helfen lassen. Fahren Sie weg oder ich ruf die Polizei. Mein Mann kommt gleich runter!“
Mein Puls steigt. Ihr Mann soll ruhig kommen. Ich freue mich in diesem Moment richtig darauf, ihrem Mann die Nase zu brechen und antworte mit einer echt wüsten Beleidigung, die im wesentlichen den Geschlechtsverkehr mit ihrem weiblichen Elternteil zum Inhalt hat.
Sie verschwindet in der Wohnung.

Das Problem nun ist, daß es keine gute Sache wäre, wenn irgendein Gesetzeshüter einen näheren Blick auf das Auto wirft. Also bekomme ich zusammen mit dem mittlerweile wieder eingetroffenen Jochen das Auto tatsächlich vom Fleck und rutsche damit nach gegenüber auf den Parkplatz eines Supermarktes.

Die Bundesliga ist aus, die Soldaten gehen und zurück bleibt eine leere Kneipe und wir und der alte Rotweinfreak und Jochens depressiver Kumpel und der verrückte Veranstalter Martin mit dem Rauschebart und der Kneipenbesitzer und seine Frau. Ach, und der Alki in der Ecke. Der Busverkehr in Siegen ist zusammengebrochen und es wird eh niemand mehr kommen. Wir fangen dann mal an.

Man kann sagen was man will, aber ohne Publikum funktioniert mein Set eigentlich meistens sehr gut. Niemand quatscht rein bei den leisen Stellen, es gibt keine doofen Zwischenrufe, keiner unterhält sich, ich kann ohne Anlage spielen und muss nicht auf doofe Mikros achten, es gibt kein Feedback….

Während meine Lieder meist recht simpel aufgebaut sind, macht Jochen, der unter seinem Nachnamen „Klein“ auftritt, introvertierte verschachtelte Songs, bei denen ich mich immer wieder wundere, wie er sich all die Akkorde und Läufe merken kann. Jochens Kumpel geht irgendwann mittendrin und der Alki ist auch irgendwann weg. Dafür labert der Kneipenbesitzer während des Konzerts laut mit irgendwelchen Homies, die kurz reinkommen und uns nur mit wenigen Blicken würdigen. Die beiden Freaks, die Sonntagabends vor leerem Haus komische Liedchen spielen. Mein Höhepunkt des Abends ist Jochens Song „Ich setze Springer auf C4“.

Geld gibts übrigens nicht für den Gig, auch nicht für Benzin oder so. Auf unserem Level ist man froh, wenn man überhaupt irgendwo spielen darf. Der Besitzer des Ladens schenkt uns jedem eine Flasche Wein zum Dank. Nachdem wir nun zum zweiten Mal dort gespielt haben und keiner von uns beiden Alkohol trinkt. Dann bittet mich seine Frau, ob ich denn nicht noch Saiten auf die Kindergitarre ihres Sohnes machen könne, und weil ich so nett bin mache ich das eben. Irgendwie wurde ihr aber nicht kommuniziert, daß wir wenigstens Getränke umsonst bekommen (hatte der Martin mit Rauschebart vorher als Veranstalter abgesprochen) und will uns am Ende tatsächlich abkassieren.
„Und Danke fürs Saitenaufziehen!“
Kein Kommentar.

Am Ende steckt uns der Rotweinfreak, der NUR noch besoffenes Kulturbla sabbelt, einen Zehner zu, den wir auch nehmen. Haben oder Nichthaben.

Gegen zwölf Uhr abends laden wir alles in Jochens Volvo und parken den Ford NOCHMAL um, damit er nicht vom Lidlparkplatz abgeschleppt wird, wie das böse Schild dort androht.

Dann bringen wir das Mischpult zurück in den Proberaum. Jochens Auto hat Winterreifen und er fährt auch ziemlich mutig und schnell. Schließlich erreichen wir Kreuztal, wo seine Eltern wohnen, jagen das Auto mit durchdrehenden Reifen einen steilen Berg hoch und finden uns wieder in einem warmen gemütlichen Einfamilienhaus mit Blick auf den Wald. Wir machen uns noch etwas zu essen, labern über Metal und Politik und fallen schließlich ins Bett.

Jochens Eltern haben ein eigenes Gästezimmer, für mich liegen Handtücher bereit (ich hab nichtmal ne Zahnbürste dabei) und alles ist cool. Am nächsten Morgen wache ich auf, die Sonne bescheint den Schnee, vom Fenster aus hat man Blick auf die Berghänge gegenüber. Ich betrete die Küche, es riecht nach frischem Kaffee und Brötchen, ein kleiner Hund schnüffelt an meinen Beinen rum und Jochens Family ist supernett.

Auf dem Weg nach Hause sind mir wieder die Zehen gefroren.

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Frankfurt, Raumstation.

Last Under The Sun (Im folgenden mit LUTS abgekürzt) sind sehr, sehr nette Briten, die so irre sind, im Winter durch Europa zu touren. Akvile veranstaltet das Ganze und hat Plätzchen mitgebracht. Sie fängt dann schonmal an zu kochen, während LUTS und ich in der Raumstation rumgammeln. Dann fällt ihr ein, daß sie keine Gewürze dabeihat und verschwindet noch „kurz“ nach Hause. Und ist dann für etwa eineinhalb Stunden weg während wir da so rumhängen.

Dann treffen Love Channel aus Gießen ein. Sie sind damit einverstanden, als Erste zu spielen. Aber da Akvile so lange weg ist, zieht sich die ganze Sache mit dem Beginn. Sowieso war auf keinem Flyer irgendeine Uhrzeit festgelegt, aber viele Leute kommen schon so gegen halb neun und warten. Aber erst muss das Essen fertig sein. Und so pöbelt Frau Att schon rum, wann es denn endlich losgehe, als Akvile noch die Nudeln umrührt. Dann essen LUTS und Love Channel. Auch meine Nachbarin Jasmin sitzt mit hasserfülltem Gesichtsausdruck rum und wartet, daß es endlich losgeht. Während ich auf Love Channel deute, „die müssen anfangen“, holt sich deren Drummer gerade die zweite Riesenportion Nudeln und beginnt, diese ganz gemütlich auf der Bühne sitzend zu verzehren und zieht den Hass des wartenden Frankfurter Publikums auf sich.

Irgendwann merken Love Channel das auch und starten ihren fünfzehnminütigen Gig kurz vor elf Uhr mit „Hallo, wir sind Love Channel aus Gießen, und wir hassen euch auch.“

Allein mit Gitarre zwischen zwei Knüppel-Schrei-Bands zu spielen ist anstrengend. Das Punkrock-Publikum ist es nicht gewohnt, die Fresse zu halten und zuzuhören, weil die Bands sowieso normalerweise laut genug sind. Es klappt ca. eine Viertelstunde lang, dann bemerke ich, daß mir außer Dani und Toto keiner im Raum mehr zuhört. Zum Glück habe ich einen Amp und die E-Gitarre dabei und kann schreien. Ich lasse dann die introvertierten, leisen Songs „Fluchten“ und „Dämonen“ aus, um nicht gänzlich unterzugehen. Trotzdem ernte ich gegen Ende Rufe wie „Du bist scheiße!“.

Viel Feind, viel Ehr!

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Am nächsten Abend spielen Scüm, meine Ex-Band, in der Au. Ja, ich bin ein wenig neidisch, aber ich bin selbst ausgestiegen. Scüm bitten mich, ihr Equipment mit dem katastrophenerprobten Ford von Frau Att vom Proberaum in Oberursel nach Rödelheim zur Au zu transportieren. Scüm haben Merch gemacht, T-Shirts, CDs, sogar BIER mit aufgeklebten „Scüm“-Etiketten. Aber Gitarrist Basti hat es nicht hinbekommen, Gitarrensaiten zu kaufen.

Scüm spielen als Support für Scheisse Minelli. Der Abend wird nett, aber mir wird wieder klar, was mich stört an der „Hardcore“ – „Szene“. Und was ein Grund war, wieso ich bei Scüm ausgestiegen bin: Suff und Drogen. Der ganze Abend steht unter keinem anderen Motto. Was Hardcore einst ausmachte, eine Haltung zur Welt, Wut, Protest – ist alles dem Suff-Speedziehen-Nihilismus gewichen. Scheisse Minelli sind musikalisch eine hervorragende Band, aber ihre Songs haben keinen anderen Inhalt.

Man mag mir Intoleranz vorwerfen. Aber ich habe es satt. Wenn es das ist, was ihr mit Musik verbindet, ohne mich. Keine Emotion, Haltung, nur Suff?! Fickt euch. Ihr habt es zerstört.

Ich stamme aus einer kaputten Familie und Alkohol hat seinen Teil zur Zerstörung derselben beigetragen. Täglich gehen Menschen zugrunde an diesem Gift. Und das System, der menschenfeindliche Materialismus, in dem wir leben, ist froh darüber, daß wir uns damit zufrieden geben, uns zu betäuben, anstatt uns die Situation bewusst zu machen.

Geht mal nachts durch Frankfurts Innenstadt. Fühlt ihr euch nicht auch wie Travis Bickle in New York, mit dem Wunsch, ein großer Regen würde den ganzen Abschaum von der Strasse spülen? Was ist verantwortlich? Alkohol.

Ich bin dafür, jede Droge zu legalisieren, um die Kriminalität zu bekämpfen. Aber ich bin GEGEN den massenhaften, institutionalisierten Gebrauch von Betäubungsmitteln wie Alkohol.

Und dann geht ihr auf ein Konzert und behauptet, ihr seid gegen dieses System? Einen Dreck seid ihr.

Jeder hat Schwächen. Jeder betäubt sich manchmal mit irgendwelchen Substanzen. Aber man muss nicht auch noch stolz darauf sein und das feiern.

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Am nächsten Tag müssen wir bis zwei Uhr nachmittags das Scüm-Equipment in der Au abholen. Es ist ausgemacht, daß wir uns um ein Uhr dort treffen, vorher jedoch telefonieren. Ich (KEIN Bandmitglied) bin gegen halb eins wach und geduscht und habe gefrühstückt und bin startklar. Dickusch, Scüm-Drummer ist in Österreich. Gitarrist Basti nicht erreichbar, Sänger Richie nicht erreichbar. Tja. Zufällig befindet sich Richie im Haus in dem ich wohne, im Bett einer weiblichen Person.

„Weck ihn auf. Wir müssen los.“

januar.

maiden-cover

LIVE!!!

am Sonntag, 05.12.10 abends im New Orleans in Siegen mit KLEIN (Akustikcore) und am Freitag, 10.12.10 in Frankfurt in der Raumstation Rödelheim.

flyer