Archiv für Juni 2010

der junge mann und das meer.

Und schließlich kommen wir in Hamburg an und werden erstmal drei Stunden vom Zoll aufgehalten, die an der ersten Raststätte nach dem Hamburger Stadtschild das Auto durchsuchen und unfassbare 0,9 Gramm Cannabisprodukt finden. Und die sich übrigens nicht für die beiden geleerten Sixpacks Bier interessieren, deren leere Flaschen überall im Auto rumfliegen. Merke: Dem Zoll ist es egal, ob man betrunken autofährt.

(Was ich, nur fürs Protokoll, natürlich nicht getan habe).

Nachdem ich Frau Att bei ihren Bekannten abgeladen habe, fahre ich noch einmal quer durch Hamburg zu meiner Mum, die mich dann um elf Uhr abends mit Gulasch empfängt.

Die Katze meiner Mutter hasst mich. Blödes Tier. Seit ich sie mal angefaucht habe, hat sie was gegen mich. Versteht keinen Spaß. Also nix mit Katzenkuscheln. Wenn ich nur in ihre Nähe komme, faucht sie mich an und haut mit ihrer Pfote nach mir.

Meine Mum wohnt in einem eher außerhalb gelegenen Teil Hamburgs. Es ist sehr ruhig und ziemlich beschaulich dort. Ich schlafe gut.

Am ersten Tag stapfe ich mit ihr in der Stadt rum. Jaja, das Rathaus, der Hafen undsoweiter. Alles ganz nett aber unglaublich aufregend ist was anderes.

Am zweiten Tag fahre ich zu den Bekannten von Frau Att, ein Ehepaar, das in einem Vorort von Hamburg fast in Sichtweite der Elbe in einem dieser Häuser mit hohem Dach lebt. Keine Ahnung wie die heißen. Fragt Google. So, ich ändere ja immer die Namen von den Personen, die in diesem Blog auftauchen…nennen wir sie….Katharina und Armin. Ich kenne nämlich keine Personen, die wirklich so heißen. Also. Katharina verdient ihren Lebensunterhalt als freischaffende Journalistin (ich weiß, daß das jetzt nicht soooviel aussagt, aber mehr weiß ich nicht) und Armin ist Programmierer oder IT-Irgendwas. Armin hat multiple Sklerose und ist stark gehbehindert, benötigt also zwei Krücken oder einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen. Zusammen wollen wir ans Meer fahren.

ICH war NOCH NIE am Meer. Wenn man das jemandem erzählt, wird man immer mitleidig angesehen, aber es ist wirklich so, daß ich in 27 Lebensjahren einfach nicht die Gelegenheit hatte, das Meer zu sehen und sie ehrlich gesagt auch nicht gesucht habe. Durch Frankfurt fließt der Main, da fahren auch Schiffe und Wasser hab ich auch in meiner Toilettenschüssel und wenn ich will streu ich mir da bißchen Salz rein und such mir im Netz Krähen-Geschrei. Äh. MÖWEN, nicht Krähen.

Katharina und Armin kennen eine HOTDOGBUDE am Meer, DIREKT am Meer und schließlich fahren wir da hin, in ihrem Auto. Armin verdient als Programmierer offenbar genug Geld, um einen dieser gehobenen Mittelklassewagen zu fahren, die bei weitem nicht so cool sind wie Frau Atts Ford Sierra, aber halt ungefähr doppelt so schnell. Seine ziemlich schwere Behinderung hindert ihn übrigens nicht an einem wirklich…naja, nennen wir ihn ZÜGIGEN Fahrstil, der darin besteht, auf der linken Spur mit 200km/h bis auf zwei Zentimeter Abstand auf den Wagen vor ihm aufzufahren, die Lichthupe zu betätigem und dann im Vorbeifahren dem anderen Fahrer den Mittelfinger zu zeigen.

Immerhin kommen wir so schnell nach Dänemark. Da ist nämlich die HOTDOGBUDE, die direkt am Meer liegt. Dort liegt sie allerdings nur technisch, nämlich an der Flensburger Förde. Da fließt natürlich Meerwasser drin rum, allerdings ist der Eindruck, den man am Ufer hat, derselbe wie in Oberbayern am Ammersee. Also nichts Spektakuläres und ich bin ein wenig enttäuscht.

Wir essen also Hotdogs und fahren wieder zurück. Ohne Auffahrunfall.

Als ich in Hamburg in Frau Atts Ford Sierra sitze und zur Wohnung meiner Mum zurückfahren will (Frau Att ist mit Katharina und Armin zum Haus mit dem hohen Dach zurück) ist es gerade sechs Uhr abends. Also beschließe ich, an die Nordsee zu fahren. Ich werfe einen Blick in den ADAC-Atlas und setze mir Büsum als Ziel, weil es so schön aus dem Land in die Nordsee ragt und nicht so weit weg ist wie St. Peter. Büsum scheint nicht weit zu sein von Hamburg aus.

Ist es doch. Schon als ich Hamburg Richtung Norden verlasse regnet es und dunkle Wolken ziehen auf. Aber EIN MANN EIN WEG! Und die Fahrt zieht sich. Es dauert fast ganze zwei Stunden, bis ich in der Nähe von Büsum bin. Immerhin scheint dort die Sonne, und ich beginne Spaß zu haben, als ich in der Nähe von Büsum durch ein Feld voller Windkraftdrehdinger über die Landstrasse brettere. Also gut, ge“brettert“ bin ich nicht, aber ich wollte ein Wort benutzen, das Dynamik ausstrahlt.

Schließlich passiere ich das Stadtschild von Büsum. Und nach einigem hinundhergecruise durch die „Innenstadt“ finde ich sogar einen öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Deichs. Mittlerweile dämmert es bereits deutlich. Also diesen Geruch des Meeres, von dem mir alle erzählt hatten, nehme ich noch nicht wahr, als ich das Auto abschließe und auf den Deich zulaufe. Ich überquere eine Straße, steige über einen Zaun und laufe hoch, und….Trommelwirbel….die Spannung steigt…..gleich bin ich oben….

Das Meer ist weg.

Stimmt, Nordsee, da war was. Ebbe und Flut und so. Ich habe natürlich nicht dran gedacht. Ich meine, der Anblick ist auch so nicht unschön, eine Riesenfläche leeres Etwas, Wind, blinkende Lichter in der Ferne, dunkle Wolken…oh, da hinten ist sowas wie Wasser!

Ich laufe also den Deich entlang. Ganz so blöd, ins Watt rauszulaufen bin ich nämlich NICHT. Ich sehe tatsächlich Wasser dort, wo der Eingang in den Büsumer Hafen ist. Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt unterhalb bzw. südlich des Hafens. Als ich in die Nähe des Hafens komme werde ich von einem Zaun aufgehalten, der irgendwie autoritärer erscheint als der, den ich locker ignoriert habe, um auf den Deich zu kommen. Mist.

Aber ich bewundere den Einfallsreichtum der Büsumer, ihre Stadt und ihren Hafen grade DAHIN zu bauen, wo bei Ebbe das Wasser aufhört bzw. anfängt. Daß dem nicht so ist, daß die Büsumer offenbar eine FAHRRINNE gegraben haben….tja, so schlau bin ich dann doch nicht. Und so denke ich mir: Johannes, fahr einfach nördlich von Büsum irgendwo an den Deich, dann muß da das Wasser sein.

Soweit so gut. Bis ich zurück am Auto bin ist die Dämmerung schon ZIEMLICH weit fortgeschritten und als ich Büsum im Auto Richtung Norden verlasse ist es dunkel. Es dauert auch noch eine Weile, bis ich eine Straße finde, die über allerlei Felder direkt an den Deich führt, das letzte Stück fahre ich über einen kleinen Weg und setze dabei das Auto fast in einen Graben.

Ich befinde mich nördlich von Büsum auf dem norddeutschen Land. Keine Menschenseele zu sehen, nur einige hundert Meter entfernt steht ein beleuchtetes einsames Haus. Schon als ich den Deich hochlaufe merke ich, daß mir ein wenig unheimlich zumute ist….ich laufe hoch und….Trommerwirbel…die Spannung steigt….gleich bin ich oben….

Das Meer ist weg.

Na supi. Ich laufe auf der anderen Seite den Deich runter und bin da, wo bei Flut das Wasser aufhört. Nur Matsch, Sand, Steine. Wie lange dauern die Gezeiten nochmal? Drei Stunden? Sechs? Zwölf? Egal, ich warte einfach mal, mal sehen was passiert.

Nix passiert. Ich bin alleine mit einer Handvoll Schafen und irgendwelchen Vögeln, die nächtliche Wattvögelgeräusche machen. Es nieselt und der Wind scheint immer stärker zu werden. Dann schiebt sich auch noch eine dunkle Wolke vor den Mond und je länger ich verweile desto mehr scheint der Wind mit mir zu sprechen und mir zu sagen „Buhuuu Buhuuuu du gehöööörst hier nicht hiiiiin…“, kurz gesagt, es ist einigermaßen gruselig. Die Schafen äußern auch nix beruhigendes außer ab und zu ein MÄH und das klingt auch nicht soooo vertrauenserweckend. Wie ist eigentlich das Blitzschlagrisiko auf so einem Deich?

Dann habe ich eine Idee. Ich rufe jemanden an. Ich hole mein Handy raus und TADAAAA ich habe Empfang. Ich rufe Fee an, die einigermaßen erstaunt ist ob der Schilderung meines Aufenthaltsortes. Das Telefonat endet damit, daß sie sagt „Pass auf dich auf!“. Sehr beruhigend, danke Fee. Da hätte ich auch auf die Schafe hören können.

Dadurch, daß ich die ganze Zeit aufs Display meines Handys gekuckt habe, sind meine Augen nicht mehr an die Dunkelheit gewöhnt und es wird NOCH gruseliger. Mein Herz klopft. Also gut Meer, das wars, ich gehe. Kein Date heute.

Am liebsten wäre ich Rückwärts den Deich hochgelaufen, denn ich habe den Eindruck, daß ich aus der weiten NICHTS-Ebene der Nordsee beobachtet werde und gleich von hinten eine große Hand nach mir greift. Aber ich gehe doch nicht rückwärts einen Deich hoch. Was sollen die Schafe nur von mir denken?! Stattdessen gerate ich nochmal bißchen in Panik und bin heilfroh als ich im Auto sitze und es auch anspringt.

erlösung.

alles ist zerstört

„Herr Giesemann! Das ist alles zerstört!“
„Äh. Was ist zerstört?“
„Alles, das ist alles aus!“
„Hier, ich hab ihre Tabletten dabei.“
„Neiiiiin! Nehmen sie das weg! Das muß alles weg! Alles ist aus, alles ist aus! Oh Gott!“
„Trinken sie doch erstmal was…“
„Nehmen sie es weg! Tun sie es weg! Alles ist zerstört! Alles ist aus!“

So ging das eine Weile lang, dann begann Frau W., eben diese Weltuntergangsphantasien schreiend ihrer unmittelbaren Umwelt mitzuteilen und war garnicht mehr zu beruhigen. Dazu trat ein bemerkenswerter Tremor (=Zittern) beider Hände ein und schließlich rief ich den Notarzt. Und der machte auch nichts weiter, als ihr 1mg Tavor einzuflößen. Das half dann auch.

Am Tag davor, hatte ich Frau W. geduscht. Fr. W. würde ohne an Zwang grenzende Motivation nicht aus dem Bett aufstehen. Auch nicht, um aufs Klo zu gehen. In meinem Job zieht man übrigens gar keine Handschuhe mehr an, wenn nur Urin im Spiel ist.

Ich hab sie dann geduscht und dabei hat sie die ganze Zeit gewimmert, als würde ich ihr gerade die Haut abziehen. Bei Schlaganfallpatienten wie Fr. W., die zusätzlich noch an chronischer Schizophrenie leidet, funktioniert manchmal die normale Sensorik nicht mehr und sie empfinden äußere Reize wie lauwarmes Wasser offensichtlich nicht so wie die meisten Menschen.

„Machen sie es aus! Oh Gott! Was machen sie mit mir! Das ganze Wasser! Alles ist zerstört!“
Denkt euch das als Endlosschleife. Der Gesprächsstoff erschöpft sich da einigermaßen bald.

Die moderne Medizin mag uns in vielen Lebenslagen helfen, doch bei Fr. W. hat es scheinbar nicht ganz so geklappt alles. Sie betrat die Uniklinik mit Depression und wahnhaften Gedanken und verließ sie als Pflegefall mit Schlaganfall, Thrombose und Diabetes. Ich habe das schon einige Male miterlebt. Es gibt eine Art von Menschen, denen man in Krankenhäusern nicht helfen kann. Diese Menschen werden meistens nur aufgenommen, weil die Einrichtungen, die sie sonst betreuen, sie nicht mehr halten können.

Dann sind sie auf Zimmern mit anderen schwerkranken in häßlichen Krankenhäusern (Hallo Psychiatrie der Uniklinik Frankfurt! Ich KOTZE in dem Moment, in dem ich dich betrete!) mit überfordertem Pflegepersonal – das tut niemandem gut.

Was aber wäre, wenn Frau W. nicht psychotisch wäre sondern tatsächlich das zweite Gesicht bekommen hat und die Zerstörung der Welt sieht? IHRE Welt ist wirklich weitestgehend zerstört, genau wie ihr Körper, von diversen überlebten Suizidversuchen (vom Balkon springen – die Beine, in der Garage den Motor laufen lassen – das Gehirn…), und ist nicht unsere ganze materielle Welt AM ARSCH? Wenn ich von der Arbeit nach Hause fuhr, las ich die letzte Woche jeden Abend Philip K. Dicks Roman „Valis“ über sein Alter Ego Horselover Fat, der herauszufinden versucht, ob die Halluzinationen, die er hat, eine Psychose oder eine Offenbarung Gottes sind. Passt irgendwie.