Archiv für März 2010

MAINLEUCHTEN 2003

als ich mich für Poesie noch nicht schämte:)

ein kurzer Sonntagabendspaziergang und die Politik.

An manchen Sonntagabenden scheint es mir, als würde die Welt kurz verschnaufen vor dem kommenden Montag, um dann mit dem Sonnenaufgang wieder über die Startlinie auf der Laufbahn des Wahnsinns zu fallen.

Ein milder Wind bläst die Bergerstraße hinab. Es ist gegen halb neun Uhr abends. Noch nicht völlig dunkel, der Himmel hängt in diesem kräftigen tiefen Dunkelblau über uns. Die Straße, sonst ein Gewimmel von Konsumenten, Passanten, Autofahrern, die Parkplätze suchen und Fahrradfahrern, die sich durch all das durchschlängeln, liegt relativ ruhig da. Nicht „menschenleer“, wir sind immerhin nicht auf dem Land. Aber es ist ruhig, kaum Verkehr, und nur vereinzelt sind Menschen zu sehen, die es alle nicht besonders eilig haben. Da sind die Pärchen, die vor den erleuchteten Schaufenstern der geschlossenen Läden stehen, der alte türkische Familienvater mit der Kippe im Mund, der wohl auch noch auf eine letzte Runde vor die Tür gegangen ist. Die beiden Dönerläden haben noch geöffnet, aber auch darin hält sich der Betrieb in Grenzen. In der Kaschemme sitzen noch vier der üblichen Klientelangehörigen vor ihrem Bier, während ein Spielautomat in die Dämmerung nach draussen leuchtet. Der Verkehr auf der Höhenstrasse ist so, daß man sie bequem überqueren kann ohne besonders schnell zu gehen.

Der Eingang zur U-Bahn leuchtet fast beruhigend,

Auf dem Grünstreifen, der hundert Meter links von meine Haus die Höhenstrasse teilt, treffe ich Jasmin mit den beiden Hunden – Eddie, der wie immer ziemlich überdreht rumwuselt und Lia, dem Hund ihrer Kollegin, die, wäre sie ein Mensch, der stille Typ wäre, der irgendwann Amok läuft und alle mit dem MG in der Schule niedermäht.

Zuhause wird das Fenster geöffnet und der Fernseher angeschaltet. Der läuft bei mir IMMER, aber de fakto sehe ich NIE bewusst fern. Früher hab ich immerhin noch Nachrichtigen gekuckt. Mittlerweile sehe ich mir nur noch Streams von Dokus im Internet an. Ich habe mir früher sogar BUNDESTAGSDEBATTEN gegeben. KEIN SCHEISS! Mittlerweile reicht es nur für ein „Best of Franz-Josef Strauss“ auf youtube.

Ich interessierte mich früher tatsächlich für Politik und für die Lage der Welt und der Nation. Ich las Zeitung, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit und kam dann konstant schlecht gelaunt dort an. Das mit dem „schlecht gelaunt“ funktioniert by the way übrigens auch so.

Mittlerweile ist das, was ich von der politischen Weltlage mitbekomme oft das, was ich an Überschriften auf der Logout-Seite von Web.de überfliege oder das, was ich auf der Arbeit in der Bildzeitung lese. Ihr werdet lachen, aber das reicht vollkommen. Es wiederholt sich ständig. Die Welt ist schlecht und voller Ich-habe-Geschlechtsverkehr-mit-meinem-weiblichen-Elternteil-Typen, die uns verarschen. Da brauch ich nicht jeden Tag die selben „Hintergrundinformationen“ aus der FAZ.

Und wenn ich mir Kommentare zum politischen Weltgeschehen erlaube, enden die regelmäßig in Aufrufen zur Gewalt oder bestenfalls in politisch extrem unkorrekten Fäkalausdrücken. Insofern ist das kein Thema, bei dem man einen guten Eindruck von mir bekommt.

Lasst uns doch mal ehrlich sein. Na klar will ich, daß die Welt eine bessere wird, daß sich irgendetwas ändert. Aber das letzte mal, als sich etwas grundlegend änderte, benötigte man erstmal 50 Millionen Tote, und auch wenn ich gern ein Radikalinski und der Bote des Abgrunds bin, so schrecke ich doch vor einem derart hohen Leichenberg zurück. Jaja, ich bin weich geworden mit den Jahren. Das ist das Alter.

Ich finde es schon schwer und kompliziert genug, mit mir selbst einigermaßen klarzukommen und die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung einigermaßen korrekt und im Sinne der Nächstenliebe (jaja, ich bin christlich aufgewachsen und ich halte an diesem einen Dogma fest) zu behandeln. Und dann noch die Weltrevolution? Oh Mann, ich brauch doch auch noch Zeit zum Fernsehen, Essen, Gitarrespielen, Schreiben, Onanieren, Kacken….oder halt Sonntagabend spazieren gehen in Bornheim. Leider ist Bornheim kein übler Ghetto-Stadtteil. Sonst könnte ich bei „Wohnort“ immer „Ground Zero Bornheim“ angeben. Mann, wär das cool. Aber man kann nicht alles haben.

FETT UND ZUCKER

Ich war schon immer dick. Seit ich ca. zehn Jahre alt war, war das der Dauerbrenner bei uns in der Familie. „Der Junge ist zu dick.“ Half auch nichts, daß mein Erzeuger, wenn er grade mal nicht meine Mutter verprügelte, mich dazu zwang mit ihm joggen zu gehen und auch vor körperlicher Gewalt zurückschreckte, wenn er der Meinung war, ich hätte mich nicht genug angestrengt. Nein, ich hatte glaub ich nie blaue Flecken oder so. Es war also garnicht so schlimm. Ich glaube, ich habe mir damals schon heimlich Schokolade gekauft, um ein paar schöne Momente zu haben.

Als ich ins Gymnasium kam war dieses Thema auch in der Schule der Dauerbrenner. Hey, ich war das fette Kind. Und leider war ich nicht ganz so charakterstark wie Eric Cartman. Und wenn man sowohl in der Schule als auch zuhause ständig gesagt bekommt wie häßlich und unfähig man ist, setzt sich das irgendwann fest. Ich wurde zusätzlich auch von einem der Klassenbesten an der Grundschule zu einem unglaublich schlechten Schüler auf dem Gymnasium. Und zwar so richtig ZACK. Plötzlich fiel mir alles unglaublich schwer. Zum Glück unterstützte mich mein Erzeuger nach Kräften, indem er mir körperliche Gewalt für den Fall eines Schulversagens androhte. Danke Papa.

Ich stamme nicht aus einer Unterschichtsfamilie, nein. Meine beiden Eltern waren bzw. sind verbeamtete Akademiker. Die obere Mittelschicht mit eigenem Haus, Garten usw.. Wenn ihr so aufgewachsen seid wie ich, dann lernt ihr, die Mittelschicht zu hassen bis euch vom vielen Kotzen die Gedärme aus dem Hals hängen.

Meine erste Kindheitserinnerung (und ja, ich habe das schonmal geschrieben, aber ich werde es solange schreiben, bis der letzte es erfahren hat – das ist meine Form der Rache) ist, wie ich ins Esszimmer komme, meine Mutter am Boden liegt, mein Erzeuger auf sie einschlägt und sie mich anschreit ich solle abhauen.

Heutzutage wird es in allen möglichen Serien oder Filmen als cool dargestellt, in der Schule der Außenseiter zu sein. Ich sag euch was: Es ist einfach nur oberscheiße. Und da ich durch den Psychoterror in meinem Elternhaus ein so unglaublich verschreckter, verschüchteter Junge war, fiel mir auch nicht die einzige Lösung ein: Zuschlagen. Ich habe das schonmal geschrieben, in einem anderen Text, aber ich sage euch eines: Könnte ich jetzt in der Zeit zurückreisen, und alles nochmal machen – aus mir würde einer der gemeingefährlichsten Teenager werden, die diese Erde je gesehen hat. Das wäre auf jeden Fall gesünder als das, was ich durchgemacht habe. Wisst ihr, wann ich das „Ich bin häßlich und ein Versager und SCHULD“-Gefühl überwunden habe, das mir damals von meinen Eltern, meinen Lehrern und meinen Mitschülern eingetrichtert wurde? Nie. Mit Mitte Zwanzig habe ich es immerhin als Problem ERKANNT.

Es gab in dieser Zeit so unglaublich viele beschissene, demütigende, entwertende Situationen, daß ich ein eigenes Blog damit füllen könnte. Würde ich diese Rechnung jemals begleichen wollen, würde daraus ein Ereignis, das jeden bekannten Amoklauf als Kindergeburtstag erscheinen ließe.

Aber zurück zum Essen. Ich wusste damals schon, daß meine Ernährung irgendwie falsch war. Jedesmal, wenn ich mir eine Tafel Schokolade in den Mund geschoben habe, fühlte ich mich schuldig, weil ich genau wusste, wie sehr ich meine Eltern in diesem Moment enttäuschte. Ich fühlte mich also noch schlechter und habe das kompensiert indem ich eben nochmal mehr aß.

Meine Eltern ließen sich scheiden als ich zwölf war. Und zwar so, daß meine Mum mit uns Kindern „auszog“ („flüchtete“ ist der bessere Ausdruck), während mein Erzeuger auf der Arbeit war. Die beiden Jahre davor waren der absolute Tiefpunkt dessen, was eine Ehe oder ein Familienleben sein können. Gewalt, Psychoterror. Meine Mum ertrug das nur mit der Flasche Weinbrand im Kleiderschrank. Ich kapierte das erst, als man mir im Konfirmationsunterricht von Alkoholismus erzählte. Dann lag meine Mum mal zwei Tage im Bett und sie gab auf mein naives Fragen tatsächlich zu, Alkoholikerin zu sein, nach zwei Tagen war das aber vorbei und man ging damit um, wie man mit allem negativem in unserer Familie umging: Nicht drüber reden. Das Letzte, was passierte war, daß mein Erzeuger meine Mum von der Arbeit aus anrief und ihr androhte, ihr Gewalt anzutun, wenn er nach Hause käme. Das brachte aber auch keine grundlegende Änderung. Sie wies mich und meinen Bruder an, zu den Nachbarn zu laufen und die Polizei zu rufen, sollte irgendwas passieren. Wir waren glaub ich elf und neun Jahre alt.

Nach dem „Auszug“ aus dem familieneigenen Haus lebten wir drei Monate im Einfamilienhaus meiner Großeltern. Das war Konfliktpotential ohne Ende. Ich freundete mich mit Punkern an, die in der Augsburger Innenstadt rumhingen. Klar fühlte ich mich angezogen von anderen Außenseitern. Meine Enttäuschung war umso größer, als ich merkte, daß die Menschen in dieser Szene sich in fast Nichts von der restlichen Gesellschaft unterscheiden. Drogen, Alkohol, Statussymbole, Neid, Eifersucht, Ausgrenzung.

Das einzige, was mich gehalten hat war Musik. Und halt Essen. Trotzdem wünscht man sich als Teenager natürlich irgendeine Form der Anerkennung. Und natürlich die Aufmerksamkeit weiblicher Gleichaltriger. Da mir damals aber schon diese kleine sexuelle Absonderlichkeit bewusst war, habe ich dem sowieso nie eine Chance eingeräumt. Hey, das war zu der Zeit, als es noch kein Internet in jedem Haushalt gab. Und wenn man eh KEINE Chance hat, sind die Chancen DARAUF noch viel, viel nichtexistenter. Ich gab mich damals zumindest, was das anging, keinerlei falschen Illusionen hin.

Immerhin habe ich nicht angefangen zu trinken. Das hat mir bestimmt das Leben gerettet, denn wenn das Suchtverhalten, das ich in Bezug auf Essen habe, mit Alkohol in Verbindung gebracht worden wäre….dann gute Nacht. Aber Alkohol war irgendwie so….so wie meine Eltern. Nein, Danke.

Ich weiß nicht, wieso IRGENDJEMAND diese Teenagerzeit als schön bezeichnen soll. I´m sorry, aber meine war einfach nur völlig kacke. Ich habs auch mal mit Ritzen versucht, das war aber eine einigermaßen behinderte Idee. Ich meine, das ist es vermutlich immer, aber irgendwie hat es auch niemanden gestört. Aufmerksamkeit hab ich dadurch zumindest keine bekommen, mein Umfeld hat mir aus irgendwelchen Gründen halt glauben wollen, daß ich mit dem Fahrrad am Stacheldrahtzaun hängen geblieben bin. Meine etwas kulturpessimistische Theorie ist ja: Wenn sich kleine süße Mädchen die Arme aufschneiden, werden alle möglichen Beschützerinstinkte geweckt, wenn es eine fette Made wie ich es war macht…dann halt nicht.

Irgendwie habe ich es dann ohne größere Katastrophen geschafft, volljährig zu werden. Achso, ich habe irgendwelche Zwangsneurosen entwickelt und ich glaube ich war fast ständig depressiv. Aber ich habe das nichtmal als „psychische Störung“ wahrgenommen. Ich kannte es nicht anders. Auch in dem Teil der Familie, aus dem meine Mutter stammt, war die vorherschende Ideologie: Nicht jammern, sondern seine Pflicht tun. Ich meine, ihre Eltern haben als Kinder den Krieg miterlebt. Und 1946 wegen posttraumatischer Belastungsstörung zum Therapeuten zu gehen war halt nicht drin.

Hm, ich dachte teilweise ich sei vom Teufel besessen und so. Aber das waren schon normale Zustände und wohl nicht weiter erwähnenswert. Am besten wäre es wohl gewesen, wenn ich richtig psychotisch geworden wäre. Aber ich war ein guter Schauspieler und nichts drang nach draussen. Aber ein bißchen Verlust ist immer, und so hat das mit der Schule irgendwie GARNICHT funktioniert und ich habe in der elften Klasse zum Entsetzen meiner Familie das Gymnasium hingeschmissen und dann auch noch die Fachoberschule. Und dann bin ich irgendwann nach Frankfurt gezogen. Aber das ist eine andere Geschichte, meine Kinder. Schlaft jetzt. Gute Nacht.

verlauf der frontlinie

Ich habe zur Zeit keine Motivation, hier etwas „Gutes“ zu schreiben. Stattdessen bekommt ihr ein Update des Status Quo in meinem Leben. Also die übliche Blog-Web2.0-Autobiographie-Leben-ins-Netz-stell-Kacke. Braucht eigentlich keiner. Und die zwei Leute die dieses Blog lesen wissen eh wie es mir geht. Was solls.

Ich arbeite jeden Tag und alles was bleibt sind dumme manische Arschgeigen (einer davon hat meinen Kollegen wegen Körperverletzung angezeigt, weil der ihn an der Schulter berührt hat) und eingebildete Gelähmte, die (bzw. DER) meiner Meinung nach simulieren um vom Betreuungspersonal bedient zu werden.

Nach Feierabend gehe ich nach Hause und betäube mich mit Essen. Ja, nennt es Rückfall oder whatever. Fakt ist, daß es scheißegal ist. Ich meine, ich war dünn, hat es mir IRGENDWAS geholfen? Nein. Frauen waren genauso desinteressiert wie davor. Okay, mein Blutdruck war ein bißchen besser und das Risiko, mit 55 am Herzinfarkt draufzugehen war ein wenig verringert. Ehrlich gesagt gibt es aber zur Zeit keinen Grund, länger zu leben. Ich bin nun wirklich nicht der Typ der an Selbstmord denkt, aber manchmal meine ich wirklich, daß es egal wäre, wenn ich heute tot umfallen würde. Okay, so zwei drei Leute in meinem näheren Umfeld fänden das wohl eher blöd, aber das wars dann auch schon.

Im Großen und Ganzen gibt es außer Essen auch nichts zu tun. Musikmachen? Sorry, aber effektloser als Musikmachen ist in diesem Leben nur….äh….nichts? Daß ich in meiner Jugend nur Gitarregespielt habe war grandiose Verschwendung. Lieber hätte ich irgendwas sinnvolles tun sollen. Programmieren lernen, das würde mich zumindest ernähren. Oder…keine Ahnung. Gitarrespielen war das Falsche.

Meine einzige Hoffnung im Leben zur Zeit ist, daß mein Erzeuger besoffen mit dem Auto gegen einen Baum fährt und ich erbe, bevor er die Kohle, die ER geerbt hat, durchgebracht hat. Und nein, es würde mir kein bißchen leid tun um ihn.

Süßstoff LIVE

halt die knarre schräg und lest auch den eintrag darunter:)

HÖHENSTRASSE STATE OF MIND mit Verwendung einiger Gedankengänge von Frau Att

„i live on a street…“
So beginnt Steven Jesse Bernsteins atemberaubende Performance seines Gedichtes „More Noise Please“, von seinem Album „Prison“, 1992 bei Sub Pop Records erschienen.

Ich lebe in einer Straße. Im dritten Stock eines grauen Betonklotzes, der dem Liegenschaftsamt der Stadt Frankfurt gehört. „Höhenstraße“ heisst ein kurzer Teil des Alleenrings, der Frankfurt nördlich der Innenstadt vom Ostbahnhof bis nach Bockenheim durchschneidet. Der größte Teil des Rings ist großzügig gestaltet – zwei Spuren in jeder Richtung, getrennt durch einen Grünstreifen mit Bäumen, Parkbänken usw….

Die Höhenstraße ist einer der Teile des Rings, auf dem sich die vier Spuren auf engem Raum zwischen den Häuserzeilen zusammendrängen. Getrennt werden die Fahrtrichtungen von zwei durchgezogenen Linien, was fast niemanden davon abhält, quer über die Strasse die Fahrrichtung zu ändern wenn es die Verkehrslage zulässt. Bis zum nächsten U-Turn ist es mindestens EINE Minute Umweg. Sorry liebe Strassenverkehrsordnung, aber das Leben ist zu kurz für dich.

Zu der Zeit, in der ich meine Wohnung in der Höhenstraße bezog, gab es tatsächlich einige Tage, an denen sich Polizeibeamte die Mühe machten, sich im Hauseingang neben meinem zu VERSTECKEN, zu warten, bis jemand über die beiden durchgezogenen Linien fährt und diesen dann anzuhalten. Und ja, wir reden hier von der Stadt, in der sich am Hauptbahnhof in den Aufgängen zur U-Bahn sehr bemitleidenswerte arme Seelen offen Heroin in die Venen drücken. Es gibt also kaum wichtigeres für die Polizei zu tun, als ein paar Verkehrssünder zu erwischen. Naja. Wenn ich Polizist wäre, würde ich auch lieber das tun, als mich mit Junkies und Dealern rumschlagen.

Gegenüber von meinem Haus sind zwei Kioske (was ist der korrekte Plural von Kiosk?! – ach…sagen wir „Büdchen“, „Wasserhäuschen“, „Trinkhallen“), die denselben Besitzer haben, einen dicken Inder von etwa 60 Jahren und manchmal beide zur selben Zeit geöffnet sind obwohl sie nur 15 Meter voneinander entfernt liegen. Eines dieser Kiosks hat einen angeschlossenen GASTSTÄTTENRAUM und…eigentlich ist dieses Wort ein sehr großer Euphemismus. Wenn es – besonders in Frankfurt – nicht so mißverständlich wäre, würde ich den Begriff „Konsumraum“ vorziehen. Um es klar zu sagen: Es handelt sich um eine schmucklose Kaschemme, in der sich die Säufer des Viertels zusammensetzen und um acht Uhr morgens den ersten Klaren kippen. Wie der dicke Inder es schafft, eine Lizenz für diese Lokalität zu erhalten oder zumindest in den Genuß der Tolerierung dieser Situation durch das Ordnungsamt zu kommen ist mir ein Rätsel. Vermutlich sind die Verantwortlichen der nachvollziehbaren Meinung, daß die Dorfsäufer dort besser aufgehoben sind, als wenn sie sich auf die Bergerstrasse setzen und dort konsumfreudige Wirtschaftinganghalter belästigen.

Von meinem Fenster habe ich einen erstklassigen Blick auf die gesamte Situation. Am auffälligsten unter der Alki-Riege ist ein kleiner dicker Herr mit aufgequollenem Gesicht, der pünktlich jeden Freitagmittag das Wochenende einläutet, indem er auf der Strasse rumbrüllt. Als letztes Jahr der erste Schnee fiel, entblößte er sich bis auf die Unterhose, die er mit Schnee füllte. Gutes Mittel gegen Notgeilheit? Muss ihn mal fragen. Mittlerweile beginnt dieser Herr, der schon einige Male im Supermarkt um die Ecke vor oder hinter mir stand, mich zu grüßen. Wir sind ja Nachbarn. Homies.

Im Sommer bildet sich immer eine große Traube von Konsumenten vor der Kaschemme. Und manchmal sitzt bis spät in die Nacht eine einsame betrunkene Seele vor dem mittlerweile geschlossenen Kiosk und beschallt die ganze Höhenstrasse mit arabischen Weisen aus einem Handy-Lautsprecher und versucht mitzu….lallen.

Das andere Kiosk hat keinen solchen angeschlossenen Konsumraum. Es ist auch nur ab und zu geöffnet und die Frage ist, wieso der dicke Inder sich überhaupt die Mühe macht, einen zweiten Angestellten zu bezahlen. Vielleicht um seinem Schwager einen kleinen Job zu verschaffen. Der, ein dünner Inder, etwas jünger als der dicke, steht meistens abends im Kiosk, hört laut irgendwelche Hindi-Schlager und singt mit.

Zehn Meter weiter auf der gleichen Strassenseite befindet sich eine Art Bar/Bistro. Zu Zeiten meines Einzugs hieß diese noch „Lay Lay Lom“ und JEDESMAL wenn mein Blick darauf fiel (und das war oft der Fall, denn ich konnte dies nicht vermeiden wenn ich aus dem Fenster sah) hatte ich diesen furchtbaren 90er-Jahre-Hit im Ohr. Ihr wisst welchen ich meine? Ich will dieses musikalische Verbrechen hier nicht namentlich erwähnen.

Mittlerweile heisst die Bar jedenfalls „Schlaflos“ (Danke!), der Besitzer hat gewechselt und ist nun ein gutgebauter Mitvierziger, der anscheinend Familie hat, denn ab und zu gammeln eine Frau gleichen Alters und ein etwa zehnjähriges Mädchen nachmittags in dem Laden rum. Das „Schlaflos“ macht seinem Namen alle Ehre hat wirklich jede Nacht sehr lang geöffnet, und ich frage mich wie sich der Laden hält, denn ich sehe sehr selten Kundschaft darin.

Daneben ist ein Ein-Raum-Videospiel-Geschäft mit extrem schmucklosem Schaufenster. Dort sitzt ein dicker bärtiger Typ hinter der Theke und Kundschaft habe ich auf dort noch nie gesehen.

Zwischen dem „Schlaflos“ und der Kaschemme ist ein Second-Hand-Klamottenladen, in dem ich noch nie war, der aber von einer einigermaßen hotten Dame von ich schätze mal Mitte dreissig betrieben wird. Dort arbeiten noch zwei andere weibliche Wesen und jedesmal wenn ich sehe, wie eine von ihnen bei der mittäglichen Öffnung ihres Geschäfts das Gitter vor dem Schaufenster aufschliesst, beginne ich zu sabbern. Man entschuldige mir diesen latent chauvinistischen Einschub.

Über dem Second-Hand-Laden lebt eine blonde junge Frau, die sich ab und zu umzieht ohne die Vorhänge zuzuziehen. Sorry, aber es ist so. Und ja, ich kucke hin. Sie hat anscheinend ein Frettchen oder irgendein kleines schnelles pelziges Tierchen, das ab und zu über den Boden flitzt. Rechts versetzt, über der Kaschemme lebt ein junger Herr, der IMMER wenn ich hinkucke, über zwei Turntables gebeugt ist und anscheinend sein DJ-tum trainiert. DARÜBER wohnt eine Mutter mit Kind, aber das ist langweilig, denn sie zieht sich nicht vor dem Fenster aus.

Zwischen den beiden Kiosks befindet sich übrigens ein Pizza…Pizzamacher/lieferer, und welcher Abstammung auch immer die Betreiber sind, sie sind definitiv KEINE Italiener. Aber hey, bißchen Teig mit Käse krieg ich auch noch hin im Backofen. Da gibts übrigens auch Pommes und Schnitzel und Currywurst. Gefährlich.

Ein wenig weiter rechts hinten, Richtung U-Bahn befindet sich eine asiatische Ess-Lokalität, nicht direkt ein Restaurant, denn es gibt da nur Stehplätze. Die Ente da ist gut. Hinter der Theke steht immer eine Frau, die größer als ich ist (und ja, obwohl sie Asiatin ist!) und irgendwann anfing, Smalltalk mit mir zu machen („Wetter heute nicht so gut, oder?“).

Wechseln wir die Strassenseite. Wie man sich denken kann, habe ich über meine eigene Seite nicht halb soviele Ausdemfensterkuckinformationen. Das liegt in der Natur der Sache. Im meinem Haus jedenfalls wohnen ein paar recht merkwürdige Gestalten. Die normalsten sind noch der italienische Hausverwalter, der sich immer maßlos aufregt, wenn er mir erzählt, wie wieder irgendjemand seinen Müll einfach so im Hausflur hat stehen lassen und seine Frau. Die wohnen im ersten Stock, zusammen mit einem Herrn jenseits der fünfzig, der auch ab und zu die Kaschemme frequentiert und den oben erwähnten Müll, der einfach so im Hausflur stand, durchgewühlt hat um rauszufinden, wer der Verbrecher ist. Im zweiten Stock ist die Situation auch noch unspektakulär – im dritten schließlich ist die letzte Bastion der Zivilisation, da wohnen Susanne, Jasmin und ich. Und eine junge Frau mit einem großen Hund – ich sehe die NIE. Ich höre nur, daß sie JEDE Nacht gegen zwei Uhr morgens mit dem Hund nach draussen geht.

Weiter oben schließlich beginnt das Land Mordor, oder sagen wir: der romulanische Teil der neutralen Zone. Dort geschehen Dinge, die sich jeder Kontrolle entziehen. Dort wohnt ein komischer dünner Mann mit kleinem Hund, der sich bei Jasmin beschwert hat, wir würden immer so mit den Türen knallen, er hätte es am Herzen. Daß Jasmin von über ihrer Wohnung immer wirklich seltsame Geräusche hört (zwischen Geschlechtsverkehr, Sadomaso-Praktiken und schmerzhaftem Sterben), scheint ihn nicht zu irritieren. Dort wohnt ein etwas dickliches Mädchen mit Diddl-Maus am Rucksack und Rammstein-Pulli, die einem manchmal mit Typen entgegenkommt, bei denen man sich fragt, was DIE miteinander zu tun haben – und wo sich der Gedanke an bezahlte sexuelle Handlungen nicht vermeiden lässt. Dann die kleine, sehr alte, humpelnde türkische Frau und eine andere Dame mit Krücken.

Im Nebenhaus befindet sich im Erdgeschoß eine Art Fotogeschäft, in dessen Schaufenster eine Weile lang mit sehr abenteuerlicher Orthographie/Grammatik für Familienfotos geworben wurde. Susanne ging irgendwann hinein und klärte den Herrn hinter der Ladentheke über seinen Fehler auf – aus guter Absicht. Er änderte die Schrift in seinem Schaufenster nicht.