Archiv für Februar 2010

süßstoff auf äpfel the fuck oder: tage, nächte, sex.

In der letzten Woche habe ich zweimal an der U-Bahn sehr offensichtlich desorientierte, verwahrloste Menschen beobachtet, die eine Getränkedose aus dem Mülleimer nehmen und diese leertrinken. Okay, zugegeben – einmal war es eine Getränkedose und einmal ein Starbucks-Kaffeebecher. Hey, ich hätte da eine Idee für einen Werbespot. Diese eben beschriebene Szene und dann eine hymnische Musik und eine tiefe Männerstimme „Coca Cola / Starbucks – for the taste of it!“

Der Therapeut sagt, mein Süßstoffkonsum sei nicht gut für meine Stimmung. ER WILL MIR MEIN NATREEN NEHMEN!!!! Dabei ist doch garnicht bewiesen, ob Süßstoff tatsächlich Insulinausschüttung im menschlichen Körper bewirkt. Er sagte ferner, daß ich mit der Strategie, mich statt mit zwei Tellern Nudeln und Käse und Ketchup und einer Packung Kekse plus eine Tafel Schokolade plus einer Flasche Sprite mit einer großen Schüssel Salat, einem großen Teller Brokkoli und 15 Äpfeln pro Tag beim Konsum von Cartoon-Serien nach Feierabend aus der Realität zu beamen – na, habt ihr angesichts dieses Monstersatzes den Faden schon verloren? ich bin wie Cicero! – die Sucht lediglich verlagert und nicht etwa besiegt habe. Das stimmt. Aber immerhin ist Methadon besser als Age. Ich will einen Schuss! Dies war übrigens eine Metapher. Das Ding ist: Ich schütte Süßstoff sogar über Äpfel. Und nun da ich diese Erkenntnis habe, sollte ich mein Verhalten eigentlich ändern. Ich habe es heute trotzdem nicht geändert. Die faule Ausrede: Ich „bin noch nicht soweit“. Da verschwende ich lieber noch das Geld der AOK, die den Therapeuten bezahlt. Ich bin ein Schmarotzer UND ein Versager, na wie findet ihr das?

Ich hab mir ein T-Shirt mit dem Gesicht von Bukowski bedruckt. Ich wollte noch den Satz „What would Hank do?“ drübermachen, aber dann erkannte ich, daß es in meiner aktuellen Gemütsverfassung nicht so die Burneridee ist, mir das Lebensmotto eines Zeit seines Lebens alkoholabhängigen Menschen zu eigen zu machen. Hey, aber immerhin ist dirty old man nicht an Leberversagen gestorben sondern an Leukämie. By the way, früher dachte ich ja, Bukowski hätte nur über Saufen und Ficken geschrieben. Das stimmt so nicht. Er schrieb vor allem wunderschöne melancholische Geschichten, in denen auch Saufen und Ficken vorkommen.

Wieso kommt eigentlich beides nicht in MEINEM Leben vor? Okay, Saufen – screw that! Aber ficken….hey Ladies – ich bin jetzt dünn! Okay, ich bin immer noch ein Psycho und pervers aber…SCREW THAT!

Mein letztes sexuelles Erlebnis war by the way….achne. Das ist nicht gut. Mein vorletztes fand statt mit einer Frau, mit der ich „Ausser Atem“ ankuckte. Ein Film aus den fünfzigern, in dem Belmondo als bullenmördernder auf-dem-Weg-ins-Verderben-und-keine-Reue-Protagonist immer mal wieder einfach so Sex mit dieser hübschen kleinen Blonden hat. Nach dem Film meinte sie zu mir (also, die oben beschriebene Frau, nicht die hübsche kleine Blonde – leider) „Das würde ich jetzt gern auch machen.“
Joa, und wie reagiert man als cooler ich-spuck-Leute-von-der-Bühne-aus-an-Typ darauf?
Man kapiert es erst nach zwei Minuten Stille und beginnt zu zittern.
Die Sache war dann auch nicht so geil, sie wollte konventionellen Beischlaf – das langweiligste was man sich vorstellen kann. Ich meine, am Anfang war es ganz nett, so mit körperlicher Nähe und so. Aber nach einer halben Stunde rummachen wurde es ECHT LANGWEILIG. Weder sie noch ich besaßen Kondome und so wurde es auch nicht wirklich was mit dem Beischlaf. Allerdings war es auch nicht besser als ich….äh….wollt ihr das eigentlich wissen?! Ach, was solls. Es war in Darmstadt bei einer Bekannten, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Kopf gesetzt hatte, wirklich Kohle als Domina zu verdienen. Hey, sie hatte schon Räume gemietet für ein „Studio“ und diverse Möbel angeschafft.
Und das Folgende meine ich POSITIV: Es wurde nichts daraus, da besagte junge Dame wirklich zu sensibel ist als so eine menschenverachtende Scheiße zu machen. Mit „menschenverachtende Scheiße“ meine ich jetzt nicht das Rumhauen auf Leuten denen dabei einer abgeht – sondern das Nehmen von Geld für sexuelle Handlungen. Prostitution ist so ziemlich das Letzte, sorry. Kapitalismus und Materialismus stürzen uns alle jeden Tag ins Elend – und dann noch Liebe und Sexualität zu Geld machen ist angesichts dessen wirklich widerwärtig. Ich meine – ich würds tun, wenn mir jemand Geld geben würde dafür. Leider wird der Markt von Typen kaputt gemacht, die für UMME mit Frauen ins Bett gehen.

Aber zurück nach Darmstadt. Ich lag da nackig auf dem Boden, mit meinen damals noch 135 Kilo. Alter, das war kein schöner Anblick. Ich wunder mich, daß sie sich mit mir abgegeben hat. Und ich war so ein bißchen gefesselt, aber sie hat es nicht richtig hinbekommen. Also. Ich hätte noch locker aufstehen können und sagen können „screw you ladies i´m going home…“ und dieser Umstand machte es irgendwie ungeil. Mein bestes Stück – ach vergesst es. Schnitt.

Apropos Sex. Als ich noch ganz neu in Frankfurt war und noch keinen eigenen Internetzugang besaß, hatte ich den Plan, mir in der anonymen Großstadt auch Pornographie zu beschaffen. Also ging ich in einen Videoverleih in einem Hinterhof bei der Konsti. Dort notierte sich ein älterer Herr vom Typ Kinderfickerklischee hinter dem Tresen meine Kundendaten mit Kuli auf eine KARTEIKARTE aus PAPIER (hey, das war nicht 1948 sondern 2001!) und klärte mich dann über die Preisvorteile auf, die ich hätte, wenn ich drei Filme statt zwei ausleihen hätte wollen – während volkstümliche Schlagermusik lief und ich mir die Auswahl an wirklich widerlichen nicht-geilen Filmen (ich lieh tatsächlich einige aus und sie waren ALLE scheiße) ansah.

Apropos Sex. In den ansässigen Fetischclub gehe ich nicht mehr, seit mir der Besitzer aufs Maul hauen wollte, als ich mich weigerte den Mindestverzehr zu bezahlen. Außerdem störte ihn, daß ich mich ERDREISTET hatte, in weißer Hose und Sneakers dort aufzutauchen.

Aporopos Sex. Ich wurde Mitglied der StudiVZ/MeinVZ-Gruppe „erotische Geschichten BDSM“ und kommentarlos aus der Gruppe verbannt, als ich eine selbstverfasste Wichsvorlage postete.

Mein Soundtrack heute war Depeche Mode. Die ja scheiße geworden sind, seit Alan Wilder nicht mehr dabei ist. Okay, „Ultra“, das Album danach, war noch cool, aber da war Dave Gahan auch grade mit Heroin durch, es hat also den Junkiebonus. Genau wie Nine Inch Nails irgendwie langweilig geworden sind, seit Trent Reznor nicht mehr kokst. Und genau wie Marilyn Manson nur gut waren auf dem einen Album, das Reznor produziert hat während er noch gekokst hat. Das war auch das mit dem besten Titel. ANTICHRIST SUPERSTAR. Alter, das war noch was.

Jetzt wo ich mit meiner Esssucht ernsthaft ringe – sind meine Texte da noch gut? Hey, ich bin nun nicht Bukowski oder Reznor. Okay, ich bin vielleicht so genial (oh Gott, wenn das Susanne liest darf ich mir was anhören….) aber ich muss arbeiten gehen. THE FUCK! würde Eric Cartman sagen. Merkt man dass ich in letzter Zeit viel South Park kucke? Aber macht die Tatsache, daß mein baldiger Herzinfarkttod erstmal verschoben ist (nicht wenn Süßstoff wirklich ungesund ist) einen schlechteren Menschen aus mir? Einen, der weniger Verständnis hat für die Schwächen seiner Mitmenschen? Immerhin bin ich schon bei Scüm ausgestiegen, der Band, bei deren Konzerten ich als fetter Bassist Leute von der Bühne aus angespuckt habe….ja, ich bin weich geworden. THE FUCK!

Aber zurück zu Frauen. Ich interessiere mich immer für die falschen.
Da ist die kleine Punkerin, die auf dem Bauwagenplatz wohnte (wo wir auf dem Konzert einer lesbischen Band waren, die eine echt geile Shouterin hatte…) und auf meine Mail mit dem auf die nahe Zukunft abzielenden Inhalt „Freitag Final?“ (das Final Destination ist ein Club in Frankfurt, in dem freitags immer Gruftietechno läuft und in dem sowohl ich als auch sie ab und zu zu verkehren pflegen) mit „weiß nicht, hab ich vergessen.“ antwortete – was ich zumindest als wirklich gute Abfuhr respektieren muss….und die ich in besagtem Club mal traf, nachdem ich mir den Vollbart abrasiert und 20 Kilo abgenommen hatte, worauf sie mich nicht erkannte als ich sie neben der Tanzfläche ansprach und die, als ich noch überlegte wie ich es ihr am besten erklärte wirklich wegRANNTE, so daß mich die Umstehenden mit einem Gesichtsausdruck ansahen der auszusagen schien „mit WAS hast du sie bedroht?!“ In sie war ich allerdings nicht verliebt, ich fand sie lediglich interessant.
Da ist D. aus W. die immer wenn wir zusammenwaren SUPERLIEB zu mir war und in die ich RICHTIG verliebt war. Als ich ihr meine Liebe gestand war ihr erstes Wort „Oh…..“. Supi. D. aus W. war auch noch eine EMOTUSSI (damals gab es tatsächlich noch Frauen ÜBER zwanzig, die man so bezeichnen konnte), die den ganzen Rücken volltätowiert hatte mit zwei so Fischen und einer Seerose.
„Wieso haste dir denn gerade das stechen lassen?“
„Ich wollte irgendwas haben und mein Tätowierer meinte das sei gut. Es ist ein männliches Fruchtbarkeitssymbol.“ – Vielleicht ganz gut, daß es nix geworden ist.

der song über den materialismus

mein erstes musikvideo…naja…fast.

zaphod beeblebrox würde es cool finden.

Der Anfang vom Ende war dann, als irgendso ein saudummer Geologe rausfand, daß der Erdkern nicht etwa aus flüssigem Magma bestand, sondern aus Gold. Also. Das war noch nicht das Saudumme. Das Saudumme war, daß er seine Entdeckung publik machte. Denn von wissenschaftlichen Entdeckungen sollen ja alle profitieren. Na klar. Weil die Familie aus den Favelas von Sao Paolo, die nichtmal einen Fußboden in ihrer kleinen Wellblech-Karton-Hütte hat, anfängt bis zum Erdkern zu buddeln.

Man hätte meinen können, daß sich in den Führungsetagen der größten Staaten/Konzerne die Erkenntnis durchgesetzt hätte „Alter. Das ist ja ganz cool mit dem Erdkern. Aber wozu brauchen wir schon GOLD? Okay, für Zahnersatz ist es ganz cool, und um die Amps von Manowar zu verlöten. Aber sonst? Kann man damit tanken? Nope. Abgesehen davon, daß der Preis für das Zeug unglaublich fallen wird, wenn wir es alles nach oben bringen.“

Alles in allem wäre die vernünftige Haltung gewesen: „Okay, das Zeug ist also da unten, aber das nutzt uns nix, denn erstens können wir nix damit anfangen, und zweitens ist es schon ganz cool, daß unser Planet einen Kern hat, der die ganze Scheiße zusammenhält.“

Natürlich hielt sich die gesamte Menschheit an diese vernünftige Haltung.

Jeder wollte das Zeug haben. Jeder Staat der etwas auf sich hielt, fing an, zu bohren und zu graben. Allen voran natürlich die „Weltmächte“, die es nicht fertigbrachten, ihre Bevölkerung medizinisch zu versorgen oder gar zu ernähren- sie steckten BILLIONEN in Ans-Glitzerzeug-Kommen-Projekte. Hey, es ist GOLD! GGGOOOOOOOOOOOOOLLLLLLLLLLLDDDDDD!!!!!!

Das Geld (abstrakter Platzhalter für Rohstoffen, verarbeitete Rohstoffe, Arbeitskraft oder nur Einbildungskraft von Aktionären und Börsianern) musste natürlich irgendwoher kommen. Daß also sogar in sämtlichen westlichen Staaten die Strassen verfielen, es nur noch sehr marginale medizinische Versorgung gab, halb China und Russland am Verhungern waren – das wurde allgemein so hingenommen. Gewählt wurden die, die jedem ein Kilo davon versprachen. Also, außer in Russland, China und den USA. Dort hatte sich das mit „Wählen“ schon seit einer Weile erledigt, dennoch konnten die Konzernchefs und Staatenlenker dieser Breitengrade begeisterte Volksmehrheiten in sich vereinen.

Das Problem bei der ganzen Sache war: Zum Erdkern zu bohren ist garnicht so einfach. Also, es war nicht so, daß man einfach genug Material auffahren musste, und dann würde es schon irgendwie klappen. Es klappte so garnicht. Obwohl ganze Staatshaushalte für Bohrprojekte aufgewendet wurden.

(Zur genauen Information, wieso das so schwer ist – konsultieren sie den Geologen Ihres Vertrauens.)

Dann hatte irgendein Schlaumeier eine Idee. In Russland (viel leeres Land) fingen sie an, Tagebau zu betreiben. Tagebau zum Erdkern. Nicht mit Baggern oder so. Sondern mit nuklearen Sprengsätzen.

Jesus: „Hey Papa, findest du das immer noch eine gute Idee, das innere von Planeten aus Gold zu machen?“
Gott: „Prinzipiell schon mein Sohn. Stell dir vor es wäre irgendso ein flüssiges Zeug. Das wäre echt verdammt viel rumgefummel. Nein, mein Hauptfehler liegt woanders. Im Gehirn dieser Idioten.“

Zu dieser Zeit besuchte ich, als ich für eine große Zeitung über das sagenhafte Projekt berichten sollte, die Baustelle, das LOCH, und sprach mit dem Bauleiter.

„Sag mal, jetzt mal ehrlich. Das ist doch schon eine ziemlich blöde Idee, oder?“
„Nein, Alter, wir holen uns das Zeug.“
„Ja, aber wie verkraftet die physikalische Struktur der Erde, des Planeten, ein solches Loch?“
„Bin ich Physiker?! Wir holen uns das Zeug.“
„Ja, aber wozu ist Gold gut? Außer für Zähne und goldene Schallplatten.“
„Was ist eine Schallplatte?“
„Na, was wollt ihr mit dem ganzen Gold machen, wenn ihr es habt?!“
„Junge, es ist GOLD!“
„Ja, aber Gold…naja, es glitzert, aber…wer außer Frauen und Schwulen interessiert sich für Glitzer?!“
„Du homophobes, sexistisches Arschloch!“
„Is ja gut.“

Sie kamen an das Gold. Naja, gut, die Rotationsachse der Erde neigte sich durch den Verlust an Masse, die Atmosphäre wurde verstrahlt durch die vielen thermonuklearen Explosionen, außerdem verdunkelte der aufgewirbelte Staub die Sonne. Mißernten und Hungertote interessierten da aber schon keinen mehr.

Das Gold wurde durch ein kompliziertes System flüssig zur Oberfläche (bzw. dem Rand des Lochs) transportiert und von dort weiterverarbeitet. Zu Autokarosserien, Schreibtischunterlagen, Fenstergriffen, Fast-Food-Behältern. Außerdem besuchten Wesen aus anderen Welten die Erde, um Geschäfte zu machen, bzw. das Gold zu kaufen, was zu einem nie dagewesenen Wohlstand für die gesamte Menschheit führte, zur Heilung aller bekannten Krankheiten durch überlegene außerirdische Technologie und zur Steigerung der Lebenserwartung um mehrere hundert Prozent.

Zu dieser Zeit besuchte ich, als ich für eine große Zeitung über das sagenhafte Projekt berichten sollte, ein außerirdisches Frachtschiff, daß gerade sehr viel des flüssigen Stoffes erworben hatte und sprach mit dem Transportleiter.

„Sag mal, jetzt mal ehrlich. Was wollt ihr mit dem ganzen Zeug?!“
Es endete damit, daß er mich ein homophobes, sexistisches Arschloch nannte.

not ausgang.

Zehn Tage zu früh war die Kohle alle. ZEHN lange Tage. Okay, hundert Punkte von hundert möglichen für bukowskihaftes Verhalten, aber…scheisse!

Die S-Bahn bleibt stehen. Wieso das denn jetzt?! Verdammt ich will heim! Mitten im scheiß Tunnel. Vielleicht sollte ich echt langsam mal anfangen zu trinken. Hey, ich bin arbeitslos, fett, und…naja, nix und. Das reicht eigentlich. Ich meine….was soll schon passieren? Daß ich früher sterbe wegen Leberversagen?! Ja Oh Gott ich hab Angst. Ah, die Bahn fährt weiter, gut. Und ich skippe den Song weiter, den mein Mp3player grade gesungen hat. „Keep fucking up!“ schreit er nun. Okay, Neil, bin grade garnicht so schlecht dabei.

Ich steige aus der Bahn aus. So, jetzt nicht auf der falschen Seite aus der Station nach oben. Das bedeutet mindestens….fünfzig Meter zusätzlichen Weg. Und ich komme fünf Minuten später ins Bett und bin garantiert total unausgeschlafen bei meinem Termin mit…naja, bis um 18 Uhr die Simpsons anfangen werd ich mindestens pennen können.

Die Bahn fährt quietschend los und ich bin allein. Äh. Verdammt…falsche Station? Moment. Was läuft hier? Ich bin doch nicht zu doof, falsch auszusteigen. Mann ich wohne seit fünf Jahren in diesem Stadtteil und habe IMMER denselben Weg nach Hause…und wo ist das scheiß Schild? Wo zur Hölle bin ich?!

Okayokay. Das ist es. Na endlich. Die Psychose. Wann kommen die Stimmen?!
„Hier sind wir.“
Na geilo.

Schön. Was wollt ihr? Und wo bin ich? Wieso darf ich nicht nach Hause gehen und schlafen? Findet ihr nicht, daß mein Leben kompliziert genug ist?
„Alta. Du bist arbeitslos und tust nix außer Fernsehen. Was soll daran kompliziert sein?!“
Hey. Ich hab meine Gründe, okay? Und die Gründe sind nicht toll. Und ich fühle mich nicht besonders gut dabei.
- keine Antwort.
Seht ihr. Einleuchtend, oder?
„Und jetzt freust du dich wahrscheinlich, daß du uns hörst, weil du kannst zum Psychiater gehen und ihm von uns erzählen und dann bist du der arme kleine Verrückte, der krankgeschrieben wird und dem das Arbeitsamt nicht aufs Dach steigen kann?“
Es heisst „Agentur für Arbeit“. Und außerdem, ey, ich höre Stimmen. Ohne zugehörigen Körper. Offensichtlich wäre es ganz passend, wenn ich krankgeschrieben würde.
„Klugscheisser.“
Selber.

Ich suche den Aufgang zur Strasse. Immerhin gibt es an dieser mysteriösen S-Bahnstation Zeichen menschlicher Existenz. Neben zwei Sitzbänkenersatzsitzgelegenheiten ist ein Mülleimer und neben dem liegt eine….leere Eispackung? Im Januar.
„Das Ding ist…du könntest mal wieder was machen. Wieso hast du nochmal deinen Job geschmissen?“
Was ist denn das für ne scheiß Frage? Ihr seid doch ziemlich sicher nur in meinem Kopf. Kuckt da mal nach. Wie wäre es in der Hirnregion für Erinnerungen?
„Dein Gehirn ist zu kompliziert du Depp. Denkst du wir wollen viel damit zu tun haben? Sorry aber…manches ist selbst uns zu doof. Durch diesen….Wuuuust will sich keiner durcharbeiten. Fragen ist also einfacher.“
Ich sags nicht.
„Dann such mal weiter den Ausgang. Viel Spaß. Wir singen so lange. Lalala. Keep fucking up. Lalala.“
Ihr könnt nicht das Produkt meiner Fantasie sein, bei dem scheiß Timing.

Das Ding ist, ich finde den Ausgang echt nicht und langsam ist es nichtmehr ganz so witzig. Ich bin müde, mir ist kalt. Und das hier ist verdammt unheimlich. Ich meine. Es ist nicht so, als würde mein Leben sonst in geordneten Bahnen verlaufen, aber das ist ein deutlicher Ausreißer nach….unten? Stimmenhören ist halt wirklich Klapsenstyle.

„Dein Leben läuft so nicht.“
Offensichtlich doch, oder?
„Neee, das ist doch echt kacke.“
Und was soll ich eurer Meinung nach tun?
„Erstmal zusehen dass genug Geld reinkommt, dass es nicht am zwanzigsten schon aus ist. Also. Nicht, ohne irgendwelche coolen Sachen gekauft oder es für unvernünftigen Schwachsinn rausgehauen zu haben.“
Und wie?
„Na rate.“
Mit Arbeiten bin ich durch.
„Junge. Du wurdest nichtmal rausgeschmissen. Du bist einfach nicht mehr hingegangen!“
Ich wurde krankgeschrieben, vom Arzt.
„Ja, das macht es viel besser.“
Ich konnte den Job nicht mehr machen. Ich hab Scheisse gebaut! Früher oder später hätte ich einen schlimmen Fehler gemacht.
„Du warst unkonzentriert. Es wäre ne Abmahnung geworden, wenn du weiter hingegangen wärst. Uncool, aber naja. Leben geht weiter.“
Leben geht nicht weiter. Ich hätte die Frau umbringen können.
„Und jetzt? Steckst du hier fest.“

DAS IST DIE METAPHER?!?!? MEIN GEHIRN DENKT SICH SO EINE DUMME KLISCHEEMETAPHER AUS?! EINE SBAHNSTATION OHNE AUSGANG ALS SINNBILD FÜR MEIN LEBEN?! ALTER!! IST DAS SAUDUMM!!!!!

ein jahr.

Oh Gott…jetzt schreit er schon den ganzen verfickten Morgen lang. Ich gehe zu ihm, halte ihn fest an beiden Schultern, blicke ihm eindringlich ins Gesicht.

„Bitte ein bißchen leiser, ja? Das stört die anderen, und mir tut es weh in den Ohren.“

Ich sage es sehr, sehr ruhig, aber ich bin mir sicher er bemerkt den Unterton in meiner Stimme, welcher sagt:

„Hör um Gottes Willen auf zu schreien! Ich kann das nichtmehr aushalten! Ich bin es soosoo leid!“

Keine erkennbare Reaktion. Wie immer. Bei allem. Es steht die Frage im Raum, ob es wirklich keine Reaktion gibt – oder ob ich in den letzten Monaten einfach so abgestumpft bin, daß ich keine mehr wahrnehme.

Es ist bemerkenswert, wie schnell man ausbrennen kann, wenn man sich sehr schwierige Aufgaben stellt. Am Anfang habe ich das alles positiv gesehen, war stolz auf meine Aufgabe und habe mir sehr viel Mühe gegeben.
Nein, ich habe nicht aufgehört, mir Mühe zu geben. aber ein wirklich großer Teil meiner Energie geht dafür drauf, ihm und sämtlichen Kollegen und dem ganzen Lehrerkollegium zu verbergen, was tatsächlich in mir vorgeht. Und es mir selbst zu verbergen.

Ich habe im Nachhinein keine Ahnung, wie ich das ein ganzes Jahr lang durchgehalten habe. Es war wohl Lakonie und meine eigene recht komische psychische Verfassung. Eine Mischung aus Autoaggression bzw. Selbstzerstörungstrieb und Pathos, nicht aufzugeben, nie und niemals.
In meiner eigenen Depression habe ich die Situation meiner Arbeit mit dem Leben, mit der Situation der Welt verknüpft:

Solange ich es schaffe, diesen vierzehnjährigen achzig Kilo wiegenden unglaublich lauten und sehr aggressiven Autisten zu betreuen, gibt es noch Hoffnung für mich und die Welt.

In den ersten Wochen Verbrauchte ich an jedem Vormittag in der Schule ca. 3 -4 Pflaster, weil er mich gekratzt hatte. Zweimal war ich nach der Arbeit beim Arzt weil er mich gebissen hatte – abgerechnet als Arbeitsunfall. Ich erinnere mich noch gut, als einmal die ganze Klasse (sieben Schüler, Klassenlehrer und ich als Integrationshelfer) ins nicht weit von der Schule entfernte Nordwestzentrum laufen wollte. Erst wollten wir mit dem bus fahren. Ich danke gott oder wem auch immer, daß wir nicht dazu gekommen sind in den Bus einzusteigen.

Schon an der Bushaltestelle fing er an, mich richtig fest zu kratzen und zu kneifen. Daraufhin entschied der Lehrer, doch lieber zu Fuß zu gehen…wir kamen keine 10 meter, als er anfing, den Lehrer anzugreifen, zu versuchen ihn zu beißen. Und nicht mehr aufhörte. Die Gesichter der Leute an der Bushaltestelle…letztendlich nahmen wir in an beiden armen und liefen zur Schule zurück. Er wandt sich, kratzte uns blutig, biss uns. Wir hielten ihn mit aller Kraft, zwei erwachsene, große Männer, einer davon 120 Kilo….wir schafften es gerade so bis zur Schule, hätten ihn keine Minute länger halten können.

Es ist ein seltsames gefühl, eine mischung aus Adrenalin und Gefasstheit, wenn ein recht großer und kärftig gebauter Mensch auf einen zuläuft, um einen anzugreifen, in den augen schmerz und verzweiflung. Immerhin war er dyspraktisch genug (der Fachausdruck für „nicht wissen wie man was macht“), daß er es nicht raushatte, zu schlagen oder gar Gegenstände als Waffe einzusetzen.

Während dieses Jahres durfte ich einige Male dieses zweifelhafte Gefühl erleben. Und währenddessen immer ein vollkommenes schlechtes Gewissen, wenn man dann selbst die Kontrolle über sich verloren hatte und ausbrach, was man lange nicht gezeigt hatte. Der Ärger, der Frust, der Schmerz. Nicht zeigen, nein, denn der Junge kann nichts dafür, er ist Autist, wer weiß wie schrecklich die Welt für ihn ist. Nicht zeigen, denn man ist ja professionell. Daß ich den Pfad der professionellen Arbeit schon längst verlassen hatte, indem ich diesen job als meinen persönlichen Kreuzzug gegen die Dunkelheit in mir selbst verwendete, merkte ich erst sehr spät.

Ich merkte nicht, wie ich ausbrannte, ich schob Zweifel beiseite. Meine Vorgesetzte bot mir mehrmals an, ein anderes Kind zu betreuen. Meine Reaktion: Das geht schon. Ich weiß nicht, wieso sie mich weitermachen ließ. Ich werfe es ihr nicht vor. Denn ich habe es ihr und mir selbst sehr perfekt vorgespielt, ich sei stark und würde das schon aushalten. Sie bot mir mehrmals an, zu sagen wenn ich nicht mehr könne, und wenn ich einen Tag frei bräuchte. Selbst nach einem recht krassen Vorfall beteuerte ich, ich würde am nächsten Tag wieder kommen. erst als ich zuhause saß, merkte ich, daß es nicht ging.

Es gab auch Vorfälle, nach denen ich am nächsten tag wieder hinging und morgens schon das Geschrei hörte und alle Kraft aufwenden mußte, um meine Abneigung gegen die Situation und meinen Haß zu unterdrücken.

Und natürlich ging es mir runter wie Öl, wenn mir Lehrer und Kollegen beteuerten, wie toll ich das mache und daß sie das selbst nie könnten. Im Nachhinein glaube ich, daß das ihre Strategie war, mich zum weitermachen zu ermutigen, um bloß nicht selbst mit diesem Problem konfrontiert zu werden.

Lehrer…wieso wird jemand Sonderschullehrer? Die meisten, die ich kennenlernte waren entmutigt. Ausgebrannt. Illusionslos und auch visionslos. Brachten die zeit eben rum. Waren froh, wenn sie nichts mit ihm zu tun hatten, ich mit ihm auf den hof ging. Mit der zeit fing auch ich an, einfach die zeit abzusitzen.

Autismus ist keine geistige Behinderung. Und er konnte, wollte man den Berichten aus einer früheren Schule glauben, schreiben und lesen und bis zu sechsstelligen Zahlen rechnen. Am anfang stand noch die Vermutung im Raum, er wäre einfach falsch an einer Schule für praktisch bildbare. („praktisch bildbar“ ist ein ausdruck für das, was in den köpfen vieler menschen immer noch als „geistig behindert“ ist).
Nur zeigte er uns das gesamte Jahr kein bißchen von seiner Begabung. Oder wir konnten oder wollten es nicht sehen.

Ich will ihn nicht als monster oder gewalttätigen menschen darstellen. Doch diese oben dargestellten negativen Ereignisse sind sehr präsente Erinnerungen, und es sollte in diesem Text über mich gehen, nicht über Ihn. Ich bin mir allerdings sicher, daß er wohl verdammt gute Gründe für sein Verhalten hatte. Ich spürte oft seine Verzweiflung, seine Angst, seinen Schmerz.

Ich wünschte, für einen Tag die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit der zeit wurden wir, trotz aller negativen Aspekte, sehr vertraut. Wenn man ein Jahr lang fast jeden Tag 4 Stunden miteinander verbringt, entwickelt man eine gewisse art der Kommunikation – durch Körpersprache. Ich erzählte ihm viel von mir, wenn wir gemeinsam auf dem Schulhof waren. Ich weiß nicht, ob er davon irgendwas aufgenommen hat. Auch wenn er nicht sprechen konnte und sich nicht äußern konnte oder wollte – ich lernte ihn über die Monate sehr sehr gut kennen.

Wenn ich an ihn denke, fühle ich keine negativen Gefühle in mir. Ich wünsche ihm das Beste für sein Leben, und das wirklich von ganzem Herzen. Wir hatten eine sehr schwierige Zeit, aber wie gesagt: Sie war für uns beide schwierig. Und ich denke, daß wir ein Jahr geschafft haben, aus dem wir beide sehr viel mitgenommen habe. Ich möchte die Erfahrung dieses Jahres nicht missen.

aisnacht. inspiriert durch das gleichnamige musikstück der wolfseule

eisnacht

tage des schmerzes des einsam des angst
das tote das leben das alles umbangt
tage der freude des leichtens es lacht
doch eis an der macht in der eisnacht

schnee der tanzt und lichter im dunkeln
sehen die welt klirren und funkeln
sehen das gute das böse die taten
sehen das ende den anfang erwarten

sehen den krach oszilloskop tanzt
elektrisches licht beim gedanken verdampft
sehen die menschen und was sie erschaffen
eisnacht bis ragnarök – an die waffen!

das gute das schlechte die unwirklichkeit
es ist weit weg, das furchtbare leid
wir hören wir lesen wir können nur glauben
niemand weiß ob da was ist da draußen!

tage des schmerzes des einsam des angst
das tote das leben das alles umbangt
tage der freude des leichtens es lacht
doch eis an der macht in der eisnacht

family values.

Petr Jalovina musste sich zusammenreißen, nicht in der S-Bahn einzuschlafen. Immer wieder nickte er für Sekunden ein und wachte beim nächsten Ruckeln des Zuges wieder auf.

Es war eine lange Nacht gewesen. Petr Jalovina überlegte, daß er eigentlich zu alt war für solch ein Leben. Die meisten seiner Kollegen waren weit jünger als er, sie steckten die vielen Nachtschichten locker weg. Er hingegen war zwar ein recht zäher Kerl, doch sein Alter machte sich seit geraumer Zeit bemerkbar. Einige Jahre zuvor war er noch in der Lage gewesen, zwei Nächte hintereinander durchzuarbeiten, ohne dazwischen zu schlafen. Es kam ihm vor, als sei nur eine kurze Zeit seitdem vergangen – doch wenn er genauer darüber nachdachte, wurde ihm klar, daß dies vor ca. zwanzig Jahren gewesen war. Wo war all die Zeit hingegangen?

Petr Jalovina war kein Mensch, der sich morgens lange im Spiegel betrachtet. Er rasierte sich alle zwei Tage und suchte nicht nach grauen Haaren. Irgendwann – er wusste nicht mehr, wann er sich dessen zum ersten Mal bewusst geworden war – war sein Schnäuzer grau geworden und die Haare auf seinem Kopf lichter.

Einer der drei Supermärkte in seiner Straße öffnete gerade, als er aus dem S-Bahn-Tunnel kam. Er kaufte das nötigste ein und stieg dann die Treppen zu seiner Wohnung hoch. Sie war karg eingerichtet, er war erst nach dem Tod seiner Frau hierher gezogen – und seitdem waren ihm Einrichtungsfragen völlig egal. Nach einem kleinen Frühstück und zwei Zigaretten fiel er ins Bett.

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Marck hasste den frühen Morgen. Er parkte seinen Lastwagen auf der rechten Spur mit eingeschalteter Warnblinkanlage und stieg aus. Ein wütendes Hupkonzert war die Folge. „Notiz an mich: Nie wieder Händlertermine auf Berufsverkehrzeit legen“. Er fragte sich manchmal, wieso er nicht einfach die Lieferungen von außerhalb der Stadt aus einkaufte. Aber er war an Suleiman gebunden, der sofortige Barzahlung bevorzugte und nicht groß Rechnungen schrieb, wie die meisten Einzelhandelsketten. Außerdem blieb es so quasi in der Familie und Marck musste sich keine großen Ausreden oder Lügen einfallen lassen.
Er ignorierte den Verkehr um sich herum und sprang aus dem LKW und betrat den Laden. Kurze Zeit später rollten er und einer von Suleimans Verkäufern einige Palettenwagen aus dem Lager des Ladens. Marck senkte die Rampe des LKWs und begann, ihn zu beladen.

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Es war Weihnachtszeit. Geschneit hatte es wie immer nicht, dafür war es eiskalt und ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung litt unter irgendwelchen Erkältungsformen. Das große Fest der Suizide und der Bewusstwerdung der eigenen Vereinsamung kündigte sich durch volle Psychiatrien und tägliche Kriseninterventionshandlungen in den Einrichtungen der Drogenhilfe an. Im beleuchteten Hauptbahnhof lagen die Züge wie Raumschiffe, die Menschen auf weit entfernte Planeten bringen würden – nach „Hause“, in den Kreis von Familien, in ehemalige Heimatstädten und -dörfer. Petr verließ die Stadt ungern – er mochte es nicht, weg von zuhause. Das hielt ihn nicht davon ab, ein gewisses Fernweh zu verspüren, jedesmal, wenn er auf dem Weg zur Arbeit den Hauptbahnhof passierte. Er arbeitete seit dem Tod von Marianne jedes Jahr an Weihnachten – er fürchtete die Emotionen, die ihn erreichen könnten, wenn er ihnen Platz dazu ließe.
„Entschuldigung, haben Sie vielleicht n bißchen Kleingeld?“
Petr war katholisch erzogen und auch, wenn er keinerlei Aberglauben oder Religiösität in sich mehr fühlte, konnte er sich nur schwer gegen das Diktum der Nächstenliebe wehren, das er seit seiner Kindheit in sich trug. Tatsächlich war er davon überzeugt, dass die „Nächstenliebe“ eine der wenigen sehr sinnvollen Errungenschaften von Religion war. Trotzdem hasste er es, von der Seite angesprochen zu werden, wenn er auf dem Weg zur Arbeit war und einfach nicht kommunizieren wollte. Er drückte der gedrungenen Gestalt wortlos fünfzig Cent in die Hand und lief zur S-Bahn.

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Marck fuhr aus der Stadt hinaus Richtung Westen. Er stand eine Weile im Stau, der Verkehr wurde jedoch mit jedem Kilometer, der ihn aus dem Ballungsraum hinaus führte, flüssiger. Das Radio im Führerhaus war angeschaltet und spielte klassische Musik. Er hielt an einer Raststätte, tankte den LKW und mehrere Ersatztanks voll. Kurze Zeit später verließ er die Autobahn an einer als Bausstelle beschilderten Ausfahrt und bog in einen dunklen Feldweg ein, der völlig gerade auf ein Waldstück zuführte, das drohend in der Dunkelheit lag. Im Rückspiegel konnte Marck immer noch den gewaltigen Lichtkegel des Ballungsraums mit seinem riesigen Flughafen erkennen. Als er das Waldstück erreichte, riss die Radiosendung ab und wurde durch weißes Rauschen ersetzt. Nach wenigen Metern wurde es wieder heller – Tageslicht drang durch die Bäume. Der Wald lichtete sich und gab den Blick frei auf eine Hügellandschaft, an deren Horizont sich weitere Waldgebiete abzeichneten. Es war stark bewölkt und ein leichter Nieselregen fiel auf die Windschutzscheibe. Die Strasse wurde nun zu einer asphaltierten, schnurgeraden Landstrasse. Marck beschleunigte den LKW und fuhr in Richtung Horizont.

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Miriam blickte in die flackernde Kerze. Es war Mittagszeit, doch das bedeutete an diesem zeitlosen Ort nichts. Sie blickte aus dem Fenster. Der Himmel war klar. Auf der Strasse lag Schnee, der vom matten Mondlicht beschienen wurde. In ihrer Hand befand sich eine Tasse heißen Kaffee, von dem sie mit kleinen Schlücken trank, während sie ihre erste Zigarette an diesem Tag rauchte. Ihr Blick schweifte durch ihre kleine Wohnung. Schmutziges Geschirr stapelte sich in der Spüle und der Boden war übersäht mit Abfall und Kleidungsstücken. Ihr war das egal. Sie hatte besseres zu tun als aufzuräumen. Schlafen zum Beispiel. Oder Trinken.
Sie blickte auf die Uhr und fluchte leise. Ein weiterer Arbeitstag würde in Kürze beginnen.

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Petr war immer wieder überrascht, wie ein Krankenhaus so unsagbar häßlich sein konnte. Es schien mit Absicht so geplant und erbaut, wie um böse Geister durch Häßlichkeit abzuschrecken. Außen pfui, innen verwest. Petr wusste das, weil dies seine Arbeitsstelle war. 35 Jahre als Krankenpfleger, die meisten Zeit davon in der Psychiatrie, sollte ihm erst einmal jemand nachmachen. Er war stolz darauf, auch wenn er es nie in eine leitende Position geschafft hatte. Bürokratische Vorgänge beherrschen – noch dazu in deutscher Sprache – , das Beachten von Regeln oder gar die Führung von Menschen waren nicht seine Stärke. Das wusste er und es störte ihn nicht. Nicht MEHR. Es hatte eine Zeit gegeben, als Petr ein zorniger junger Mann gewesen war, voller Hass und Wut auf alles und jeden. Dann hatte er das Leben kennengelernt, dessen Millionen von verschiedenen Grautönen – und plötzlich war er nicht mehr in der Lage zu hassen.
Heute war er nicht richtig motiviert. Seine Gedanken schweiften ab und er musste sich beim Legen von Infusionen und dem Richten von Medikamenten mehrmals selbst zur Konzentration ermahnen. Das lag nicht an der Weihnachtszeit sondern am Nahen des Geburtstags seiner Tochter. Er hatte mit ihr seit Jahren nicht gesprochen. An ihrem neunzehnten Geburtstag hatte er sie das letzte Mal angerufen. Sie hatte sich nicht mit ihm treffen wollen und Petr konnte es ihr nicht übel nehmen. Er war kein guter Vater gewesen, hatte zuviele eigene Probleme mit sich herum getragen. Diese Erkenntnis war mit den letzten Jahren in ihm gereift. Und jedes Jahr, wenn sich ihr Geburtstag näherte, wurde er an diesen nicht besonders rühmlichen Aspekt seines Lebens erinnert – außerdem sehnte er sich seit dem Tod seiner Frau und Miriams Mutter verstärkt nach familiärem Kontakt. Was solls, dachte er.

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„Die scheiß Rampe hängt schon wieder!“
Glen Ruciter war genervt. Er war mit dem falschen Fuß aufgestanden, hatte Sodbrennen und keine Lust zu arbeiten. Marck merkte das ziemlich schnell. Glen war sonst immer ein ziemlich freundlicher Kerl, doch heute wirkte er verschlossen und benutzte weit mehr Fäkalausdrücke als sonst. Und nun hatte offensichtlich defekte Rampe von Marcks LKW seinen Nerven den Rest gegeben. Sie hatten gerade anfangen wollen, den LKW zu entladen. „Fick!“
Der LKW stand vor Glens Geschäft in der Dunkelheit. Aus dem Schneetreiben näherte sich eine Gestalt.
„Morgen Chef, hey Marck“ meinte Miriam. Ein knurriges „Morgen“ kam zurück. Miriam kannte ihren Chef und sagte besser nichts mehr.
„Es ist die Rampe“, meinte Marck. „Schon wieder?“ „Ja.“ „Haste die nicht letztens reparieren lassen?“ „Ja.“ „Na toll.“
Glen hatte sich gefangen. „Kommt, wir gehn erstmal rein und trinken nen Kaffee.“
„Guuuute Idee!“

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„Was beschäftigt sie, Herr Jalovina?“
Petr war gerade dabei, einem Patienten Risperdal intramuskulär zu spritzen, eine Aufgabe die er hasste. Man konnte einfach zuviel dabei falsch machen.
„Wie kommen Sie darauf daß mich irgendetwas beschäftigt, Herr Moos?“
„Äh. Das merkt Blinder. Sie haben heute noch nicht über Fußball gesprochen.“
„Ich habe nicht so gut geschlafen heute. Irgendwie hab ich gestern was falsches gegessen.“
„Ach, das kommt vor. Bei mir ist es die Weihnachtszeit. Die scheiß Weihnachtszeit.“
„Die meisten Menschen mögen die Weihnachtszeit nicht.“
Petr musste aufpassen, daß er nicht in Versuchung kam, seine persönlichen Probleme mit Patienten zu teilen. Gerade bei Hr. Moos war diese Versuchung groß. Er war ein hochintelligenter Mann, der Petr sehr sympathisch war. Meistens extrem höflich, was man vom Groß der Psychiatriepatienten nicht behaupten konnte. Hr. Moos litt jedoch an einer chronischen schizoaffektiven Störung. Wenn er psychotisch wurde, verwandelte sich aus dem höflichen Herrn ein aggressiver, selbstzerstörerischer….Irrer. Daher wäre es ein Kunstfehler gewesen, die Grenze, die zwischen ihnen beiden als Patient und Pfleger war zu durchbrechen. Petr bedauerte dies meistens. Einige der Patienten warm hochinteressante Menschen – doch er hatte nie die Zeit, sich hinzusetzen und sich mit ihnen zu unterhalten.
Während Petr Herrn Moos die Risperdallösung injizierte, beschloss er, seine Tochter an ihrem Geburtstag anzurufen.

eis

Wieso heizen die die Regionalzüge nicht? Achso, es wird nicht erwartet, daß die Leute da stundenlang drinsitzen und Deutschland halb durchqueren. Deutschland ist in diesem Winter unglaublicherweise schneeweiß. Zumindest die untere Hälfte ist ein Wintermärchen.

Mein Großvater holt mich am Bahnhof ab. Er ist alt geworden. Meine Großeltern haben genau wie meine Eltern recht früh Kinder bekommen. Ich erinnere mich also noch an die Zeit, als mein Großvater noch berufstätig war. Vierzig Jahre bei der Polizei in Bayern, seit ungefähr 1848, als das deutsche Reich….naja, nicht ganz so lange. Sagen wir…1948. Das dürfte hinkommen. Nach dem Krieg, „es gab ja nix“. Als Schutzmann im winterlichen Augsburg entflohene Verdächtige über die Dächer der Innenstadt verfolgt. Und schließlich, am Schluß, Dienststellenleiter, oder wie auch immer man das nennt.

Meine Großeltern bewohnen ein Reihenhaus in einem Städtchen bei Augsburg. Drei Minuten mit der Bahn, aber durchaus an Wiese und Feld. Es ist das erste Mal, daß ich sie alleine besuche, ohne daß sich die restliche Familie ebenfalls im Haus befindet. Meine Mutter, die eine Weile lang (als sowohl meine Geschwister als auch ich mich abgesetzt hatten aus der Stadt) das oberste Stockwerk bewohnte, hat sich unglaublicherweise nach Hamburg abgeseilt – Liebe und so. Das Haus wirkt so leer und ein wenig trostlos. Meine Großeltern betonen immer wieder, wie schade sie es finden, daß wir uns alle verpisst haben (auch wenn sie das Wort „verpisst“ nicht benutzen) und das familieneigene Haus im Stich lassen. Dazu ist anzumerken, daß sie außer meiner Mutter noch über einen Sohn verfügen, der nur zehn Kilometer weit weg wohnt. Ich werde mich um meine Mum kümmern, wenn es an der Zeit ist. Aber um meine nun gebrechlichen Großeltern – das ist das Business meines Onkels, der eine Viertelstunde weit weg wohnt – und nicht etwa ein drittel Deutschland weit.

Opa ist cool. Wirklich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er hatte Darmkrebs. Mal eben locker überlebt. Er schneidet sich beim Heimwerkern halb den Daumen ab. Ist ihm egal. Er rutscht auf den Stufen seines Hauses aus, bricht sich eine Rippe, geht aber erstmal eine Woche Skifahren und danach dann zum Arzt, der dann auch nur „Naja, was soll ich jetzt noch groß machen, Hr. Schwarzwälder?“ sagt. Vor einigen Wochen allerdings ging es ihm ziemlich schlecht. Er stotterte, konnte nicht gut schlafen, fühlte sich schlecht. Die Familie befürchtete Altersdemenz, Alzheimer. Irgendwann wurde es so schlecht, daß er doch zum Arzt ging, der ihn auch gleich ins Krankenhaus einwies. Nach einigen Tage die Diagnose: Natriummangel. Oma hat Bluthochdruck und kocht deshalb ohne Salz. Meinem Opa war das egal. Er ist mit zwölf Jahren aus den Ostgebieten geflohen. Mutter verloren. Totales Chaos. Als deutscher Junge unter Polen gelebt. NACH dem Krieg. Er ist zufrieden, daß er überhaupt genug zu Essen hat.

Was er liebt sind die Berge. Er geht gerne Bergwandern. Mit sieben Jahren bin ich schon mitgegangen, auf den Aggenstein, 2000 Meter. Naja, ich übertreibe. Wikipedia sagt: 1986 Meter. In der Pubertät dann mein totaler Stimmungsumschwung. Berge?! Alter. Wie langweilig. Der Mensch hat Autos erfunden um hochzufahren. Oder Helicopter.

Oma ist das Gegenteil von cool. Mädchen vom Lande, Bauerntochter, auch irgendwann aus dem Osten gekommen, nach dem Krieg. Dann meinen Opa kennengelernt und seitdem Hausfrau. Schon immer eine sehr nervöse Person, schreckhaft, eher ängstlich. Man darf nicht vergessen, daß beide die große Katastrophe miterlebt haben. Und da gabs keine Psychologen, um die Traumata aufzuarbeiten. In den Straßen lagen Tonnen von Steinen die da wegmussten.

Im Gästezimmer meiner Großeltern steht das Gesangsbuch der Hitlerjugend. Im Regal daneben die Biographie vom Ranicki.

Mit dem Alter wird meine Großmutter nicht eben zu einer gelasseneren Person. Sie nimmt vier verschiedene Herz- und Blutdruckmedikamente.

Am ersten Abend in Augsburg besuche ich Alex, mit dem ich einen Großteil meiner Jugend verbracht habe. Seit ich vor zehn Jahren weggezogen bin, hatte ich immer mal wieder sporadischen Kontakt mit ihm.

Eine Woche vorher, am Silvesterabend hat sich Joschi, auch ehemaliger Mitschüler und Freak-Rumhäng-Clique-von-damals-Angehöriger (mit dem ich jedoch seit damals NULL Kontakt hatte) in einer Mischung aus Depression, Paranoia, Tavorabhängigkeit und psychiatrischer Verkennung seines Zustandes vor den Zug geworfen. Während ich bei ihm bin, ist Alex dabei, seine Beisetzung zu organisieren. Ich gehe nicht hin. Ich wollte, seit ich nicht mehr mit ihm auf eine Schule gegangen bin, keinen Kontakt zu Joschi. Er auch nicht zu mir. Trotzdem komisches Gefühl, zu wissen, daß er tot ist.

Am nächsten Tag Spaziergang mit Opa über verschneite Feldwege, Schwimmen in einem Augsburger Hallenbad, in dem es kalt ist, und abends treffen mit meiner Schwester, ebenfalls gerade in der Stadt – seit genau diesem Abend.

Als ich mit dem Auto meines Großvaters gerade aus Augsburg rausfahre, läuft mir ein besoffener Vollidiot vors Auto. Ein junger Typ mit irgendeinem Band-Shirt. Wäre es nicht so glatt und ich deshalb sehr langsam unterwegs – er wäre jetzt tot.

Ich halte an, öffne die Tür. Von ihm kommt nur dummes „Alter! Alter!“, von mir nur „Junge! Wieso rennst du mir vors Auto?!“

Er will in ein Kaff, das zufällig in meiner Richtung liegt. Im Bewusstsein, daß Joschi sich vielleicht nicht vor den Zug geworfen hätte, wenn im richtigen Moment jemand dagewesen wäre, nehme ich ihn ein Stück mit. Der Arsch eröffnet mir tatsächlich, daß er sich vors Auto werfen wollte. Ficker. Danke. Dann redet er wirres Zeug. Die Russenmafia sei hinter ihm her. „Du glaubst mir bestimmt kein Wort, oder?“ Nein.

Dann fummelt er am Rückspiegel rum, und als ich ihn anmache, das könne er nicht tun, im Auto irgendwas rumfummeln wenn ich ihn schon mitnehme, will er aussteigen. Mir ist das mittlerweile recht.

Rückfahrt. Es ist ziemlich schwierig, Orangen im Zug zu essen.

katharina

Eine der coolsten Persönlichkeiten, die ich im Lauf meines Berufslebens kennenlernen durfte, war Katharina. Katharina ist tatsächlich ihr echter Name. Dieser Text soll eine Ehrung ihrer Persönlichkeit sein und deshalb verwende ich ihren echten Namen. Ich könnte mir nicht vorstellen, so zu tun als würde sie anders heissen.

Katharina war ein etwa zehnjähriges Mädchen. Frühkindlicher Autismus, recht stark ausgeprägt, sie konnte zwar sprechen, eine verbale Kommunikation war jedoch nur sehr eingeschränkt möglich.

Das, was jeder Besucher ihrer Klasse von ihr am deutlichsten wahrnahm, waren ihre emotionalen Ausbrüche, die eigentlich in gewissen Phasen fast täglich stattfanden. Diese Ausbrüche schlossen Schreien (und zwar SEHR LAUTES, hochfrequentes Schreien), Werfen von Gegenständen (z.B. Geschirr), sowie Einschlagen auf Boden, Möbel oder Umstehende mit ein und fanden leider oft statt, wenn die gesamte Klasse zum Frühstück (inklusive Verwendung von Porzellangeschirr) versammelt war. Dann musste man Katharina mit mehr oder weniger stark angewandter körperlicher Überlegenheit auf den Gang zerren, und dort warten, bis sie sich abgeregt hatte. Eine Tätigkeit, die lärmempfindliche Personen nicht unbedingt gerne ausführten.

War dies das coole an Katharina? Nein. Das war eine der wohl pubertätsbedingten Symptome, mit denen stark autistische Menschen die Reize unserer Welt verarbeiten.

Katharina bekam nach einer Weile nur noch Plastikgeschirr an ihren Platz gestellt. Eines sehr stressigen Tages, als es sowieso in der Klasse drunter und drüber ging und ich gerade dabei war, mit einem anderen Schüler den Frühstückstisch zu decken – und dabei war, den Überblick über alle anderen Schüler zu verlieren, hielt mir Katharina den Porzellanteller hin, den ich aus Unachtsamkeit an ihren Platz gestellt hatte und meinte nur knapp „Teller: Nein.“

Wenn Katharina den Unterricht zu sehr „störte“, wurde sie einem Zivi an die Hand gegeben und ging mit diesem durch die Schule spazieren. Dabei öffnete sie oft unvermittelt andere Klassenräume und war nicht uninteressiert an den Abläufen dort. Und sparte nicht mit lautstarken Kommentaren über Lehrkörper, die allgemein als inkompetent und saudumm galten. „Fr. Maier – böse!“ und ein Zivildienstleistender und ein Hr. Giesemann die panikartig den Raum verlassen, um ihren Lachanfall nicht DIREKT vor der gemeinten Person ausleben zu müssen.

Auffällig war, dass Katharina ein Interesse an vor allem jenen Mitschülern hatte, die auch als frühkindliche Autisten diagnostiziert waren. Auf jene ging sie zu und suchte geradezu ihre Nähe, was bemerkenswert ist – denn von außen ist der Unterschied von Autismus in einer sehr ausgeprägten Form zu einer schweren geistigen Behinderung nur sehr schwer zu erkennen.

Katharina war mit auf Klassenfahrt. Auch dabei: Eine Plüschente. Exakt so groß wie Katharina. Name: Paula. Auch dabei. Ein Plüschkrokodil. Exakt so groß wie Katharina. Name: Krokodil.

Jeden Abend versammelte sich die ganze Klasse und erzählte von den Erlebnissen des Tages. Dies wurde von Fr. Rothmayer, Klassenlehrerin, auf Tonband aufgenommen. Jeder Schüler sollte einen Satz sagen. Katharina sagte meist nur ein Wort: „Paula“.

Am letzten Tag der Klassenfahrt, vor der Abreise, hörten wir uns alle gemeinsam mit allen Schülern die Aufnahmen jedes einzelnen Tages an. Katharina äußerte jedesmal EXAKT bevor es auf der Aufnahme kam ihr Statement: „Paula“.