dillenburg.

Ich war also in Dillenburg. Das liegt mitten im hessischen NIRGENDWO. Daß es überhaupt einen Bahnlinienanschluß hat ist bemerkenswert. Nunja, es war nicht wirklich Dillenburg. Doch angesichts dessen, was ich dort erlebte, ist es notwendig, nicht allzu offensichtlich die Identität der Beteiligten zu beleuchten.

Ich hatte vor, dort Andreas zu besuchen. Andreas hat mit mir die Heilerziehungspflegerausbildung absolviert – und saß das gesamt erste Ausbildungsjahr in der Fachschule neben mir. Andreas ist ein etwas untersetzter Typ und Punker mit rotem Iro. Andreas ist hart. So hart, daß er das gesamte erste Ausbildungsjahr an jedem Wochentag mit dem Zug von Dillenburg nach Hochheim am Main (wo sich die Fachschule befand) anreiste. Die Fahrt dauert OHNE auf irgendwelche Zuganschlüsse zu warten schon mehr als zwei Stunden.

Andreas wohnt in einem kleinen Haus mit seiner Mutter zwischen Dillenburg und dem angrenzenden Kaff und Wald an der Lahn. Also – zwischen Haus und Lahn ist noch ne Straße und eine Wiese.

Andreas spielte lange bei einer Deutschpunkband namens „Verstopfung“, nur in den letzten beiden Ausbildungsjahren blieb ihm dafür wegen Schichtdienst, lernen und Hausarbeiten schreiben wohl zu wenig Zeit.

Im Haus seiner Mutter sind im Keller zwei Proberäume, in denen „Verstopfung“ und noch einen andere Deutschpunkband, „Achse des Bösen“ proben. Andreas´ Mutter stört sich übrigens nicht daran, auch nicht, wenn nachts im Keller geprobt wird. Wisst ihr wie laut es ist, wenn eine Band im Keller eines Einfamilienhauses spielt? Ich könnte da nicht pennen. Und nein, Andreas´ Mutter ist nicht besonders freakig, sondern eine „Mutti“ im diesem Sinne, die für ihn kocht und so.

Mit Andreas habe ich gemeinsam, daß auch er nach Ende der Ausbildung keinen Bock hatte, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Insofern sind wir beide arbeitslos (wobei das zumindest bei mir schon noch andere Gründe hat, die aber nicht in diesen Text gehören).

Auf der Wiese gegenüber von Andreas´ Haus lebt ein Kumpel von ihm im Bauwagen, hat da auch eine Hütte (ohne Strom oder Wasser), in der er eine Schmiede betreibt und Messer herstellt, die er wohl im Internet oder auf irgendwelchen Mittelalterfesten für gutes Geld verkauft. Die Schmiede sieht aus wie ein dunkles Loch voller Gerümpel, aber man zeigte mir eines der dort hergestellten Messer und es sah schon professionell gemacht aus.

Andreas´ Kumpel, genannt Osto, hat lange Dreadlocks, trug ein zerlöchertes Slayer-Shirt und eine Lederhose zum Schnüren.

Auch auf dieser Wiese lebt Sideshow, der so heisst, weil er Sideshow-Bob (in Deutschland besser bekannt als Tingetangel-Bob aus der Tv-Serie Simpsons) aufgrund seiner langen Locken frappierend ähnlich sieht. Sideshow ist etwa Ende zwanzig und wäre seine Kleidung nicht ganz so schmutzig könnte er gut einem männlichen Schönheitsideal entsprechen. Laut der Aussagen von Andreas wohnte Sideshow ein gesamtes Jahr lang auf dieser Wiese im Zelt. Nun bewohnt er die Hütte neben Osto (auch ohne Wasser oder Strom, versteht sich) und baut auf der Wiese Dinge an. Obst, Gemüse, sogar Hanf. Ja, am Ortseingang von Dillenburg steht ein Bauwagen, neben dem Hanf wächst und bisher scheinte sich niemand daran zu stören.

Andreas ist ein guter Gastgeber der alten Schule – mit Verhaltensweisen, die man von einem Punker mit rotem Iro nicht erwarten würde – ach, die man von einem Typ in unserem Alter einfach nicht erwartet. So hat er mir extra im Gästezimmer einen Schlafplatz bereitet – inklusive gemachtem Bett mit einer Flasche Wasser daneben.

Dennoch – diese Leute leben am Arsch von Hessen. Ich bin mit dem Zug hingefahren – und ab Bad Vilbel hab ich Angst bekommen. Es sind extrem seltsame Leute in dem Zug gesessen. Dann, beim Umsteigen in Wetzlar – in einen dieselbetriebenen Regionalzug – war es, als würde ich vom Rand der Welt fallen.

Ich bekomme immer Depressionen in solchen ländlichen Gegenden. Und zwar innerhalb kürzester Zeit. Irgendwelche Kindheitstraumakacke.

Andreas selbst ist sehr angenehme Gesellschaft. Etwas wortkarg – aber im angenehmen Sinne. Er tut Dinge, ohne groß darüber zu reden. Er ist außerdem ein sehr großzügiger Mensch, für den Teilen selbstverständlich ist. Dies wusste ich jedoch schon vor dem Besuch bei ihm.

Gleich zu Beginn stellte er mir Osto vor. Der saß mit einem großen Joint in seinem Bauwagen, der auch gleich die Runde machte. Anwesend war noch ein Typ mit Pitbull-Kappe und in Bauarbeiterkluft, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe.

Osto besitzt einen großen Hund, der irgendeinen esoterischen Namen hat, den ich vergessen habe. Als Andreas mich ihm vorstellt, fragt er mich gleich, ob ich die Schmiede ankucken will – ich antworte, daß ich eigentlich nur Andis kleine Welt kennenlernen will. Osto besitzt eine Steinschleuder, mit der Andreas begann, Glaskugeln auf an einen Baumstumpf gelehnten Kacheln zu schießen – und gleich daraufhin von Osto angemotzt wurde, daß es zuviel Materialverschleiß sei, wenn man den Gummi, der das Herzstück des Schleudermechanismus´ ist, zu weit über den gebogenen Griff zieht – und der dann so abreißt. Wenn man ihn nicht so weit drüberziehe, könne man im Falle des Reißens die Schleuder noch bedienen, ohne einen neuen Gummi kaufen zu müssen.

Soviel zum Thema alternativer Lebensstil – und zum Thema „ich verkauf eins dieser Messer für 500 Euro…“ – irgendwas stimmt da doch nicht.

Gleich danach lernte ich Sideshow kennen. Sideshow redet stark esoterisch angehauchte Dinge – es scheint recht schwer, sich mit ihm über banale Sachen zu unterhalten. „Ich weiß ja nicht wie ihr am Reisen seid“ antwortete er auf irgendeinen Satz, der mit Zugfahren zu tun hatte. Er trug während des ganzen Tages und Abends eine dicke Wollmütze. Als er zu uns dazustieß kam er gerade mit Bekannten im LKW, die ihm Feuerholz brachten. Normalerweise sammelt er Holz mit einem – nicht direkt Bollerwagen, aber etwas in der Art.

Abends kamen zwei Mitglieder von „Achse des Bösen“ um im Proberaum im Keller zwei Songs für deren Album einzuspielen, einer der typische Iro-Punker, der andere ein unscheinbarer Typ. Währenddessen beschlossen Osto und Andreas, auf der Wiese vor dem Bauwagen ein Feuer zu machen. Nachdem wir im Wald Feuerholz gesammelt hatten, stießen noch andere Leute dazu – Typen mit langen Haaren und wohl irgendwelche Dillenburger Freaks oder Kiffer. Unnötig zu erwähnen, daß alle Anwesenden den ganzen Abend über Gras rauchten.

In der Zwischenzeit fuhr Andreas mit einem der Anwesenden kurz in die Stadt zur Sparkasse. Ein Betrag von etwa hundert Euro wechselte den Besitz für…naja.

Vermisst wurde auch der Bauarbeiter, der bei meiner Ankunft mit im Bauwagen saß – er habe sich nur auf ein Whiskey-Cola nach Hause begeben wollen, und hätte dann auch zum Lagerfeuer dazustoßen sollen. Ich hatte allerdings den Eindruck, daß nicht seine Person vermisst wurde, sondern die „fünfzig Gramm“, in deren Besitz er sich – so erfuhr ich – befand.

Schließlich gingen wir ins Haus, in den Proberaum – es war mittlerweile fast ein Uhr nachts – und machten Musik. Das musikalische Talent aller Anwesenden beschränkte sich auf Grundlagen. Schließlich motzte Osto auch noch Andreas an, weil der über seinen Amp spielte. In dieser Situation fielen mir auch die Sorgenfalten auf, die Ostos auf den ersten Blick jugendliches Gesicht sehr alt wirken ließen – Freak mit übermäßigem Drogenkonsum zu sein, ist wohl nur bis Mitte zwanzig easy….

Die folgende Session war das übliche bekiffte Session-gedudel. Lediglich einer von Andreas´ Punkerkollegen, der noch dazustieß, konnte halbwegs Irgendetwas spielen, das ein wenig Hand und Fuß hatte – vielleicht war er auch einfach nicht so stoned wie die anderen.

Zu diesem Zeitpunkt merkte ich spätestens, daß ich fehl am Platz war – doch ich musste ja wohl oder übel bleiben. Nachts in Dillenburg ohne Auto.

Der Abend klang am Lagerfeuer aus. Osto saß müde auf einem Klappstuhl, neben sich sein Hund, Sideshow hockte mit einer Flasche Bier in der Hand auf dem Boden und redete vor sich hin. Lediglich Andreas war noch voller Tatendrang, der allerdings vom Rest der Anwesenden – inklusive mir – nicht geteilt wurde.

Also ging ich mit Andreas ins Haus – es war mittlerweile ca. zwei Uhr nachts. Andreas fragte ich, ob ich Hunger habe, wir deckten uns mit Essen ein und gingen in sein Zimmer. Dort kuckten wir auf „Meet the Feebles“, einen sehr lustigen, bösen Film über animierte Tiere, die eine Fernsehshow produzieren und dabei Drogen nehmen, Aids bekommen, amoklaufen.

Gegen vier Uhr war ich richtig müde und kündigte Andreas an, ich würde nun ins Gästezimmer schlafengehen. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, auf einem Spiegel zwei Lines zu legen und sie durch die Nase zu ziehen. Es sei kein Koks, erklärte er auf mein Nachfragen, sondern „das Koks des kleinen Mannes“, Pep.

Als ich fragte, ob wir uns dann überhaupt noch begegnen würden, bevor ich abfahren würde – ich mutmaßte, daß er, wenn ich am nächsten Morgen gegen elf Uhr aufstehen würde, gerade ins Bett gegangen sei – meinte er lachend „denkst du ich schlafe in den nächsten 24 Stunden?!“. Ich ging dann ins Bett.

Am nächsten Morgen traf ich ihn in der Position vor dem Fernseher an, in der ich ihn in der Nacht zuvor verlassen hatte. Nur daß er in der Zwischenzeit den Tisch wirklich sehr einladend fürs Frühstück gedeckt hatte. Außerdem zeigte er mir einen Zettel, auf dem er notiert hatte, was für Tabletten er noch genommen hatte nachts und erzählte mir er hätte gebadet und das Muster der Fließen im Bad sei faszinierend. Daraufhin legte er sich nochmal eine Line.

Ich frühstückte und währenddessen kam auch Osto aus seinem Bauwagen rüber. Dann rief Andreas den Bauarbeiter wegen dessen fünfzig Gramm an. Dann suchte ich mir einen Zug aus dem Fahrplan raus und Andreas rief den Bauarbeiter nochmal an, damit der nicht ausgerechnet dann mit seinen fünfzig Gramm käme, wenn er mich zum Bahnhof bringe und nicht zu Hause sei.

Als ich schließlich alleine auf dem Bahnsteig stand, war ich recht deprimiert. Das Leben von Andreas und seinen Bekannten erschien mir trostlos. Die Frage ist nur: Ist meines besser?

Auch Andreas ist auf der Suche nach ein wenig Geborgenheit, nach Liebe. Und er ist ein zu spezieller Mensch, als daß er dies einfach so finden könnte. In dieser Hoffnungslosigkeit, in der auch ich mich oft wähne, erscheint es mir nur logisch, zu Drogen zu greifen.

Insofern ist die Frage, ob ich mir anmaßen darf, sein Leben zu beurteilen. Meines ist zur Zeit nicht viel besser – bis auf den Umstand, daß ich nur Drogen nehme, die ärztlich verschrieben sind. Und ob ich geistig viel gesünder bin als ein Mensch wie Sideshow – das wage ich zu bezweifeln.

Die Rückfahrt nervte. Im Regionalzug von Dillenburg nach Wetzlar ein Ehepaar mit vier kleinen Mädchen – Familienausflug, wobei immer schön Fotos mit der Digicam gemacht wurden. Ein langhaariger gealterter Freak mit zwei Hunden, der versuchte, auf eklige Weise ins Gespräch mit den kleinen Mädchen zu kommen.

Aufenthalt in Wetzlar. Auch nicht besser. Singende Seniorengruppen.

Ich war froh, als ich in Frankfurt aus dem Zug stieg.

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1 Antwort auf „dillenburg.“


  1. 1 der textlaborant 05. Oktober 2007 um 15:31 Uhr

    Dillenburg ist überall. Ach, schon schön trostlos, Dein Bericht.
    By the way: Gibt es ein Verzeichnis, wo überall Giesemann-Material im Internet lagert? Es scheint da ja mächtig viele Seiten zu geben … Giesemann ist kreativ und produktiv.
    Still going strong – oder so.

    Gruß aus einem anderen Dillenburg

    M.

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