Archiv für Oktober 2007

kein schlaf bis satan

Heute war ich auf dem Gesundheitsamt und machte einen HIV-Test.

Ich muß sagen, das war mir einigermaßen unangenehm. Ich bin ja nun nicht Mr. Stecher of da town – von daher hätte ich nie gedacht, daß es mal so weit kommen würde. Aber zugeben zu müssen, daß man unvorsichtig war, wo doch jedes Kind weiß….das ist doof – wenn auch jedem den ich danach fragte schon passiert. Und darüber hinaus noch zugeben zu müssen, daß man eigentlich ein ziemlich großer Hypochonder ist und unlogische Angstvorstellungen hat, die an Paranoia grenzen – auch nicht besser.

Als ich den Bereich „Anonyme Aidsberatung“ im Frankfurter Gesundheitsamt betrat, wurde mir nach Mitteilen des Kennworts (das machen die da so, damit es auch wirklich anonym ist) ein Formular in die Hand gedrückt, das ich ausfüllen sollte. Die meisten Fragen waren durch ein Kreuz bei „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten.

Haben Sie in den letzten Wochen/Monaten mehrmals einen HIV-Antikörpertest durchführen lassen?

Wenn Ja, wieso?

Hatten Sie wissentlich sexuellen Kontakt zu einem HIV-positiven Menschen?

Hatten Sie ungeschützten Geschlechtsverkehr?

Sind Sie im sexuellen Gewerbe tätig?

Haben Sie Kontakt zu drogenabhängigen Menschen?

Hatten Sie Geschlechtsverkehr mit drogenabhängigen Menschen?

Hatten Sie innerhalb der letzten 12 Wochen ungeschützten Geschlechtsverkehr?

Bitte kreuzen Sie an ob Sie heterosexuell, homosexuell oder bisexuell sind.

Sind sie ein unvorsichtiger perverser Idiot gewesen, der mit zwei Bekannten sadomasochistisches Zeug gemacht hat und dabei eine Flüssigkeit getrunken hat, von der er es für möglich hält, daß sie Urin einer der Anwesenden enthielt – was jedoch Ausdruck Ihrer persönlichen Paranoia ist, da beide Anwesenden Ihnen bestätigt haben, daß es sich NICHT um Urin handelte?

Die Ärztin war allerdings sehr nett. „Haben Sie noch irgendwelche Fragen an mich, oder geht es Ihnen nur um den Test?“
„Finden Sie es empfehlenswert, Urin von promiskuitiven Frauen zu trinken?“ fragte ich NICHT.

„Na gut, wir müssen nicht reden.“ Danke.

Kurz vorher hatte mich ein englischsprechende Passant am Willy-Brandt-Platz gefragt, wie er denn am besten auf die Zeil komme. Er zeigte mir die Zeil auf seinem Stadtplan und wusste sogar, wo er sich selbst befand. Where´s the problem, homie? Naja, ich bin ja immer froh, wenn ich so tun darf als könne ich Englisch reden. Ich sah auf den Plan und wies ihn erst an, mit der Straßenbahn zum Römer zu fahren und dann hochzulaufen, dann wies ich ihn an, schräg bis zur Hauptwache hochzulaufen. „Can I use the tram“ Nein, Mann, die fährt zum Römer, dann musste von da aus hochlaufen zur Zeil („you have to walk up“ <- heisst „hochlaufen“ in diesem Sinne denn „to walk up“?), das kommt aufs gleiche raus.
Als mir einfiel, daß es ja am Willy-Brandt-Platz drei U-Bahnlinen gibt, die geschätzte 15 Sekunden bis Hauptwache benötigen war er schon weg. Hach, ich bin so hilfsbereit.

Meine neue CD ist fast fertig. Ich kann mich nur nicht für einen Titel entscheiden. Ich finde „Für Satan und Vaterland!“ am besten, aber meine Mitbewohnerin meint, das würde wirken, als sei ich ein nationalistischer Satanist…ihr wisst schon: NORSK ARISK BLAK METAL AAAAAARRRRR!
Dann gibts noch „aus Frankfurt mit Liebe“, was gut passen würde, da nur Geschrubbe auf die CD kommt. Die Idee „jenseits des Ereignishorizonts“ finde ich zu poetisch. Poesie mein Arsch. „Für Satan und Vaterland und deine Mudda!“ wär auch gut, oder?

FRANKFURT HARDCORE!

„Gude Hanni“, begrüsst mich der böse Basti, als ich den Club betrete.

Er ist bereits sichtlich angetrunken. An seiner Jacke hängt ein visitenkartengroßer, laminierter Ausdruck der von Kutte entworfenen Grafik zum Song „Back In The Cockpit“ meiner Band Teenage Völkermord. Der Song hat das Motto „Surfing Gallus On A Phallus“, und so zeigt die Grafik, die dem Cover des Sacred Reich-Albums „Surf Nicaragua“ nachempfunden ist, eine Gestalt in Badehose, die auf einem überdimensionalen Penis unter einem Sternenhimmel surft.

Der Schöpfer der Zeichnung, Kutte, ist auch anwesend – jedoch noch nicht besonders alkoholisiert, was bemerkenswert ist, sich jedoch im Laufe des Abends ändern wird.

Der Club liegt in einem Frankfurter Industriegebiet – ein Kellerraum, der über einen Hinterhof zu erreichen ist. Ehemals ein Rockerclub, ist ein übriggebliebener dieser Rocker heute der Betreiber, ein hochgewachsener Mann mit langem grauen Haar. Im „Backstagebereich“, der nichts anderes ist als ein kalter Abstellraum hinter der Bühne, liegt Gerümpel und Motorradschrott.

Ein Großteil der Anwesenden ist untereinander bekannt oder befreundet – auch die Bands treten nicht zufällig gemeinsam auf, sondern weil Bekanntschaft und Sympathie bestehen.

Als ich mich in den Backstagebereich begebe, um Leute zu begrüßen, ist der böse Basti gerade dabei, zu versuchen, wie weit er sein bestes Stück durch Ziehen dehnen kann. Die eine Hälfte der Umstehenden feuert ihn an, die andere Hälfte rollt die Augen oder dreht den Kopf zur Seite. Ich kann mich nicht entscheiden. Die, die ihn kennen, wie der gute Basti (Gitarrist der an diesem Abend auftretenden Band Unskilled), ignorieren ihn. Er schafft es im Sitzen bis zur Brust.

Wieder zurück aus dem Backstagebereich, treffe ich auf Toulouse und besorge mir etwas zu trinken. Der übliche Smalltalk mit bekannten Gesichtern. Als der Gesprächsstoff versiegt, begebe ich mich wieder in den Backstagebereich, wo der böse Basti mir wiederum seinen Penis präsentiert, auf den er sich am Clubeingang einen Stempel hat machen lassen. Gerade als ich aufstöhne holt Unskilled-Sänger Rene Marenga ebenfalls sein Ding raus und zeigt mir seinen Stempel. Ein Glück, daß ich meinen Stempel vor ihnen bekommen habe.

An diesem Abend bin ich nicht besonders gut gelaunt. Ich habe eigentlich keine Lust auf das männermäßige betrunkene Rumgepöbel, das vor allem einige Mitglieder von IResist pflegen – und das ich auch oft, wenn ich in der Stimmung dazu bin, von mir gebe. An diesem Abend bin ich ob meiner leicht melancholischen Stimmung genervt davon.

So kommt mir der Auftritt von Abe Kamui aus Hofheim gerade recht. Ich bin sehr ergriffen von ihren melancholischen, ausufernden Screamo-Hymnen mit zum Teil deutschen Texten. Obwohl sichtlich angetrunken, spielen sie ihr Set mit großer Leidenschaft und einer hohen musikalischen Virtuosität und treffen damit meine Stimmung sehr genau.

Danach IResist. Männergehabe hin oder her, die gehen ab. Als die Drummerin Soundcheck macht und etwas hilflos auf den Trommeln rumzuklopfen scheint, denke ich mir noch „Oh je“. Dann aber das Intro und sie haut rein. Shouter Domenico steht mit langem Methusalembart auf der Bühne und schreit, vor der Bühne kreisen die Haare. „Thrashing the Dump“ – stampfender Thrashmetal ergießt sich durch den Raum.

Mittlerweile haben sich unter das recht junge Publikum auch drei Rockertypen gemischt, alle deutlich jenseits der vierzig, und offenbar recht angetrunken – wie alle anderen Anwesenden. Zwei der Rockertypen sehen aus wie gesetzte Typen mittleren Alters, die mal einen auf die alten Zeiten trinken gegangen sind – nur der dritte wirkt mit seinen langen Haaren und der Bomberjacke nicht wirklich wie „ruhig geworden“ – also sympathisch.

Währenddessen bereiten sich Unskilled hinter der Bühne auf ihren Auftritt vor. Als sie anfangen ihr Equipment aufzubauen hat sich der Club schon etwas geleert. Vor der Bühne versammeln sich etwa fünfzehn Leute, die sich alle und die Band persönlich kennen. Während Olli die Becken festschraubt und Alex und der gute Basti ihre Gitarren stimmen beginnt die Kommunikation zwischen Band und Publikum.
„Fangt endlich an ihr Spasten!“
„Stimmen ist schwul!“
„Ihr scheiß Hippies, spielt endlich!“
„Zieht euch aus!“
„Fickt eure Mütter!“
„Slaaaaayer!“

Unskilled-Bassist Té schraubt ein 50er-Jahre-Style-Mikro fest – von René Marenga fehlt jede Spur. Soundcheck – und sie fangen an zu spielen.

Unskilled spielen die ultimative Krawallmusik. Schneller Uptempo-Hardcore der alten Schule, jedoch ohne irgendeine Spur von Straight-Edge-Gepredige. Nun ist auch Sänger René Marenga da, Mit dicker Goldkette, die Buchstaben seiner Initialien um den Hals, eine Proll-Sonnenbrille auf, Bandana und Suicidal Tendencies-Kappe schreit er die pädagogisch wertvollen Texte von Songs wie „Too Short“ („too short too short too short your dick´s too short!“), „God Save My Penis“, „Shaving My Balls“, „Dutch Weed“ oder „Heineken Overdose“ in sein Fifties-Mikro. Kutte steht mit dem Camcorder vor der Bühne und filmt.

Band und Publikum sind – mit Ausnahme von mir und Toulouse, der auch noch relativ nüchtern wirkt – hackedicht. Vom ersten Ton fangen alle an zu pogen – und die wenigsten verfügen zu diesem Zeitpunkt noch über eine adäquate Feinmotorik, um nicht über alles und jeden drüberzufallen – so auch der langhaarige Rockertyp, der durch besonders unkontrolliertes Umhergefalle besticht. Vor der Bühne stehen auf Bierkästen zwei Monitorboxen. Die fallen geschätzte zwanzig Sekunden nach Beginn des Unskilled-Gigs beide um. Und schon beim zweiten Song steht der Besitzer der Lokalität vor der Bühne, packt stellvertretend für alle den langhaarigen Rockertyp und brüllt „Ihr asozialen Wichser, wenn die Boxen noch einmal umfallen, schmeiß ich euch alle raus, verstanden?“.

Ich und Toulouse halten uns daraufhin ein wenig zurück mit pogen und gröhlen nur noch mit – alle anderen sind zu betrunken, um sich groß Gedanken über den Wirt zu machen. Der steht mit bösem Blick neben dem Pogopulk vor der Bühne – niemand beachtet ihn. Leute springen auf die Bühne, fallen dort übereinander und machen pantomimische Geschlechtsverkehrdarstellungen.

Schließlich, zwischen zwei Songs, verkündet René Marenga von der Bühne herunter „Es soll auf die Monitorboxen aufgepasst werden…“ und schafft es nicht, ernst zu bleiben. Und schon fallen sie wieder um. Schließlich mischt sich IResist-Gitarrist David in die Gruppe direkt vor der Bühne, und schreit „Okay Leute, wir gehen ab, aber wir passen auf die Monitore auf, OKAY?!“. Aber klar doch. Mittlerweile stoßen auch immer wieder Leute beim Pogen gegen die PA-Boxen neben der Bühne, die daraufhin bedrohlich wackeln. Die Miene des immer noch neben der Bühne stehenden Besitzers des Clubs wird immer finsterer. Schließlich fallen der böse Basti und ein anderer direkt vor der Bühne übereinander. Die Boxen fallen wieder um, da geht der Clubbesitzer dazwischen, zieht den bösen Basti hoch und schlägt ihm ins Gesicht. Niemand nimmt großartig Notiz davon. Der böse Basti beginnt mit dem Clubbesitzer zu diskutieren – währenddessen spielen Unskilled weiter. Die Angelegenheit endet mit einer Entschuldigung des Clubbesitzer, der dem bösen Basti daraufhin einen Wodka ausgibt.

Schließlich spielen Unskilled „Stripping In Public“ und kündigen vorher an, daß derjenige einen Kasten Bier bekommt, der sich auf der Bühne auszieht. Während der ersten Töne entert der böse Basti die Bühne und beginnt sich auszuziehen. Aufgrund seines Alkoholpegels funktioniert dies nicht ganz tadellos. Er fängt an, sich lange die Schuhe aufzuknoten – schließlich zieht er aber die Boxershorts runter. Der Clubbesitzer begreift, daß in seiner Lokalität etwas vor sich geht, was jenseits von Gut und Böse ist.

Bei „Unskilled-Crew“ gröhlen wieder alle mit, und nun gibt es ein Menschenknäuel auf der Bühne von Leuten, die dort übereinandergefallen sind. Obenauf der langhaarige Rocker und mit seinen Füßen stößt er die Monitorboxen um. Der Clubbesitzer packt ihn, zerrt ihn nach draußen, die Tür fällt zu. Dann geht jemand raus. die Tür geht auf und man sieht, wie sich beide in Kampfhaltung wie in Streetfighter gegenüberstehen. Keine fünf Minuten später laufen sie Arm in Arm an die Bar.

Schließlich sitze ich mit dem bösen Basti, Fred und Ritchie im Nachtbus und male Ritchie mit Kugelschreiber Tattoos auf den Arm. Der böse Basti pöbelt besoffene Dinge durch den Nachtbus, in dem zum Glück keine Gruppierungen von Leuten sind, die sich dadurch provoziert fühlen.

Als er und Fred an der Konsti noch auf ihren Nachtbus warten müssen habe ich ein wenig Bedenken, sie alleine zu lassen – dort nachts jemanden anzupöbeln kann mitunter suboptimal sein. Doch sie sind ja wirklich alt genug. Und so steige ich in den N8 Richtung Höchst.

Am nächsten Tag arbeite ich mit Kutte und Toulouse an einem TeenageVölkermord-Song, als der böse Basti anruft. Kutte fragt ihn, ob er das Video von Abend vorher ins Netz stellen darf. Der böse Basti heult rum und hat Angst um seine Intimsphäre. Kutte solle einen Balken über sein bestes Stück montieren, am besten einen, der bis zum Boden gehe.

Das Ende vom Lied ist, daß Kutte das Video zensiert. Leider muß er mit der Software, welche er verwendet, den Balken in JEDES EINZELNE Bild der Aufnahme einzeln reinmontieren. Wieviele Bilder pro Sekunde filmt ein durchschnittlicher Camcorder? Es gibt wohl niemanden, der sich so intensiv mit Bastis Schwanz beschäftigt hat wie Kutte.

dillenburg.

Ich war also in Dillenburg. Das liegt mitten im hessischen NIRGENDWO. Daß es überhaupt einen Bahnlinienanschluß hat ist bemerkenswert. Nunja, es war nicht wirklich Dillenburg. Doch angesichts dessen, was ich dort erlebte, ist es notwendig, nicht allzu offensichtlich die Identität der Beteiligten zu beleuchten.

Ich hatte vor, dort Andreas zu besuchen. Andreas hat mit mir die Heilerziehungspflegerausbildung absolviert – und saß das gesamt erste Ausbildungsjahr in der Fachschule neben mir. Andreas ist ein etwas untersetzter Typ und Punker mit rotem Iro. Andreas ist hart. So hart, daß er das gesamte erste Ausbildungsjahr an jedem Wochentag mit dem Zug von Dillenburg nach Hochheim am Main (wo sich die Fachschule befand) anreiste. Die Fahrt dauert OHNE auf irgendwelche Zuganschlüsse zu warten schon mehr als zwei Stunden.

Andreas wohnt in einem kleinen Haus mit seiner Mutter zwischen Dillenburg und dem angrenzenden Kaff und Wald an der Lahn. Also – zwischen Haus und Lahn ist noch ne Straße und eine Wiese.

Andreas spielte lange bei einer Deutschpunkband namens „Verstopfung“, nur in den letzten beiden Ausbildungsjahren blieb ihm dafür wegen Schichtdienst, lernen und Hausarbeiten schreiben wohl zu wenig Zeit.

Im Haus seiner Mutter sind im Keller zwei Proberäume, in denen „Verstopfung“ und noch einen andere Deutschpunkband, „Achse des Bösen“ proben. Andreas´ Mutter stört sich übrigens nicht daran, auch nicht, wenn nachts im Keller geprobt wird. Wisst ihr wie laut es ist, wenn eine Band im Keller eines Einfamilienhauses spielt? Ich könnte da nicht pennen. Und nein, Andreas´ Mutter ist nicht besonders freakig, sondern eine „Mutti“ im diesem Sinne, die für ihn kocht und so.

Mit Andreas habe ich gemeinsam, daß auch er nach Ende der Ausbildung keinen Bock hatte, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Insofern sind wir beide arbeitslos (wobei das zumindest bei mir schon noch andere Gründe hat, die aber nicht in diesen Text gehören).

Auf der Wiese gegenüber von Andreas´ Haus lebt ein Kumpel von ihm im Bauwagen, hat da auch eine Hütte (ohne Strom oder Wasser), in der er eine Schmiede betreibt und Messer herstellt, die er wohl im Internet oder auf irgendwelchen Mittelalterfesten für gutes Geld verkauft. Die Schmiede sieht aus wie ein dunkles Loch voller Gerümpel, aber man zeigte mir eines der dort hergestellten Messer und es sah schon professionell gemacht aus.

Andreas´ Kumpel, genannt Osto, hat lange Dreadlocks, trug ein zerlöchertes Slayer-Shirt und eine Lederhose zum Schnüren.

Auch auf dieser Wiese lebt Sideshow, der so heisst, weil er Sideshow-Bob (in Deutschland besser bekannt als Tingetangel-Bob aus der Tv-Serie Simpsons) aufgrund seiner langen Locken frappierend ähnlich sieht. Sideshow ist etwa Ende zwanzig und wäre seine Kleidung nicht ganz so schmutzig könnte er gut einem männlichen Schönheitsideal entsprechen. Laut der Aussagen von Andreas wohnte Sideshow ein gesamtes Jahr lang auf dieser Wiese im Zelt. Nun bewohnt er die Hütte neben Osto (auch ohne Wasser oder Strom, versteht sich) und baut auf der Wiese Dinge an. Obst, Gemüse, sogar Hanf. Ja, am Ortseingang von Dillenburg steht ein Bauwagen, neben dem Hanf wächst und bisher scheinte sich niemand daran zu stören.

Andreas ist ein guter Gastgeber der alten Schule – mit Verhaltensweisen, die man von einem Punker mit rotem Iro nicht erwarten würde – ach, die man von einem Typ in unserem Alter einfach nicht erwartet. So hat er mir extra im Gästezimmer einen Schlafplatz bereitet – inklusive gemachtem Bett mit einer Flasche Wasser daneben.

Dennoch – diese Leute leben am Arsch von Hessen. Ich bin mit dem Zug hingefahren – und ab Bad Vilbel hab ich Angst bekommen. Es sind extrem seltsame Leute in dem Zug gesessen. Dann, beim Umsteigen in Wetzlar – in einen dieselbetriebenen Regionalzug – war es, als würde ich vom Rand der Welt fallen.

Ich bekomme immer Depressionen in solchen ländlichen Gegenden. Und zwar innerhalb kürzester Zeit. Irgendwelche Kindheitstraumakacke.

Andreas selbst ist sehr angenehme Gesellschaft. Etwas wortkarg – aber im angenehmen Sinne. Er tut Dinge, ohne groß darüber zu reden. Er ist außerdem ein sehr großzügiger Mensch, für den Teilen selbstverständlich ist. Dies wusste ich jedoch schon vor dem Besuch bei ihm.

Gleich zu Beginn stellte er mir Osto vor. Der saß mit einem großen Joint in seinem Bauwagen, der auch gleich die Runde machte. Anwesend war noch ein Typ mit Pitbull-Kappe und in Bauarbeiterkluft, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe.

Osto besitzt einen großen Hund, der irgendeinen esoterischen Namen hat, den ich vergessen habe. Als Andreas mich ihm vorstellt, fragt er mich gleich, ob ich die Schmiede ankucken will – ich antworte, daß ich eigentlich nur Andis kleine Welt kennenlernen will. Osto besitzt eine Steinschleuder, mit der Andreas begann, Glaskugeln auf an einen Baumstumpf gelehnten Kacheln zu schießen – und gleich daraufhin von Osto angemotzt wurde, daß es zuviel Materialverschleiß sei, wenn man den Gummi, der das Herzstück des Schleudermechanismus´ ist, zu weit über den gebogenen Griff zieht – und der dann so abreißt. Wenn man ihn nicht so weit drüberziehe, könne man im Falle des Reißens die Schleuder noch bedienen, ohne einen neuen Gummi kaufen zu müssen.

Soviel zum Thema alternativer Lebensstil – und zum Thema „ich verkauf eins dieser Messer für 500 Euro…“ – irgendwas stimmt da doch nicht.

Gleich danach lernte ich Sideshow kennen. Sideshow redet stark esoterisch angehauchte Dinge – es scheint recht schwer, sich mit ihm über banale Sachen zu unterhalten. „Ich weiß ja nicht wie ihr am Reisen seid“ antwortete er auf irgendeinen Satz, der mit Zugfahren zu tun hatte. Er trug während des ganzen Tages und Abends eine dicke Wollmütze. Als er zu uns dazustieß kam er gerade mit Bekannten im LKW, die ihm Feuerholz brachten. Normalerweise sammelt er Holz mit einem – nicht direkt Bollerwagen, aber etwas in der Art.

Abends kamen zwei Mitglieder von „Achse des Bösen“ um im Proberaum im Keller zwei Songs für deren Album einzuspielen, einer der typische Iro-Punker, der andere ein unscheinbarer Typ. Währenddessen beschlossen Osto und Andreas, auf der Wiese vor dem Bauwagen ein Feuer zu machen. Nachdem wir im Wald Feuerholz gesammelt hatten, stießen noch andere Leute dazu – Typen mit langen Haaren und wohl irgendwelche Dillenburger Freaks oder Kiffer. Unnötig zu erwähnen, daß alle Anwesenden den ganzen Abend über Gras rauchten.

In der Zwischenzeit fuhr Andreas mit einem der Anwesenden kurz in die Stadt zur Sparkasse. Ein Betrag von etwa hundert Euro wechselte den Besitz für…naja.

Vermisst wurde auch der Bauarbeiter, der bei meiner Ankunft mit im Bauwagen saß – er habe sich nur auf ein Whiskey-Cola nach Hause begeben wollen, und hätte dann auch zum Lagerfeuer dazustoßen sollen. Ich hatte allerdings den Eindruck, daß nicht seine Person vermisst wurde, sondern die „fünfzig Gramm“, in deren Besitz er sich – so erfuhr ich – befand.

Schließlich gingen wir ins Haus, in den Proberaum – es war mittlerweile fast ein Uhr nachts – und machten Musik. Das musikalische Talent aller Anwesenden beschränkte sich auf Grundlagen. Schließlich motzte Osto auch noch Andreas an, weil der über seinen Amp spielte. In dieser Situation fielen mir auch die Sorgenfalten auf, die Ostos auf den ersten Blick jugendliches Gesicht sehr alt wirken ließen – Freak mit übermäßigem Drogenkonsum zu sein, ist wohl nur bis Mitte zwanzig easy….

Die folgende Session war das übliche bekiffte Session-gedudel. Lediglich einer von Andreas´ Punkerkollegen, der noch dazustieß, konnte halbwegs Irgendetwas spielen, das ein wenig Hand und Fuß hatte – vielleicht war er auch einfach nicht so stoned wie die anderen.

Zu diesem Zeitpunkt merkte ich spätestens, daß ich fehl am Platz war – doch ich musste ja wohl oder übel bleiben. Nachts in Dillenburg ohne Auto.

Der Abend klang am Lagerfeuer aus. Osto saß müde auf einem Klappstuhl, neben sich sein Hund, Sideshow hockte mit einer Flasche Bier in der Hand auf dem Boden und redete vor sich hin. Lediglich Andreas war noch voller Tatendrang, der allerdings vom Rest der Anwesenden – inklusive mir – nicht geteilt wurde.

Also ging ich mit Andreas ins Haus – es war mittlerweile ca. zwei Uhr nachts. Andreas fragte ich, ob ich Hunger habe, wir deckten uns mit Essen ein und gingen in sein Zimmer. Dort kuckten wir auf „Meet the Feebles“, einen sehr lustigen, bösen Film über animierte Tiere, die eine Fernsehshow produzieren und dabei Drogen nehmen, Aids bekommen, amoklaufen.

Gegen vier Uhr war ich richtig müde und kündigte Andreas an, ich würde nun ins Gästezimmer schlafengehen. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, auf einem Spiegel zwei Lines zu legen und sie durch die Nase zu ziehen. Es sei kein Koks, erklärte er auf mein Nachfragen, sondern „das Koks des kleinen Mannes“, Pep.

Als ich fragte, ob wir uns dann überhaupt noch begegnen würden, bevor ich abfahren würde – ich mutmaßte, daß er, wenn ich am nächsten Morgen gegen elf Uhr aufstehen würde, gerade ins Bett gegangen sei – meinte er lachend „denkst du ich schlafe in den nächsten 24 Stunden?!“. Ich ging dann ins Bett.

Am nächsten Morgen traf ich ihn in der Position vor dem Fernseher an, in der ich ihn in der Nacht zuvor verlassen hatte. Nur daß er in der Zwischenzeit den Tisch wirklich sehr einladend fürs Frühstück gedeckt hatte. Außerdem zeigte er mir einen Zettel, auf dem er notiert hatte, was für Tabletten er noch genommen hatte nachts und erzählte mir er hätte gebadet und das Muster der Fließen im Bad sei faszinierend. Daraufhin legte er sich nochmal eine Line.

Ich frühstückte und währenddessen kam auch Osto aus seinem Bauwagen rüber. Dann rief Andreas den Bauarbeiter wegen dessen fünfzig Gramm an. Dann suchte ich mir einen Zug aus dem Fahrplan raus und Andreas rief den Bauarbeiter nochmal an, damit der nicht ausgerechnet dann mit seinen fünfzig Gramm käme, wenn er mich zum Bahnhof bringe und nicht zu Hause sei.

Als ich schließlich alleine auf dem Bahnsteig stand, war ich recht deprimiert. Das Leben von Andreas und seinen Bekannten erschien mir trostlos. Die Frage ist nur: Ist meines besser?

Auch Andreas ist auf der Suche nach ein wenig Geborgenheit, nach Liebe. Und er ist ein zu spezieller Mensch, als daß er dies einfach so finden könnte. In dieser Hoffnungslosigkeit, in der auch ich mich oft wähne, erscheint es mir nur logisch, zu Drogen zu greifen.

Insofern ist die Frage, ob ich mir anmaßen darf, sein Leben zu beurteilen. Meines ist zur Zeit nicht viel besser – bis auf den Umstand, daß ich nur Drogen nehme, die ärztlich verschrieben sind. Und ob ich geistig viel gesünder bin als ein Mensch wie Sideshow – das wage ich zu bezweifeln.

Die Rückfahrt nervte. Im Regionalzug von Dillenburg nach Wetzlar ein Ehepaar mit vier kleinen Mädchen – Familienausflug, wobei immer schön Fotos mit der Digicam gemacht wurden. Ein langhaariger gealterter Freak mit zwei Hunden, der versuchte, auf eklige Weise ins Gespräch mit den kleinen Mädchen zu kommen.

Aufenthalt in Wetzlar. Auch nicht besser. Singende Seniorengruppen.

Ich war froh, als ich in Frankfurt aus dem Zug stieg.