Archiv für September 2007

sterben.

a trifft b zufällig auf der straße.

a: hey, schön dich zu sehen, wie gehts dir denn so?

b: och, so lala. ich sterbe, weißt du.

a: naja, irgendwann sterben wir alle einmal. nimms locker.

b: ja, ist schon okay. bringt ja nichts, im selbstmitleid zu versinken.

a: ja, ich denke auch. wie alt bist du nochmal?

b: 24

a: naja, 24 ist schon okay…wie lange dauert es noch?

b: die ärzte geben mir noch ein paar wochen.

a: naja siehst du, da hast du ja noch zeit, alles zu regeln. wie siehts denn aus mit der beerdigung?

b: also, ich bin grade dabei das alles zu regeln.

a: is stress oder? ich beneide dich nicht um den ganzen papierkram…

b: ja, hey, echt. sei froh, daß du die scheiße noch nicht hast. ey, was man alles ausfüllen muß – typisch deutschland, weißte, für jeden scheiß brauchst du ein formular.

a: aber deine familie kann dir da doch helfen, oder?

b: ja, meine mum ist mir da echt ne große hilfe. sie macht auch ab und zu ämtergänge für mich, sie ist ja schon in pension…anders würde ich das neben der arbeit auch echt nicht schaffen.

a: da ist es doch gut, wenn man ne familie hat, die einem in solchen besonderen lebenssituationen unter die arme greifen kann.

b: ja, absolut. oh, warte mal kurz.

(dreht sich zur seite und erbricht)

b: entschuldige, das passiert ab und an. meine verdauung machts nicht mehr so. ich hab auch die ganze zeit dünnschiß.

a: oh, das ist bestimmt nicht angenehm. weißt du was, da mußt du einfach weiches toilettenpapier kaufen – oder so feuchte tücher.

b: ja ich weiß…ich muß ungefähr 20 mal am tag auf die toilette. wenn man da normales toilettenpapier nimmt, reißt irgendwann alles da unten auf und wird ganz wund und fängt an zu bluten.

a: wie geht das denn bei dir im job?

b: ach, das ist echt super. die kollegen sind echt sehr verständnisvoll. mein chef hat mir auch gesagt, wenn ich mal ne halbe stunde früher gehen will können wir das so regeln. das finde ich echt voll nett.

a: übrigens, du hast da nen fleck.

b: wo? ach das. ne, das ist nur die op-narbe. die eitert ein bißchen und ab und an reißt sie auf und blutet ein wenig. nein, das ist nicht so schlimm, ich hab auch immer ersatzklamotten dabei, schon allein wegen dem durchfall. ist dann halt schade um die sachen.

a: wie gehts denn eigentlich deinen eltern so?

b: ach, ganz gut. ist zur zeit halt so eine umbruchphase, da ist es klar, daß sie sich neu orientieren müssen.

a: ja, ist ja auch für eltern immer eine umstellung wenn die kinder aus dem haus gehen….

b: ja eben. moment, warte mal kurz.

(holt eine spritze aus der tasche und setzt sich eine injektion)

b: so…das ist morphium, gegen die schmerzen. muß manchmal sein.

a: ist schon faszinierend, wozu die medizin heute fähig ist, oder?

b: ja schon. das mit dem morphium ist halt so ne sache, das wirkt nicht wirklich, ich muß schon recht viel nehmen…

a: ja, das leben ist kein zuckerschlecken, ne?

b: eh net.

(man sieht eine rote flüssigkeit aus b´s hosenbein laufen)

b: ach, verdammt, mein katheterbeutel ist schon wieder voll, warte mal kurz.

(dreht sich um, und fasst sich von vorne in die hose und hantiert da drin rum)

b: oh, ich muß den mal eben wechseln, der ist voll mit blut. kannst du mal bitte in meiner tasche kramen und mir das gleitmittel geben?

a: hm….(kramt in b´s tasche) da ist kein gleitmittel drin..

b: nicht? ach verdammt. naja….was man nicht im kopf hat….wird auch so gehen.

a: hm, mußt du das jeden tag machen?

b: ja….zweimal.

a: echt? naja….ist ja nicht mehr lang…

b: ja, eben, die paar tage halt ich jetzt auch noch durch.

a: du ich muß jetzt mal weiter.man sieht sich ja?

b: jaja, paß auf, ich wollt ja auch übernächste woche auf die party gehen…weiß nicht ob ich das schaffe…

a: echt nicht? och komm schon. ich hab mich so gefreut daß wir da gemeinsam hingehen…

b: ja aber…naja. mal schaun. ich weiß halt nicht wie das mit meiner atmung und so ist. kommt ganz drauf an, ob meine lunge an dem abend noch funktioniert.

a: du kannst ja wenigstens ein bißchen früher kommen, so gegen acht solls ja schon losgehen, und dann fährste halt bißchen früher nach hause, oder?

b: ja stimmt. eigentlich haste recht. ich denk mal drüber nach.

a: so, jetzt muß ich aber echt los. ich bin schon zehn minuten zu spät, ich krieg bestimmt anschiß vom chef. alles klar, wünsch dir noch nen schönen abend, tschüß!

b: ja, tschüß!

(beide ab)

scheinen.

Eine weitere Nacht in den Gebilden des linearen Zeitgefüges. Manchmal scheint es, als wäre die Welt hinter den Ereignishorizontes eines schwarzen Loches gezogen worden – und ich der einsame Beobachter, dem es von außerhalb des Ereignishorizontes aus scheint, als würde beim eingesaugten Objekt die Zeit stillstehen.

Die Depression hat auch heute wieder gut zugeschlagen. Die Tabletten wirken (noch) nicht.

Ich bin gegen halb ein Uhr nachts nach Hause gefahren. Letzte Etappe Straßenbahn. Ein sichtlich stark angetrunkener Mann schwankt in die Bahn. Sein Blick bleibt an einer blonden, dem Schönheitsideal entsprechenden Frau hängen und löst sich auch nicht mehr davon. Seit notgeiler Blick ekelt mich an. Er steht neben ihr und nähert sich ihr auf eine Distanz, die ich selbst nicht mehr toleriert hätte. Doch sie geht nicht weg.

Seit einer Woche füttere ich jeden Tag zwei Katzen, Mulle und Sarah. Sie leben in der Whnung einer guten Bekannten, die nach Portugal in den Urlaub gefahren ist. Mulle ist ein ziemlich hyperaktiver Kater – sozusagen eine ADHS-Katze. Sara ist das genaue Gegenteil – still, zurückgezogen und zeigt ihren Unmut durch Fauchen, wenn man ihr zu nahe kommt.

Das Problem ist nun, daß Mulle weitaus schneller isst als Sarah. Hat er seinen Anteil aufgegessen, drängt er Sarah von ihrem Essen weg und isst das auch auf. Also muß man Mulle´s Mahlzeit in einem anderen Zimmer servieren und die Tür dieses Zimmers so lange geschlossen halten, bis Sarah auch ihr Futter zu sich genommen hat. Dies geschieht nicht immer ohne Protest von Mulle.

Als ich heute die Wohnung betrat, stand die Tür der Kühlschranks offen, eine Packung Leberwurst lag im Wohnzimmer, um sie herum deutliche Kampfspuren (also Leberwurstpackungsrückstände). Ich habe beschlossen, einen Stuhl vor den Kühlschrank zu stellen, vergaß dies jedoch, bevor ich ging. Mal sehen was mich morgen für ein Bild erwartet.

Außerdem sah ich heute das erste Mal „Shining“, ein Film, der nicht nur durch seine außergewöhnlichen Bilder beeindruckt (Kubrick!), sondern durch die Coolness des Bösewichtes (Frau: „Ich muß nachdenken…“ Jack: „Du hast dein ganzes Leben lang nachgedacht, was willste da noch mit den paar Minuten?“) und durch die außergewöhnliche Komik:

Der Koch, der erst das Shining des Kindes wahrnimmt, anzurufen versucht, dann im Flugzeug hinfliegt, mit dem Auto durch den Schneesturm fährt, im Schneemobil den Berg hochfährt, man sieht wie die Rettung naht, am Hotel ankommt, reinläuft – Rettung in Sicht! – dann Jack, Axt, tot, alles fürn Arsch.

Mehr aufregendes ist heute nicht passiert – außer, daß ich vorhin ziemlich krasse Blähungen hatte.

ich habe ein messer.

Eines Morgens stand ich in der Straßenbahn, auf dem Weg zur Arbeit. Es war gegen halb sieben Uhr morgens und noch dunkel draußen.

Viele Leute denken ja, der frühe Morgen sei die schlimmste Zeit des Tages. Sie irren. Viel, viel, viel schlimmer ist der Vormittag – ganz besonders wenn die Sonne scheint. Dieses Gefühl – auf der Arbeit zu sitzen, langsam kommt die Müdigkeit wieder (den man ist da schon seit dem frühen morgen), und es dauert noch ewig bis zum Feierabend, und dann scheint auch noch diese ekelerregende Morgensonne durch die Fenster – am Ende noch auf frischen Tau. Bah.

An diesem Morgen betrat eine alte Dame die Straßenbahn. Sie war abgemagert, sprach mit sich selbst und hielt ein langes Küchenmesser in ihrer zittrigen Hand. Niemand nahm besondere Notiz von ihr.

Diese Ereignisse sind es, die jemandem wie mir noch Selbstbewusstsein geben. Immerhin – bei allem Wahnsinn – ist man noch nicht SOOO weit gesunken. Aber vielleicht kommt das noch. Aber wenn schon denn schon: Ich würde das Messer auch benutzen.

Die Welt wird eh untergehen. Herr Schäuble hat es gesagt. Ein Anschlag mit nuklearem Material (ob er nun wirklich nur das meinte oder gar das Zünden einer thermonuklearen Waffe durch Terroristen hab ich nicht mitbekommen) sei nur noch eine Frage der Zeit. Die Deutschen sollten nun aber nicht in Panik verfallen um sich die „verbleibende Zeit“ (das hat der gute Mann wörtlich so gesagt) noch zu vermiesen. Bißchen blöd ist, daß ich in Frankfurt wohne. Flughafen und so. Finanzzentren. Wenn hier eine Atombombe hochgeht, und sei es nur eine kleine, dann bin ich gefickt. Wobei es mir um Herrn Ackermann nicht leid täte.

Hachja. Religion. Dieses tolle Konzept. Ich sehe ja durchaus ein, daß Religiösität vielen Menschen Trost und Hoffnung spendet. WIESO aber neigt ein nahezu genauso großer Anteil religiöser Menschen dazu, diejenigen, die nicht ihrem Glauben angehören, bekehren oder schlimmstenfalls umbringen zu wollen? Und zwar wiederholt, seit tausenden von Jahren. Lieber Gott, das mit der organisierten Religion war eine blöde Idee. Wie, wir haben einen freien Willen und du hast nix damit zu tun? Hallo? Gott – Religion? Kein Zusammenhang? Hmmm….jetzt wo du es sagst….aber könntest du dann wenigstens diese Leute einfach so…..äh….wegmachen? Nein? Achso, deshalb hab ich ein Messer.

Eines Tages sprach mich in der Straßenbahn eine Frau an. „Entschuldigen Sie, sind Sie Jude?“
Na klar, hier meine Kippa, da meine Thorarolle und….HAAALLOOOO!!!!?
„Wie kommen Sie denn DARAUF?“ antwortete ich. „Wegen dem Bart?“
Ich trug zu dieser Zweit einen sehr lang gewachsenen Kinnbart.
„Nein, das sieht man.“
Auf meinen Einwand, das Judentum sei eine Religion, kein Volksstamm, antwortete sie einmal mehr, das würde „man“ sehen.
Eine Weile trug ich meinen Bart an Hals, Kinn und Schläfen lang, nur über der Oberlippe rasierte ich mich. Irgendwann reichte es mir dann, immer nach dem Weg zur Moschee gefragt zu werden und vom türkischen Gemüsehändler um die Ecke mit „Salaam“ begrüßt zu werden und ich legte mir eine andere Barttracht zu.

Aber nichts ist so widerlich wie deutsche Mittelstands-Familien. Ich stamme aus diesem Milieu. Nach außen heile gebildete Familie. Innendrin Gewalt, Alkohol und Psychoterror. Ich war auf einem humanistischen Gymnasium. Wisst ihr was ich mir wünsche? Daß ich nochmal jung wäre. Ich würde einigen Leuten so dermaßen aufs Maul hauen. Sollte ich je Kinder haben, werde ich ihnen einen einzigen Rat mitgeben: Gewalt ist keine Lösung ABER solltet ihr jemals in der Schule fertiggemacht werden – schlagt zu.

Heutzutage hab ich mein Messer.

radfahrer in der stadt.

Every fucking day und der Kaffee wirkt auch nicht mehr. Es ist halb acht uhr abends und ich auf dem Weg zur Nachtschicht. Daß ich mich schon lange nicht mehr gewachsen fühle, die acht Stunden auf der Arbeit durchzuhalten, interessiert sowieso keine Sau. Ich gehe trotzdem hin, denn irgendwie muß meine Miete bezahlt werden. Ich steige aus der Straßenbahn, um zur S-Bahn hochzugehen. Als ich über die Straße gehe, kucke ich weder rechts noch links. Der Verkehr an dieser Straße hält sich in Grenzen und ich habe kein Auto wahrgenommen – wozu also noch explizit kucken. Abgesehen davon ist Überfahrenwerden in meiner aktuellen Stimmung keine allzu schlechte Alternative.

Ist es doch, weil es wehtut. Der Radfahrer fährt gegen mich. Als sein Vorderrad auf meinen Körper trifft, wird es zur Seite gedreht, das Fahrrad knickt nach unten weg. Die Trägheit der Masse der Radfahrers lässt seinen Körper mich zu Boden werfen und auf mir landen. Während wir beide noch fallen, denke ich noch „welcome to da krankenhaus!“. Jedoch – zum Glück – schlägt keiner von uns beiden mit dem Kopf auf. Ich schaffe es irgendwie reflexartig, mich mit meinen Armen abzufangen, und sein Kinn bohrt sich in meine Schulter. Die geschätzten achtzig Kilogramm, die auf mir landen, sind dann aber nicht ohne. Als wir am Boden liegen spüre ich einen ziehenden Schmerz im Rücken und merke, daß meine beiden Ellbogen und Unterarme, auf denen ich mich aufgestützt habe, aufgeschürft sind.
Wir liegen so etwa zwei Sekunden, da rollt er sich von mir runter und steht auf. Ich komme ebenfalls – eher wacklig – auf die Beine

Während ich noch etwas benommen mitten auf der Straße stehe, ist er schon wieder ein wenig klarer.
„Du Arschloch! Pass doch auf, wenn du über die Straße gehst!“
Ich strecke meinen Rücken durch, und merke, daß anscheinend nichts ernsthaftes passiert ist.
Der Radfahrer, den ich umgeknockt habe (oder der mich, je nachdem, wem man die kausale Schuld gibt) ist ein offensichtlich Deutscher im Anzug mit Aktenkoffer auf dem Gepäckträger. Er trägt einen Fahrradhelm. Offenbar hab ich den richtigen erwischt.
Ich weiß allerdings nicht was ich sagen soll. Ich murmle ein „Entschuldigung“, hebe meinen Rucksack vom Boden auf und gehe weiter. Offenbar ist ihm ja auch nichts Ernsthaftes passiert.

„Hey, was soll denn das…ich hätte mich verletzen können? Und du denkst, du könntest einfach so weitergehen?!“
Leute bleiben stehen, die uns anglotzen, wie wir da so rumschreien (bzw. er), doch ich ignoriere sowohl die als auch ihn und gehe weiter.
Er läuft mir hinterher. Was will er denn jetzt von mir? Schadensersatz? Für erlittene seelische Grausamkeit?
„Du dummer Wichser, jetzt gehste einfach so weg, oder was?“
Er reißt mich an der Schulter herum und in meinem Kopf macht es KLICK.
Ich schubse ihn nach hinten.
„Laß mich doch in Frieden verdammt! Es tut mir leid okay?! Was willst du von mir? Dir ist nichts passiert, dein Rad ist noch ganz….laß mich in Frieden ich muß zur Arbeit.“
Das ganz kommt natürlich nur sehr stockend aus mir heraus, vor lauter Wut und Ärger kann ich nicht flüssig reden.

Er bleibt zurück mit seinem Rad, während ich den Aufgang zur S-Bahn hochsteige. Auf der Arbeit im Krankenhaus das übliche Elend. Ich kann es nicht mehr sehen. Ich versuche die Gedanken in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen, versuche zu funktionieren. Ich habe keine Kraft mehr, und tue dennoch meine Pflicht. Was hilft es auch. Ob ich keine Kraft mehr habe interessiert niemanden. Nicht meine Vorgesetzten, nicht die Patienten, nicht meinen Vermieter, der die Miete pünktlich überwiesen haben will, nicht mich selbst. Die Tretmühle funktioniert und ich wünsche mir nur ein großes schweres etwas, was sie zertrümmern könnte, was mich daran hindern könnte, immer weiterzumachen, was mich aus dem Alptraum aufwecken könnte.

„Irgendwann wird ein großer Regen kommen und diesen ganzen Dreck wegwaschen…“, dieses Zitat von Travis Bickle kommt mir jeden Tag in den Sinn, wenn ich die schreiende demente Frau vom Eingang wegziehe, die nur zurück nach Hause will, in ein Zuhause, welches nicht mehr existiert.

Ich nehme alles nur noch durch einen Schleier wahr. Die Schreie auf der Station, die entnervten Kommentare von ausgebrannten Kollegen, die Patienten behandeln wie Scheiße. Es dringt nicht mehr vor zu mir, legt sich nur wie ein stumpfer Nebel über das Geschehen. Meine eigenen Gedanken sind nicht besser.

Nach einer Weile halte ich es nicht mehr aus. Ich laufe aus dem Eingang raus. Auf die Straße. Bitte laß es diesmal kein Fahrrad sein.

Gott hört mich und schickt einen LKW. Gibt schlimmeres. Fahrradfahrer zum Beispiel.

nur geträumt.

Ich bin müde und sehne mich nur noch nach meinem Bett. Morgen hab ich Urlaub und kann ausschlafen. Es ist ein Uhr nachts, und ich bin seit halb fünf auf den Beinen. Den ganzen Tag gearbeitet, Scheiße gewischt, und dann abends noch mit Micha in die Kneipe gegangen, über Frauen (doof) und Punkrock (toll!) geredet.

Die letzte S-Bahn hält und ich steige ein. Uh, bin ganz alleine, die Bahn ist vollständig leer. Ich lasse mich auf einen Sitzplatz fallen, meine Stirn gegen die Fensterscheibe gelehnt und sehe die Lichter der Stadt am Fenster vorbeiziehen.

Mit einem Mal nicke ich ein, schrecke jedoch kurz danach wieder hoch. Jetzt nicht einschlafen, sonst werd ich in Frankfurt Süd rausgeschmissen und kann dann sehen wie ich nach Hause laufe.

Oh, da vorne ist doch jemand. Eine Frau kommt auf mich zu. Meine Güte, was ist denn mit der passiert. Die Ringe unter ihren Augen reichen bis zum Boden, ihre Hose ist verdreckt, sie trägt ebenso verdreckte Turnschuhe. Neee, bitte, es ist ein Uhr nachts. Psychos bitte anstellen und morgen früh zur Sprechstunde kommen. Und als erstes komm bitte ich selbst dran.

„Hast du vielleicht ne Kippe für mich?“
„Tut mir leid. Nichtraucher.“ Ich lächle trotzdem freundlich.

Ich kann garnicht so schnell kucken, wie ich die Waffe am Kopf habe. Ich bin etwas konsterniert. Wo sind wir denn bitte? South Central L.A.? I´m comin´straight outta compton with a loose cannon?! Ich muß unbedingt wieder Raps schreiben.

Vor allem habe ich wirklich richtig Angst. Mein Leben ist noch nicht gut geworden, ich will noch nicht sterben. Ne, die Welt schuldet mir noch ein bißchen Gutes. Sterben nach all dieser Scheiße? Einfach so? Ne Danke.

Was will sie von mir? Mich ausrauben? Saublöde Idee.

Sie stinkt nach Schweiß und nach Erbrochenem. Ich sehe, daß sie eine Wunde am Kopf hat, in ihren Haaren hängt geronnenes Blut. Die Bahn fährt in den Tunnel am Hauptbahnhof und sie sagt sehr ruhig:

„Bitte…ich will dir nichts tun. Du musst mir helfen!“

Die Bahn fährt in den Tiefbahnhof und mit einem Schlag wird mir klar, daß das hier etwas größeres ist. Die ganze Station ist voller Menschen in Uniform, die hinter Säulen Deckung suchen. Rote Punkte von Laserzielfernrohren werden an den Wänden sichtbar und sie reißt mich nach unten in Deckung zwischen zwei Sitzgruppen.

Als die Tür aufgeht brüllt sie „Zurück! Ich habe eine Geisel! Weiterfahren! Weiterfahren oder er stirbt!“

Ich dachte sie wollte mir nichts tun.

Die Bahn fährt weiter, wieder ins Dunkel eines Tunnels. Bald wird die nächste Station kommen. Zwei Minuten dauert die Fahrt zwischen zwei S-Bahn-Stationen in der Frankfurter Innenstadt höchstens. Doch es kommt keine nächste Station. Die Bahn fährt durchs undurchdringliche Schwarz eines Tunnels…und wir kauern zwischen den Sitzgruppen.

Ich sehe ihren rechte Arm, als der Ärmel ihrer Jacke hochrutscht. Er ist übersäht von Narben, kreuz und quer, und von Einstichen.

Sie steht auf, immer noch ihre Waffe auf mich gerichtet.

„Los komm mit.“

Ihr Ton ist nicht bösartig, sondern fast liebevoll.

Ich muß vor ihr herlaufen, Richtung Führerstand. Dort ist niemand. Keiner steuert diese Bahn, die durch einen mysteriös langen Tunnel fährt, von dem ich nicht gedacht hätte, daß es so etwas unter Frankfurt gibt.

„Wie heißt du?“ Fragt sie mich.

„Johannes.“ Ich kann nur leise antworten.

Sie sieht mir in die Augen. Und einen Sekundenbruchteil kann ich durch ihre Augen ein Ausmaß an Schmerz und Qual erkennen, das unvorstellbar ist.

„Pass auf Johannes. Du musst mir helfen. Ich kann es nicht erklären.“

Sie zieht einen Umschlag aus ihrer Hosentasche.

„Diese Brief ist für meine Schwester. Ich bezweifle, daß er ankommt, wenn ich ihn mit der Post schicke. Du musst zu ihr fahren und ihr ihn persönlich überbringen. Bitte tu es. Ich kann dich nur anflehen, es zu tun. Ich muß mich jetzt diesen Dämonen stellen.“

Sie lies die Waffe sinken. “

„Leb wohl.“

„He, Sie da, Endstation! Aussteigen!“
Ein Mann vom Bahnschutz rüttelt mich an der Schulter wach. Ich sehe ihn sekundenlang mit offenem Mund an, unfähig, irgendetwas zu sagen.
„He, haben Sie mich verstanden? Sind sie betrunken? Aussteigen bitte! Wir wollen auch Feierabend machen!“
Wortlos stehe ich auf, und trete auf den Bahnsteig. Scheiße. Eingepennt.

Der Weg nach Hause kostet mich eineinhalb Stunden Fußmarsch quer durch die Stadt. Aber so kalt ist es nicht und ich will keine zwanzig Euro für ein Taxi ausgeben.

Immer wieder denke ich über meinen Traum nach.

Zuhause falle ich aufs Bett und aus meiner Jackentasche fällt der Brief.

travis bickle

es ist zu kalt für juli. ich bin müde und seit zwei wochen steckt mir eine erkältung samt ekligem trockenen husten in den knochen…und ich werde beides nicht richtig los. egal. man kann nicht einfach zu hause bleiben freitagabends. auch wenn meine finanzen schon wieder eine einzige katastrophe sind. da ist noch eine telephonrechnung, die schon wieder nicht abgegangen ist vom konto, weil der dispo nicht mehr genug hergegeben hat. keine ahnung wie ich die bezahlen soll. das geld wird so schon nicht für den ganzen monat reichen.

ich treffe mich mit miri an der konsti, in der u-bahn richtung ostbahnhof. letzter wagen, haben wir ausgemacht. und schon fällt uns die horde besoffener studenten auf, die anscheinend das gleiche ziel haben wie wir. es handelt sich um studenten-studenten. eine gruppe menschen, die sich durch keine andere eigenschaft auszeichnet. mal abgesehen vom arschloch sein. die später mal gute jobs haben und die gesellschaft lenken werden. es sei denn, letztere hat glück und sie fallen einem schweren autounfall oder einer schweren krankheit zum opfer.

als wir also schließlich aus der ubahn-haltestelle mit der rolltreppe hochfahren gibt es plötzlich einen ruck und die witzbolde betätigen die notbremse. bei der zweiten rolltreppe das selbe. ich sage laut so etwas wie „behinderte spasten“, worauf von weiter unten etwas wie „abspecken“ kommt. zwei sekunden lang überlege ich, die situation eskalieren zu lassen. fünf gegen einen. naja. ich laß es dann. miri übrigens äußert nun auch gewaltfantasien, in dem die erwähnten subjekte eine wichtige rolle spielen.

tatsächlich will der abschaum in den selben club wie wir. miri als auch ich haben KEINERLEI bock auf besoffene studenten und beschließen VOR der tür des clubs, umzukehren. ich wäre eh nur hingegangen, weil ein kumpel von mir auflegt. by the way: es handelt sich um eine „wm-auftaktsparty“ mit „begleitender show“….

wir gehen also zurück zur u-bahn und überlegen, wo wir hingehen. wir entschließen uns, nach kurzem hinundher, einen club in der innenstadt aufzusuchen, in dem an diesem abend „gothic, ebm, und industrial“-abend ist. wider erwarten kommen wir rein obwohl wir nicht schwarz gekleidet sind und müssen nicht miris killerargument „was wollt ihr, ich bin doch schwarz.“ benutzen. naja, stammgäste, fast. man kennt uns.

wir finden uns also wieder inmitten ein paar dutzend sehr gestylter goths, während stampfender industrial aus der anlage dröhnt. nach einer weile verziehen wir uns an die bar und dann in den chillout-raum auf ein sofa.

dort diskussion ob wir gehen. miri will nicht alleine gehen. eigentlich wollte sie schon gehen, als ich mir noch was zu trinken geholt habe, hat aber nichts gesagt. kaum sitzen wir also und ich beginne zu trinken, meint sie, sie wolle gehen. alter. allein will sie aber auch nicht gehen. miri hat von der innenstadt nur ca. 10 minuten fußweg bis nach hause. man muß aber dazusagen, daß es wohl nicht soooo angenehm ist, als frau allein durch die frankfurter innenstadt bei nacht zu laufen.

ich habe aber auch keine lust, den abend noch so lang werden zu lassen, daher gehen wir bald darauf. ich begleite miri bis zur alten oper, vorbei an den punkern, die dort in schlafsäcken liegen. wir umarmen uns zu abschied und ich biege in die mainzer landstraße ein und laufe zum platz der republik. dort kucke ich auf den straßenbahnfahrplan. natürlich ist die letzte längst weg: also nachtbus.

die nachtbushaltestelle ist etwa 50 meter weit weg auf der anderen seite der kreuzung. es ist nun ca. zwei uhr nachts. als ich dort hingehe komme ich an einer frau vorbei, ca. mitte fünfzig, recht gut angezogen, die auch auf den straßenbahnfahrplan kuckt und flucht. hilfsbereit wie ich bin frage ich „wo wollen sie denn hin?“.

„ach, sagen sie, wie kommt man denn um diese zeit nach höchst?“
„am besten mit dem nachtbus, kommen sie mit, ich muß auch in den nachtbus.“
„ah, das ist ja gut. hören sie mal, ich hab da ne bekannte von der party mitgenommen, die ist ein wenig betrunken und kann nicht mehr richtig laufen, darf ich die ihnen anvertrauen, mir ist total kalt, ich nehm mir jetzt gleich ein taxi nach hause…“

aha. also. zusammengefasst: diese frau will um zwei uhr nachts (!) in frankfurt (!) am platz der republik im bahnhofsviertel (!) ihre besoffene freundin, die nicht mehr richtig laufen kann und außerdem weitgehend desorientiert ist einem 130kilo-typen anvertrauen, der ne bomberjacke trägt und die kapuze tief über einer yankees-kappe ins gesicht gezogen hat….

abgesehen davon. bin ich eigentlich für sämtliche irre dieser welt zuständig?!

ich erkläre ihr, daß sie gerne mitkommen kann, aber ihre freundin selbst zur nachtbushaltestelle transportieren muß. das tut sie auch. ihre „freundin“ entpuppt sich als frau mittleren alters, südlicher abstammung und deutlich einer anderen sozialen schicht angehörend als die etwas naive dame.

so begleiten mich die beiden auf die andere seite der kreuzung zur nachtbushaltestelle. dort angekommen verpisst sich miss „mir ist kalt ich nehm mir ein taxi“ und lässt mich und ihre freundin stehen – und lässt diese volltrunken im wohl assigsten nachtbus frankfurts (mit dem nach offenbach und dem richtung nordweststadt) richtung höchst nach hause fahren, anstatt ihr auch einfach ein taxi zu zahlen.

die nachtbushaltestelle „platz der republik“ befindet sich direkt vor dem frankfurter „büro“ der hell angels. ich stand schon diverse mal dort, während vor der tür typen an ihren motorrädern rummachten – und versuchte möglichst unauffällig zu sein. das „büro“ ist mit überwachungskamera usw. gesichert. diesmal ist aber keiner dieser leute zu sehen.

dafür gesellen sich zwei ca. 18-20jährige zu uns. typ „ich bin so gangstAAAA“ und mit der körperhaltung die sagt „kuck mich an und ich hau dir aufs maul“. nicht hinkucken.

in den nachtbus und nein, bloß niemand schief ankucken. mein gott, haben alle gestörten heute ausgang?! scheinbar, denn als ich aussteige klopft mir jemand von hinten auf die schulter. ich drehe mich um, steht da ein etwa 60jähriges männlichen mit schnauzbart, in trainingsanzug und fragt „mann, was ist denn mit dir los?“

umdrehen und ohne wort weitergehen. lektion nummer eins: irren NIE aufmerksamkeit schenken. nicht um diese uhrzeit. ich komme etwa fünf meter da hör ich von hinten „hey, was kuckst du so schief?“
umgedreht, laufen da hinter mir die beiden möchtegernghettokids.
„was kuckst du so schief?“
nein, zumindest der, der mich grade anmacht ist nicht migrantischer abstammung.
beide sind etwa so groß wie ich. wohl lange nicht so schwer, aber garantiert besser in form. und mit der aggression, die beide ausstrahlen, traue ich ihnen auch zu, ein messer zu ziehen. wohl voll mit koks oder alkohol oder beidem.
na klar, er trägt ein pitbull-shirt. wieso nicht gleich ein schild um den hals auf dem „menschlicher abschaum“ steht?

nun habe ich doch schiß. aber schwäche zeigen wäre jetzt der gau. ich kucke ihm ins gesicht und sage betont ruhig „ich hab net schief gekuckt“.
„doch du hast schief gekuckt.“
„nein, ich hab net schief gekuckt. ich wohn hier. ich geh jetzt nach hause.“
„ich wohn hier länger als du.“
na bravo, kriegst nen orden.

in diesem moment kommt von der anderen straßenseite „fick deine mutter, du mutterficker, arschlöcher, hurensöhne, fick dich doch ficker!“
dort steht der vierteleigene tourette-penner, umringt von ein paar türken (die sich totlachen) und schreit eben das zu den typen rüber, die mich grade angemacht haben.

die sind wohl irritiert. sie fragen mich noch „haste ne kippe?“
„nein. nichtraucher.“
dann kommt noch das killerargument, scheinbar wollen sich die beiden unbedingt schlagen:
„deine hose ist zu weit.“
nein! meine hose ist zu weit! ACH! und das von jemandem, der dermaßen auf ghettokid macht?! ich zucke desinteressiert mit den schultern.

die gangleader in spe gehen weiter, offensichtlich enttäuscht, daß sie es nicht geschafft haben, mir einen grund für eine schlägerei abzuringen.

und schließlich TRENNEN sie sich…ca. 30 meter vor mir! taktisch äußerst unklug…denn mr. pitbull ist nun mit mir alleine auf der straße. und läuft dann auch noch in den hauseingang rein, der ungefähr 30 meter von meinem entfernt ist.

kleiner, das mit der taktik üben wir aber noch, ja? denk mal nach….selbst wenn ihr es zu zweit geschafft hättet, mir auf die fresse zu geben…früher oder später wirst du mir alleine begegnen. und dann….
aber ist ja nichts passiert.

schließlich zu hause, ich geh ins internet in einen sexchat und hol mir einen runter. gegen vier bin ich im bett. und am nächsten tag kuck ich taxidriver.

zeiten ändern sich.

montag nacht. der wind bläst mild, als ich durchs frankfurter westend laufe. es ist etwa halb ein uhr nachts und ich denke: was für eine wunderschöne nacht. ich liebe diese stadt bei nacht.
ich erreiche die u-bahn haltestelle und will die treppe hinablaufen, als mir der geruch von verbranntem plastik entgegenschlägt. es stinkt wirklich erbärmlich nach kabelbrand. ich laufe hundert meter, um die station durch einen anderen eingang zu betreten, doch aus diesem schlägt mir derselbe gestank entgegen. ist entschließe mich, die zwanzig minuten fußweg bis zum westbahnhof in kauf zu nehmen. unterwegs überlege ich, ob ich die polizei anrufen und den vermeintlichen brand melden soll. während ich noch überlege stolpere ich über zwei polizisten mit umgehängten maschinenpistolen, die hier im westend irgendein konsulat beschützen. ich erzähle ihnen von dem gestank in der bahnstation, und gehe im wissen, meiner bürgerpflicht genüge getan zu haben richtung westbahnhof.

der freitag davor, in einem fetisch/sm-club in offenbach. es ist etwa zwei uhr nachts – also eigentlich schon samstag, nur ein häufchen größtenteils bekannter gestalten sitzt noch müde an einem tisch. in einem angrenzenden raum schlägt ein bekannter gerade eine an einen tisch gefesselte frau, die ich nicht kenne. mein interesse daran hält sich in diesem moment in grenzen – weil ich zu müde bin, schwerer wiegt jedoch, daß ich betreffende frau nicht hübsch finde sowie mein respekt vor der intimssphäre der beiden – wobei die frage ist, ob sie darauf soviel wert legen oder ob eben das genaue gegenteil der fall ist.
ich sitze einem bekannten gegenüber und diskutiere über glauben, und daß es ja doch hammer sei, daß es sowas wie menschen gibt, die so tricky funktionieren.
links von mir sitzt ein pärchen bestehend aus zwei frauen, die füße auf einem am boden liegenden typen abgestellt. die szenerie ist geradezu albern. wenn man sich das klischee von sm-praktiken vorstellt, hat man wohl solch ein bild im kopf.
auf die jüngere der beiden frauen, die nach erstem anschein wohl die passive rolle in der beziehung belegt, redet ein typ ein, dem ich früher am abend schon nach fünf minuten unterhaltung ritalin wünschte, welches bei erwachsenen wirkt. offenbar ist ihm die homosexualität betreffender dame entgangen. das ist dann doch ein bißchen lustig. lustig wird es auch als einer der beiden besitzer besagter lokalität kurz vor feierabend an unserem tisch beginnt, willy brandt, franz josef strauß und hitler zu imitieren. seine imitationen entbehren nicht einem gewissen können, die komik in dieser szene resultiert vor allem daraus, daß das durchschnittsalter der personen an unserem tisch mitte zwanzig ist – und keiner weiß, wie franz josef strauß geklungen hat.

ein paar wochen davor, in einem club in frankfurt. eine freundin fragt mich, was ich vorher denn gemacht hätte. ich beschließe, ehrlich zu sein und antworte, ich sei auf einem sm-stammtisch gewesen. sie fragt, was ich denn auf einem sm-stammtisch mache. meine antwort ist „na was wohl“.
sie überlegt kurz und meint dann „du bist jetzt aber nicht so einer der unterwürfig ist und kniet und so, oder?“ und ich denke mir, wie um alles in der welt ich mich denn sonst noch outen soll und ob sie es jetzt lieber hört, wenn ich ebenso ehrlich antworte daß ich es ebenso toll finde, wenn jemand vor mir kniet…

sonntag morgen, etwa halb acht, burger king am frankfurter hauptbahnhof. mir gegenüber sitzt eine freundin, die ich zuletzt vor monaten gesehen habe, da sie nach berlin übergesiedelt ist.
wir haben die nacht in einem dunklen keller verbracht, in dem alternative- und hardcoremusik lief. ich habe kopfweh und mir tut jeder muskel weh – ein indiz dafür, daß es eine gute samstag nacht war, und daß die musik hart genug war.
wir sprechen über sex, über abweichende sexualität und sie erzählt mir, daß sie es für eine gute leistung hält, daß sie es schafft, morgens aufzustehen. sie ist psychisch krank, nachdem ihr vater in ihrer kindheit meinte, er müsse seine sexuelle energie an ihr ausleben. ihre arme sind übersäht mit narben und brandwunden von zigaretten. sie erzählt mir, wie groß ständig die versuchung sei, ihr leben zu beenden.

ein jahr davor, geschlossene psychiatrische abteilung der klinik frankfurt höchst, wir sind zu viert und wollen ebenjene freundin besuchen. es ist ihr weißgottwievielter klinikaufenthalt. als wir die psychiatrie betreten, steht im gang ein bett mit einer sedierten und fixierten frau.
wir stehen in einem innenhof, dem einzigen ort auf der station, wo rauchen erlaubt ist. eine frau betritt den hof und beginnt zu schreien.
nach einer weile verläßt sie den hof, dafür tritt ein mann zu uns, der eine art kunstpelzmantel trägt und barfuß schattenboxen macht. er schnorrt mich nach einer kippe an – ich muß ihn enttäuschen. er fragt uns, ob jemand von uns hiphop hört.
ich sage „ich höre hiphop“, worauf er mich fragt, ob ich den „rock-around-the-clock-man“ kenne. ich verneine. er berichtet, er sei gerade auf dem weg zu einem konzert jenes „rock-around-the-clock-mans“ gewesen, als er von der polizei verhaftet und hiergebracht worden wäre.
ich nehme für mich in anspruch, durchaus eine gewisse kenntnis der hiphopszene zu besitzen, vom „rock-around-the-clock-man“ jedoch habe ich noch nie gehört.

etwa um die selbe zeit, im herbst 2004, elfer musik club, in frankfurt-eschersheim. auf der bühne stehen chief torpedo, schnellste und kränkste punkrockband frankfurts. sänger ritchie trägt eine wrestlingmaske, bassist dr. toulouse trägt ein weißes hemd, über und über besudelt mit kunstblust, sowie eine aufgeschminkte platzwunde auf der stirn. das publikum ist halb begeistert und halb irritiert. chief torpedo spielen einen song mit dem titel „not fine not young but still a cannibal“, welcher von kannibalismus handelt. später am abend wird die hofheimer hardcoreband dumpyourload auf der bühne stehen, drei instrumentalisten und zwei shouter, die wirklich nur schreien, und die kleinste funktionierende wall-of-death des rhein-main-gebiets hervorbringen. wall of death bedeutet, daß sich das publikum in zwei hälfen teilt, welche auf kommando auf die jeweils andere zurennen, was meist in einem knäul von sich wild durch die gegend schubsenden menschen endet.

frühling 2004, eine schule für praktisch bildbare in frankfurt. „praktisch bildbar“ ist der euphemismus für „geistig behindert“. die klasse, in welcher der stark autistische junge ist, welchen ich als integrationshelfer betreue, will einen spaziergang in ein nicht weit entferntes einkaufszentrum unternehmen. es besteht der plan, den bus zu nehmen. das ganze ist eine art präzendenzfall, da besagter autist manchmal sehr aggressiv reagiert, was insofern ein problem ist, da er 80 kilo wiegt.
an der bushaltestelle beginnt er deutlich unruhig zu werden. der klassenlehrer trifft die entscheidung, doch lieber zu fuß zu gehen.
wir gehen etwa zwanzig meter, als luigi, so der name des von mir betreuten autisten, beginnt, den klassenlehrer zu zwicken sowie den schüler, der neben ihm läuft. ich versuche ihn zu beruhigen, mit der folge, daß er auch mich attackiert. nach kurzem auf-ihn-einreden und schimpfen steigert sich die situation so sehr, daß luigi beginnt, mich, den klassenlehrer und jeden der sich ihm nähert, zu attackieren. es ist aber ebenso unmöglich, ihn in diesem zustand alleine auf einer befahrenen straße laufen zu lassen. die situation steigert sich in einen offenen kampf. da die anderen schüler größtenteils anweisungen verstehen, nehmen der klassenlehrer und ich luigi an den armen. er windet sich, kratzt und beißt uns. ein junge von elf jahren und zwei erwachsene kräftig gebaute männer, die ihn versuchen zu halten und dabei sämtliche kräfte mobilisieren müssen.
es sind nur etwa 500 meter zurück zur schule, aber wir schaffen es gerade so. weder der klassenlehrer noch ich hätten luigi viel länger halten können.
nach diesem vorfall muß ich den betriebsärztlichen dienst aufsuchen – wegen biss und kratzwunden und werde zwei tage krankgeschrieben.

mai 2005, ein freitag abend, b-ebene im frankfurter hauptbahnhof. zwei recht gut gekleidete männer sprechen mich an. sie artikulieren sich recht bürgerlich – der frankfurter slangausdruck für solche menschen ist „yuppie-arschlöcher“.ich frage mich was sie von mir wollen, dann fragen sie mich, wo hier – achtung zitat! – „so ein echter straßenstrich“ sei. ich bin sprachlos und gehe weiter, ein paar minuten später bereue ich, nicht mit gewalt gegen sie vorgegangen zu sein und wünsche ihnen sämtliche geschlechtskrankheiten, die crackabhängige frankfurter stricherinnen zu bieten haben.

august 2005. es ist ein tag während meines urlaubs. ich habe depressionen. ich tue alles mögliche, um die leere in mir zu füllen. ich bin zuviel im internet, unterhalte mich in sm-chatrooms mit vermeintlichen 19jährigen frauen, die mir erzählen, daß sie die vorstellung toll fänden, versklavt zu werden und hole mir einen runter. danach fühle ich mich beschissen, armselig und widerlich. nicht meine sexualität widert mich an, sondern der umstand, sie auf diese armselige weise zu befriedigen. ich wünsche mir irgendetwas, daß die sinnlosen gedanken in meinem kopf betäubt. letzten endes weiß ich, daß ich am nächsten tag auch erwachen werde und es weitergehen wird.

ein tag vorher. ich stehe in der küche und frühstücke. der fernseher läuft. weltjugendtag. der papst auf allen kanälen. für mich ist das nicht „der papst“. der typ da heißt ratzinger und hat große ähnlichkeit mit dem imperator aus star wars. erzkonservative jugendliche spielen schlecht gitarre und sind scheiße. ich akzeptiere den glauben und die religiösität jedes menschen. meinetwegen kann jeder in der burka rumlaufen oder morgens und abends beten oder erst sex nach der hochzeit haben oder sich das leben sonstwie versauen. nur leider haben diese menschen dann immer den drang, ihren mitmenschen ihren glauben aufdrücken zu wollen. mag sein daß in der bibel steht, man solle die zehn gebote beachten. die bibel fordert niemanden dazu auf, über diejenigen zu urteilen die dies nicht tun. ich beschließe, eine atheistische und bösartige industrialmetal-band zu gründen. mit dem hintergedanken einer art anti-missionierung. ich glaube an nichts. auch nicht an nihilismus.